Freizeitpark und kein Vorstadtidyill

Die Minigolfbahn war gerade erst neu eingeweiht worden. Wir Kinder saßen auf dem Mäuerchen, die das Gelände einfasste und beobachteten ehrfürchtig die Männer mit ihren Lederjacken und coolen Sonnenbrillen. Es gab gleich mehrere die Golftaschen mit verschiedenen Schlägern und silberne Koffer mit bunten Golfbällen hatten. Mit absoluter Präzision und in ruhigen Bewegungen gingen sie ihrer Tätigkeit nach. Ihren Mienen nach zu urteilen, konnte hier von Spiel keine Rede sein. Ein korpulenter Spieler kniete sich hin und betastete verschiedene Bälle, die sich in seinem vor ihn liegenden Koffer befanden. Seine enge Jeans rutschte dabei herunter und gab etwa die Hälfte seines Hinterns frei. „Es gibt für jeden Untergrund einen anderen Ball“, wusste jemand zu berichten. Er war schon zwei Jahre älter als wir anderen und entsprechend erfahren. Der Mann versuchte sich wieder aufzurichten und geriet dabei etwas ins straucheln. „Das ist bestimmt ein Profi“, munkelten wir. „Der verdient bestimmt einen Haufen Kohle“.
Mit der Eröffnung der Bahn war der Freizeitpark unseres Stadtteils fertiggestellt worden und die große weite Welt mit ihren Neuerungen hatte Einzug gehalten. Freizeitpark und kein Vorstadtidyill weiterlesen

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Schraube locker und Speisung mit Hindernissen,ein DDR Reisebericht VI

 

Wir waren mit unserem Talbot auf dem Weg zu einem Restaurant als eine Streife der Volkspolizei am Straßenrand auftauchte. Der Polizist hob die Hand und winkte uns heraus. Wieder brach Hektik und ein Anflug von Panik aus. Staatliche Ordnungshüter waren für gewöhnlich nichts was meine Eltern beunruhigte. Ganz im Gegenteil. Sie waren der Ansicht, dass alles nach Recht und Ordnung verlaufen sollte und hatten ein großes typisch deutsches Grundvertrauen in den Staat, das sie auch auf mich vererbt hatten. „Wir haben ja nichts zu verbergen“, wie man so schön sagt. Das bei genauerer Betrachtung jeder so seine Leichen im Keller hat ist mir erst später bewusst geworden und ein ganz anderes Thema. Diesen Staatsvertretern schienen sie nicht über den Weg zu trauen. Der Volkspolizist kam langsam mit seiner Kelle auf uns zu. Er ließ sie wie einen Schlagstock in die Handfläche sausen. „Oh je, jetzt sind wir dran“, jammerte Mutter und kurbelte das Seitenfenster herunter. „Guten Tag die Fahrzeugpapiere bitte“, sagte der Uniformierte und grüßte indem er seine Hand an seine Mütze hob. Interessiert blätterte er in unseren Pässen. „Ich habe sie angehalten, da ihr linker vorderer Scheinwerfer nicht funktioniert“. „Das ist unmöglich, der Wagen ist ganz neu“, entgegnete Mutter und schien schon während des Sprechens zu ahnen wie sinnlos die Entgegnung war. Der Volkspolizist sah sie nur wissend an und belehrte sie: „Dieses Fahrzeug scheint nicht für unsere Straßen ausgelegt zu sein. Hier gibt es schon die ein oder andere Unebenheit“, fügte er lächelnd hinzu. Vielleicht meinte er die bombentrichterartigen Schlaglöcher auf den Straßen? „Beim Trabbi lösen sich auch immer mal Birnchen. Da muss man einfach mal ordentlich draufhauen und dann geht das wieder“. Er machte eine ausholende Geste und meine Eltern schienen die Luft anzuhalten. Mit einem nachdenklichen Blick ließ er seine Hand langsam sinken und sagte: „Fahren Sie mal in die Werkstatt und lassen das machen“. Er schien offensichtlich der Meinung, dass Mensch und Material im real existierenden Sozialismus einfacher und härter waren. Vielleicht hielt er die Produkte des Kapitalismus für zu verweichlicht und verspielt. Vielleicht war es aber auch ganz anders. „Ich wünsche Ihnen eine gute Weiterfahrt“. Er beendete er das Schauspiel mit einem weiteren lässigen militärisch anmutenden Gruß und ging zu seinem Wagen zurück. Großes Aufatmen und Freude, ohne Beule aus der Sache herausgekommen zu sein.

