Existenz im Höllenkreis? VI

Evolution

Thomas hatte sich angewöhnt zum Abendessen Rotwein zu trinken, da die Unruhe und die Stimmen in seinem Kopf für gewöhnlich um diese Uhrzeit anfingen ihn zu quälen. Es funktionierte erstaunlich gut. Wie ein dumpfer warmer Schleier legte sich der Rausch über ihn. Die Stimme war zwar immer noch da, sie störte ihn jedoch nicht mehr. Sie löste nichts mehr in ihm aus. Sie war ihm egal geworden, solange die Wirkung des Weines anhielt. In vino veritas. Im Wein liegt die Wahrheit. Er fühlte sich durch diese Erfahrung bestätigt, nicht verrückt zu sein. Immerhin ging es ihm besser, durch eine von ihm herbeigeführte logische Handlung. Es gab folglicherweise auch eine logische Erklärung für seine Unruhe und die dadurch ausgelösten inneren Dialoge. Er war felsenfest davon überzeugt, Opfer eines perfiden Bestrahlungsexperiments zu sein. Sie würden ihn nicht klein bekommen. Von Medikamenten und Drogen hielt er nicht viel. Als Jugendlicher hatte er in einer Disco mal an einem Joint gezogen. Aus einem netten Abend wurde eine schreckliche Paranoia. Die Menschen auf der Tanzfläche hatten sich in hämisch grinsende koboldgleiche Tänzer verwandelt. Ein besonders frecher hatte sich an seine Freundin herangemacht. Sie waren seit zwei Monaten ein Paar gewesen und es war definitiv die große Liebe. Irgendwie schien sie aber auch wie verhext. Magisch von einem fremden blonden Jüngling angezogen tanzte sie einen wilden Tanz und beachtete Thomas nicht mehr. Verzweifelt und verwirrt verließ er damals fluchtartig die Diskothek. Von seiner Freundin hörte er nie wieder etwas. Ihm wurde zugetragen, dass sie mit dem blonden Kobold eine spontane Urlaubsreise angetreten hatte. Wochenlang hatte er gebraucht, um wieder Vertrauen in jemanden setzen zu können. Die Menschen unterschieden sich eigentlich nicht wesentlich von anderen Säugetieren. Der kräftigste Hirsch bekommt die die Hirschkuh. „Dich stört doch nur, dass Du zu schwach bist“, sagte die Stimme in seinem Kopf sanft. Thomas nahm einen kräftigen Schluck Rotwein. Der Mensch war in der Evolution tatsächlich ein wenig weiter als der Hirsch. Der naheste Verwandte war der Menschenaffe, dachte Thomas bei sich. „Die Bonobonos vögeln wild in der Herde durcheinander. Mehrmals täglich zum Spannungsabbau. Sie haben auch unheimlich Freude sich die Finger in die Hintern zu stecken“, wandte die Stimme ein. Thomas stand auf und lief im Zimmer umher. Er wollte davon nichts mehr hören. Das führte zu nichts. Ein Violinkonzert von Schubert würde Abhilfe schaffen.

Gier

Es klopfte ausdauernd an der Tür. Thomas stelle die Musik leiser und lauschte. „Herr Bollengrafen, ich habe ein Paket für Sie“, rief eine Stimme. Thomas öffnete neugierig die Türe. Ein etwas schmierig grinsender Mann mit einem Klemmbrett stand dort und sagte: „Guten Tag, die Firma Rippafon. Ich habe hier ein ganz neues Smartphone für Sie reserviert. Unser einmaliges und befristetes Angebot ist individuell auf sie zugeschnitten. Mit einer Unterschrift hier unten kann ich es ihnen sofort zukommen lassen.“ Er hielt Thomas das Klemmbrett direkt unter die Nase und lächelte erwartungsvoll. „Ich kann mir kein Handy leisten“, entgegnete Thomas und wollte die Türe wieder schließen. Der Mann trat einen Schritt nach vorne und stand nun im Türspalt. „Das Gerät kostet sie nichts. Es ist im Vertrag mit drin. Für einen läppische Euro und neunundfünfzig Cent steht ihnen die Welt offen“, warb der Mann nun enthusiastisch und schaute dabei wie der Weihnachtsmann. „Im Monat?“, fragte Thomas. Der Mann fing herzlich an zu lachen und erwiderte mit nachlassender Begeisterung „Am Tag natürlich. Aber sie können fast endlos surfen und telefonieren. Da werden sich ihre Lieben aber freuen.“ „Weil ich Ihnen dann wegen der Surferei nicht mehr auf den Wecker gehen kann?  Nein, lassen Sie es mal gut sein. Das ist ein Viertel meines  täglichen Lebensmittelbudgets. Ich esse lieber als ich surfe“, schloss Thomas die Unterhaltung ab. Der Mann zuckte enttäuscht mit den Schultern und schien ein wenig verwundert über die scheinbar unerwarteten Widerworte. Auf der anderen Seite des Flurs sah Thomas einen weiteren Klemmbrettmann auf den taubstummen Urs einreden. Dieser schien sich sehr über dessen Weihnachtsmanngetue zu freuen. Thomas schloss die Türe und vergaß die Angelegenheit.

