Archiv der Kategorie: Sozialarbeiterprosa

Vom Schutz durch Lebenslügen

Seit etwa 22 Jahren kümmere ich mich als Streetworker um obdachlose Menschen auf Frankfurts Straßen. Ich erinnere mich noch ziemlich genau an mein erstes sogenanntes Beratungsgespräch als Berufsanfänger auf der Straße im Jahr 1997. Mein Gesprächspartner, nennen wir ihn Herrn Huber, sah aus, wie ich mir einen Obdachlosen vorstellte. Er war unrasiert und trug eine Wollmütze. Regelmäßig konnte man ihn im Umfeld der Essensausgabe an der Katharinen Kirche antreffen. Herr Huber war recht redselig und ich war ihm dankbar. Schließlich gab er mir das Gefühl wichtig zu sein. Er berichtete, als LKW Fahrer viel von seiner Frau getrennt gewesen zu sein. Eines Tages sei er unverhofft nach Hause gekommen und habe seine Frau mit einem anderen Mann im Ehebett vorgefunden. Das habe ihn so aus dem Gleichgewicht geworfen, dass er zur Flasche griff und schließlich seine Arbeit verlor. Ein schwerer Schicksalsschlag gewiss, räumte ich ein. Aber jetzt kam die Rettung in meiner Person. Ich kannte ein Obdachlosenwohnheim, welches Obdachlose aufnahm. Die Rettung war nah. Herr Huber bedankte sich artig und versprach am nächsten Tag in mein Büro zu kommen. „Ein voller Erfolg“, dachte ich. Ein bisschen Hinwendung und alles ist in Butter. Leider kam Herr Huber Vom Schutz durch Lebenslügen weiterlesen

Von Hilfeangeboten und Hilfsangeboten

Ich arbeite in einer Beratungsstelle. Damit ich weiß, was ich so raten soll, schaue ich neuerdings morgens in die Tageszeitung. Althergebrachtes Wissen scheint in diesen Zeiten nur begrenzt anwendbar. Neuerungen haben gefühlt nur wenige Stunden Gültigkeit, bis sie erneut verändert werden. So durfte ich in der Zeitung lesen, dass die Stadt Frankfurt an einer neuen Einrichtung arbeitet, die wohnungslose Menschen während der Coronakrise vorübergehend Unterschlupf bieten soll. Das fand ich interessant. Hatte ich erwähnt, dass ich wohnungslose Menschen berate? Die können mit solchen Informationen etwas anfangen. Wo und wann diese Unterkunft in Betrieb gehen, soll stand leider nicht in der Zeitung. Ich rate den Menschen, die zu mir kommen mal woanders nachzufragen. Wo, weiß ich auch nicht genau. Es ist nämlich alles geschlossen. Wenn man den Telefonhörer in die Hand nimmt und man mit etwas Glück einen Gesprächspartner findet, ist man nachher unwesentlich schlauer. Man weiß lediglich, dass die Einrichtung mit der man telefoniert hat, geschlossen ist oder einen Notbetrieb fährt. Unterkünfte, die noch Menschen aufnehmen sucht man vergebens. Es gibt lediglich nur noch eine Notübernachtungsstätte mit Mehrbettzimmern und die U Bahn, in die ich Suchende schicken kann. Das ist jetzt nicht zynisch gemeint. In einer U Bahnstation gibt es einen extra abgetrennten und geheizten Bereich, der gereinigt und betreut, wohnungslosen Menschen zur Verfügung gestellt wird. Hier übernachten hauptsächlich Menschen aus Osteuropa, die keinen Von Hilfeangeboten und Hilfsangeboten weiterlesen

Systemrelevante Verwaltungslogik

Vorgestern musste ich erfahren, dass ich nicht systemrelevant bin. Das hat mich stark getroffen, da ich mich aufgrund meines kompetenten Gesichtsausdrucks vollkommen anders fühle. Laut hessischer Landesregierung sind Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe im Gegensatz zu denen der Behindertenhilfe nicht systemrelevant. Das heißt die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wohnungslosenhilfe können die Notbetreuungen für Kinder in den Schulen im Rahmen der Corona Krise nicht in Anspruch nehmen. Wenn man es positiv sieht (und ich habe mir angewöhnt Dinge möglichst positiv zu betrachten) ist es schön, dass die Betreuung von behinderten Menschen mittlerweile einen großen Stellenwert erhalten hat und mit der Arbeit von medizinischem Personal, Feuerwehr und Polizei in einem Zug genannt wird. Mein Arbeitgeber betreut wohnungslose sowie psychisch erkrankte Menschen. Das tut er in einer Vielzahl von Einrichtungen. Die Grenzen zwischen wohnungslos und psychisch Systemrelevante Verwaltungslogik weiterlesen

Wohnungsräumungen in Zeiten von Corona

Meine Arbeitswoche begann heute mit der Begleitung eines älteren Mannes nach dessen Zwangsräumung. Die Wohnung roch übel und sah auch übel aus. Die Beschwerden der Nachbarschaft häuften sich. Die vermietende Wohnungsbaugesellschaft hatte ihren Sozialdienst eingeschaltet, um den Bewohner Hilfen bei der Reinigung anzubieten. Dieser hatte trotz aller gegenteiliger Beteuerungen weder Hilfe angenommen noch selbst aufgeräumt. Es kam zur Räumungsklage und wir haben unser Glück auch noch mal versucht. Nach drei Monaten Zeitspiel ohne Ergebnis fiel der Entschluss des Vermieters einen Räumungstermin anzuberaumen. Es ist wie immer tragisch anzusehen, wie die Betroffenen mit den Gerichtsvollziehern diskutieren wollen und sich die lange verdrängte Erkenntnis schließlich doch Bahn bricht. Es ist nichts mehr zu machen, die Wohnung ist weg. Manch einer muss mit der Polizei vor die Türe gesetzt werden. Der ältere Mann heute hat bei der Drohung des Gerichtsvollziehers mit der Polizei schließlich kapituliert. Sich dem staatlichen Gewaltmonopol zu wiedersetzen schien nicht seiner Erziehung zu entsprechen.
Soweit ist das für mich Routine. Ich weiß, dass klingt sehr abgebrüht und ist es vielleicht auch. Ich versuche trotzdem möglichst freundlich, respektvoll und menschlich aufzutreten. Für den Betroffenen ist es meiner Meinung nach besser jemanden an seiner Seite zu haben, der seine Emotionen aus der Angelegenheit heraushalten kann und einen kühlen Kopf bewahrt. Der Sozialdienstmitarbeiter der Wohnungsbaugesellschaft ließ es sich heute nicht nehmen dem Geräumten nochmal seine Versäumnisse vorzuwerfen und sogar über dessen Ignoranz zu lachen. „Doch, in Ihrer Wohnung riecht es wie in einem Mülleimer. Ich habe Ihnen mehrmals Hilfe angeboten, die Sie abgelehnt haben.“ Das ist eine Wohnungsräumungen in Zeiten von Corona weiterlesen