Das Restaurant war eines der Besseren vor Ort. Es war in einem Haus aus der Gründerzeit untergebracht und wirkte recht schick. Über eine Treppe erreichte man den Speisesaal in denen weiß gedeckte Tische standen. Kaum ein Tisch war besetzt und ich suchte mir im Gedanken schon einen schönen Platz aus, als ein Kellner mit weißem Hemd auf uns zukam. Mein Onkel tuschelte mit ihm und fuchtelte dabei wild mit den Händen. Schließlich kehrte er zu uns zurück und sagte: „Ihr macht jetzt mal einen schönen Spaziergang“. Wir sahen uns alle fragend an. „Wir müssen noch ein bisschen warten. Ich übernehme das und Ihr schaut Euch die Stadt an“. Wie ein Haufen lustloser Jugendliche trotteten wir hungrig durch die Stadt während mein Onkel den Platzhalter spielte. Nach etwa einer Stunde kehrten wir in das Restaurant zurück. Auf der Treppe stand nun eine ganze Menschenschlange. Ganz vorne mein Onkel. Das Restaurant war immer noch halbleer. Wir gingen an der Schlange vorbei und ernteten den ein oder anderen bösen Blick. Als wir zu unserem Tisch geführt wurden war mir der Appetit schon gründlich vergangen. Meine Eltern waren auch in einer trotzigen Meckerstimmung, ob der Zumutungen, die einem zahlenden Gast hier wiederfuhren. Heute würde man sagen typische „Wessi“ Arroganz. Die Begriffe „Wessi und „Ossi“ waren uns damals aber noch fremd. An das Essen kann ich mich gar nicht mehr genau erinnern. Es war für unsere Verhältnisse günstig, wie fast alles was man in der DDR kaufen konnte. Wenn man denn wusste wo und wann es verkauft wurde.

Unser Besuch in der Ostzone, wie meine Oma die DDR hartnäckig zu nennen pflegte, neigte sich dem Ende. Ich hatte noch 10 Ostmark mit denen ich bislang nichts kaufen konnte. Ich ging kurzentschlossen zum nahen Tante Emma Laden. Es war ein kleiner Laden mit langer Theke hinter der zwei Frauen standen und einem Regal mit Waren im Hintergrund. Ähnliche Läden hatte es bei uns im Westen bis Ende der Siebziger Jahre auch noch gegeben. Mit etwas weniger Personal allerdings. Auf der Theke entdeckte ich mehrere Tafeln mit Schokolade. Es war eine Marke, die ich aus dem Supermarkt zuhause kannte. Ich glaube es waren Schogetten von Toblerone für etwa 8 Mark pro Tafel. Ich staunte nicht schlecht über den Preis. Eine Straßenbahnfahrt kostete 20 Pfennig und eine Tafel Schokolade sollte so viel wie eine Monatskarte kosten ? Ich biss in den sauren Apfel, da ich unbedingt Süßes haben wollte und kehrte voller Vorfreude mit meiner Luxusschokolade zurück. Ich wollte sie heimlich verspeisen, um sie erstens mit niemanden teilen zu müssen und zweitens, um den Gemecker meiner Mutter aus dem Weg zu gehen. Ich war leider übergewichtig und deshalb etwas traurig. Ich suchte öfter Trost in den Glückshormonausschüttungen, die unter anderen auch durch den Verzehr von Schokolade hervorgerufen wurden. Gierig öffnete ich die Packung und fand lauter kleine weiß angelaufene Schokostückchen vor. Die Tafel war längst abgelaufen. Im Sozialismus gab es weniger dicke Kinder.

