eine auf der Straße schlafende Gruppe Straßenmusiker

Ein ironiefreies Hoch auf die Europäische Union

Seit die Europäische Union den Bürgerinnen und Bürgern aller Mitgliederstaaten die volle Freizügigkeit gewährt hat, kommen jede Menge  Menschen aus Südosteuropa in unsere Sozialsprechstunde. Das ist gut, denn es erhält meinen Arbeitsplatz. Der Haken an der Sache ist, dass die wenigsten deutsch oder wenigstens eine der westlichen Weltsprachen englisch, französisch oder spanisch sprechen. So eine Sozialberatung bereitet wenig Freude wenn man die Worte seines Gegenübers nicht verstehen kann. Zu Zeiten des Eisernen Vorhangs sprach man auf der anderen Seite eher russisch, wenn es mal international wurde. Das war im Westen aber nicht so angesagt. Chinesisch sprechen auch viele Menschen aber halt nur in China. So ist man also auf Gesten und sonstige Hinweise angewiesen. Einige meiner Kolleginnen und Kollegen haben es schon zu beachtlichen pantomimischen Fähigkeiten gebracht. Eine Kollegin führt für das Wort Schlafsack einen schlängelnden Tanz auf, der mich stark an den Regenwürmer Tanz aus dem Kindergarten erinnert. Es soll wohl der Versuch sein darzustellen, wie man in einen Schlafsack hineinkrabbelt. Ich bin mir sicher, dass niemand weiß was das zu bedeuten hat. Die Stimmung ist danach aber immer äußerst ausgelassen und das ist schließlich auch was wert. Spätestens wenn man dem Menschen dann tatsachlich einen realen Schlafsack unter die Nase hält, versteht dieser dann worum es geht. Es ist zwar gut möglich, dass ein arbeitssuchender Mensch unsere Beratungsstelle dann mit einem Schlafsack verlässt oder jemand der rechtliche Probleme hat von uns einen Einkaufsgutschein bekommt, aber das sind Feinheiten. Wir haben es auch schon mit Dolmetscherinnen und Dolmetschern versucht. In Europa herrscht aber ein geradezu babylonisches Sprachengewirr. Da sitzt die rumänische Dolmetscherin während der Sprechstunde nur rum, weil an dem Tag nur bulgarische Hilfesuchende kommen oder die slowakische Übersetzung scheitert an der Tatsache, dass die Menschen zwar einen slowakischen Pass haben aber nur ungarisch sprechen. Es gibt auch Bulgaren, die nur türkisch sprechen. Die Gründe hierfür liegen in den Grenzziehungen nach dem ersten Weltkrieg und in dem Verfall des Osmanischen Reiches (und vorher des oströmischen Reiches). Auf Ethnien wurde da keine Rücksicht genommen. Die ganzen Kriege vorher und nachher haben die ganze Angelegenheit dann auch nicht besser gemacht. Ganz zu schweigen von der Problematik, dass manch sensibles Thema seine Zeit und seinen richtigen Zeitpunkt braucht, um selbst von Muttersprachlern erfasst zu werden. Hilfreich ist es immer wenn jemand ein Schriftstück mitbringt. Dann wissen wir wenigstens worum es dem Menschen geht. Einen Strafzettel wegen aggressiven Bettelns, eine Verwarnung wegen Schwarzfahrens oder ein Haftbefehl lässt sich hervorragend pantomimisch darstellen. Auch die Lösung ist meist einfach zu kommunizieren. Bezahlen sonst Problem. Ein Jobcenterbescheid ist auch nicht problematisch. Der ist in jeder Sprache vollkommen unverständlich und für Außenstehende in keiner Weise logisch nachvollziehbar. Da muss man nur den Überweisungsbetrag einkreisen wenn man ihn findet. Aber es gibt nichts, was nicht mit zwanzig gefühlten Telefonaten in irgendwelchen anonymen Callcentern transparent gemachte werden konnte. Viele Menschen aus diesen noch stark landwirtschaftlich geprägten Ländern halten uns Deutsche und unsere Bürokratie für vollkommen verrückt und sie habe leider recht. Das Oberhaupt einer Roma Familie, die seit mehreren Jahren mit ihren Briefen zu mir kommt, war kürzlich sehr erstaunt, dass unsere Beratungsstelle nicht gleichbedeutend mit Sozialamt, Familienkasse, Jobcenter, Stadtschulamt, Jugendamt, Versorgungsamt oder Krankenkasse ist. Als ich ihn zu erklären versuchte, dass nicht ich über all das entscheide, sondern in jedem Amt verschiedene Menschen sitzen, die die von uns ausgefüllten Anträge erhalten, war er erst verdutzt und musste anschließend herzlich lachen. Vermutlich glaubt er, es sei eine geheime Passion der Deutschen zu verwalten und Ämter für die verrücktesten Teilaspekte des Lebens zu schaffen. Er gönnte mir also meine Anträge von ganzen Herzen und war auch sehr dankbar dafür, dass sich jemand, für ihn einsetzte, wofür und warum auch immer. In seinen Augen war ich einfach ein guter Mensch. Das entspricht nicht unbedingt den Tatsachen und vereinfacht meine Beweggründe für mein Handeln stark. Ich habe es mangels differenzierter Kommunikationswege aber einfach mal so stehen lassen. Fühlt sich ja auch nicht schlecht an. Das mongolische Reich ist vor allem durch eine effiziente moderne Verwaltung zu einem der