Existenz im Höllenkreis? V

Abschied

Der neue Friedhof lag weit vor den Toren der Stadt. Um ihn zu erreichen musste Thomas die Buslinie nehmen, die in die Nachbarstadt fuhr. Er hatte viele ablehnende Kommentare über den neuen Friedhof gelesen und gehört. Kein stolzer Bürger dieser Stadt wollte in der weit ärmeren und ländlichen Provinzstadt in der Nachbarschaft begraben werden. Wer es sich leisten konnte beanspruchte einen teureren aber weit exklusiveren Platz auf den alten ehrwürdigen Friedhöfen. Das Begräbnis von Olaf wurde allerdings vom Amt bezahlt. Dort wollte man es möglichst billig abwickeln. Im letzten Jahr wäre Olaf noch in ein weit entferntes Bundesland transportiert worden, da die Begräbnisse dort trotz der höheren Transportkosten immer noch billiger waren. Es war ein bisschen wie mit den Nordseekrabben, die zum Puhlen nach Marokko gekarrt wurden und anschließend wieder auf unserem Brot landeten. Ein Sturm der Entrüstung war durch die Presse gegangen als der jahrelang praktizierte Beerdigungstourismus publik wurde. Jetzt wurden die armen Bürgerinnen und Bürger dieser Stadt am Rande der benachbarten Provinzstadt beerdigt.

Der riesige Parkplatz war fast leer. Der Friedhof lag auf einer Anhöhe inmitten von Feldern. Thomas durchschritt das Tor der neuen weißen Mauer, die das Gelände großzügig einfasste. Hinter der Mauer war eigentlich auch nur Feld. Eine riesige Wiese wurde von einem asphaltierten Weg durchschnitten, der auf eine moderne Trauerhalle zuführte. Es war ideales Beerdigungswetter. Grau, trist, feucht kalt und windig. Thomas kam sich ein wenig vor wie auf dem Mond. Keine Menschenseele weit und breit. Die moderne Trauerhalle wirkte wie ein gelandetes Raumschiff auf ihn. Hoffentlich hatte er sich nicht im Tag geirrt. Wochenlang hatte er Existenz im Höllenkreis? V weiterlesen

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Existenz im Höllenkreis? IV

Die Heimkehr

„Hier zieh das über“, sagte der dicke Fahrer des Krankentransporters zu seinem Kollegen und reichte ihm ein paar Plastiküberzieher für dessen Schuhe. „Hier gibt es Kakerlaken und im Flur ist alles vollgeschissen. Auf die Spritzen musst Du auch achten. Bloß nicht reintreten, sonst hast Du gleich Aids oder Hepatitis. Wenigstens ist es dann ein Arbeitsunfall und Du bekommst eine fette Rente von der Berufsgenossenschaft.“ Er lachte als einziger ausgiebig über seinen Witz und fuhr fort: „Das ist voll asozial hier. Hier gibt es einen Spinner, der immer epileptische Anfälle bekommt und nach dem Aufwachen alle Leute verprügelt, die ihm in die Quere kommen. Die Jungs von der Rettung fahren hier nur noch mit Polizeischutz hin.“ Der junge Beifahrer schien freudig erregt. In seinem jungen Leben war scheinbar noch nicht sonderlich viel Aufregendes passiert. Er schaute auf das hohe schmucklose Gebäude mit einem Gesichtsausdruck, der besser zu einem Rummelplatzbesucher gepasst hätte, der gleich in eine Achterbahn steigen darf. Irgendwie schien ihn plötzlich der Mut zu verlassen und er fragte: „Können wir ihn nicht einfach vor der Tür abladen?“ Er zeigte mit dem Finger auf Thomas, der in einem Rollstuhl zwischen den beiden Männern saß. „Ich kann Sie übrigens hören. In einem Rollstuhl zu sitzen, bedeutet nicht zwangsläufig gleichzeitig schwerhörig zu sein“, äußerte sich Thomas leicht säuerlich. Die Existenz im Höllenkreis? IV weiterlesen

