Archiv der Kategorie: Erinnerungen

Einladung zur Jubelfeier oder mission accomplished

Ich bin heute bester Laune. Die Sonne scheint und das normale Leben beginnt langsam wieder. Die Geschäfte sind wieder offen. Man darf sich wieder mit einzelnen Freunden und Verwandten treffen. Mein lebensnotwendiger Thai- Imbiss um die Ecke und die Bibliothek haben wieder geöffnet.  Und jetzt wird auch noch die Öffnung von Restaurants und Kinos in Aussicht gestellt. Sogar das gebuchte Ferienhaus im Hunsrück und der Bildungsurlaub von der Gerwerkschaft rücken wieder in greifbare Nähe.  Wenn jetzt noch die Schwimmbäder öffneten wäre das wie Weihnachten, Ostern und/ oder Ramadan an einem Tag. Aber noch ist mir das Schwimmen mit Schutzmaske zu gefährlich. Das tolle an Corona ist, dass man die alltäglichen Selbstverständlichkeiten wieder zu schätzen weiß. Das war sozusagen eine Art erzwungene Fastenzeit. Fastenzeiten enden für gewöhnlich mit einem großen Fest oder Ritual. Ein gemeinsames Fastenbrechfest fällt wohl coronabedingt aus. Es steht für Sonntag in meinem Kalender und hat vermutlich mit dem endenden Ramadan zu tun. Ich finde die deutsche Übersetzung auch nicht sonderlich elegant. Bliebe nur ein öffentlich wirksames Ritual.

Abbildung des eisernen Steges in Frankfurt
Weit und breit kein Flugzeugträger

Ich würde mich gerne auf einem Flugzeugträger vor ein Plakat mit der Aufschrift „Mission accomplished“ stellen und bejubeln lassen. Das Ganze sollte selbstverständlich landesweit im Hessischen Rundfunk übertragen werden. In den Nachbarstädten Mainz oder Aschaffenburg wäre meine Jubelfeier nicht zu sehen, da es sich hier um andere Bundesländer mit anderen Vorschriften handelt. Wie weit der Sieg gegen das Virus dort fortgeschritten ist entzieht sich meiner Kenntniss. Meine Aufmerksamkeitsspanne recht leider nur aus, um die sich ständig verändernden Vorschriften in meinem Bundesland zu verfolgen. Mein Plan hat eine entscheidene Schwäche. Mit der hessischen Marine ist nicht viel los. Da müsste man schon eher mal an der Küste schauen. Einen deutschen Flugzeugträger sucht man in Nord- und Ostsee aber ebenfalls vergebens. Mit einem U- Boot funktioniert der Plan nicht so gut.  Es gibt zwar ein Versorgungsschiff der Bundesmarine namens Frankfurt am Main aber das ist ziemlich mickrig. Immerhin verkaufen die Matrosen jedes Jahr Glühwein auf dem Frankfurter Weihnachtsmarkt. Aber das ist ein anderes Thema. Für einen Flugzeugträger müsste ich wohl in England oder Frankreich anfragen. Die Engländer haben sich ja gerade von uns scheiden lassen und haben die übrigen Mitglieder ihres vereingten Königreichs mitgenommen. Wir stecken sozusagen gerade mitten in einem Rosenkrieg, der coronabedingt pausieren muss. Da frage ich mal lieber nicht nach. Man hat ja auch seinen Stolz. Dann schon lieber die Franzosen. Die sind nett. Die wollen mit uns zusammen bleiben. Liebe Franzosen könnte ich für eine „Sieg über Corona Jubelfeier“ mal Euren Flugzeugträger Charles de Gaule ausleihen? Ich warte auch mit der Jubelfeier bis der 8. Mai vorbei ist. Ehrenwort! Ich tanke wieder voll und mache die Sitze sauber. Die Luftwaffe darf auch nicht mit den Flugzeugen spielen. Die werden alle noch fliegen können, wenn ihr das Zeug zurückbekommt. Geht nicht wegen Quarantäne? Mehrere hundert infizierte Matrosen, O la la. War wohl ne große Sause beim letzten Landgang in Brest. Quarantäne gehört wohl zur Seefahrerromantik dazu. Ich glaube den Plan mit dem Flugzeugträger kann ich knicken. Ich könnte noch die Amis fragen. Wahrscheinlich bringe ich Trump nur auf die Idee, mir meinen Plan zu klauen. Und dann steht da ein amerikanischer Präsident auf einem Flugzeugträger und lässt sich für einen Sieg über einen Feind bejubeln, der noch gar nichts von seiner Niederlage mitbekommen hat. Das ware doch zu verrückt.