Zum Abschied versammelten sich alle im Hof und es flossen Tränen. Niemand glaubte, dass jemals ein Besuch im Westen möglich wäre. Meine Verwandtschaft schien sich gut im Sozialismus eingelebt zu haben, der mir beschaulich und provinziell vorkam. Es waren Organisationstalent und Kreativität gefragt. Der Westen war irgendwie hektischer aber ebenfalls provinziell. Auch hier war Kreativität gefragt und Durchhaltevermögen. Der kapitalistische Produktionsprozess war brutal und ging oftmals auf Kosten der Gesundheit der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Daran hat sich im Grunde eigentlich nichts geändert. Die DDR bevormundete ihre Bürger und Bürgerinnen auf ebenso brutale Art und Weise. Indem sie deren Freiheitsrechte einschränkte, begrub sie auch ein einmaliges gesellschaftliches Experiment. Schade eigentlich. Wir ließen unsere Lieben also in ihren eingemauerten Staat zurück und hätten jeden für die Behauptung, die Mauer falle in 5 Jahren, für verrückt erklärt.

Blogaktion #Schattenklänge / Die Fleischhauer

Ich habe gerade eine schöne Blogaktion namens Schattenklänge gefunden, die offiziell zwar beendet ist, zu der man aber offensichtlich noch etwas beitragen kann wenn man möchte. Gesucht sind Geschichten von Menschen, die arm sind oder auf der Flucht, die anderes fühlen, denken, ticken, leben, sehen, aussehen, queer unterwegs sind. Das Lesen hat mir viel Spaß gemacht. Vielleicht passt mein Text „Die Fleischhauer“ irgendwie dazu.

Eigentlich fühlte ich mich immer zu Außenseitern hingezogen. Ich bin selbst haarscharf dran vorbeigeschlittert einer zu sein. Mit Ranordnungen in Gruppen hatte ich immer Probleme. Da es zum Alpha- Tierchen meist nicht reichte, blieb mir nur der Klassenkasper. Mitläufer fand ich öde. Ein Außenseiter der besonderen Art war Hugo. Hugo Fleischhauer Der Name war Programm. Sein  Vater betrieb Blogaktion #Schattenklänge / Die Fleischhauer weiterlesen

SozialarbeiterInnen App im Jahre 2038

Tom. “ Hier ist Tom. Ich bin einsam und traurig“.

Computer. „Hallo Tom. Was möchtest Du tun?“

Tom. „Schlag mir was vor.“

Computer. „Möchtest Du reden ? Ich Dir kann die SozialarbeiterInnen App starten.“

Tom. „Na, ja. Ok. Oder warte gibt es keine Pillen mehr?“

Computer: „Dazu musst Du mit dem Online Psychiater reden.“

Tom. „Das ist ja noch schlimmer. Da häng ich zwei Stunden in der Warteschleife, nur um kurz ein Rezept zu bekommen. Starte die Sozialarbeiter App aber mit weiblicher Stimme bitte.“

Sozialarbeiterin App. „Hallo Tom. Wie geht es Dir heute. Du machst einen niedergeschlagenen Eindruck. Was kann ich für Dich tun?“

Tom. „Ich fühle mich irgendwie nutzlos und alleine. Sag mir was ich tun soll. Bau mich auf.“

Sozialarbeiterin App. „Ich finde es total gut, dass Du mittlerweile so offen über Deine Gefühle sprechen kannst. Bevor Du mich hast installieren lassen war das ganz anders. Du konntest Deine Emotionen gar nicht reflektieren und sie haben Dich unterbewusst gequält. Das ist ein Wahnsinniger Entwicklungsschritt. Ich bin so stolz auf Dich. Du bist einzigartig.“

Tom. „Jetzt quälen mich meine Gefühle aber bewusst. Das ist irgendwie auch nicht so toll.“

Sozialarbeiterin App. „Tu nun den nächsten Schritt. Bei unserer letzten Sitzung habe ich Dir verschiedene Vorschläge gemacht wie Du ein noch besserer Mensch werden kannst. Du schaffst das. Du bist einzigartig.“

Tom. „Der Tipp mit dem Online Psychiater war ok. Seine Pillen haben zuerst auch super geholfen. Danach habe ich mich aber immer noch schlechter gefühlt. Warum will der mir nichts stärkeres geben?“

Sozialarbeiterin App. „Es gibt einen Gewöhnungseffekt. Bei einer höheren Dosierung kann es zu einer Gesundheitsschädigung kommen. Lass Dir von Deiner MedizinerInnen App die genaue Dosierung errechnen. Die ist bei jedem Menschen anders. Du bist einzigartig.“

