Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht

Als Berufsanfänger ist man oft voller Enthusiasmus und bereit abseits ausgetretener Pfade zu wandeln. Über Schema F und 0815 wird zu Recht die Nase gerümpft. Man möchte schließlich eigene Erfahrungen sammeln und etwas Neues ausprobieren. Älteren Kollegen und Kolleginnen kommt hier oft die Rolle des elterlichen Beobachters zu. Die Sprösslinge sollen die Welt entdecken aber möglichst keinen allzu großen Schaden dabei anrichten. Meine gleichaltrige Kollegin und ich wurden also scherzhaft der Abteilung Jugend forscht zugeordnet, wenn wir den Anweisungen der Älteren nicht vorbehaltlos folgen wollten. Immerhin hatten wir ebenfalls einen akademischen Titel erworben und im Studium der Sozialpädagogik, bzw., Sozialarbeit neben Kanufahren, Jonglage und Selbsterfahrung auch ein paar Bücher lesen müssen. Erschwerend kam nun hinzu, dass unsere ganze Einrichtung erst kurz vorher aus der Versenkung geholt wurde und mit komplett neuem Personal an den Start ging. Im Prinzip betraten wir alle Neuland bei der Straßensozialarbeit. Der örtliche Flughafen hatte ein Obdachlosenproblem und wir sollten uns des Problems annehmen. Der Flughafen ist der größte in Deutschland und hat die Ausmaße einer Kleinstadt. Es gab eine evangelische und katholische Kirche, eine Moschee, eine Synagoge und eine Flughafenambulanz. Alle hatten Kontakte zu Obdachlosen und waren mit dem Phänomen überfordert, da sie eher für Reisende eingerichtet wurden. Der Sicherheitsdienst des Flughafens erwies sich interessanterweise als ergiebigster Kooperationspartner. Schließlich waren die Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht weiterlesen

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Ausbruch aus dem Gedankengefängnis

Manchmal können die eigenen Erfahrungen und die daraus resultierenden Gedanken wirklich zu einem individuellen Gedankengefängnis werden, denke ich als ich einen frischen Kothaufen mitten auf dem Gehweg entdecke. Es ist früh morgens und ich bin auf dem Weg zur U Bahn. Wegen des drohenden Regens sehe ich vom Fahrradfahren ab. Mit dieser Einstellung bleibe ich natürlich weit hinter Reinhold Messner zurück aber wenigstens trocken. Beim Anblick der Hinterlassenschaft habe ich sofort Bilder von Mensch und Tier im Kopf und frage mich welche wohl der Realität am nächsten kommen könnten. Es handelt sich offensichtlich um einen faulen oder eiligen Zeitgenossen. Ich diagnostiziere auch ein mangelndes Verantwortungsgefühl. Den Hund selber, den ich liebevoll Köter taufe, trifft in diesem Fall die kleinste Schuld. Er kotet wie wir alle, weil er das muss. Meine innere Empörung richtet sich gegen das in meinem Kopf entstandene Feindbild. Es muss sich hier um einen Mann mit finster verstohlenem Blick handeln, dessen mangelnde Sorgfalt für sich und seine Umwelt auf sein Äußeres abfärbt. Ich ahne Jogginghose, fettige Haare, Übergewicht und zur Kompensation des mangelnden gesellschaftlichen Ansehens einen Kampfhund an der Leine. Ich latsche also weiter und wundere mich über meine eigene Beschränktheit. Bei jedem wilden Sperrmüllhaufen Ausbruch aus dem Gedankengefängnis weiterlesen