Klimaneutraler Abenteuerurlaub

Eigentlich wollte ich gerade in Spanien in der Sonne liegen. Das tue ich nun klimaneutral in Deutschland. Das ist doch mal eine gute Nachricht. In meinem Gärtchen fehlt es zwar am Meeresrauschen aber die Sonne lässt sich nicht lumpen. Hier in Frankfurt rauscht gerade gar nichts. Normalerweise schließe ich die Augen und stelle mir statt rauschenden Autobahnen Wasserfälle vor. Jetzt herrscht Stille. Würde sich unter meinem Dach keine sechsköpfige Familie tummeln, könnte ich mich ausgiebig der Erlangung meines Seelenfriedens widmen. Dieser stellt sich nun zwangsläufig und fremdgesteuert ein. Sobald das Geplapper zur abendlichen Medienkonsumzeit verstummt, hat die liebe Seele ruh. Bis dieses Ziel erreicht ist, gibt es allerhand zu tun. Die Kinder haben eine Menge Hausaufgaben, die sie erledigen müssen. Eigentlich sind jetzt Ferien aber diese wurden bei der Planung der Erledigung der Aufgaben großzügig mit einbezogen. Die Schule hat ihren Lehrauftrag kurzerhand den Eltern übertragen, denn neuer Stoff erklärt sich nicht von alleine. Ich habe versucht, meinen Beitrag dazu zu leisten. Statt meinen Urlaub mit einer Reise zu verplempern, stelle ich meine Zeit nun tapfer in den Dienst der Familie.

Mittlerweile bin ich aber ernsthaft besorgt, meine natürliche Autorität zu verlieren. Meine Kinder befinden sich in einem Alter, in dem man als Vater automatisch ein Held ist. Ok, vielleicht übertreibe ich ein wenig. Auf jeden Fall schauen sie zu mir auf oder wenigstens bei mir ab. Taten haben meiner Erfahrung nach größeren Wert als Worte. Ich habe beispielsweise mit meinem Sohn voller Hingabe binomische Formeln berechnet und war nach einer halben Stunde sehr zufrieden mit mir. Bis meine Frau mich darüber aufklärte, dass die meisten Aufgaben falsch gerechnet seien. In der Mathematik sind sie da sehr kleinlich, was Genauigkeit und Reihenfolge betrifft. Wenn man sich 35 Jahre nicht mit einer Materie beschäftigt hat, kann es schon mal zu Ungenauigkeiten kommen. Ähnlich erging es mir bei der Bestimmung von Adverben. Als das durchgenommen wurde war ich wohl gerade krank. Deutsche Grammatik kann verdammt kompliziert sein. Mit der Erklärung, am besten auf sein Sprachgefühl zu achten, stoßt man bei Schulprofis schnell an Grenzen. Mit Schulprofis sind hier Lehrkörper und Lernende gleichermaßen gemeint. Einen Vorteil hat das Ganze. Ich werde immer seltener mit komplizierten Fragen belästigt.