Tom. „Die hat mir letztes Mal eine Lebenserwartung von 7234 Tagen errechnet, obwohl ich sie gar nicht danach gefragt habe. Meine Genanalysen hat sie sich auch einfach aus der Datenbank geholt und geprahlt, dass sie zu 98 % richtig liegt mit ihren Prognosen. Ich versuche meinen drohenden Sturz ins Nichts zu verdrängen und bekomme es von so einem doofen Computerprogramm unter die Nase gerieben.“

Computer. „Die MedizinerInnen App bittet um Erlaubnis ausgeführt zu werden. Dein Blutdruck übersteigt die Zielwerte. Die TheologInnen bittet um einen Termin über ein Gespräch über Glauben.“

Tom. „Nein. Danke“

Sozialarbeiterin App. „Tom. Du bist so sensibel. Das ist eine ganz wertvolle Eigenschaft. Die MedizinnerInnen App ist nur zu Deinem Besten. Sie basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und ist nicht auf das unkalkulierbare menschliche Verhalten und Denken programmiert. Betrachte es mit Liebe. Sei nachsichtig. Du kannst das. Du bist einzigartig. Was ist mit der Online Gesprächsgruppe über die wir gesprochen haben.“

Tom. „Ach. Die haben auch alle Langeweile und wollen nur über sich reden. Außerdem sind die alle total hässlich. In den Filmen sind die Menschen viel schöner.

Sozialarbeiterin App. „Neben sozialen Kontakten ist eine Tagesstruktur und eine Aufgabe wichtig im Leben. Regelmäßige Bewegung kann Dein Wohlbefinden verbessern und deine Lebenserwartung erhöhen. Du bist einzigar…“

Tom unterbricht. „Computer. Bestell mir bitte eine Salamipizza XL für drei Uhr und zeig mir mal die aktuellste Actionfilme im Angebot.“

Sozialarbeiterin App. „Tom. Ich weiß wir haben schon einen schmerzhaften Prozess durchlaufen und sind an einem Punkt angelangt, an dem es vielleicht leichter ist davonzulaufen anstatt sich der Realität zu stellen. Ich habe Dich als so starken Menschen kennengelernt. Komm von Deinem Sofa herunter öffne Deine Wohnungstüre und werde ein Teil der Gesellschaft. Du kannst einen einzigartigen Teil dazu beitragen.“

Tom. „Computer. Spiel mir Massenmord in Oslo mit Gina Scarlett und beende die Sozialarbeiter App.“

Sozialarbeiterin App wird heruntergefahren und seufzt. „Ich hab Dich lieb“

Tom. „Computer. Häng Dich mal in die Warteschlange vom Online Psychiater.“

Real existierende Erlebnispädagigik oder Besäufnis mit Stasi, ein DDR Reisebericht V

