gemütliches Sofa mit Schaffell und Kissen

Sofazyklen und Fliehkräfte

Ich habe eine große Leidenschaft, der ich schon lange mit ungebrochener Freude fröne und die mir ein wenig peinlich ist. Da das hier ja unter uns bleibt, möchte ich trotzdem gerne davon berichten. Seit frühester Kindheit genieße ich es auf dem Sofa zu liegen. Ich habe es bei meinem Hobby schon bis zur regelrechten Meisterschaft gebracht. Das klingt jetzt vielleicht etwas lächerlich aber in Wahrheit gibt es tausende von Kräften, die einen daran hindern wollen seiner wahren Bestimmung zu folgen. Ich meine die Fliehkräfte des Lebens, die einem sozusagen vom Sofa schleudern, wenn man nicht konsequent dagegenhält. Schon in Kindheitstagen muss man im Familiensystem mit groben Störungen rechnen, da das Sofa oft dem von der Arbeit heimkehrenden Familienoberhaupt vorbehalten ist. In meiner Kindheit war das jedenfalls so. Vielleicht hat die Emanzipation ja zur heutigen Verbreitung der Sofalandschaften geführt aber damals herrschte Sofaknappheit. Einen weiteren, aus psychoanalytischer Sicht  hoch interessanten Aspekt, trug meine Mutter zu all dem bei. Sie bezeichnete mich als Phlegmatiker. Das führte zwar dazu, dass ich mich früh für Fremdwörterlexika interessierte aber fort an meine Rolle in der Familie innehatte. Das mein großer Bruder ein Zappelphillip (heute wurde man vermutlich ADHS dazu sagen) war verstärkte die ganze Angelegenheit zu meinen Ungunsten. Ich fügte mich also meiner Zuschreibung und wurde als Familienmitglied, das Bücher las und sich nicht ständig irgendwelche Sportverletzungen zufügte, schnell von meinem Vater in spöttisch stolzer Weise „Professor“ genannt. Schwer war das nicht, da ich einfach nur zur Schule gehen musste ohne zu schwänzen und meine Hausaufgaben erledigte ohne größeres Theater. Meine Eltern waren so etwas nicht gewohnt. Mit der Rolle des Professors hatte ich mir ein gewisses Anrecht erworben auf dem Sofa zu liegen. Zugegeben, das hatte seinen Preis aber genau das soll hier das Thema sein. Es ist schwierig als Heranwachsender ein solch unschuldiges und nachhaltiges Hobby wie das Sofaliegen entgegen dem gesellschaftlichen Druck auszuüben. (Stehen Psychoanalytiker deshalb so auf Sofas?) Der Feind des Sofafreundes lauert aber nicht nur in den äußeren Umständen, sondern kann auch tief in einem selbst erwachen. Exzessives liegen auf dem Sofa kann bei jungen Erwachsenen, die noch nicht so charakterlich gefestigt und durch entsprechende Lebenserfahrung geprägt sind, zu mentalen Retardierungserscheinungen mit affektiven Einschränkungen, sowie mangelnder Interaktivität führen. Auf Deutsch heißt das, es wird einem stinklangweilig und man hat auf nichts mehr Lust, wenn Mutti einem nicht rechtzeitzig vom Sofa jagt. Mit der Gründung eines eigenen Hausstandes musste ich also lernen eigenständig herauszufinden, wann der Zenit der Genusskurve des Sofaliegens überschritten war und einige Tätigkeiten bis zur nächsten Sofasitzung dazwischen schieben. Die Genusskurve des Sofaliegens verläuft grob gesagt etwas so. Vorfreude, niederlegen, körperliche Entspannung, mentaler Abbau von Anspannung, Nahrungsaufnahme, Zuführung kultureller Einflüsse, Entwicklung von eigenen Phantasien, Einschlafen oder Einschlafen von Körperteilen, Nahrungsabgabe, Depression, Dekubitus. Es hat sich bewährt vor dem Pinkeln aufzustehen und nicht wieder auf das Sofa zurückzukehren. Der Zenit liegt irgendwo zwischen phantasieren und einschlafen. Die Zeit bis zum nächsten Sofazyklus kann man gut mit Arbeit oder anderem geselligen Treiben verbringen. Mit diesem System bin ich viele Jahre gut gefahren, bis mich ein weiterer unerwarteter Faktor heimsuchte. Rückenschmerzen beim Liegen. Nun tickte also die biologische Uhr für mich und mein Hobby. Ich konsultierte diverse Expertinnen und Experten. Den besten Tipp bekam ich von einem Statiker, der mich zum Aufbau von Rückenmuskulatur mittels Schwimmtraining überredete.  Für den aufrechten Gang braucht es gute Fundamente in der Wirbelsäule. Diese Muskelfundamente kann man auch zum Liegen benutzen. Von der Angst getrieben mein geliebtes Hobby nicht mehr betreiben zu können, kraulte ich also durch diverse Schwimmbecken. Der Lohn für diese Anstrengungen waren viele unbeschwerte Sofazyklen bis zum Zenit. Mittlerweile habe ich eine Familie gegründet (Sofa liegen zu zweit) und einige Kinder.  Das ist an sich eine feine Sache, doch haben wir leider nicht annähernd genügen Sofas. Das Patriachat ist bei uns leider beerdigt worden und es bedarf einer Menge List und Tücke, um an einen Sofaplatz zu kommen. Andererseits hält mich das jung. Im Sommer weiche ich notfalls auf eine Gartenliege aus. Ich muss dann zwar viel Smalltalk über Urlaubsbräune halten aber mein gesellschaftliches Ansehen bei meinen Gesprächspartnerinnen und Gesprächspartnern steigt, wenn diese glauben ich jette permanent von einem begehrten sonnigen Urlaubsziel zum anderen. Ich bin quasi Eins mit meinem Hobby geworden und freue mich immer wieder auf neue Aspekte und Herausforderungen die daraus erwachsen. Vielleicht werde ich der erste Mensch in Deutschland, dem es gelingen wird sich auf seinem Sofa beerdigen zu lassen ? Die Zukunft bleibt spannend.

6 Kommentare zu „Sofazyklen und Fliehkräfte“

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