Die Kirche St. Christopherus bei Sonnenuntergang hell erleutet mit düsterem Hintergrund

Mc Buri, Ihr preiswertes Beerdigungsfranchise

A „Geschäftsidee“ is born (Übersetzung: Eine business Idee ist ins Leben gerufen worden)

Miro und Meikel hingen, wie so oft seit sie mit dem Studium angefangen hatten, vor dem Computer herum und vertrieben sich die Zeit. Ihr Lieblingsspiel war das Erfinden von spaßigen Geschäftsideen. Miro hieß eigentlich Miroslaw und studierte Betriebswirtschaft. Besser gesagt, er war in diesem Fach eingeschrieben und lebte vom Geld seiner Eltern. Meikel studierte Germanistik, da dort auf jeden Studenten fast neun Studentinnen kamen. Nicht, dass es ihm bei der Brautschau besonders viel genutzt hätte aber er war nicht der Typ, der schnell „klein bei“ gab. Was er begonnen hatte führte er fort, auch wenn es noch so idiotisch war. Da er andererseits noch nichts im Leben richtig zu Ende geführt hatte, war er ein vielbeschäftigter Mann. Er lebte von Bafög und einer Waisenrente, da seine Eltern verstorben waren. Als Einzelkind  war die gesamte Organisation der Beerdigung seiner Mutter an ihm hängen geblieben. Immer wenn er daran dachte, fing er an zu jammern: „So eine blöde Beerdigung kostet ein Vermögen. Jahrelang haben meine Eltern gespart und am Schluss geht die ganze Kohle für eine Holzkiste und ein Loch auf dem Friedhof drauf. Kein Toter hat Freude an seiner Beerdigung. Das ist doch das Schöne am Tod. Danach ist alles egal. Da liegt man so unschuldig tot rum und ruiniert noch seine Hinterbliebenen damit.“ Miro brummte nur:“Mhm.“ Er hatte die Litanei schon hundert Mal gehört und konzentrierte sich lieber auf die Website für seine aktuellste Geschäftsidee. Es handelte sich um eine solarbetriebene Taschenlampe. Der Witz dabei war, dass sie über keinen Energiespeicher verfügte und nur bei Sonnenschein funktionierte. Sie wollten einen professionell wirkenden Onlineshop eröffnen und dieses Produkt anbieten. Jeder der richtig lesen konnte würde das schnell durchschauen. Sie hatten es aber auf die restlichen achtzig Prozent abgesehen, die sie schlicht und einfach vorführen und lächerlich machen wollten. In den Studentenkneipen waren beide schon die heimlichen Stars mit ihren Streichen. Ihre verschiedenen „Fake Web Shops““ erfreuten sich größter Beliebtheit, außer bei den Idioten, die darauf hereinfielen. Meikel lamentierte geistesabwesend: „Was machen die schon groß bei der Pietät?“ Er imitierte einen Bestatter: „Mein Beileid. Ich würde ihnen die diamantenbesetzte Volleichensargversion für Ihre Lieben empfehlen. Das macht dann achttausend Euro.“ Miro wurde langsam ungeduldig und sagte: „Dann mach es doch einfach selber, dann ist es bestimmt billiger.“ Meikel überlegte: „Aber mit den Leichen zu arbeiten ist schon ein bisschen eklig“. „Dann sollen es die Angehörigen eben selber machen und du stellst nur die Infrastruktur zu Verfügung. Do it yourself Beerdigungen. Bestattungen to go.“ Beide schauten sich begeistert an und waren sich sofort ohne große Worte einig. Eine neue Geschäftsidee war geboren.

Do it yourself Bestattungen (Übersetzung: Mach Deine Inhumation selber)

Wie jede gute Geschäftsidee sollte sie für den Erfinder möglichst wenig Arbeit verursachen und  eine Menge Geld einbringen. Das Spiel war aber erst gewonnen, wenn das Produkt offensichtlich unsinnig und völlig absurd war. „Also, die Leute wollen Ihre Lieben unter die Erde bringen und möglichst viel vom Erbe retten. Es muss also möglichst billig sein“, überlegte Miro laut. „Das Konzept ist also eine Art Bausatzbeerdigung. Wir basteln einen Rechner auf dem man online alle Bestandteile eines Begräbnisses anklicken kann. Mit Eigenleistung kann am sparen. Es gibt Pflichtfelder, um die Einhaltung herrschenden Rechts zu gewährleisten. Wer seine Oma im Schrebergarten beerdigen will, bekommt den Hinweis, dass dieser Service in seinem Land nicht angeboten wird“, fügte Meikel lachend hinzu. „Ja. Prima. Man klickt den Beerdigungsort und die Bestattungsart an. Die Einwegurne to go oder der vegane unbehandelte Biosarg“, prustete Miro los. „Und die Krönung des Absurden ist, dass die Angehörigen die Toten selber herrichten, die Gräber selber graben und den Transport eigenständig organisieren müssen. Wir machen es uns einfach und schustern den Angehörigen die Pflicht zur Einhaltung der gesetzlichen Vorschriften zu. So wie die Banken das finanzielle Risiko geflissentlich den Aktienfondskäufern überlassen. Dieser Unsinn funktioniert ja auch. Es muss halt irgendwie englisch klingen, sonst verstehen es die Leute“, schloss Miro. Den Rest des Tages verbrachten sie lachend und biertrinkend mit der Gestaltung der virtuellen Präsenz von „Mc Buri, Ihr preisbewusstes Bestattungsinstitut im Netz. Für die weltweite Expansion wurden, analog zu einer bekannten Bulettenbraterei, auch gleich Filialleiter auf Franchisebasis gesucht.

