Stromer, Wölfe und alternde Väter

Nach dem Ende der Hitzewellen und mit dem beginnenden Herbst wird es für „schreibenwärmt“ mal wieder Zeit aktiv zu werden. Die analoge Welt war für mich in den vergangenen Monaten tatsächlich, in einem erfüllenden Sinn, erschöpfend genug. Das Schönste waren die Sommerferien (fast) ohne Smartphone. Wie viele interessante Details das Leben zu bieten hat, wenn man sich nicht täglich mit Katastrophen, Reichsbürgern, Korruption und Missständen in Echtzeit berieseln lässt. Das ist kein Plädoyer dafür die Augen zu verschließen, sondern seinen Sinnen etwas Raum zu geben. Die Zeiten sind verunsichernd und unübersichtlich. Ein Schritt zurück für etwas Überblick und ein bisschen weniger kollektive Erregung haben mir gut getan.

Ich habe zum Beispiel den Schutzhund Igor kennengelernt. Er lebt mit einer Herde Röhnschafe zusammen und soll diese vor den Wölfen beschützen, die im nahen Vogelsberg heimisch geworden sind. Schön, wenn andere Lösungen gesucht werden als das Abknallen von ungeliebten Einwanderern. Igor nimmt seine Aufgabe leider so ernst, dass er nicht zwischen Joggern und Wölfen unterscheidet. Und laut dem Schäfer versteht er keinen Spaß. Doch Menschen, Schafe, Hunde und Wölfe sind guter Dinge im Biosphärenreservat Rhön langfristig miteinander auszukommen.

 

Viel Freude habe ich auch daran meinen Kindern die Welt zu erklären. Die hören mir wenigstens noch zu und sie befinden sich gerade erst an der Grenze dazu meine Gerede ernsthaft zu hinterfragen. Ich fürchte es wird nicht mehr lange dauern und sie gehen ihren eigenen Weg. Ich werde mir dann wohl andere Opfer für meine Weisheiten suchen müssen. Mein Sohn lernt gerade eine Bewerbung zu schreiben, da nächstes Jahr ein Praktikum ansteht. Unter Hobbys hat er „Comics lesen“ angegeben. Ich habe versucht ihm zu erklären, dass es sich bei einer Bewerbung um eine Werbung für sich selbst handelt. Und Werbung ist das Sinnbild für Betrug und Täuschung. Ich verbringe beispielsweise einen erkläglichen Anteil meiner Freizeit auf dem Sofa und trinke dazu gerne mal ein Bier. Ich würde allerdings davon absehen in einer Bewerbung Bier trinken und Sofa liegen unter meinen Freizeitbeschäftigungen einzutragen. Ich denke es sind diese wohlgemeinten Ratschläge, die Kinder wachsen lassen und vor Schlimmeren bewahren.

Streiken, um sich besser Klamotten leisten zu können.

Zum Thema Sozialarbeiterprosa gäbe es natürlich auch viel zu erzählen. Zu Beispiel, dass Wohnungsräumungen jetzt mit Mundschutz durchgeführt werden. Wir haben aktuell auch ein paar Menschen ohne Stromversorgung in ihren Wohnungen, da sie ihre Stromrechnungen nicht bezahlen konnten.  Wir nennen sie liebevoll unsere Stromer. Die Wiederherstellung einer Stromversorgung ist Staatsakt und Wissenschaft zugleich. Normale Hotline Mitarbeiter der gängigen Stromversorger, die sich täglich nur acht Stunden mit Belangen der Stromkunden beschäftigen, sind mit Fragen rund um den Wiedereinbau eines Stromzählers überfordert. Lustiger Gedanke, dass es dann ein Sozialarbeiter der Wohnungslosenhilfe  wissen sollte. Der Grundversorger baut den Stromzähler bei säumigen Kunden nämlich aus und lagert ihm beim Netzbetreiber. Die offenen Forderungen werden an Inkassounternehmen verkauft oder es werden Inkassounternehmen beauftragt, die Forderungen einzutreiben. Jeder der genannten Akteure hat andere Ansichten und Interessen wie so eine Wiederherstellung der Stromversorgung aussehen soll. Nicht zu vergessen sind  die Jobcenter und Sozialämter, die die Kosten auf Darlehensbasis übernehmen sollen. Weiterhin benötigt man mindestens zwei Elektrofachfirmen, die Kostenvoranschläge erstellen für eine Inspektion vor Wiedereinbau des Zählers. Handwerker gibt es im Dienstleistungsparadies Deutschland zur Genüge, zumindest theoretisch. Insgeheim habe ich volles Verständnis dafür wenn sich jemand weiterhin bei Kerzenschein mit dem Gaskocher ein gemütliches Abendessen zubereitet.  Ich will diesen Beitrag aber nicht vor Spannung platzen lassen und dem ein oder anderem Leser, bzw. Leserin eine schlaflose Nacht vor Aufregung bescheren und beende das Thema hier nun. Nur so viel noch: Ich arbeite an einer 800 seitigen Broschüre mit dem Titel: Wiederherstellung der Stromversorgung leicht gemacht. Die ersten 200 Seiten sind Datenschutzbestimmungen und Schweigepflichtentbindungen. Die nächsten 200 Seiten beinhalten Antragsformulare. Danach folgen 200 Seiten mit den nötigen Schritten aus der Perspektive aller beteiligten (und auch ein paar unbeteiligter) Institutionen. Abgerundet wird meine Broschüre mit 200 Seiten Entspannungstipps für Sozialarbeiter, Klienten und Hausmeister. Im Schlusswort gibt es ein Dank an die OPEC für die traditionell hohen Energiepreise und einen Verweis auf meine Broschüre „Glücklich ohne Strom. Ein Ratgeber für Abgehängte“.

PS: Ich war übrigens in der Zeitung „25 Jahre Straßensozialarbeit“

17 Kommentare zu „Stromer, Wölfe und alternde Väter“

      1. Haha 😄
        Alles sicher nicht! Aber in der Regel wird tendenziell schlecht geredet. Wenn mal etwas Gutes berichtet wird, ist es im Zweifel untertrieben oder aber voll verdient 😊

        Gefällt 2 Personen

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