Telefon aus den 1950 er Jahren auf einem Beistelltischchen

Vom ineffizienten Telefonieren in der Bonner Republik

Unökonomische Öffentlichkeit

Wie bereits mehrfach in meinem Blog erwähnt, bin ich glühender Anhänger öffentlicher Büchereien und Schwimmbäder. Mir gefallen überhaupt Institutionen, die der Allgemeinheit zugänglich sind und dieses herrliche verstaubte sozialdemokratische Flair ausströmen. Fern jeglicher wirtschaftlicher Gedanken und nur ideellen Werten verpflichtet. Das Angebot wird meist unter strenger Einhaltung arbeitsrechtlicher Normen und unter gewerkschaftlicher Aufsicht erbracht. Hier bin ich als Kunde nicht König, sondern eher Bürger oder Genosse. Wenn es dumm läuft auch mal Bittsteller aber niemals wird mich jemand übers Ohr hauen wollen. Ein schönes Beispiel ist die Telekom. In meiner Kindheit hieß sie noch Bundespost und war eine Behörde mit einem Postminister als Chef. Ihre Aufgabe war die Sicherstellung der Kommunikation in Eigenwirtschaftlichkeit. Es sollte also so viel erwirtschaftet werden, wie für die Erfüllung der Aufgaben notwendig war. Lustige Idee, oder? Stellen sie sich mal vor, Ihr Zahnarzt oder Ihre Autowerkstatt würde nach solchen Gesichtspunkten arbeiten. Die wären ja richtig vertrauenswürdig. Telefonieren bedeutete in den 1970er Jahren, dass man mit einem von der Post gemieteten grauen Schnurtelefon mit Wählscheibe im Flur stand und für eine monatliche Grundgebühr von etwa 10 Mark versuchen konnte andere Menschen in ihren Fluren oder an ihren Schreibtischen zu erreichen. Der Preis für jedes Telefonat stieg mit der Entfernung zwischen den Telefonierenden. Wenn viele Menschen auf einmal telefonieren wollten, zum Beispiel an Weihnachten oder Sylvester, konnte es passieren, dass das die Leitungen nicht hergaben und keine Verbindung zustande kam. Für Telefonate in das Ausland und/oder andere Wirtschaftssysteme galt dasselbe. Gespräche in die DDR waren immer große Abenteuer, die leider nur selten erfolgreich verliefen. Umso größer die Freude, wenn es widererwarten doch mal klappte. Da es nur einen Telefonanbieter gab, der meines Wissens auch von jeder Privatperson den gleichen Preis verlangte und alle mit der gleichen Leistung beglückte, sparte man damals viel Zeit, die heute mit Preisvergleichen verschwendet wird. Die Zeit konnte man dann verwenden, um auf den Beginn seiner favorisierten Fernseh- oder Radiosendung zu warten. Die Zeiten sind auf dem Markt der Telefonanbieter mittlerweile etwas unübersichtlicher geworden. Telefonieren ist angeblich billiger geworden. Vielleicht pro Telefon aber sicher nicht pro Person. Früher hatte eine Familie ein Telefon. Heute hat jedes Familienmitglied, dass ein Gerät halten kann ein eigenes Handy. Hinzu kommt häufig ein Festnetzgerät. Drei große Konzerne bieten über Dutzende von Tochterfirmen hunderte von Tarifen an, bei denen man angeblich Unmengen von Geld sparen kann. Wer ist nicht schon mal am Telefon von einem dieser Marketingfuzzis belabert worden? Da gibt es Flats fürs Telefonieren, Internet, Musik oder Fernsehen mit den neusten Handymodellen für einen Euro als Lockmittel. Das eine Familie heute 100 bis 200 Euro für Kommunikation ausgibt, kann man nicht unbedingt billiger nennen. Ok. Es gibt auch mehr fürs Geld als früher und die Krampfadergefahr durch langes Rumstehen im Flur ist auch nicht mehr vorhanden aber man muss höllisch aufpassen, um nicht irgendwelche sinnlosen teuren Tarife angedreht zu bekommen, die gar nicht dem Bedarf entsprechen.

