Hasenfiguren bis zu den Ohren im Schnee versunken

Herr Heitschmanns verschwinden

Es muss irgendwann Ende der siebziger Jahre gewesen sein als Herr Heitschmann aus meinem Leben verschwand. Nicht, dass er mir besonders nahe gestanden hätte. Ganz im Gegenteil, eigentlich wusste ich kaum etwas über ihn. Er war lediglich mein Nachbar. Ich war gerade eingeschult worden und meine Welt war glücklicherweise entsprechend übersichtlich. Es gab meine Mitschülerinnen und Mitschüler, die wir damals Schulkameraden nannten, meine Lehrerin und meine Familie. Und dann gab es noch die Menschen, die man zufällig traf wenn man vor die Haustüre trat. Einer von Ihnen war Herr Heitschmann. Herr Heitschmann war ein Erwachsener, wie jeder andere. Er gehörte weder zu der Sorte Erwachsener, die herum meckerte, noch zu denen, die den Kindern etwas schenkte. Folglich war er für uns  völlig uninteressant, genau wie die meisten anderen Erwachsenen auch. Sie hatte man lediglich brav auf dem Hof zu grüßen, um keinen Unmut auf sich zu ziehen. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, dass Herrn Heitschmann etwas fehlte oder dass er sogar etwas zuviel haben könnte. Mir wäre auch nie in den Sinn gekommen, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Bis zu dem Zeitpunkt als er voller Panik um Hilfe rief.

Gewalt ohne Musik

Es muss eine warme Jahreszeit gewesen sein, denn ich schlief mit gekipptem Fenster. Draußen auf der Straße schrie jemand in einer Art, die ich niemals zuvor gehört hatte. Dieser Mann kämpfte wahrhaftig um sein Leben. Er schrie schrill und forderte Hilfe bei seinem Überlebenskampf. Gewalt kannte ich aus dem Fernsehen zur Genüge. Sie wurde durch spannungsgeladene Musik angekündigt und je nach Ausgang des Gewaltaktes mit harmonischer oder trauriger Musik beendet. Diese musikstille Gewalt traf mich völlig unvorbereitet. Ich wusste sie nicht einzuordnen. Ich lief zu meiner Mutter. Sie tröstete mich. Es sei alles in Ordnung. Herr Heitschmann sei lediglich abgeholt worden. Es sei zu seinem Besten gewesen, denn er sei krank. Er sei nun in einem geschlossenen Krankenhaus. Die Polizei müsse man nicht rufen, denn sie sei bereits dabei gewesen. Da die Welt vollkommen normal weiterzulaufen schien, beschloss ich, ihr weiterhin ebenso normal zu folgen. Die Fragen, die dieser Einbruch in meine kleine heile Welt aufwarf, forderten jedoch ab und an nach einer Beantwortung.

