Wohnung, die schulterhoch mit Müll voll ist

Alles für die Katz Teil 8

Was bisher geschah Teil 7

Hinter einer Biegung entdeckte Thomas eine offene Bürotür. Als Thomas hinein lunste, sah er einen dunkelhaarigen Mann mit mächtigem Schnauzbart genüsslich eine Zigarette rauchen. Er schrak kurz zusammen als er Thomas entdeckte, aber fing sich bemerkenswert schnell wieder. „Entschuldigen sie ich suche das Paar Schaffernicht- Feyerabend. Ich bin angemeldet“ erklärte Thomas geflissentlich. „Kein Problem. Folgen Sie mir“, antwortete der Mann während er aufsprang, seine Schlüssel suchte und sein Büro absperrte. „Sie können mir auch den Weg erklären“, bot Thomas an. Er führte seine Hausbesuche am liebsten ohne Vermieter oder Hausbesitzer durch. Man wurde sonst schnell als deren Verbündeter angesehen und das konnte den Beziehungsaufbau erschweren. Als der Mann jedoch lapidar antwortete: „Zu kompliziert“, ließ ihn Thomas gewähren. Nachdem sie mehrere Gänge und Ebenen durchquert hatten, war er seinem Führer regelrecht dankbar, dass dieser keine Beschreibung des Weges versucht hatte. Ebenso dankbar war er dafür, dass es in diesem Haus offensichtlich Notausgänge gab. Zumindest waren die von außen als solches deklariert worden. Als hätte er Thomas Gedanken erraten erklärte der Mann: „Gehen Sie einfach diese Treppe hier runter und verlassen Sie das Haus über den Notausgang. Das ist ein bisschen kompliziert hier aber wir müssen die Zugänge etwas kontrollieren, sonst haben wir zu viele ungebetene Gäste. Hier wohnt das Paar“. Thomas bedankte sich und fragte, ob es irgendwelche Probleme gab. Der Mann schien zu überlegen an welcher Art Problemen Thomas interessiert war. Da fiel Thomas auf, dass er sich gar nicht vorgestellt hatte. Sein Klemmbrett schien dem Mann Ausweis genug gewesen zu sein. Er hatte bestimmt sofort an irgendein Amt gedacht als er es gesehen hatte. Jetzt fragte er sich, ob Thomas Vertreter des Gerichts, der Sozialbehörde, der Ausländerbehörde oder des Ordnungsamtes war. Polizisten, Drogendealer oder Geldeintreiber trugen für gewöhnlich kein Klemmbrett unter dem Arm. „Ich bin Sozialarbeiter“, erklärte Thomas. Der Mann mit dem mächtigen Schnauzbart schien erleichtert. Das war für ihn wohl die Variante, die am wenigsten Ärger und Arbeit für ihn verhieß. Nachdem er dem Paar absolute Problemfreiheit attestiert hatte, verabschiedet sich der Mann und stieg wieder in sein Kellerbüro hinab.