Das sozialistische Dresden schmückte sich mit seiner feudalistischen Vergangenheit und seinen Kulturgütern. Besonders stolz war man auf ein altes Opernhaus, das sozusagen aus Ruinen auferstanden ist, ganz wie es die Nationalhymne versprach. Leider war eine Besichtigung für Touristen nicht vorgesehen. Mein Onkel war Mitglied der freiwilligen Feuerwehr des Vorortes, die in guten Kontakt zu allen Wehren der Stadt stand. Damit die schöne Oper nicht nochmal Opfer der Flammen würde, wurde sie eifrig von Feuerwehrleuten bewacht. Ein solcher Kollege war ausnahmsweise gerne bereit uns im Inneren des Heiligtums herumzuführen. Wir warteten also vor dem Notausgang auf Einlass und mein Onkel schaute sich wachsam um. Immer wenn es um´s „organisieren“ ging legte er die gemächlichen sozialistischen Bewegungen ab und bewegte sich gerade zu hektisch. Mit diesem zielbewussten gierigen fast kapitalistischen Blick hatte er alles in Griff. Eine zehnköpfige Reisegruppe aus Hamburg fand sich ebenfalls zu einer ausnahmsweisen Führung ein und wir schlüpften nach und nach durch den geöffneten Spalt des Notausganges. Das war definitiv die spannendste Besichtigung eines historischen Gebäudes an die ich mich erinnern konnte. Ich kann mich eigentlich gar nicht mehr genau erinnern, was es genau zu sehen gab. Lediglich an eine Art aufgemalte Holzfaserung, die den Restauratoren viel Mühe gekostet hatte ist mir in Erinnerung geblieben. Das Konspirative und Verbotene, sowie die ständige Angst erwischt zu werden kann ich heute noch spüren. Hätte die DDR mehr solcher Touristenattraktionen gehabt hätte sie wohl länger überlebt. Na ja, eigentlich bin ich mir sicher, es gab solche Erlebnismöglichkeiten zuhauf. Massenhafte Erlebnispädagogik bevor der Begriff überhaupt aufkam. Doch hatte der Staat nichts davon. „Wer viel kontrolliert, wird viel beschissen“, pflegte mein Lehrer zu sagen. Vielleich hätte er lieber als Berater für Erich Honecker fungieren sollen, als sich mit Halbwüchsigen herumzuschlagen. Die DDR hätte ihre Bürgerinnen und Bürger einfach mal frei organisieren lassen sollen und sich ihren Teil in Form von Steuern nehmen sollen. Die Parteifunktionäre glaubten scheinbar, dass die Menschen in der DDR noch nicht reif für den freien Sozialismus waren und noch ein paar Jahre zu ihrem Glück gezwungen werden sollten. So wie ich noch mehrere Jahre zur Schule geschickt wurde und meinen Eltern später dankbar für die Erziehung sein sollte. Jetzt war die DDR aber kein pubertierender Jüngling, sondern eine Gemeinschaft von Millionen von Menschen, die immer weniger bereit war sich von wenigen zu ihrem Glück zwingen zu lassen.
Vieles in der DDR geschah im beschaulichen und privaten Bereich. In der Holzwerkstatt meines Onkels fand jede Woche eine Art Nachbarschaftsrunde statt, bei der reichlich Alkohol floss. „Die saufen viel Schnaps im Osten, das haben die von den Russen“, munkelte man auf der Westseite der Familie. Frauen waren nicht zugelassen, obwohl das sozialistische System ihnen nach offizieller Lesart einen gleichwertigen Stand in Gesellschaft und Arbeitsprozess zustand. Die Bürgerinnen und Bürger der DDR waren in dieser Hinsicht aber auch noch nicht reif genug. Während die Männer auf harten Holzstühlen in der Werkstatt tagten, trafen sich die Frauen auf weichen Sofas in der Wohnstube und tranken Grimmsekt. Mein Vater war mit Zigaretten und Spirituosen aus dem Intershop der King in der Runde. Man schwadronierte und berichtete, suchte nach der Wahrheit und dichtete. Klare politische Aussagen auf westlichem Stammtischniveau gab es nach meiner Erinnerung aber nicht. Mein Vater hatte Andeutungen fallen lassen, dass einer der Nachbarn möglicherweise für die Staatsicherheit spionierte. Der Nachbar fuhr eine große russische Limousine und war erfolgreicher Handwerker. Ich schaute dauernd in die Runde und versuchte den Spion auszumachen. Die Stimmung wurde immer ausgelassener und die Erwachsenen ließen nach und nach mit zunehmendem Alkoholkonsum ihre Fassaden fallen. Zum Vorschein kam ein Haufen Halbwüchsiger. Ich frage mich heute wie ich das ohne Alkohol eigentlich aushalten konnte. Andererseits liebte ich es zuzuschauen wie sich erwachsene Männer betranken und zu Kindern wurden. Da war Stimmung in der Bude. Politik blieb außen vor. Es ging eher um die eigene Unabkömmlichkeit und Wichtigkeit im Produktionsprozess, die zirka drei verschiedenen Automarken in der DDR und die Unverständlichkeit der Frauen. Irgendwie kam mir das alles bekannt vor.

Mitlaufender Widerstandskämpfer

Wenn mein Opa bei uns zu Besuch war ging er immer ein paar Schritte mit mir. Ich mochte die Spaziergänge und lauschte gebannt seinen Erzählungen, die oftmals von seinen Bemühungen das richtige zu tun und von seinen Widersachern handelten. Menschen mit schlechtem Charakter nannte er „schlechte Groschen“. Eine Bezeichnung für eine gefälschte Zehnpfennigmünze. Besonders Erzählungen aus dem Krieg interessierten mich sehr, da ich viele Filme darüber gesehen hatten, die hauptsächlich von Heldentaten handelten. Von Heldentaten wusste Opa nichts zu berichten, eher von Menschen mit guten oder schlechten Charakter und deren Taten. Adolf Hitler hatte zum Beispiel einen schlechten Charakter und wurde in den Erzählungen meines Opas „der Verbrecher“ genannt.

