Obdachlosenlager mit Deutschlandfahne

Donalds Zwangsräumung

Wir haben einen neuen Auftrag herein bekommen. Die Begleitung einer anstehenden Wohnungsräumung zum 20 Januar 2021. Es scheint mir ein recht komplizierter Fall zu sein. Der Mann ist schon über 70 Jahre und wohnt mit seiner Familie in einer Dienstwohnung. Er ist entlassen worden und kann das nicht fassen. Das ist wirklich eine tragische Geschichte. Unser Auftraggeber, das Sozialamt Washington, vermutet eine narzisstische Persönlichkeitsstörung. Diese Leute sind für ihr Umfeld immer besonders anstrengend. Es dreht sich immer alles nur um sie. Die Meinungen und Bedürfnisse anderer Menschen können sie nicht wahrnehmen. Sie sind der Mittelpunkt des Universums. Es handelt sich oft um Personen, die in leitenden Positionen tätig sind. Sie sind mit dieser sozialen Störung geradezu geschaffen für diese Anforderungen. Vorgegebene Ziele müssen sie unter allen Umständen durchsetzen, auch gegen den Widerstand ihrer Untergebenen. So können sie jahrelang trotz ihrer psychischen Erkrankung eine hohe Funktionalität an den Tag legen. Sie selbst und nähere Familienangehörige leiden aber häufig sehr. Wutanfälle und Beziehungsabbrüche sind an der Tagesordnung. Meistens kommt es zu Scheidungen und sozialer Isolation. Das scheint in dem aktuellen Fall aber nicht so zu sein. Obwohl es Gerüchte gibt, dass der Klient zuletzt mit einem Double seiner Ehefrau zu offiziellen Terminen gegangen ist, da diese ihn nicht mehr ertragen konnte.

Gerüchte und Geschwätz interessieren mich bei meiner Arbeit aber nicht. Ich muss das aus professioneller Sicht betrachten und meine eigenen Emotionen zurückstellen. Wichtig ist welchen Hilfebedarf der Mensch hat und wie er unterstützt werden kann nicht obdachlos zu werden. Mein Auftraggeber möchte vor allem eine Einschätzung der Einkommenssituation. Der Klient weigert sich hartnäckig seine Steuererklärung vorzulegen. Er besitzt zwar nach eigenen Angaben mehrere Immobilien, doch fordert die die Deutsche Bank 3 Milliarden Euro an Krediten zurück. Es ist durchaus möglich, dass der Mann bedürftig ist. Bis das geklärt ist müssen wir eine Übergangsunterkunft für ihn organisieren. Die nächste Frage ist welche Art der Betreuung notwendig ist. Bislang schien der Mann viele Berater und Betreuer gehabt zu haben, die es aber nicht lange bei ihm ausgehalten haben. Meine Erfahrung mit persönlichkeitsgestörten Menschen ist, dass diese keine sehr enge Betreuung dauerhaft zulassen. Anfängliche Erfolge in der Beziehungsarbeit werden durch die egozentrische Sichtweise auf die Welt zugrunde gerichtet. Nur die eigene Sichtweise zählt und für Misserfolge werden andere verantwortlich gemacht. Wie oft war ich am Ende Schuld am Scheitern des Hilfeprozesses. In solchen Fällen helfen professionelle Distanz, Transparenz und Verbindlichkeit.

Es führt nichts darum herum dem Mann mal einen Hausbesuch abzustatten. Adresse: Weißes Haus in Washington. Das ist ja noch schlimmer als mit öffentlichen Verkehrsmittel nach Frankfurt Sindlingen zu fahren. Was soll’s, die Fahrtzeit ist zum Glück Arbeitszeit. Im persönlichen Gespräch gewinnt man den besten Eindruck, ob jemand in einer Unterkunft tragbar ist und welche Vorstellungen er überhaupt hat. Auch ein Blick auf das Wohnumfeld sagt einem viel über die vorhandenen Ressourcen und Defizite. Wenn es im Oval Office aussieht wie im Saustall, kann man davon ausgehen, dass in der Unterkunft Hilfe in hauswirtschaftlichen Angelegenheiten notwendig sein wird. Wenn jemand die drohende Zwangsräumung negiert und überhaupt nicht in der Lage ist sich mit möglichen Veränderung auseinanderzusetzen, wird es sehr schwierig zu dem Menschen durchzudringen. Das scheint hier vermutlich auch der Fall zu sein. Letztendlich organisieren wir dann eine Unterbringung ohne Mitwirkung des Betroffenen. Eine betreute Einrichtung, die mit schwierigen Klientel umgehen kann wäre in diesem Fall sicher das beste. Die Wutanfälle und die Realitätsverweigerung stellen allerdings jeden Sozialdienst auf eine harte Probe. Ohne klare Ansagen und den ständigen Verweis auf allgemeine Regeln des menschlichen Zusammenlebens geht es nicht. Menschen, die unter Psychosen leiden brauchen mehr Zuwendung und weniger Druck. Das ist hier aber nicht der Fall. Hier scheint mir eher ein Erziehungsversagen in Kombination mit einem schwierigen sozialen Umfeld vorzuliegen. Als Kind schon Millionär zu sein und immer alles zu bekommen was man möchte, ist sehr grausam. Der kleine Donald lebte in einem Elfenbeinturm und bekam nie die Möglichkeit sich an der Realität zu reiben. Sein Bruder ist Gerüchten zur Folge an dieser Situation zugrunde gegangen und Alkoholiker geworden. Der kleine Donald hat mit schweren Störungen überlebt. All das muss man beachten bevor man über einem Menschen urteilt.

