Archiv der Kategorie: Fortsetzungsgeschichte

Zu Tode betrübt

Drei Tage war Erik wie Hemingway durch die Bars der fremden Stadt gezogen. Der ältere Amerikaner neben ihm hatte ihm so anerkennend auf die Schultern geklopft, dass er beinahe vom Barhocker gefallen wäre. Der Ami hatte sich gefragt, wie es so ein Jungspund glaubhaft schaffte wie ein ausgebranntes altes Wrack rüberzukommen. An der Antwort schien er nicht mehr wirklich interessiert. Er suchte eher jemanden zum Anstoßen. Erik hätte ihm die Geschichte von seiner Freundin erzählen können, die sich in einen Anderen verliebt und ihn damit auf dem völlig falschen Fuß erwischt hatte. Er hätte gerne jemandem dargelegt, wie beschissen sich das anfühlte. Doch die Theke war kein Ort der großen Emotionen. Hier wurde alles mit Fusel schön weich ausgepolstert, damit nichts zerbrach. Als er aus der Türe torkelte, kam eine der Frauen des Straßenstrichs auf ihn zu und packte ihn an seinen Eiern. Reflexhaft griff er nach seinem Portemonnaie und  sah sich mit  einer Reihe brauner Zahnstummel konfrontiert als sie in einer fremden Sprache ein Angebot machte. Irgendwas lief hier gerade grundlegend schief, dachte er sich mit seiner Hand an der Geldbörse. Er riss sich los und machte sich aus dem Staub. Niemals hätte er in diese Stadt kommen sollen. Der Plan möglichst viele Kilometer zwischen sich und seine gescheiterte Beziehung zu bringen war fehlgeschlagen. Er hatte keinen Gedanken daran verschwendet, dass seine Freundin sich für andere Männer interessieren könnte.  Jetzt bemerkte er erst wie arrogant er gewesen war. Er war gänzlich aus dem Gleichgewicht gekommen und das lag nicht nur am Alkohol.

Im Morgengrauen kehrte er zu dem einzigen Menschen zurück, den er in dieser Stadt kannte. Ein alter Schulfreund, der mit seiner Zu Tode betrübt weiterlesen

Im Assessment Center

Ich hatte lange gezögert, ob ich mich dieser neuen beruflichen Herausforderung stellen sollte. Ich wollte alte Routinen überwinden und es mir nochmal beweisen, dass ich auch in anderen Bereichen den Anforderungen gewachsen war. Die Stellenausschreibung war bewusst allgemein gehalten was die geforderte Qualifikation betraf. Bei den Auswahlgesprächen stellte ich zu meiner großen Verwunderung fest, dass sich allerlei Berufsgruppen beworben hatten. Vom Metzger bis zum Geigenbauer war alles vertreten. Am ehesten hätte ich natürlich Polizisten erwartet. Doch keiner meiner Mitbewerber gab sich als solcher zu erkennen. Die Bewerberinnen und Bewerber wurden gleich an der Pforte nach Geschlechtern und Diversem getrennt. So ging es nun wie in einer Knabenschule streng von anderen Geschlechtern getrennt in die Gesprächsgruppen. Wir saßen im Stuhlkreis. Es war nicht zu unterscheiden wer Mitbewerber und wer Angehöriger der Personalabteilung war. Niemand sagte etwas und nach wenigen Minuten machte sich eine allgemeine Unruhe breit. Schließlich stand ein Mann auf und sagte: „Da es sich hier offensichtlich um eine Testsituation handelt, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um meine besondere Eignung für diese Aufgabe unter Beweis zu stellen. Situationen wie diese bedürfen der Eigenverantwortung und Führungsstärke. Ich als Betriebswirt kann die notwendige Effizienz am..“ Ein weiterer Herr unterbrach ihn unwirsch: „Aufgrund welcher Rechtsgrundlage ergreifen Sie hier ungefragt das Wort? Ich als Jurist…“ „Bitte meine Herren. Ich schlage vor wir lösen das Problem demokratisch“, schlug ein Oberstudienrat mit Erfahrung im Ortsbeirat vor. „Die Unterstützer des Betriebswirtes erheben sich bitte wenn dieser das Wort ergreifen soll.“ Einige Männer standen auf. „Und nun bitte die Unterstützer des Betriebswirtes.“ Weitere Männer erhoben sich. Da nun nicht mehr genau zu erkennen war, wer wen unterstützt machte sich ratloses Gemurmel breit.  Der Betriebswirt stieg auf einen Stuhl und forderte seine Unterstützer auf dasselbe zu tun.  Etwa die Hälfte der Anwesenden stieg auf ihre Stühle, wobei ein Physiotherapeut abrutschte und krachend zu Boden fiel. Der Jurist eilte zu ihm, da er Im Assessment Center weiterlesen