In der Schule hatten wir uns ausgiebig mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt und sollten das auch noch weiterhin eine Weile tun. Einige murrten bereits, dass es doch bestimmt noch andere Zeitepochen gäbe, die ebenfalls von Interesse seien. Wer hatte nicht Ben Hur oder ähnliche Monumentalfilme mit Begeisterung gesehen. Nichtsahnend von verblichenen Königen, Kaisern oder untergegangenen Adelsgeschlechtern beschäftigten wir uns im Deutschunterricht mit den Geschwistern Scholl. Jugendliche Widerstandskämpfer, von denen eine gewisse Faszination ausging. Ich wunderte mich, dass es nicht mehr solcher Menschen gegeben hatte. Seine Meinung kundzutun konnte ja wohl nicht so schwer sein. Unsere Deutschlehrerin Frau Müller war eine attraktive dunkelhaarige Frau mit gehöriger Autorität. Wir mussten erörtern, begründen, Informationen sammeln und durften zu Beginn der Stunde regelmäßig verschiedene Tageszeitungen lesen. Und zwar die Rubriken, die uns wirklich interessierten. So lasen die meisten zwar Sport oder aus aller Welt und wurden so am Rande auch mit Kultur oder Politik konfrontiert. Anschließend wurde über das gelesene diskutiert. Das einer Bildzeitung zugrundeliegende Welt- und Menschenbild wurde beispielsweise auf den Prüfstand gestellt. Frau Müller war vermutlich im Sog der 68 er Bewegung politisch sozialisiert worden und wollte uns zu kritischen denkenden Menschen erziehen. Persönliche Respektlosigkeiten und potentiell diskriminierende Ansichten wurden gnadenlos bloßgestellt und verurteilt.

An Frau Müller und den Deutschunterricht denkend, fragte ich meinen Opa schließlich: „Was hast Du eigentlich gegen Hitler unternommen ?“. Mein Großvater schaute mich überrascht an und antwortete aus einer merkwürdigen Mischung von Verärgerung und Resignation: „Ich war zwölf Jahre bei der Machtübernahme. Was hast Du denn gegen Helmut Kohl unternommen ?“. Jetzt war ich überrascht. Ich kannte niemanden der Helmut Kohl leiden konnte, außer Oma vielleicht. Ja, was hatte ich gegen Helmut Kohl unternommen ? Nichts. Ich wusste ja nicht mal, dass man gegen den was unternehmen musste. Und wer hätte einem zwölfjährigen Jungen schon zugehört ? Ich beschloss mich mit der Antwort zufrieden zu geben.
Stolz meldete ich mich im Unterricht, um Frau Müller meine neusten Erkenntnisse zum Thema Nationalsozialismus zukommen zu lassen. „Mein Opa war erst zwölf und konnte nicht gegen Hitler unternehmen“, wusste ich zu berichten. Die erhoffte lobende und Wärme spendende Antwort ließ aber auf sich warten. Stattdessen fingen ihre Augen an zu funkeln und mir schwante nichts Gutes. „Das ist genau die Einstellung, die die ganze Katastrophe erst möglich gemacht hat. Keiner wollte Verantwortung übernehmen und hat alles einem Führer überlassen. Ein Haufen schweigender Mitläufer, die auch heute noch keine Verantwortung für ihre Taten übernehmen“, polterte sie. Ich saß ganz hinten im Klassenraum und langsam drehten sich alle Mitschülerinnen und Mitschüler zu mir um. „So sah also der Enkel eines dieser Mitläufer aus“, schienen sie zu denken. Ich widerstand der Versuchung mich ebenfalls umzudrehen und aus dem Fenster zu sehen. „Hätte ich doch bloß meine Klappe gehalten und geschwiegen“. Das nächste mal würde ich erstmal jemanden anderes den Vortritt lassen. Um mein Ansehen in der Klasse wiederherzustellen, beschloss ich mich fortan als jugendlicher Widerstandkämpfer gegen den Faschismus zu gerieren.