Die Räumung selbst wird spannend. Man munkelt, dass Donald nicht freiwillig aus dem Weißen Haus ausziehen wird. Falls Waffen im Spiel sind wird wohl gleich ein Sondereinsatzkommando hinzugezogen. Das hatten wir erst einmal bei einem bekannten Gewalttäter. Die Androhung von Gewalt und deren Anwendung sind aber zwei paar Schuhe. Wahrscheinlich wird es ausreichen, wenn ein Schlosser die Türe öffnet und der Gerichtsvollzieher, den tobenden Donald mit Hilfe einer Polizeistreife aus dem Haus führen lässt. Wir halten uns immer bewusst im Hintergrund und warten quasi bis die Obdachlosigkeit eingetreten ist, um anschließend eine Begleitung in eine Unterkunft anzubieten. Das verhindert, dass wir für den Wohnungsverlust verantwortlich gemacht werden. Aber was rede ich schon so voreilig. Vielleicht empfängt uns Donald zum Kaffee und wir können gemeinsam mit ihm eine Zukunftsperspektive erarbeiten. Vortragsreisender oder Rentner wären zum Beispiel angemessene Optionen für Altpräsidenten. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

22 Kommentare zu „Donalds Zwangsräumung“

  1. Boah, mit diesem Beitrag samt aktuellem Hintergrund übertriffst du dich mal wieder selbst. Bringst all deine Erfahrung und dein Hintergrundwissen ein, bringst die Dinge messerscharf auf den Punkt und bist emotional dennoch in der professionellen Distanz, ohne die du deine tatsächliche Arbeit nicht tun könntest. Ich bin schwer beeindruckt 🧎🏽‍♀️👍🏼

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      1. Nun ja, momentan finde ich, dass ich oft genug und erschöpfend gelesen habe, was Donald wie sieht. Jedwede innere Empörung bringt da so gar nichts! (aus Gründen, die du hier sehr gut darstellst)
        Ich bin dankbar um jeden neuen Ton aus dieser Ecke und Schweigen der altbekannten Töne 😌 Ich hoffe, das bleibt weitgehend so.

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  2. Prima! 😀
    Dazu habe ich vor ein oder zwei Tagen eine amuesante Glosse im Magazin „Politico“ gelesen, in der spekuliert wurde, wie man Trump das Leben nach dem 20. Januar schmackhaft machen koennte, und da wurde an Napoleon erinnert, den man ja nach Elba geschickt hat, wo er sich wohl als „Herrscher von Elba“ fuehlen konnte. In diesem Zusammenhang wurde spekuliert, welche Insel fuer Donald infrage kaeme. Viele wurden verworfen, und am Schluss kam dieses:
    „Consider the charms of Bikini Atoll, in the Marshall Islands. It is currently uninhabited, so giving it to Trump would not involve having to expel any residents. True, it still has dangerous levels of radioactivity from the 23 nuclear tests conducted there from 1946 to 1958. But for Trump, who boasted that he was a “perfect physical specimen” after he survived his bout with Covid-19, and who has legendary disdain for scientists and their expertise, surely a little radioactive strontium and cesium would not pose a problem. Nor would the threat of rising seas to the low-lying atoll bother someone who thinks of global warming as a hoax. Trump, of course, would find it difficult to resist ruling a place named “Bikini,” and the tropical climate might remind him of Mar-a-Lago.“
    Der gesamte Artikel findet sich hier:
    https://www.politico.com/news/magazine/2020/11/13/donald-trump-political-exile-napoleon-436439

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      1. Natuerlich ist dieser Vergleich sehr gewagt und (zu) weit hergeholt. Aber er ist ja auch nicht ernst gemeint, sondern dient nur als Ausgangspunkt, einmal fuer die sarkastische Idee, ihn auf das Bikini-Atoll zu schicken, und zum anderen fuer die Warnung, er koenne – wie eben Napoleon – wieder kommen.

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