Damit meine Familie doch von meiner dauerhaften Präsenz profitieren kann, wende ich mich anderen wichtigen Bereichen zu. Meine Frau schickt mich beispielsweise einkaufen. Das ist heutzutage durchaus gefährlich und befriedigt meine Abenteuerlust.  Den großen Wocheneinkauf macht sie noch selber aber die kleinen vergessenen Einkäufe sind ja auch wichtig. So war ich heute beim Metzger und am Spargelstand. Der Erwerb einer Briefmarke ist mir nicht gelungen. Corona hat das vollendet, woran die Deutsche Post seit Jahren planvoll arbeitet: die Schließung aller Postfilialen. In unserem Stadtteil gibt es längst keine Postfiliale mehr. Die kleinen Zeitschriftenläden, die nebenbei Dienstleistungen der Post anbieten, haben ebenfalls vorübergehend geschlossen.  Mein Sohn wird sein Hausaufgabenpaket also nicht an seine Lehrerin schicken können. Es sei denn, ich fahre quer durch die Stadt, um wenigstens einen Briefmarkenautomat aufzuspüren. Durch die Krise soll die Digitalisierung einen Schub erhalten. Das stimmt schon. Bei uns gibt es Klavierunterricht und Nachhilfe per Videochat. Die Schule hat außer dem E Mail Verkehr aber nicht viel zu bieten. Außer der erwähnten Schnitzeljagd nach einer Briefmarke.

Eine weitere Herausforderung ist die Korrespondenz mit einem irischen Billigflieger, der mir noch Geld schuldet. Man bittet mich in einer automatischen Mail um Geduld, da es ein erhöhtes Aufkommen an Rückerstattungsanträgen für stornierte Flüge gäbe. In der Politik gibt es nun Rufe, die armen notleidenden Fluglinien und Tourismuskonzerne von solch lästigen Rückerstattungsansprüchen auszunehmen. Der Kapitalismus erstaunt mich immer wieder aufs neue. Ein zinsloses Darlehen eines Sozialarbeiters mit vier Kindern an eine ertragsstarke Fluglinie, die jahrelang Milliardengewinne erwirtschaftete und momentan keine Einnahmen hat, klingt fast logisch. Was soll`s. Ich habe solide gewirtschaftet und werde dem Großkonzern in seiner Not beiseite stehen. Ehrensache!

Richtiges Urlaubsgefühl kommt beim gemeinsamen Kochen auf. Wir haben unsere Alltagszeiten längst auf den Urlaubsmodus umgestellt. Auf ein spätes Frühstück folgt ein Mittagessen, das sich bis in den Nachmittag ausdehnt. Eigentlich kann man mit Kochen und Essen den ganzen Tag gestalten. (Über das Problem mit der Waage berichte ich an anderer Stelle.) Ich habe vergeblich versucht mich mit forciertem Ungeschick aus der Küche schmeißen zu lassen. Ohne Erfolg. Meine Frau fällt auf den Trick nicht mehr rein. Reis schmeckt auch ohne Salz und angebrannte Nudeln kann man auch noch gut essen, wenn die unterste Schicht nicht aus dem Topf gekratzt wird. Mittlerweile habe ich sogar ganz neue Sphären in unserem Kühlschrank erforschen dürfen. Ein Gebiet namens Gemüsefach fördert erstaunliche Dinge zutage. Eine Aubergine kann man mit Öl und Schafskäse sogar auf den Grill legen. Erstaunlich lecker!

Meine letzte Herausforderung nach dem Abwasch ist es eine geeignete Liegefläche zu finden. An Regentagen sind unsere zwei Sofas hart umkämpft. Bei Sonnenschein entzerrt sich das glücklicherweise. Im Garten findet sich immer ein sonniges Plätzchen für meine Klappliege. Dem Hautkrebs trotze ich mit Sonnenschutzfaktor 30. Leider gelingt es mir nicht mehr mir selbstständig den Rücken einzucremen. Zum Glück laufen hier genug Menschen rum, die das übernehmen können. Die können sich ja auch mal kümmern. Schließlich gehe ich auch dauernd an meine Grenzen. Morgen schaue ich mal in unseren Vorgarten nach dem Rechten. Straße fegen wird dann die Challenge für übermorgen. Eigentlich bin ich ganz froh, dass dieser ganze Freizeitstress momentan kein Thema ist. Ich erkläre das Stubenhocken einfach zu Kunstform. Und das ganz ohne schlechtes Gewissen.