Wer mit Verrückten arbeitet, wird schnell für verrückt erklärt

Gestern hatte ich wieder einmal das Vergnügen jemanden etwas erklären zu müssen, dass ich selber nicht ganz verstehe. Eine Mutter erzählte mir ihr ganzes Leid, das sie mit ihrem Sohn erlebt hatte und bat mich um Rat. Schlimmer noch, sie bat mich um eine Erklärung warum niemand ihrem Sohn helfen könne. Der Sohn ist seit vielen Jahren psychisch erkrankt und ist mittlerweile nicht mehr ganz jung. Die Mutter hat längst das Alter einer Großmutter erreicht. Dennoch ist es ihr Sohn, um den sie sich sorgt. Ihr einziger Sohn. Kurz gesagt. Der Mann ist nicht krankheitseinsichtig und wird aus diesem Grund auch nicht behandelt. Er gefährdet, nach den in Frankfurt am Main herrschenden gesetzlichen Maßstäben, weder jemanden anderen noch sich selbst und wird deshalb auch nicht zwangsbehandelt. Das klingt merkwürdig? In Frankfurt am Main herrschende gesetzliche Maßstäbe ? Sind die anders als in anderen deutschen Städten? Ja. Zumindest ist es die Rechtsauslegung. Letztens hat sich ein psychisch kranker Mensch aus Frankfurt aus Versehen in die falsche S- Bahn gesetzt und ist in der nahen Rheinland pfälzischen Hauptstadt Mainz gelandet. Am dortigen Hauptbahnhof hat er einfach die gleichen verrückten Sachen veranstaltet, mit denen er seit Jahren Frankfurt beglückt. Lautes Schreien mit Grimassen und ähnliches. Die Mainzer haben sich das nicht lange angeschaut und ihn zwangsweise in die Psychiatrie eingewiesen. Das ist kein Witz, sondern Realität in der Wer mit Verrückten arbeitet, wird schnell für verrückt erklärt weiterlesen

Das Buch Date : Odysseus aus Bagdad

Vier Buchtitel habe ich von Myriade empfohlen bekommen. „Naokis Lächeln“ von Haruki Murakami kannte ich schon. Es war das erste Buch, das ich von ihm gelesen habe und es sollten noch viele folgen. Da sie noch einen weiteren Japaner angepriesen hat, der sogar kürzlich den Nobelpreis für Literatur verliehen bekam, fiel meine Entscheidung spontan auf Kazuo Ishiguro „Alles, was wir geben mussten“. Etwas von einem japanischen Autor liest man ja nicht alle Tage. Murakamis leiser Blick auf seine Landleute und Eigenarten der japanischen Kultur haben mir immer sehr gefallen. Er hat meines Wissens nach länger in Amerika gelebt und es gelingt ihm vielleicht dadurch den westlichen Geschmack zu treffen, da er mit dieser Sicht der Welt vertraut scheint. Ich wollte herausfinden, ob das bei Kazuo Ishiguro ähnlich ist. Ich habe mich gleich in den Katalog der Stadtbücherei eingeloggt, um das Buch zu bestellen. Ich bin ein großer Anhänger öffentlicher Büchereien, obwohl es böse Zungen gibt, die sie mit öffentlicher Toiletten vergleichen. Ok. Es gibt in so manchen Buch merkwürdige Flecken über deren Herkunft man sich besser keine allzu genauen Gedanken machen sollte. Andere Hinterlassenschaften wie Strandsand, getrocknete Pflanzen oder Kassenzettel können die Phantasie hingegen schön anregen. Herr Ishiguro war allerdings bis Anfang Juni vergriffen. Ich musste das Buch bestellen. „Nobelpreis“, das gibt Aufmerksamkeit. Obwohl der dieses Jahr ausfällt. Über die Gründe dafür könnte man eine eigene Geschichte schreiben. Die beiden anderen Bücher „Odyseus aus Bagdad“ von Eric- Emmanuel Schmitt und „Die Schrecken des Eises und der Finsternis“ von Christoph Ransmayr waren verfügbar und befanden sich innerhalb weniger Stunden in meinen Händen. Da ich mich bereits im Frühlingsmodus befand legte ich Eis und Finsternis erst mal zur Seite und wollte mir mit der orientlischen Odysse die Zeit bis zum Eintreffen meines bestellten Buches vertreiben.

Als erstes dachte ich mir: „Was hat ein Herr Schmitt denn über Bagdad zu sagen ?“ und nahm mir den Klappentext vor. Herr Schmitt ist ein Monsieur Schmitt und schreibt auf französisch.  Hier kam ich auch schon an die Grenzen meiner Vorurteile. Mir Franzosen Das Buch Date : Odysseus aus Bagdad weiterlesen

Die Waldmenschen. Freiheit statt Betäubung

Es gibt sie noch. Die Menschen, die unserer Zivilisation den Rücken kehren und ihr Leben in der freien Natur verbringen. Trotz meiner romantischen Ader und dem in unseren Kulturkreis weit verbreiteten Drang zur Natur und Liebe zum Wald, wirft das bei mir einige Fragen auf. Ich habe mir diese Fragen auch schon oft beantwortet aber bin nie ganz zufrieden. Was treibt einen Menschen dazu, dauerhaft in einer selbstgebauten Hütte im Wald zu leben? Aus dem Blickwinkel des professionellen Helfers liegt hier Die Waldmenschen. Freiheit statt Betäubung weiterlesen