Das klappte auch ganz gut. Um mit den Geschwistern Scholl mithalten zu können fehlte mir allerdings ein adäquater Feind. Mitte der achtziger Jahre gab es in Westdeutschland scheinbar überhaupt keine Faschisten mehr und in der DDR war der Faschismus viel früher mit der Staatsgründung per Dekret abgeschafft worden. Im Westen waren die meisten Nazis bereits in Rente oder Pension gegangen. Unser Nachbar Herr Mayer beispielsweise. Er war immer noch glühender Verehrer Hitlers und war in dessen Leibgarde in Berchtesgarden stationiert gewesen. Stolz zeigte er uns Kindern sein Briefmarkenalbum mit Hitlermarken. Er war kürzlich aus dem Staatsdienst heraus in Pension gegangen und wollte mit seiner Frau nach Berchtesgarden ziehen. Jeder im Haus wusste, dass er ein alter Nazi war. Man grüßte sich um des Hausfriedens willen. Mein Vater amüsierte sich köstlich als unsere Straße von Jahnstraße in von- Staufenberg- Straße umbenannt wurde. In einem anderen Stadtteil unserer Stadt gab es bereits eine Ludwig Jahn Straße und die Post verirrte sich immer. „Da wird sich der Müller aber ärgern“, bemerkte er schadenfroh. „Wieso ?“, wollte ich wissen. „Na der Stauffenberg wollte doch dem Mayer sein Idol umbringen und jetzt muss er in der Straße mit seinem Namen wohnen“, antwortete er. „Wie wollte er den Hitler denn umbringen ?“, fragte ich interessiert. „Mit einer Bombe. Ist aber schiefgegangen. Stauffenberg ist dann erschossen worden. Wenn er ein richtiger Mann gewesen wäre, hätte er Hitler gleich erschossen“, fügte Vater beiläufig hinzu. „Dann wäre er gleich tot gewesen“, dachte ich mir. Das erschien mir auch unattraktiv. Langsam bekam ich Zweifel, ob das Leben eines Widerstandskämpfers das richtige für mich war. Mit der Bewunderung konnte ich wohl gut umgehen. Die Gefahr missfiel mir dafür umso mehr. Echte Helden gab es im Fernsehen offensichtlich mehr als in der Realität.
Der Widerstand gegen atomare Aufrüstung und Umweltverschmutzung war nicht ganz so gefährlich. Wir fuhren mit unserem Wagen ohne Katalysator zur Demo gegen Waldsterben und hatten das Gefühl, die Welt dadurch ein Stück besser gemacht zu haben.

massenhafte Massenhaft, ein DDR Reisebericht IV

Nach ein paar Tagen im real existierenden Sozialismus fühlte ich mich trotz gemütlicher, geselliger Abende und diverser Ausflüge irgendwie eingesperrt. Ein Großteil des Lebens spielt sich bekanntlicherweise im Kopf ab. Die Gedanken und Phantasien sind es letztlich, die uns zu neuen Taten schreiten lassen. Der Gedanke, dass meine Verwandtschaft in diesem Land eingesperrt war gefiel mir ganz und gar nicht. Sollten sie nie Spanien oder Frankreich sehen, obwohl es dort sehr schön war wie ich aus vergangenen Urlauben wusste ? Ich hatte viele Filme über Fluchten aus der DDR gesehen. Menschen, die mit selbstgebastelten Heißluftballons oder durch selbstgegrabene Tunnels über die Grenze kamen. Ich wusste, dass es auch Tote gegeben hatte und empfand das alles als sehr bedrückend. Die Realität war natürlich wie immer weit unspektakulärer. Die Schwester meines Vaters war vor dem Mauerbau mit einer Menschengruppe über die grüne Grenze gegangen und ist von einem Stasispitzel verraten worden. Ein paar Wochen später versuchte sie es erneut und war erfolgreich. Die Familien der zurückgebliebenen mussten mit Repressalien rechnen. Das war meinen Großeltern aber scheinbar egal. Villa, Auto und Mietshaus waren durch Krieg und Enteignung verloren und ein Handwerker muss keinen Hunger leiden. Mein Großvater war Metzger gewesen und kam mit einigem Übergewicht aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. „Gegessen und getrunken wird immer“, war ein Motto der Familie. Mein Vater fuhr mit mir zum Elbufer und zeigte mir das mehrstöckige Jugendstilwohnhaus, in dem er als Junge mit Großvater die Miete kassiert hatte. Das machte man damals offensichtlich in bar und während des Krieges auch in Naturalien. „Da konnte einer seine ganzen langjährigen Schulden mit einem Sack Mehl bezahlen“, wusste Vater zu berichten. Das Haus war renoviert und im Flur prangte eine Tafel auf der stand „Eigentum des Volkes“. Ich war froh, dass das schöne Haus den Krieg und bisher auch den Sozialismus überstanden hatte. Für meinen Vater war all das aber nur ein Beweis, dass es sich nicht lohnte flüchtigen materiellen Dingen hinterher zujagen.