Frohe Ostern und bleibt gesund!

Gesunder Menschenverstand

Mehrmals hatte ich Blut gehustet. Ein weiterer Aufschub eines Arztbesuches war einfach nicht mehr zu rechtfertigen gewesen. Jetzt begann die bange Zeit des Wartens auf eine Diagnose. Der Arzt hatte sich bedeckt gehalten und mich an einen Spezialisten überwiesen. Der Gedanke, dass mein Leben nun schon zum größten Teil gelebt sein könnte und die Zukunft lediglich noch aus seiner kurzen Krankengeschichte bestehen könnte beängstigte mich. Genauer gesagt fühlte es sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Mir gelang es diesen Gedanken erfolgreich zu verdrängen und mir harmlosere Gründe und Krankheiten auszudenken. Selbst eine Krebsdiagnose musste nicht unbedingt ein Todesurteil sein. Am liebsten hätte ich zu Gott gebetet und um Hilfe gebeten. Doch war die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Gott Produkt meines Geistes war, weit höher als die Wahrscheinlichkeit, dass er mich geschaffen hatte. Ich musste vernünftig bleiben und das weitere Vorgehen nüchtern und unter Einbeziehung aller verifizierbaren Informationen planen.

Das war leichter gesagt als getan. Der Mensch ist ein emotionales Wesen , das zu irrationalem Handeln neigt. So war anfangs meine größte Sorge, dass ich im Fall einer schweren Erkrankung meine geplante Reise nicht antreten könnte. Zugegeben, ich hatte lange für diesen Flug in die Exosphäre gespart und dafür trainiert. Aber objektiv gesehen war ein Flug ins All kein Grund seine Gesundheit Gesunder Menschenverstand weiterlesen

Die Wahrheit stirbt zuletzt

Es sind also weder Kosten noch Mühen gescheut worden, um Ihnen die historische Wahrheit zu unterbreiten, soweit etwas derart Gewichtiges wie die Wahrheit auf etwas derart Ätherisches wie die Geschichte anzuwenden ist. (Terry Pratchett)

Ich möchte Ihnen heute eine Begebenheit aus dem Jahre 1986 erzählen. Nichts Besonderes möchte man meinen. Ich habe auch lange überlegt welche Variante der Geschichte ich erzählen möchte. Ich habe sie oft erzählt und muss im Rückblick erkennen, dass sie sich im Laufe der Jahre rapide verändert hat. Bedeutungen sind hinzugekommen und negative Emotionen auf wundersame verschwunden. Oft war ich am Ende der Held und immer seltener der Depp. Und wenn ich, trotz der Veröffentlichung im Internet, ehrlich bin, dann sagt die Entwicklung vermutlich mehr über den Erzähler als über die Wahrheit aus.

Aber wir wollen bei den Wahrheiten bleiben.

Heilig Abend 1986 klingelte am Vormittag unser Telefon und die Feuerwehr war am anderen Ende. Der Stadtbrandinspektor wünschte mich am Nachmittag zu sprechen. Einerseits war das etwas ungewöhnlich, da ich erst zarte 16 Jahre alt war, andererseits war ich bereits seit fast sechs Jahren Mitglied in der freiwilligen Jugendfeuerwehr. Den Stadtbrandinspektor hatte ich bis dato nicht unter vier Augen gesprochen. Die Einladung war auch nicht sonderlich herzlich erfolgt, sondern glich eher einer Vorladung. Was hatte ich mir zu Schulden kommen lassen? Ein mulmiges Gefühl schlich sich in meine vorweihnachtliche Freude. Die Wahrheit stirbt zuletzt weiterlesen