Existenz im Höllenkreis? III

Thomas erwachte in einem ihm unbekannten Raum mit Neonröhren. Er schien in einer Klinik zu sein. Sein Schädel brummte und er konnte seinen Arm nicht bewegen. Er versuchte sich umzusehen, doch jede Bewegung verursachte zu viele Schmerzen. Er wusste nicht mehr recht was Traum und Wirklichkeit war. Viele Menschen hatten an ihm herumgezogen. Er war in einem Kessel mit kochenden Wasser geworfen worden. Hexen und kleine Männer mit schmutzigen Bademänteln waren um ihn herumgetanzt. Sie hatten gelacht. Es war die Hölle gewesen. Er versuchte zu atmen und ein stechender Schmerz fuhr durch seine Lunge. Sofort hielt er den Atem an. Eine Frau in einem weißen Kittel eilte herbei, sah an ihm vorbei auf einen Monitor und rief unwirsch: „Atmen Sie!“ Er tat einen tiefen schmerzhaften Atemzug. Erschöpft viel er wieder in seinen Dämmerzustand. Als er erneut erwachte fielen ihm die vielen Schläuche an seinem Körper und der Verband um seinen rechten Arm hoch bis zur Schulter auf. Ein großer Schlauch schien direkt in seinem Brustkorb zu verschwinden. Er führte zu einer röchelnden Maschine. Was hatten sie alles in ihn hineingesteckt? Gehörte dieser Körper noch zu ihm? Er fühlte sich merkwürdig entgrenzt. Saugten die Maschinen etwas aus ihm heraus oder gaben sie ihm etwas? Er fühlte sich nicht mehr als Ganzes. „Guten Tag. Mein Name ist Dr. Müller. Sie hatten einen Unfall. Erinnern sie sich an ihren Namen?“, fragte ein junger Mann, der an sein Bett getreten war. „Ja“, antwortete Thomas leise. Jeder Atemzug bereitete ihm Schmerzen. „Wissen Sie welcher Tag heute ist?“, fragte der Arzt geschäftsmäßig weiter. „Ja“, antwortete Thomas. Dr. Müller sah ihn an, leuchtet mit einem Licht in seine Augen und fragte schließlich: „Was haben sie gestern zu Mittag gegessen?“. „ Pasta“, antwortete Thomas. „Ich esse meistens Pasta. Das ist gut und günstig“, hätte er noch gerne hinzugefügt aber seine Kraft reichte irgendwie nicht aus. Er würde in ein Dreibettzimmer geschoben in dem ein alter grauer Mann lag. Seine Augen waren geschlossen, die Wangen eingefallen und die Haut Wachsfarben. Hätte ein Kranz auf seinem Bett gelegen, wäre das Bild einer Aufbahrung perfekt gewesen. Ein weiterer Mann zog sich gerade einen Pullover an und wurde von einer Frau mit Dauerwelle dabei unterstützt. „Elfriede kommt morgen zum Kaffee. Sie freut sich auf das alles gut verlaufen ist“, sagte sie während sie dem Mann den Pullover zurecht zog und imaginäre Fussel von der Schulter wedelte. Der Mann brummte nur wenig begeistert und ließ sich in die Jacke helfen. Die Frau, die so breit wie hoch schien, schnappte sich den Rollkoffer, der neben dem Bett stand, hakte sich bei dem Mann unter und marschierte nach draußen. Widerwillig folgte ihr der Mann. Thomas hätte liebend gerne mit ihm getauscht. Weder wegen der resoluten Ehefrau noch dem drohenden Kaffeekränzchen, sondern einzig und allein wegen der Aussicht auf eine Entlassung. Als die Beiden das Zimmer mit einem Gruß und Besserungswünschen verlassen hatten, warf Thomas noch einen Blick auf seinen aufgebahrten Nachbarn. „Schlimmer geht immer“, dachte er sich und beschloss nicht weiter mit seinem Schicksal zu hadern. Er dämmerte wieder weg und wurde durch ein herzzerreißendes Schluchzen aufgeweckt. Eine gutgekleidete adrette Frau mittleren Alters mit verweinten Augen schnäuzte sich ausgiebig in ein Taschentuch. Sie saß neben seinem Bett und hielt die Hand seines Bettnachbarn. Dieser hatte die Augen geöffnet und starrte mit leeren Blick auf einen Punkt über der Frau, Hinter ihr standen zwei halbwüchsige Jungen. Einem schien das Verhalten der Frau, die vermutlich seine Mutter war, fürchterlich peinlich zu sein. Der Andere etwas ältere konnte seine Langeweile nur mühsam verbergen. Er lugte mehrmals interessiert zu Thomas hinüber. Als die Existenz im Höllenkreis? III weiterlesen