Die Mutation vom Erlöser zum Begleiter

Spätestens mit dem Betreten meines Arbeitsplatzes schlüpfe ich in die mir zugesehene Rolle des Sozialarbeiters. Ich lege sie quasi an wie eine Rüstung. Das klingt jetzt vielleicht dramatischer als es ist aber so eine Geschichte braucht schließlich auch ein bisschen Dramatik. So eine Rollenrüstung ist eine feine Sache sofern sie auch passt. An zu schweren Rüstungen ist schon so mancher Kreuzzug gescheitert. Mist. Jetzt habe ich die ganze Geschichte schon im fünften Satz vermasselt und ganz merkwürdige Bilder im Kopf. Die Kreuzzüge sind am falschen Ziel, an der falschen Haltung und wenn man es technisch betrachten will an den falschen Methoden gescheitert. Konstruktionsfehler oder Schwachsinns Idee sozusagen. Meine Rolle in die ich schlüpfe besteht optimaler Weise aus einem Menschen, der die richtigen Ziele, die dazugehörige Haltung und die zielführenden Methoden zur Verfügung hat. Das gibt es gar nicht glauben Sie? Sie haben recht. Natürlich gibt es Superheld/innen nicht in der Realität. Aber das muss ja keiner wissen. Ich schlüpfe morgens also in mein Die Mutation vom Erlöser zum Begleiter weiterlesen

Das bürokratische Wunder der Erblindung dank schwarzer Pädagogik

Der alte Mann mit dem Federhut und seinem vollbepackten langsamen Fahrrad war eigentlich ein Verkehrshindernis. Die langen grauen Haare wehten im Wind. Da er einen Rock sowie verschieden grobe Perlenketten und Armreifen trug, hätte man ihn leicht für eine Frau halten können, wäre da nicht das deutlich verlebte Gesicht mit den Bartstoppeln gewesen. Er hatte keine Zähne mehr im Mund und wirkte deshalb greisenhaft. Es war glücklicherweise wenig Verkehr und kaum jemand nahm die ungewöhnliche Erscheinung wahr. Seine rasende Wut hatte durch das anhaltende Strampeln auf dem alten Fahrrad nachgelassen. In seinem Anhänger befand sich ein Teil seines Hausrates, den er wutentbrannt und planlos gepackt hatte. Langsam stieg die Müdigkeit seiner Beine durch seinen mageren Körper auf und begann sich als Verzweiflung in seinem Kopf festzusetzen. Was war geschehen ? Wie war er eigentlich hierhergekommen ? Wo befand er sich eigentlich ? Rechts von ihm befand sich ein Fluß und auf der linken Seite erhoben sich Berge. Mutlos ließ er sich einfach in den Straßengraben rollen und langsam vom Fahhrad fallen. Der Anhänger kippte scheppernd um. Seine Kleidung, sein Akkordeon, ein paar CDs und seine Modellflugzeuge verstreuten sich um ihn herum. Ah. Da war ja auch sein Gebiss. Er versuchte es erfolglos zu fassen zu bekommen. Jetzt reichte es. Der alte Mann beschloss hier und jetzt zu sterben. Dem ganzen Elend  zu entfliehen. Er schloss die Augen und ließ sich sinken und wusste nicht wie lange er schon dort gelegen hatte als er die Augen wieder Das bürokratische Wunder der Erblindung dank schwarzer Pädagogik weiterlesen

the lost art of keeping secrets

Ich will keine Schokolade, ich les' lieber Thomas Mann! (frei nach der Stunksitzung 2014)

The Blog Cinematic

Film als emotionalisierende Kunstform

la parole a été donnée à l´homme pour cacher sa pensée

Auf der Suche nach Mitgefühl und Weisheit

vro jongliert

Erlebtes. Erdachtes. Fantasiertes. Jongliertes.

Mitzi Irsaj

schreibend - lesend - durchs Leben stolpernd - aus Sturheit optimistisch - gerne am Abgrund taumelnd

Zeilenendes Sammelsurium

Gedankenhaptik für euch.

Ellas Schreibwelt

Wenn euch Schreiben fasziniert und es nicht immer glatt läuft, dann teilen wir ein Schicksal. Willkommen auf meinem Schreib-Blog.

Sofasophien

Fallmaschen & Herzgespinste

translatorsententiae

Dein Übersetzer für Lateinische Texte

Mohr

Positionen......

Emma Piil

mein Tagebuch | die Selbsthilfegruppe für missverstandene Heldinnen

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