Thomas klopfte an die Türe. Nachdem nichts geschah klopfte er erneut und rief dazu sein Anliegen durch die geschlossen Türe. Nach mehreren Versuchen hörte er schließlich Herrn Schaffernicht rufen: „Moment!“ Nach etwa zehn Minuten öffnete Herr Schaffernicht die Türe. Heute trug er wieder sein fröhliches Gesicht. „Hallo Herr Leykauf. Schön, dass sie mal spontan vorbei kommen. Sabine ist nicht da. Sie ist auf Cracktour im Bahnhofsviertel. Die macht sich total kaputt.“ Verwundert stellte Thomas fest, dass es Herr Schaffernicht schaffte trotz seines fröhlichen Gesichtsausdruck traurig zu wirken. „Hat Ihnen niemand ausgerichtet, dass ich vorbei komme?“, fragte Thomas ohne wirklich neugierig auf die Antwort zu sein. Er würde sich damit abfinden müssen, dass Treffen nur zufällig zustande kamen. „Nö“, stellte Herr Schaffernicht lapidar fest. Das Zimmer schien einigermaßen ordentlich zu sein. Lediglich hier und da ein paar Kleiderhaufen. „Wie geht es Ihnen? Gab es Probleme mit Bettwanzen?“, erkundigte sich Thomas. Herr Schaffernicht sah ihn fröhlich an und antwortete: „Noch haben wir keine Probleme mit Bettwanzen. Es ist aber nur eine Frage der Zeit. Die sind doch überall. In der Straßenbahn oder im Bahnhofsviertel. Ich kenne viele Freunde die Probleme in ihren Wohnungen damit haben und die besuchen sich fleißig untereinander. Da kommt der Kammerjäger und kurz darauf der Bekannte mit der Tasche voll neuer Bettwanzen. Außerdem sitzen die in allen Ritzen und in den Wänden. In den Rollladenkasten kommt auch nicht genug Gas. Das ist doch alles zwecklos. Kann ich nicht hierbleiben? Hier ist echt klasse.“ Für Thomas klang das eher nach einer ausgeprägten Bettwanzenparanoia. Die Kammerjäger würden schon wissen was zu tun ist, beruhigte er sich. „Wenn Sie sich trennen wollen, können Sie gerne beim Sozialamt nach einer Unterbringung wie dieser fragen. Wir sollten uns nun Gedanken machen, wie das mit dem Wiedereinzug laufen soll. Es müssen neue Möbel beantragt und gekauft werden. Eine neue Küche muss eingebaut werden und die Tiere müssen geholt werden. Wie geht es den beiden denn?“ Sebastian Schaffernicht ging zum Bett, legte sich nieder und sagte: „Keine Ahnung. Wir haben sie nicht besucht. Das ist doch viel zu weit weg. Was den Umzug betrifft. Ich wurde gerne hierbleiben.“ Thomas seufzte und hielt sich an seinem Klemmbrett fest. Vielleicht hätte er doch lieber Polizist, Drogendealer oder Geldeintreiber werden sollen. Obwohl diese Berufsgruppen bestimmt ebenfalls viel frustrierendes erleben durften. „Ich habe ihnen schon mal die Anträge für neue Möbel mitgebracht. Ich komme nächste Woche um diese Zeit wieder. Frau Feyerabend soll bitte unterschreiben und fehlende Möbel ergänzen“, dozierte Thomas. Eigentlich mochte er dem Klientel nicht alle Entscheidungen und Schritte abnehmen, doch in diesem Fall würde sich ohne Unterstützung vermutlich gar nichts bewegen. So hatte er eine Liste mit Möbeln und Haushaltsgegenständen erstellt, die er für wichtig hielt. Frau Feyerabend würde sich allerdings zwingend dazu äußern müssen, sonst würde er am Ende mit Vorwürfen überschüttet werden, dass Dinge fehlen, die Frau Feyerabend für wichtig hielt. Das Spielchen kannte er zur Genüge. Wenn etwas schiefging musste immer ein Schuldiger her. Selbstkritik war nicht jedermanns Sache. Einfacher war es den ersten verfügbaren Menschen in der Umgebung verantwortlich zu machen. Und das war für viele seiner Klienten nun mal Thomas. Ein weiteres Problem war der geringe Betrag, der für die sogenannte Erstausstattung einer Wohnung zur Verfügung stand. Für 1400 Euro sollten alle wichtigen Möbel samt Küche beschafft werden. Es war ein Wunder, dass die Wohnungen der Bedürftigen überhaupt einigermaßen eingerichtet waren. Man durfte das Organisationstalent und die Selbsthilfemöglichkeiten von armen Menschen nicht unterschätzen, aber darauf konnte er sich als Sozialarbeiter nicht verlassen. Die notwendigsten Dinge würde er mit dem Paar besorgen müssen.

Fortsetzung Teil 9

5 Kommentare zu „Alles für die Katz Teil 8“

  1. es gibt so momente, da schäme ich mich, weil ich mit meinem papierkrams nicht auf dem laufenden bin oder das geschirr von gestern abend noch nicht abgespült ist oder die vorgestern gewaschene wäsche noch immer nicht im schrank. wenn ich aber das bild da oben sehe, das ja doch irgendwo gemacht worden sein muss, fühle ich mich gleich wieder im grünen bereich.

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