Leichte Beute des Kapitalismus

Eine mir nahestehende Verwandte älteren Jahrgangs hat sich von der Telekom beispielsweise einen Handyvertrag von monatlich 50 Euro aufschwätzen lassen. Eigentlich schreibt sie unterwegs nur ab und zu eine Textnachricht und telefoniert ganz wenig. Für den teuren „Telekom Entertain Schnick Schnack“, den sie nicht richtig bedienen kann und das Festnetz löhnt sie extra. Für das Geld könnte sie sich vermutlich statt eines Telefonats persönlich mit dem Taxi zum Gesprächspartner bringen lassen. Bei der guten alten Postbehörde wäre niemand auf die Idee gekommen eine alte Dame so schamlos auszunehmen. Da hätte man einfach die Preise für alle erhöht und fertig. Ja, wo bleibt denn der technische Fortschritt bei so einer planwirtschaftlichen Lösung fragt nun der Advocatus Diaboli. Früher konnten die Menschen nicht in Echtzeit Bilder ihrer Mahlzeiten in das weltweite Netz verschicken. Weder vor noch nach dem Essen. Das mit dem Fortschritt ist ein gutes Argument. Ich bin ja auch froh, dass ich keinen Trabbi fahren muss. Behörden genießen nun mal nicht den fortschrittlichsten Ruf. Aber warum nur muss dieser technische Fortschritt von ahnungslosen Großeltern und sonstigen Leichtgläubigen finanziert werden? Der leichten Beute im konkurrenzgetriebenen Kapitalismus. Die Telekom ist ein schönes Beispiel für den Wandel der behäbigen Bonner Republik zur heutigen schnelllebigen Berliner Republik. Dem ein oder anderen ist bei allen Effizienzgedanken und stetig steigender Selbstverantwortung, der Sinn fürs Gemeinwohl abhandengekommen. Krankenhäuser als Wirtschaftsbetriebe sind heute selbstverständlich und Wohlfahrtspflege unter Leistungsgesichtspunkten gesellschaftlich akzeptiert. Öffentliche Verkehrsmittel? Auf dem Land seit Jahrzehnten ein Trauerspiel. Welche staatlichen Aufgaben werden zukünftig noch unter rein ökonomischen Gesichtspunkten organisiert. Sicherheit? Warum nicht. „Hier spricht der automatische Polizeinotruf. Bitte geben Sie Ihre Kreditkartennummer ein und wir senden Ihnen umgehend eine Streife.“ Bildung? „Da Ihr Sohn unterdurchschnittlich intelligent ist zahlt sich eine teure Schulausbildung höchstwahrscheinlich nicht wieder aus und wir sehen von einer Einschulung ab. Mit freundlichen Grüßen Mc Kindly Beratungsgesellschaft im Auftrag des Bildungsministeriums.“

Die Sozialdemokratie ist tot, lang lebe die Sozaldemokratie!

Ich muss jetzt leider Schluss machen mit meinem kulturpessimistischen Beitrag. Bevor ich jetzt in das privatisierte Schwimmbad meiner Jugend gehe, dass sich für den doppelten Eintritt zwar kaum zum Schwimmen aber wenigstens zum spaßigen Planschen eignet, werde ich eine politische Partei gründen. Eine Partei, die innerhalb des kapitalistischen Wirtschaftssystems für eine solidarische Durchsetzung staatlicher Kernaufgaben wie Existenzsicherung, Gesundheit, Bildung und Sicherheit widmet. Das wird eine Partei sein, die jeder lieben wird. Da es sich um irgendwie sozialdemokratisch klingende Themen handelt, werde ich sie Sozialdemokratische Partei Deutschlands nennen. Ich werde allerdings noch etwas warten müssen, bis sich die Splitterpartei, die diesen Namen bislang trägt, aufgelöst hat oder den Mut findet zu ihren Wurzeln zurückzukehren.

 

 

5 Kommentare zu „Vom ineffizienten Telefonieren in der Bonner Republik“

  1. Wir haben das alles nicht vergessen. Auch dass es Allgemeingüter gibt, Genossenschaftswohnungen, Zugfahrtkarten zum selben Preis und Plätze, wo jeder sitzen, ja auch schlafen, konnte ohne zu konsumieren. Ich fürchte nur immer, dass es sich so anhört, als ob Oma vom Krieg erzählt.

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    1. Hallo willkommen auf meinem Blog. So Kriegsgeschichten meiner Großeltern hatten immer eine gewisse Dramaturgie. In sofern wäre es dann ja nicht das Schlechteste, wenn unsere Geschichten auch Jüngere noch fesseln könnten. Aber Du meinst vermutlich die Märchenonkel mit der Moralkeule. Da schalte ich dann auch schnell auf Durchzug.

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