Eine Woche später lag ein funkelnagelneues Smartphone auf seinem Tisch. Der Paketdienst hatte es gebracht. Im beiliegenden Anschreiben wurde er darauf hingewiesen, dass seine Widerspruchsfrist für den beiliegenden Vertrag in zwei Tagen ablief. Verärgert setzte er ein Kündigungsschreiben auf und suchte im Telefonbuch nach einer Filiale des Paktdienstes, um das unerwünschte Präsent zurückzusenden. Leider lag diese in einem entfernten Stadtteil. Als er am Nachmittag nach Hause zurückkehrte hatte ihn die ganze Angelegenheit zwei U- Bahntickets und eine Briefmarke gekostet. Das war leider sein heutiges Budget für Lebensmittel gewesen. Vor dem Haus lag ein zertrümmertes Smartphone auf der Straße. Missvergnügt stieg Thomas die Treppe zu seiner Wohnung empor als ihm sein Nachbar Ralf über den Weg  lief. Es platzte es aus Thomas heraus: „Stellen Sie sich vor. Ich habe heute einfach ein Telefon samt Vertrag zugeschickt bekommen. Diese Betrüger haben es mir ohne Bestellung zugesandt.“ Es war eigentlich nicht seine Art, seine Mitmenschen mit unbestellten Reden zu belästigen, doch im Moment war zu erregt, um sich zu beherrschen. Ralf brummte gleichgültig: „Ich auch.“ Thomas spitzte die Ohren und rief: „Du muss unbedingt Widerspruch einlegen. Bei Haustürgeschäften darf man das zwei Wochen. Die Typen haben aber das Datum manipuliert. Jetzt hast Du nur noch kurz Zeit.“ Ralf erwiderte emotionslos: „Ich hab nichts bestellt.“ Thomas versuchte es weiter: „Darauf haben es diese Betrüger doch abgesehen. Wenn Du nichts machst und das Handy behältst, gehst Du ein Rechtsverhältnis ein und bist haftbar. Verstehst Du nicht? „Ich hab nichts bestellt“, wiederholte Ralf eintönig. „Diese Gangster kassieren wahrscheinlich eine Provision für jeden Abschluss. Denen ist egal, ob die Rechnungen bezahlt werden“, flehte Thomas fast. „Mir auch. Ich hab nichts bestellt“, entgegnete Ralf und machte sich mit einer angedeuteten Verabschiedungsgeste auf den Weg. Thomas sah ihm seufzend nach. Vor der Türe, seines seit Wochen verstorbenen Nachbars Olaf, stand ein Paketbote. Er hämmerte gegen die Türe und schrie mit einem osteuropäischen Akzent „Paket“. Als er Thomas sah, stürzte er auf ihn zu und fragte: „Paket?“ Der Bote deutet auf das Päckchen in seiner Hand und anschließend auf die Türe von Olaf. „Der Herr ist kürzlich verstorben“, verkündete Thomas huldvoll. Der Mann hielt ihn ein elektronisches Gerät mit einer Art Stift unter die Nase und wiederholte „Paket?“ Entnervt entgegnete Thomas:“ Nein. Der Mann ist tot. Der hat bestimmt nichts bestellt. Aus. Schluss. Kaputt“. Beim letzten Wort veränderte sich die Miene des Mannes unmerklich. Er schien zu überlegen. Als der taubstumme Urs mit lautem Gepolter und wild schwankend im Flur erschien, sah der Bote auf seine Armbanduhr und stürzte sich auf den Neuankömmling. Die obligatorische Frage: „Paket?“ wurde von Urs mit einem unkontrolliert klingenden Freudenschrei beantwortet. Er kritzelte etwas mit dem Plastikstift auf das Lesegerät und nahm freudestrahlend das Paket entgegen. „Herrgott nochmal. Olaf ist tot“, schrie Thomas. Die beiden Männer konnten ihn aber nicht verstehen.

