Real existierende Erlebnispädagigik oder Besäufnis mit Stasi, ein DDR Reisebericht V

Das sozialistische Dresden schmückte sich mit seiner feudalistischen Vergangenheit und seinen Kulturgütern. Besonders stolz war man auf ein altes Opernhaus, das sozusagen aus Ruinen auferstanden ist, ganz wie es die Nationalhymne versprach. Leider war eine Besichtigung für Touristen nicht vorgesehen. Mein Onkel war Mitglied der freiwilligen Feuerwehr des Vorortes, die in guten Kontakt zu allen Wehren der Stadt stand. Damit die schöne Oper nicht nochmal Opfer der Flammen würde, wurde sie eifrig von Feuerwehrleuten bewacht. Ein solcher Kollege war ausnahmsweise gerne bereit uns im Inneren des Heiligtums herumzuführen. Wir warteten also vor dem Notausgang auf Einlass und mein Onkel schaute sich wachsam um. Immer wenn es um´s „organisieren“ ging legte er die gemächlichen sozialistischen Bewegungen ab und bewegte sich gerade zu hektisch. Mit diesem zielbewussten gierigen fast kapitalistischen Blick hatte er alles in Griff. Eine zehnköpfige Reisegruppe aus Hamburg fand sich ebenfalls zu einer ausnahmsweisen Führung ein und wir schlüpften nach und nach durch den geöffneten Spalt des Notausganges. Das war definitiv die spannendste Besichtigung eines historischen Gebäudes an die ich mich erinnern konnte. Ich kann mich eigentlich gar nicht mehr genau erinnern, was es genau zu sehen gab. Lediglich an eine Art aufgemalte Holzfaserung, die den Restauratoren viel Mühe gekostet hatte ist mir in Erinnerung geblieben. Das Konspirative und Verbotene, sowie die ständige Angst erwischt zu werden kann ich heute noch spüren. Hätte die DDR mehr solcher Touristenattraktionen gehabt hätte sie wohl länger überlebt. Na ja, eigentlich bin ich mir sicher, es gab solche Erlebnismöglichkeiten zuhauf. Massenhafte Erlebnispädagogik bevor der Begriff überhaupt aufkam. Doch hatte der Staat nichts davon. „Wer viel kontrolliert, wird viel beschissen“, pflegte mein Lehrer zu sagen. Vielleich hätte er lieber als Berater für Erich Honecker fungieren sollen, als sich mit Halbwüchsigen herumzuschlagen. Die DDR hätte ihre Bürgerinnen und Bürger einfach mal frei organisieren lassen sollen und sich ihren Teil in Form von Steuern nehmen sollen. Die Parteifunktionäre glaubten scheinbar, dass die Menschen in der DDR noch nicht reif für den freien Sozialismus waren und noch ein paar Jahre zu ihrem Glück gezwungen werden sollten. So wie ich noch mehrere Jahre zur Schule geschickt wurde und meinen Eltern später dankbar für die Erziehung sein sollte. Jetzt war die DDR aber kein pubertierender Jüngling, sondern eine Gemeinschaft von Millionen von Menschen, die immer weniger bereit war sich von wenigen zu ihrem Glück zwingen zu lassen.
Vieles in der DDR geschah im beschaulichen und privaten Bereich. In der Holzwerkstatt meines Onkels fand jede Woche eine Art Nachbarschaftsrunde statt, bei der reichlich Alkohol floss. „Die saufen viel Schnaps im Osten, das haben die von den Russen“, munkelte man auf der Westseite der Familie. Frauen waren nicht zugelassen, obwohl das sozialistische System ihnen nach offizieller Lesart einen gleichwertigen Stand in Gesellschaft und Arbeitsprozess zustand. Die Bürgerinnen und Bürger der DDR waren in dieser Hinsicht aber auch noch nicht reif genug. Während die Männer auf harten Holzstühlen in der Werkstatt tagten, trafen sich die Frauen auf weichen Sofas in der Wohnstube und tranken Grimmsekt. Mein Vater war mit Zigaretten und Spirituosen aus dem Intershop der King in der Runde. Man schwadronierte und berichtete, suchte nach der Wahrheit und dichtete. Klare politische Aussagen auf westlichem Stammtischniveau gab es nach meiner Erinnerung aber nicht. Mein Vater hatte Andeutungen fallen lassen, dass einer der Nachbarn möglicherweise für die Staatsicherheit spionierte. Der Nachbar fuhr eine große russische Limousine und war erfolgreicher Handwerker. Ich schaute dauernd in die Runde und versuchte den Spion auszumachen. Die Stimmung wurde immer ausgelassener und die Erwachsenen ließen nach und nach mit zunehmendem Alkoholkonsum ihre Fassaden fallen. Zum Vorschein kam ein Haufen Halbwüchsiger. Ich frage mich heute wie ich das ohne Alkohol eigentlich aushalten konnte. Andererseits liebte ich es zuzuschauen wie sich erwachsene Männer betranken und zu Kindern wurden. Da war Stimmung in der Bude. Politik blieb außen vor. Es ging eher um die eigene Unabkömmlichkeit und Wichtigkeit im Produktionsprozess, die zirka drei verschiedenen Automarken in der DDR und die Unverständlichkeit der Frauen. Irgendwie kam mir das alles bekannt vor.

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