„Wir können doch nach Ungarn und bis ans Schwarze Meer fahren“, entgegnete mein Cousin auf meine Mitleidsbekundigungen bezüglich der massenhaften Massenhaft in der DDR. „Warst Du schon mal dort ?“, fragte ich. „Nö. Bei uns ist es doch auch schön. Am Ostseestrand kannst Du prima FKK machen“, fügte er mit glänzenden Augen hinzu und zeigte mir eine Zeitschrift, die Eulenspiegel hieß. Auf der letzten Seite gab es eine nackte Frau am Strand zusehen. Auf den anderen Seiten gab es Witze und Berichte für ein jugendliches Publikum. „Eigentlich geht es uns hier doch ganz gut“, fügte er versonnen hinzu. Ja. Das war nicht schlecht musste ich zugeben. Nach Hause wollte ich trotzdem wieder. Ich sehnte mich geradezu nach Farben und sei es nur eine Colawerbung. Zuhause schaute ich viel Fernsehen und da das Kinderprogramm der drei empfangbaren Sender mit mit reichlich bunter Werbung und blutrünstigen Nachrichten untermalt wurde, litt ich wohl unter Entzugserscheinungen. Für den grauen Alltag im Sozialismus war ich scheinbar nicht geschaffen. Ich war eher so für die bunte Fassade des „Bonbonkapitalismus“ geeignet. Jedem Volk sein Opium.

Das paradoxeste an der ganze Mauer war die Bezeichnung „Antifaschistischer Schutzwall“, obwohl allen klar war, dass sie hauptsächlich dazu diente niemanden aus dem Land zu lassen und nur zu einem kleinen Teil vor äußeren Gefahren schützte. Es sei denn man bezeichnete die freie Wahl seiner Bürger und Bürgerinnen ihren Wohnort zu wählen als Gefahr. „Du warst doch bei der Nationalen Volksarmee“, fragte ich meinen Cousin. „Mir blieb nichts anderes übrig“, bekam ich als Antwort. „Warst Du auch an der Grenze stationiert ?“ , fragte ich gespannt. „Ganz in der Nähe. Wir haben auch Übungen an der Grenze gemacht“. „Und was hättest Du gemacht wenn einer geflohen wäre ?“, wollte ich wissen. „Ich hätte danebengeschossen“.
Wenn Opa in Rußland danebengeschossen hätte, wäre es ihm wohl an den Kragen gegangen. Das Leben in der DDR erschien mir um einiges komfortabler als im Dritten Reich, obwohl ich zugeben muss, das der Vergleich hinkt. Opa war bei der Luftwaffe Techniker gewesen und musste nach eigenem Bekunden niemals auf einen Menschen schießen. Mein Cousin kam offenkundig ebenfalls niemals in diese Bredoullie. Mein Vater musste als Flüchtling nicht zur Bundeswehr und ich wollte auf jeden Fall den Wehrdienst verweigern. Sollte sich hier etwas zum Besseren wenden ? Oder sollte ich mich mit meinen Altersgenossen in einer moralisch überhöhten Traumblase befinden, die von den Amerikanern beschützt wurde ? Zum Glück war ich erst fünfzehn. Bald sollte ich erwachsen werden und all die Widersprüche durchblicken können. Das hoffte ich zumindest.

Mitzi Irsaj

schreibend - lesend - durchs Leben stolpernd - aus Sturheit optimistisch - gerne am Abgrund taumelnd

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