Das Leben des Herrn Altmann (zweiter Teil)

Was bisher gesah: Erster Teil 

Die Gefahr der Geheimlogen

Der einzige der Giselher verstand war sein Zwillingsbruder. Er hatte durch eine Burschenschaft Kontakt mit ganz neuen Ideen bekommen. Die Geheimlogen steuerten schon seit Jahrhunderten die Geschicke der Menschheit mittels geheimer Codes. Selbst Napoleon hatte sich mit ihnen eingelassen. Heute steuerten die Logen in Amerika die Weltgeschichte. Er wollte sich fortan der Aufklärung gegen die unseligen Verschwörungen widmen. Doch er musste vorsichtig sein. Oft schlug ihm bei Diskussionen unvermittelter Hass entgegen von Menschen, die er auf seiner Seite wähnte. Er liebte die Menschen und wollte sie beharrlich vom drohenden Untergang schützen. Mit seinen Exkursionen in die systematische Theologie konnte er einige Suchende für sich gewinnen. Keiner wollte ihm aber in seinem Kampf gegen den Niedergang der deutschen Kultur folgen. Als sein Bruder schon an seiner Promovierung arbeitete und kurz vor seiner Hochzeit stand, hatte er immer noch keine Abschlussarbeit geschrieben. Sein Vater machte Druck und seine Mutter schien ernstlich besorgt, dass er keine Familie gründen wollte. Er wollte sie nicht enttäuschen und absolvierte in einem gewaltigen Kraftakt seine Prüfungen. Sein Professor sprach eigens eine Belobigung für seine unkonventionellen Ansätze in der Theorie der Blickwinkel aus. Anschließend trat er seine erste Anstellung als Theologie- und Lateinlehrer in einem Gymnasium an. Mit Begeisterung versuchte er die Schülerinnen und Schüler zu frei denkenden Menschen zu erziehen. Einigen gefiel sein Engagement und seine Kritik an den herrschenden Meinungen und Ansichten. Die meisten wollten allerdings nur mit möglichst wenig Aufwand durch den Unterricht kommen und saßen ihre Zeit ab. Im Lateinunterricht liebte er die systematische Grammatik in der ihm keiner das Wasser reichen konnte. Nahe kam er trotz allen Bemühungen keinem Menschen. Wer ihm zuhörte bekam lange Vorträge über Theologie und den Überlebenskampf der deutschen Nation zu hören. Er litt unter Das Leben des Herrn Altmann (zweiter Teil) weiterlesen

Das Leben des Herrn Altmann

Krieg als Normalzustand

Giselher kannte bislang nur den Krieg. Er war sieben Jahre alt und der Kriegszustand war etwas alltägliches. Er kannte nichts anderes. Krieg bedeutete für ihn nicht Kampf, sondern Verzicht. Jeden Tag aß Giselher mit seiner Mutter und seinen beiden Brüdern nur eine dünne Getreidesuppe. Die Erntezeit war noch lange nicht in Sicht und frisches Obst war nur eine ferne Sehnsucht. Seine Mutter war sehr sparsam und hielt immer ein paar Lebensmittelmarken zurück. Es lag ihr einfach im Blut etwas für Notzeiten zurückzuhalten. Es herrschte zwar Not aber niemand klagte. Mutters Lichtblicke waren die Feldpostbriefe seines Vaters. Für ihn und seinen Zwillingsbruder waren es die Wanderungen in den umliegenden Wäldern und Feldern. Sie lieferten sich regelrechte Wettstreite im Erkennen von Vogelstimmen. Hier konnten sie Kinder sein. Nur ab und zu rissen sie die englischen Flugzeuge aus ihrem Spiel. Seit einiger Zeit flogen sie nicht nur nachts, sondern auch am taghellen Himmel über sie hinweg. „Macht Euch keine Sorgen. Alles wird gut“, pflegte sein Onkel Heinrich dann zu sagen. Er war schon über achtzig und einer der wenigen Männer in der ländlichen Siedlung. Wegen eines Hüftschadens wurde er nicht mehr mit den anderen Alten und Heranwachsenden als Volkssturm zur nahenden Front geschickt. Heinrich war ein gutmütiger Mann, der die Kinder immer aufmunterte. „Biste traurig? Kriegst nen Pfennig für ein Lachen“, war einer seiner bewährtesten Witzchen, die die Jungs immer wieder zum Lachen brachte und die sorgenvolle Umgebung vergessen ließ. Sie glaubten, dass sich alles zum Besseren wenden würde, bis sein großer Bruder auf dem Weg zur Schule von einem Das Leben des Herrn Altmann weiterlesen