Evolution II

Thomas hatte seit Beatrix seit der Beerdigung von Olaf nicht mehr gesehen. Er vermisste sie ein wenig und beschloss deshalb ihr einen Besuch abzustatten. Nachdem er ein paar Blumen aus den Gärten der Nachbarschaft entliehen hatte, klopfte er erwartungsvoll an ihre Türe. Sie schien freudig überrascht und zog ihn überschwänglich in ihre Wohnung. „Komm ich lege Dir die Karten“, sagte sie und wies ihm einen Platz an einem mit Karten übersäten Tisch zu.“ Da Beatrix etwas empfindlich auf laxe Äußerungen reagieren konnte, schwieg Thomas lieber und beobachtete neugierig wie sie ihm ein paar Karten zum Mischen gab. Anschließend legte sie diese mit bedeutungsvoller Miene nebeneinander. Bei mehreren Karten huschte ein Lächeln über ihr Gesicht. Thomas starrte sie gebannt an. Sie war so schön. Als sie plötzlich aufschreckte zuckte Thomas  zusammen. Er sah in ihr sorgenvolles Gesicht und bekam ein mulmiges Gefühl, als sie ihn wie ein Kind ansah, dem man die grausame Wahrheit nicht zumuten wollte. Sie schüttelte sich ein bisschen und legte zärtlich die Hand auf seine Wange. Er schloss die Augen und eine angenehme Wärme floss durch seinen Körper. Er umarmte sie und zog sie auf seinen Schoß als es an der Türe klopfte. Sie gab ihm einen Kuss und löste sich sanft. An der Türe stand ein großer breiter Mann mit einem Geschenkpaket in der Hand. Beatrix war freudig überrascht und zog den Mann in die Wohnung und sagte, „Komm ich leg Dir die Karten.“ Sie wies auf dem Stuhl auf dem Thomas saß. Der Mann trat ein und sah Thomas überrascht an. Thomas überlegte kurz welche Rolle ihm ihn diesem Stück zugewiesen war. Hätte er sich im Kleiderschrank oder unter dem Bett verstecken müssen? Oder war er selber der gehörnte Ehemann, der sein Revier verteidigen musste? Der neue Besucher schien sich gerade mit ähnlichen Fragen zu beschäftigen. Beatrix war keine Hilfe. Sie sortierte freudig ihre Karten. Die Stimme in Thomas Kopf meldete sich nun spöttisch zu Wort: „Das hier überfordert wohl Deine kleinbürgerlichen Moralvorstellungen. Jetzt zeig mal wer das größte Geweih hat. Oder willst Du lieber die Affenherde? Hirsch oder Affe? Mach schon.“ Thomas war wie paralysiert. Sein gegenüber schien angestrengt nachzudenken. Es wirkte ein wenig, als ob ihm das Schmerzen verursachte. Der ungebeten Kommentator in seinem Kopf sprach nun vielstimmig und laut lachend auf ihn ein. „Hirsch oder Affe. Ha, Ha, Ha. Hirsch oder Affe. Ha, Ha, Ha.“ Thomas sprang abrupt auf und der Stuhl viel krachend um. Beatrix und der Mann sahen Thomas erschrocken an. Er eilte an beiden vorbei zur Türe hinaus. Eine Stimme rief ihm nach: „Eine Maus!“

4 Kommentare zu „Existenz im Höllenkreis? VI“

  1. Da ich quasi mitten in dein Romanprojekt eingestiegen bin, fehlt mir ein Überblick. Vielleicht wäre es gut, jedem neuen Abschnitt eine Zusammenfassung voranzustellen „Was bisher geschah“, desgl. Eine List mit dem Personal. Das würde die Nachteile der Publikation im Blog ein wenig mildern. Was ich gelesen habe von „Existenz im Höllenkreis“, gefällt mir.

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