Existenz im Höllenkreis? II

„Spritzen Sie?“, fragte ihn die alte Dame und Thomas verneinte vehement. Beide fanden das in dem Moment vollkommen normal, da er kurz vorher zu ihr ins Schwimmbecken gestiegen war und sie anschließend fragte, ob sie sich eine Bahn teilen könnte. Er bemühte sich redlich beim Schwimmen ihre weiße Haarpracht nicht zu befeuchten. Die Frage amüsierte ihn jedoch zunehmend und er dachte sich diverse passende und unpassende Antworten aus, die er hätte geben können. Am schlagfertigsten wäre sicher gewesen „Nur nach Aufforderung“, zu antworten. Aber das mit dem Humor war ja auch so eine Angelegenheit. Er war nicht überall in der ähnlichen Ausprägung verbreitet. Außerdem fielen ihm die besten Pointen meistens erst zu spät ein. Die menschliche Kommunikation war sowieso voller Fallstricke, wenn die Botschaft nicht klar und deutlich formuliert wurde. Er hatte beispielsweise zu seinem Nachbarn Olaf beiläufig nach dessen Hustenanfall gesagt: „Ich würde mal zum Arzt gehen und ein Rezept holen.“ Dieser hatte ihm sofort seine Krankenkassenkarte in die Hand gedrückt und sich mit dem Hinweis bedankt: „Die kennen mich dort“. Er hätte besser „an Deiner Stelle“ hinzufügen sollen aber es war bereits zu spät gewesen. Also hatte er für seinen krebskranken Nachbarn mal wieder einen Botengang erledigt. Es gab allerdings schlimmeres, als Hilfe zu leisten und sich dadurch wenigstens etwas Bedeutung zu geben. Als Hartz 4 Empfänger fehlte es ihm definitiv an Anerkennung. Vielleicht würde er doch wieder arbeiten können, wenn sich seine gesundheitliche Situation weiterhin so stabil verhielt?  Thomas hatte sich in seiner Wohnung eingelebt und an die Unruhe im Haus gewöhnt. Das wichtigste war jedoch, dass er seit dem Einzug in seine neue Wohnung nicht mehr von dem Unbekannten bestrahlt wurde. Nach dem Schwimmen besuchte er die Filiale der städtischen Bücherei im benachbarten Stadtteil, um sich mit dem Bestand an klassischer Musik vertraut zu machen. Bücher und Zeitschriften interessierten ihn auch gelegentlich. Dank seines Sozialpasses musste er wenig Eintritt und Gebühren für öffentliche Einrichtungen bezahlen. Er wusste diesen Vorteil des Sozialstaates wirklich zu schätzen. Immerhin hatte er auch jahrelang nicht zu knapp Steuern und Sozialabgaben bezahlt. Auf dem Rückweg traf er im Treppenhaus einen uralt wirkenden Mann, der sich mit einer weit jüngeren Frau unterhielt. Beide kannte er mittlerweile flüchtig vom Sehen. Die Frau hatte rot gefärbte Haare und war modisch gekleidet. An ihren stockenden Bewegungen, dem merkwürdig ausdruckslosen Gesicht und dem schleppenden Tonfall ihrer Stimme, glaubte Thomas einen langjährigen Drogenkonsum erkennen zu können. Sie schien sich, sichtlich besorgt, nach dem Gesundheitszustand des alten Mannes zu erkundigen. Dieser antwortete zu Thomas großer Überraschung in einem breiten ostpreußischen Dialekt. In seiner Jugend hatte er häufiger Menschen mit diesem Dialekt getroffen und er erinnerte sich plötzlich an das Ostzonen Sandmännchen, das bei seiner Oma in Kassel empfangen werden konnte. Sein Vater nannte die Gegend damals spöttisch „Zonenrandgebiet“ und „hessisch Sibirien“. Heute liegt sie mitten in Deutschland. Wenn er als Kind Existenz im Höllenkreis? II weiterlesen

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