größten territorialen Reiche der Menschheitsgeschichte geworden. Die Bundesrepublik Deutschland (ich vermeide hier mal die Bezeichnung Reich) wird vermutlich eines Tages wegen eines fehlenden Antrags oder eines Formfehlers von Amtswegen aufgelöst werden. Der Zenit des Deutschen Verwaltungsreichs ist quasi überschritten. Die Integration all dieser EU Neubürgerinnen und Neubürger ist eine gewaltige Aufgabe. Wie soll man in all diesen fremden Menschen die Liebe zu Anträgen und Mülltrennung vermitteln? Wo nur soll die Bereitschaft herkommen rücksichtslos mit Handtüchern Strandliegen zu reservieren? (Egal man sie benutzt oder nicht) Wie sollen diese armen Menschen Statussymbole anhäufen, um ihre Nachbarn zu übertrumpfen? Oder ist das kein typisch deutsches, sondern eher ein kapitalistisches Phänomen ? Ich habe mal gelesen, dass die Engländer ihre Nachbarn für gewöhnlich auch hassen. Vielleicht lassen sie sich deshalb EU mäßig von uns scheiden. Ich bin ein großer EU Anhänger und bedaure das übrigens sehr. Über siebzig Jahre Frieden im Gebiet der EU gab es vermutlich zuletzt im Römischen Reich. Ich finde, da ist ein bisschen mehr Begeisterung angebracht statt platte nationale Parolen zu schwingen. Integrationsbemühungen sollen nicht nur von Migrantinnen und Migranten kommen, sondern auch von der aufnehmenden Gesellschaft, durfte ich unlängst in der Zeitung lesen. Das klingt irgendwie logisch. Das Argument: „Wer zuerst da war darf für immer bestimmen wie es läuft“ ist irgendwie realitätsfremd. Erstens nimmt jede neue Generation sowieso Änderungen in der Kultur eines Landes vor, egal ob eingeboren oder zugewandert und zweitens weiß niemand mehr so genau wer eigentlich zuerst wo war. Das war ein ganz schönes Durcheinander bei den Völkerwanderungen früher. Waren meine Vorfahren jetzt Kelten, Römer oder Germanen? Es sollen ja sogar mal Mongolen durchgeritten sein. Ich weiß nicht mehr so genau. Meine Eltern konnten mir da auch nicht weiterhelfen. Das Konzept Nation als alleiniger Kitt für eine Gesellschaft reicht offensichtlich nicht mehr. Dafür ist die Welt zu klein geworden. So eine kooperative Gesellschaft mit gemeinsamen Vorstellungen von Recht, Freiheit, Toleranz und Demokratie erscheint mir zukunftsfähiger. Die EU ist doch eine prima Chance dafür. Nimmt man das ernst, darf jeder in Deutschland montags für die Rettung des christlichen Abendlandes demonstrieren oder Ramadan feiern. Man darf auf demokratischen Weg gegen die Verwerfungen des Kapitalismus kämpfen oder versuchen möglichst viel Geld zu verdienen. Jede/r sollte sich an demokratisch legitimiertes Recht halten und die jeweilige Amtssprache erlernen. Klingt einfach aber scheint doch höchst kompliziert zu sein. Ein gelungenes Beispiel für Integration ist beispielsweise der Döner. Die deutsche Mehrheitsbevölkerung hat sich auf die türkischstämmige Bevölkerung in essender Weise zubewegt. „Ein Döner ohne Salat“ und schon war etwas ganz Neues geboren. Manch einem liegt er zwar schwer im Magen, so wie Erdogan, die freie Meinungsäußerung schwer verdaulich findet aber mittlerweile ist er ein Stück deutsches Kulturgut geworden. (Der Döner nicht Erdogan) Özil will zwar nicht mehr mit uns spielen und viele Türkinnen und Türken finden die nationalen Parolen von Erdogan gut aber wer es mit der Toleranz ernst meint, muss das erst mal so hinnehmen. Wäre toll wenn Deutschland in Puncto Bildungschancen und politische Teilhabe von Menschen mit Migrationshintergrund etwas nachlegen würde. Erdogan und die EU war nie ein Liebesverhältnis. Sie hat ihn erst zu lange hingehalten und sein Werben missachtet. Als er sich beschwert hat, hat sie ihm Vorschriften machen wollen. Mittlerweile hat man den Eindruck, dass er aus Trotz genau das Gegenteil von dem macht, was sie von ihn verlangt. Zum Glück sind sie nicht verheiratet. Abschließend wollte ich noch sagen, dass ich eine Menge gut integrierte türkischstämmige Deutsche oder auch deutschstämmige Türken ( es gibt ja zum Glück keine Kennzeichnungspflicht) kenne und mein türkischstämmigen Nachbarn definitiv über die teureren Statussymbole verfügen. Mist.

2 Kommentare zu „Ein ironiefreies Hoch auf die Europäische Union“

  1. Das Argument: „Wer zuerst da war darf für immer bestimmen wie es läuft“ ist irgendwie realitätsfremd.
    Dazu passend,, wenns beliebt, eine abc-etüde:
    https://gerdakazakou.com/2019/01/09/abc-etuede-der-wurm-im-apfelglueck-leicht-kata-strophisch/ und darin besonders der Satz: „Doch wie wars für den Wurm, ihr Leute?
    Wie fühlt sich der?
    Er war doch der Herr
    im Apfel seit Geburt bis heute!“

    Liebe Grüße von einer mit frankfurter Sozialarbeit aus alten Tagen Vertrauten.

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