Alles für die Katz Teil 7

Was bisher geschah Teil 6

Der technische Sachbearbeiter der Wohnungsbaugesellschaft, Herr Bruchtal, wirkte etwas zerknirscht als er zugeben musste, dass die Renovierung der Wohnung mindestens vier Wochen länger als geplant dauern würde. „Es ist wirklich schwer, verlässliche Handwerker zu bekommen. Außerdem wurde die Wohnungstüre eingetreten. Wir benötigen noch einen Schreiner, der die zersplitterte Haustüre ersetzt. Da wollte wohl unbedingt jemand Frau Feyerabend besuchen. Der Nachbar sagte mir, dass der Täter Frau Feyerabend früher schon öfter besucht habe und zwanzig Minuten an die Türe hämmernd lautstark um Einlass gebeten habe. Ein normaler Einbruch war das nicht. Wir werden Frau Feyerabend die Reparatur in Rechnung stellen“, berichtete er. „Ich werde die Mieter und die entsprechenden Stellen über die Entwicklung informieren. Machen Sie sich keine Sorgen“, beruhigte Thomas sich selbst und Herrn Bruchtal. Wie würde das Paar wohl auf die nicht gerade „Frohe Botschaft“ reagieren? Sie waren jetzt schon zwei Wochen im Hotel untergebracht. Er hatte nichts von ihnen oder dem Hotel gehört und beschlossen, dass das ein gutes Zeichen ist. Die Adresse der Tierklinik samt Fahrplänen für öffentliche Verkehrsmittel hatte er dem Paar per Post zukommen lassen. Mit dem angeschlossenen Tierheim hatte er die Sondervereinbarung getroffen, dass die Besitzer ihre Tieren nach Voranmeldung besuchen können. Haustierbesitzer hatten oft ein sehr emotionales Verhältnis zu ihren Tieren und Thomas wollte dem Paar in diesen schweren Zeiten möglichst viel Stabilität erhalten. Er meldete sich telefonisch an der Rezeption des Hotels zum Hausbesuch an.