Der erste Kunde

Am nächsten Morgen erwachte Miro mit einem Brummschädel und schaute unter größter Kraftanstrengung nach seinen Mails. Es hatten sich tatsächlich schon mehrere Kunden in dem virtuellen Shop umgesehen und es gab sogar zwei Bestellungen. Ein Kunde wollte ein Massengrab für protestierende Studenten, analog zu den Vorkommnissen in Mexiko. Dort hatte der Bürgermeister mit dem Polizeichef über vierzig unbequeme Studenten ermorden und verscharren lassen. Unterschrieben war die Bestellung mit „Bürgermeister von Wesel“. Das ging bestimmt auf das Konto von Roman, dem Wirt ihrer Stammkneipe. Er verdiente prächtig mit den Wetten auf die Anzahl der Tölpel, die auf die Streiche hereinfielen. Da sprang schon mal die eine oder andere Lokalrunde raus. Um Roman zu ärgern änderte er die Adresse des Firmensitzes. Statt unter der Adresse des Finanzamt befand sich der Sitz des virtuellen Bestattungsinstitut jetzt in ihrer Stammkneipe „Zum goldenen Bembel“. Kenner nannten sie auch „Zum Bembel des Todes“. Das lag weniger an der tatsächlichen Anwesenheit des Todes, sondern an den verheerenden Auswirkungen des übermäßigen Genusses von Apfelwein auf ungeübte Därme und Schädel.  Die südhessische Bevölkerung hatte hier evolutionsbedingt bereits Anpassungen in Verdauung und Intellekt vorgenommen. Auswärtige Trinker des traditionellen Keltereiproduktes wurden regelmäßig mit vollen Hosen dahingerafft. Die zweite Bestellung klang ernsthafter. Ein vierunddreißig jähriger Mann wollte mit Grube an einem möglichst günstigen Ort begraben werden. Wo war egal. Den Transport und das Behältnis wollte der Kunde, bzw. seine Hinterbliebenen selber organisieren. Es war sogar ein Totenschein eingescannt. Der war allerdings auf kyrillisch. Da Miro in Sibirien geboren wurde, konnte er noch etwas russisch. Seine Familie kam nach Deutschland als er noch Kind war. Als sogenannte Russlanddeutsche hatten sie viele Vorurteile ertragen müssen und schnell versucht möglichst unauffällig und angepasst zu Leben. Sein Bruder, der schon etwas älter war, hatte sich nicht in der neuen feindseligen und fremden Welt zurechtgefunden. Er steckte irgendwo im Drogensumpf fest. Miro rief gleich bei Meikel an, um ihn von dem ersten Trottel zu berichten, der auf ihren Streich  hereingefallen ist. „Antworte ihm einfach, dass die Amtssprache auf deutschen Friedhöfen deutsch ist“, freute sich Meikel. „Irgendwann wird es ihm dann bestimmt zu blöd und er sucht sich einen anderen Bestatter“, spekulierte er weiter. Miro tat wie ihm geheißen und erhielt innerhalb weniger Stunden eine deutsche Übersetzung des Totenscheines. Merkwürdig war nur, dass sich einige Übersetzungsfehler eingeschlichen hatten. Der Geburtsort und das Alter des Toten hatte sich verändert. Die neue Urkunde war allerdings von einem Viktor Illiev notariell beglaubigt.  Meikel schlug nun vor, dass auch der Verblichene Kenntnisse der deutschen Sprache nachweisen müsse. Spätestens dann müsse auch der letzte Idiot merken, dass er veräppelt wurde. Kurze Zeit erhielten sie einen Nachweis über die Teilnahme des Toten an einem Integrationskurs kurz vor seinem Ableben. „Das ist ja ein kurioser Zufall“, wunderte sich Meikel. „Wahrscheinlich hat da jemand den Spieß umgedreht und will uns auf dem Arm nehmen. Bestell ihn einfach mit seiner Leiche für morgen in die Adickesallee 70“, schlug Miro vor. Meikel wunderte sich: „Aber da ist doch das Polizeipräsidium?“ „Eben“, erwiderte Miro trocken und beschloss sich nicht weiter mit diesem blöden Scherz zu beschäftigen. Nur eine ganz kleine Ahnung, gespeist aus den Erinnerungen seiner Kindheit und verborgen unter dem Schein der westlichen Wohlstandsgesellschaft, begann in seinem Inneren heranzuwachsen. Hätte er wissen müssen was gesehen würde?

Fortsetzung: Mc Buri, Ihr preiswertes Beerdigungsfranchise Teil 2

3 Kommentare zu „Mc Buri, Ihr preiswertes Beerdigungsfranchise“

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