Verbotsschild mit der Aufschrift Müll abladen verboten

Von Grauzonen, Erkenntnissen und beleidigten Pförtnerinnen

Wenigstens eine tiefere Erkenntnis konnte ich im Laufe meines Lebens gewinnen. Verscherze es Dir nie mit Hausmeistern oder Pförtnern. Ob das auch für Hausmeisterinnen gilt kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen, da dieser Berufsstand erstens vom Aussterben bedroht ist und zweitens die Emanzipation der Frauen an ihm scheinbar spurlos vorbeigezogen ist. Ich habe im Laufe der Zeit erst eine Hausmeisterin kennenlernen dürfen. Der klassische Hausmeister trug früher einen grauen Kittel und eine Schirmmütze. Seine Aufgabe war es für Ordnung und Sauberkeit zu sorgen, sowie Dinge zu reparieren. Manch ein Exemplar schoss über das Ziel hinaus und versuchte die Hausnutzer mit erzieherischen Maßnahmen zu Erfüllungsgehilfen seiner Aufgaben umzuerziehen. Da wurde fast im Stil des Blockwartes versucht jede Art von schmutzenden, lärmenden, individuellen oder sonst wie lebendigen Verhalten auszumerzen. Sein Ansehen erwarb er sich durch bereits erwähnte Reparaturen, die stets korrekt und zuverlässig durchgeführt wurden. Die Gründe sich mit diesen Zeitgenossen gut zu stellen lagen auf der Hand. Keine nervigen Gespräche und funktionierende Rollläden. Den Todesstoß erhielt diese Berufsgruppe übrigens nicht durch die 68 er Revolution und die davon ausgehenden gesellschaftlichen Umwälzungen, sondern schlicht und einfach durch den Kapitalismus. Viele öffentliche Wohnungen wurden von Investoren erworben, die lieber ihre Gewinne maximierten wollen als Hausmeister zu bezahlen. Sperrmüllhaufen in den Gängen oder auf den Grünflächen, sowie lange Wartezeiten für Reparaturen durch unpersönliche externe Dienstleister stören die Aktionäre nicht sonderlich. Wer gehofft hatte der gemeine Hausmeister würde ein biologisches Ende durch Überalterung finden, hatte sich getäuscht. Klassische Hausmeistertypen wuchsen zu genüge nach. Doch niemand mag diese mehr finanzieren. Statt gesellschaftlichen Nutzen zu erbringen fristen sie nun ein nutzloses Dasein auf Demonstrationen, die sich der Rettung des christlichen Abendlandes widmen. Zu schade, dass jüngere Generationen und zugewanderte Neubürgerinnen und Neubürger nicht mehr in den Genuss von klassischen Hausmeistern kommen. Vielleicht hätte man voneinander lernen und sich annähern können. Gegenseitig integrieren sozusagen. Miteinander statt übereinander reden. Noch trauriger ist, dass sich die nächste Evolutionsstufe der modernen Hausmeisterin nur noch in Nischen entwickeln kann und kaum gesellschaftliche Prägung ausüben wird. Da erging es der zweiten Berufsgruppe meiner individuellen Erkenntnistheorie besser. Der klassische Pförtner hat die Entwicklung zur modernen Pförtnerin und zum modernen Pförtner gemeistert. Allerdings nur wenn man den Berufsstand nicht zu eng fassen möchte. Ihn also nicht auf mürrisch schauende, in Glaskästen sitzende, Menschen mit Phantasieuniformen reduziert.  Ich möchte aber nichts reduzieren, sondern lieber etwas abstrahieren. Keine Sorge, das tut nicht weh. Die Aufgabe eines Pförtners ist es den Einlass zu einem abgeschlossenen Bereich zu kontrollieren, zu steuern und gegeben falls auch zu verweigern. Wer kann hier nicht leidvolle Geschichten über schlechtgekleidete Türsteher erzählen, die einen wegen seines angeblichen unpassenden Outfits nicht einlassen wollten. Der Einlass zu Bereichen, die nicht ohne weiteres betreten, erreicht oder genutzt werden können, wird mittlerweile natürlich auch von Frauen kontrolliert. Ich denke hier nicht unbedingt an Bauhöfe, Discos oder Schwimmbäder, sondern auch an Personalabteilungen und Behörden. Hier wird der Zugang zu Ausbildungen und Jobs gesteuert. Die hauptsächlichen Ressourcen die man in einer modernen