Diagnose: Schon immer etwas komisch

Die Krankheit, die Herr Heitschmann hatte und wegen der man offensichtlich auf äußerst unangenehme Weise abgeholt werden konnte, hatte keinen Namen. Es ist auch möglich, dass der Name kompliziert klang und ich ihn mir die Erklärung deshalb nicht merken konnte. Hängen blieb, dass Herr Heitschmann schon immer etwas komisch gewesen sei. Auf bohrende Fragen, erläuterte mir mein Vater, dass Herr Heitschmann ein arbeitsloser Lehrer sei. Studierte Menschen waren meinem Vater per se ein Dorn im Auge. In seiner Welt waren sie überbezahlt und unfähig etwas mit eigenen Händen zu erschaffen. Arbeitslose waren schlichtweg Drückeberger, wenn sie nicht wenigstens eine amputierte Gliedmaße hatten. Herr Heitschmann hatte ein abgeschlossenes Studium und verfügte noch über alle seine Extremitäten. Im Ansehen meines Vaters rangierte er folglich weit unten. Herr Heitschmann hatte beispielsweise einen Kasten mit Mineralwasser über Nacht im Kofferraum seines Wagens stehen gelassen, obwohl es Winter war. Das Ergebnis war ein Scherbenhaufen aufgrund geplatzter Glasflaschen. Über diese Dummheit eines studierten Menschen mussten meine Eltern herzlich lachen. Das sich Wasser bei Frost ausdehnte und Glasflaschen zerstören konnte war mir damals noch neu. Ich hatte glücklicherweise meine Eltern, die mich über drohende Unglücke dieser Art aufklären konnte. Doch was war mit Herrn Heitschmann, hatte er keine Eltern gehabt, die ihn vor Unglück bewahrten? Niemals wollte ich fortan Getränkekisten dem Frost aussetzen, um nicht doch eines Tages das Schicksal mit Herrn Heitschmann teilen zu müssen. Ich wollte nicht abgeholt werden. Schon weit vor dem Abschluss meines Sozialpädagogikstudiums ahnte ich, dass geplatzte Wasserflaschen alleine kein Grund für eine Einweisung in die geschlossene Psychiatrie sein konnten. Deshalb fragte ich weiter. Ich erfuhr, dass Herr Heitschmann alleine lebte. Das war mit bislang entgangen und eine Abweichung zu meiner damaligen bekannten Normalität. Ein Mann lebte für gewöhnlich mit einer Frau zusammen. Das Paar hatte Kinder oder einen Hund. Frau Agatay aus dem zweiten Stock hatte keinen Mann aber einen Sohn. Mit ihm spielte ich gerne ausgiebig im Sandkasten. Als Erklärung für die Abwesenheit von Herrn Agatay wurde im Hause angeführt, dass dieser halt Ausländer sei. Mir reichte diese Erklärung. Ausländer befanden sich logischerweise im Ausland. Meinem Sandkastenfreund, schien sein Vater allerdings manchmal zu fehlen. Das fand ich Schade. Herr Heitschmann hatte keine Ausländerin geheiratet. Er war ledig. Für diesen Umstand gab es im Haus nur zwei mögliche Erklärungen. Die erste führte zu belustigtem Grinsen, die zweite zu ernsten bis besorgten Gesichtsausdrücken. Wenn ein Mann alleine lebte, machte er sich entweder nichts aus Frauen oder er hatte keine abbekommen. Die Vorstellung, dass ein Mann keine Frauen, sondern andere Männer mag, erfreute alle Erwachsenen. Bei diesem Thema wurde gekichert und scheinbar lustige Sachen erzählt, die ich nicht verstand. Herr Heitschmann schien eher der zweiten Kategorie anzugehören. Ein Mann der nichts mit seinen Händen anfertigen konnte und seine Wasserflaschen platzen ließ bekam keine Frau ab. Das war in der Tat besorgniserregend.

Konsequenzen ziehen oder Normal sein kann anstrengen

Jede Frage hatte eine Fülle von verwirrenden Antworten hervorgebracht, die immer neue Fragen aufwarfen. Die neuen Fakten mussten in mein kleines Weltbild eingespeist werden. Es wuchs. Menschen, die studierten und trotzdem arbeitslos waren, ihre Wasserflaschen platzen ließen und keine Frau hatten, waren irgendwie komisch. Sie liefen Gefahr abgeholt zu werden. Mir erschien es sicherer, normal zu sein und nicht komisch. Mit ein wenig Anstrengung sollte es mir sicherlich gelingen später mal eine Arbeit zu finden, zu heiraten und intakte Glasflaschen zu besitzen.

Herrn Heitschmann habe ich nie wieder gesehen. Ich habe auch nie wieder etwas von ihm gehört. Auch die Hausgemeinschaft, die immer gut informiert über die Nachbarschaft war, brachte keine Gerüchte hervor. Niemand schien ihn besucht zu haben oder sich für sein weiteres Schicksal zu interessieren. Er ist einfach verschwunden. Nur durch meine Erinnerungen spuckt er noch manchmal. Verrückt.

10 Kommentare zu „Herr Heitschmanns verschwinden“

  1. Ich finde es schön, dass Herr Heitschmann, für den sich niemand interessierte nun wenigstens hier in deiner Erzählung zurückkommt und für die Leser für ein paar Augenblicke präsent ist. Es berührt mich, dass ein Mensch einfach verschwinden kann. Auch wenn man vielleicht nicht weiß ob er nicht doch von irgend jemanden besucht wurde, glaube ich dass auch heute viele Menschen manchmal einfach verschwinden und niemand nach ihnen fragt. Traurig.

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