Thomas übersah das sogenannte Hotel als er das erste Mal an der Adresse vorbei ging. Entgegen seiner Erwartungen war er in einem Industriegebiet gelandet in dem keines der Gebäude weit und breit zum Wohnen geeignet schien. Er zog den Notizzettel aus der Tasche und las die Adresse. Gwinnerstraße 1277 stand dort fein säuberlich von ihm selber notiert. Gewinner wohnten hier nicht. Hatte er sich beim Aufschreiben einen Fehler erlaubt? Er ging den Weg, den er gekommen war zurück und schaute erneut genau nach den Hausnummern. Die Hausnummer 1277 war ein heruntergekommenes Bürogebäude mit der Aufschrift Gießerei Klotzmann. An der schmutzigen Eingangstüre hing ein knittriger Zettel auf dem „Notausgang. Kein Eingang“ stand. Wo jemand heraus kam, musste es auch einen Eingang geben, kombinierte Thomas. Er umrundete das Gebäude und kam an ein Werkstor mit Pförtnerloge. Hinter dem Tor erstreckte sich ein großzügiges Gelände mit Werkhallen und Lagergebäuden. In dem Pförtnerhäuschen standen ein altes Sofa und verschiedene Stühle. In der Ecke gab es auch einen Tisch. Jemand hatte sich eine Art Aufenthaltsraum eingerichtet. Für Jugendliche, die ungestört kiffen wollten war das vermutlich attraktiv aber sonst war es schwer vorstellbar welche Art von Zusammenkunft einem solchen Ort stattfinden sollte. Während Thomas noch über illegales Glücksspiel und Unterschlupfe für Obdachlose sinnierte, fiel ihm ein Seiteneingang in dem Bürokomplex auf an dem ein Zettel mit der Aufschrift „Hotel“ hing. Er war zwar nicht handgeschrieben, sondern ausgedruckt, aber einen Stern hatte sich dieses Hotel in Thomas Augen damit noch nicht verdient. Er rüttelte an dem Werktor als ein afrikanisch aussehender Mann auf ihn zukam und ihm wortlos den Weg zu einem kleinen Durchgang neben dem Pförtnerhäschen wies. Den hatte Thomas übersehen. Er dankte dem Mann und folgte ihm als er den Durchgang Richtung Bürogebäude passierte. Im Treppenhaus schien es nur nach oben zu gehen. Die Kellertreppe führte in einen dunklen Gang, der halb mit Schränken verstellt war. Er ging folglich nach oben und stieß auf einen langen Bürogang. Die Tür war mit einem schäbigen Sessel fixiert, um nicht dauernd zuzufallen. Eine Türe auf der linken Seite öffnete sich und eine Frau in einem traditionellen afrikanischen Gewand lief gemächlich mit einem dampfenden Topf auf eine Türe auf der rechten Seite zu, hinter der sie verschwand. Ein Geruch von Kohl gemischt mit etwas undefinierbar süßlichem hing in der Luft. Thomas hatte dummerweise keine Zimmernummer erfragt. Andererseits schien das nicht so schlimm zu sein, da die Zimmer offensichtlich keine Nummerierung hatten. Er würde sich wohl oder übel zu dem Paar durchfragen müssen. Eine Frau mit einem Kopftuch und einem Kinderwagen kam den Gang entlang und stoppte am Treppenabsatz. „Entschuldigung. Ich suche die Rezeption“, fragte Thomas und kam sich ein wenig dämlich dabei vor. Genauso gut hätte er auch nach dem Wellnessbereich oder der Hotelbar fragen können. Die Frau reckte lediglich mit dem Kinn die Treppe hinunter und begann sich an dem kleinen Kind im Wagen zu schaffen zu machen. Thomas überlegte, ob sie ihm den Weg zur Rezeption gezeigt hatte oder ihn zur Mithilfe bei der Überwindung der Treppe aufgefordert hatte. Bevor er zu einem endgültigen Ergebnis kam, beschloss er kurzerhand Hand an den Kinderwagen zu legen. Die Frau schien überrascht und dankte ihm freundlich als sie an der Eingangstüre ankamen. „Gibt es hier Personal? Wer ist den verantwortlich?, versuchte es Tomas erneut. Die Frau sah ihn fragend an, als sei das Konzept eines Verantwortlichen an einem Ort wie diesem, ein absurder Gedanke. Vielleicht interpretierte Thomas auch einfach zu viel in sein fragend schauendes Gegenüber. Er versuchte es möglichst einfach, obwohl er diese Art zu sprechen verabscheute: „Büro? Rezeption? Chef?“ Der Blick der Frau hellte auf und sie wies mit dem Finger in Richtung Kellertreppe. Jetzt war es an Thomas fragend zu schauen. Die Frau nickte heftig mit dem Kopf und wies mehrmals vehement in die Dunkelheit des Kellerganges. Langsam bewegte sich Thomas in Richtung des schmalen Durchgang und suchte nach einem Lichtschalter. Er blickte noch einmal zurück und sah die Frau aufmunternd nicken. Thomas fühlte sich wie ein Höhlenforscher und war froh, dass es Zeugen für sein Abtauchen in die Unterwelt gab. Er musste kurz an Fritzels Keller denken als er sich suchend umsah. Der hatte ja seine Kinder jahrelang in einem Kellerverließ gehalten. Als er schließlich einen Wegweiser mit der Aufschrift Rezeption an der Wand entdeckte, atmete er auf. Typisch deutsch, dachte er selbstkritisch. Kaum hängt irgendwo ein Hinweis- oder Verbotsschild fühle ich mich auch in den absurdesten Situationen wieder sicher. Vermutlich hätte ihn auch ein Schild mit der Aufschrift: „Das Einkerkern von Sozialarbeitern in Kellerverließen ist hier untersagt“ beruhigt. Als er weiter in Richtung Dunkelheit stolperte ging plötzlich das Licht an. Hinter dem großen Kleiderschrank der den Kellereingang so ungünstig versperrte tat sich ein heller und ausreichend breiter Kellerflur auf. Nach ein paar Schritten konnte er sogar wieder aufrecht stehen. Lediglich im Treppenhausbereich war die Raumhöhe von 190 cm unterschritten worden. Das nennt man wohl Event Architektur. Abenteuerliche Gefühle beim Wohnen und Arbeiten, sinnierte er während er den Gang entlang lief. Ein bisschen wie bei Alice im Wunderland. Der Durchgang in eine neue Welt. Es schien sich nun in einem Gang zu befinden, der den langgezogenen Bürokomplex unterirdisch miteinander verband. Doch statt Blechmännern oder Fabelwesen entdeckte Thomas lediglich eine verschlossene Bürotür. Auf dem Schild stand „Herr Haououi“. Einen Titel hatte der Mann nicht. Aber wenigstens hatte er nicht an Vokalen in seinem Namen gespart, dachte Thomas und folgte dem Gang.

Fortsezung Teil 8

10 Kommentare zu „Alles für die Katz Teil 7“

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