Gesellschaft zum Überleben benötigt und die knapp zu sein scheinen. Behörden steuern aber auch den Zugang zu anderen geschlossenen Systemen, den Gefängnissen zum Beispiel. Man sollte sich mit Pförtnerinnen und Pförtnern im engeren und weiteren Sinn gut stellen, um Zutritt zu begehrten Bereichen zu erhalten oder weniger begehrte verlassen zu können. Wer nun empört ruft: „So ein Unsinn. Mit der richtigen Eintrittskarte, Mitgliedsausweis, Hochschulausbildung, Kleidung oder dem richtigen Antrag komme ich schon an mein Ziel und lasse mich auch nicht von Pförtnern oder Sachbearbeitern aufhalten. “ Dem entgegne ich weise. Selbstverständlich Unsinn aber was schadet es höflich zu sein. Manchmal sind es nur Nuancen, die in uneindeutigen Fällen eine positive oder negative Entscheidung ausmachen. Heute habe ich ein schönes Beispiel dafür erlebt. Ein alter Mann leidet unter Demenz. Er hat im Zustand geistiger Umnachtung einen Autounfall verursacht. Alkohol war vermutlich auch im Spiel. Moralisch höchst verwerflich und auch juristisch mit saftiger Geldstrafe belegt. Der alte Mann geht also nach Hause und vergisst, dass er dement ist. Leider vergisst er auch seine Raten zu bezahlen. Jetzt kommt die Pförtnerin in Spiel. Sie arbeitet als Justizangestellte für die Staatsanwaltschaft und steuert den Zugang von Menschen ins Gefängnis, falls die ihre Geldstrafe nicht bezahlt haben. Eine moderne Pförtnerin sozusagen. Der alte Mann hat eine alte Nachbarin, die ab und zu seine Briefe mit ihm liest. Sie ruft die Pförtnerin an und bittet um Aufschub. Die Pförtnerin ist kein Unmensch und gewährt Aufschub. Jetzt vergisst der allzu vergessliche Mann aber auch diesen Aufschub und oh weh, die Pförtnerin ist sauer. Verscherze es Dir nie mit Pförtnerinnen und Hausmeistern. Irgendwann kommt das Sozialamt ins Spiel, da der alte Mann auch vergessen hat seine Miete zu bezahlen und schickt Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Die erkennen sofort den Zusammenhang zwischen Demenz und Vergessen. Echte Profis. Sie stellen haufenweise Anträge, die eine ganze Schar von Pförtnerinnen und Pförtnern beschäftigen werden. Die Mietschuld wird bezahlt, eine gerichtliche Betreuung beantragt und hunderte von Arztterminen vereinbart. Alles in Butter. Alle Pförtner und Pförtnerinnen öffnen ihre jeweiligen Tore. Nur eine nicht. Denn die ist sauer und hat ihre Fristen. Sie ist ein bisschen zu viel klassischer Hausmeistertyp. Sie könnte ihren Ermessenspielraum auch anders nutzen doch Grauzonen sind nicht ihr Ding. Der alte Mann, der unter Vergesslichkeit leidet und leider vergessen hat zu bezahlen muss nun ins Gefängnis. Vollkommen rechtens und total schwachsinnig. Hätte der alte Mann vor seiner Vergesslichkeit von meiner Theorie gewusst wäre es ihm vermutlich besser ergangen. Vorausgesetzt er hätte es nicht vorher wieder vergessen.

2 Kommentare zu „Von Grauzonen, Erkenntnissen und beleidigten Pförtnerinnen“

  1. Ich habe einen Nachbarn, den wir immer Blockwart nennen. Er vertritt das Hausmeisterpaar, wenn sie auf Urlaub sind, fühlt sich aber eigentlich immer für alles zuständig von vermeintlichem Dealen vor der Tür bis zur Vergabe der Fahrradabstellplätze und und. Manchmal sehr lästig und ärgerlich, manchmal aber auch hilfreich ….. Der tatsächliche Hausmeister ist nicht annähernd so rege 🙂 Es ist sehr schade, dass das Hausmeistertum im Verschwinden ist. Ich finde, dass die Vorzüge meistens überwiegen.

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    1. Ja. Schade wenn etwas verschwindet an dem man sich reiben konnte. Es kommt zwar immer etwas Neues, dass ist mir in dem Fall aber zu anonym. Vieleicht gibt es demnächst ja eine Hausmeister App, um jüngere Menschen auch wieder an das Thema heranzuführen.

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