Archiv der Kategorie: Kindheitserinnerungen

Herr Heitschmanns verschwinden

Es muss irgendwann Ende der siebziger Jahre gewesen sein als Herr Heitschmann aus meinem Leben verschwand. Nicht, dass er mir besonders nahe gestanden hätte. Ganz im Gegenteil, eigentlich wusste ich kaum etwas über ihn. Er war lediglich mein Nachbar. Ich war gerade eingeschult worden und meine Welt war glücklicherweise entsprechend übersichtlich. Es gab meine Mitschülerinnen und Mitschüler, die wir damals Schulkameraden nannten, meine Lehrerin und meine Familie. Und dann gab es noch die Menschen, die man zufällig traf wenn man vor die Haustüre trat. Einer von Ihnen war Herr Heitschmann. Herr Heitschmann war ein Erwachsener, wie jeder andere. Er gehörte weder zu der Sorte Erwachsener, die herum meckerte, noch zu denen, die den Kindern etwas schenkte. Folglich war er für uns  völlig uninteressant, genau wie die meisten anderen Erwachsenen auch. Sie hatte man lediglich brav auf dem Hof zu grüßen, um keinen Unmut auf sich zu ziehen. Ich wäre niemals auf die Idee gekommen, dass Herrn Heitschmann etwas fehlte oder dass er sogar etwas zuviel haben könnte. Mir wäre auch nie in den Sinn gekommen, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte. Bis zu dem Zeitpunkt als er voller Panik um Hilfe rief. Herr Heitschmanns verschwinden weiterlesen

Freizeitpark und kein Vorstadtidyill

Die Minigolfbahn war gerade erst neu eingeweiht worden. Wir Kinder saßen auf dem Mäuerchen, die das Gelände einfasste und beobachteten ehrfürchtig die Männer mit ihren Lederjacken und coolen Sonnenbrillen. Es gab gleich mehrere die Golftaschen mit verschiedenen Schlägern und silberne Koffer mit bunten Golfbällen hatten. Mit absoluter Präzision und in ruhigen Bewegungen gingen sie ihrer Tätigkeit nach. Ihren Mienen nach zu urteilen, konnte hier von Spiel keine Rede sein. Ein korpulenter Spieler kniete sich hin und betastete verschiedene Bälle, die sich in seinem vor ihn liegenden Koffer befanden. Seine enge Jeans rutschte dabei herunter und gab etwa die Hälfte seines Hinterns frei. „Es gibt für jeden Untergrund einen anderen Ball“, wusste jemand zu berichten. Er war schon zwei Jahre älter als wir anderen und entsprechend erfahren. Der Mann versuchte sich wieder aufzurichten und geriet dabei etwas ins straucheln. „Das ist bestimmt ein Profi“, munkelten wir. „Der verdient bestimmt einen Haufen Kohle“.
Mit der Eröffnung der Bahn war der Freizeitpark unseres Stadtteils fertiggestellt worden und die große weite Welt mit ihren Neuerungen hatte Einzug gehalten. Freizeitpark und kein Vorstadtidyill weiterlesen

Schraube locker und Speisung mit Hindernissen,ein DDR Reisebericht VI

 

Wir waren mit unserem Talbot auf dem Weg zu einem Restaurant als eine Streife der Volkspolizei am Straßenrand auftauchte. Der Polizist hob die Hand und winkte uns heraus. Wieder brach Hektik und ein Anflug von Panik aus. Staatliche Ordnungshüter waren für gewöhnlich nichts was meine Eltern beunruhigte. Ganz im Gegenteil. Sie waren der Ansicht, dass alles nach Recht und Ordnung verlaufen sollte und hatten ein großes typisch deutsches Grundvertrauen in den Staat, das sie auch auf mich vererbt hatten. „Wir haben ja nichts zu verbergen“, wie man so schön sagt. Das bei genauerer Betrachtung jeder so seine Leichen im Keller hat ist mir erst später bewusst geworden und ein ganz anderes Thema. Diesen Staatsvertretern schienen sie nicht über den Weg zu trauen. Der Volkspolizist kam langsam mit seiner Kelle auf uns zu. Er ließ sie wie einen Schlagstock in die Handfläche sausen. „Oh je, jetzt sind wir dran“, jammerte Mutter und kurbelte das Seitenfenster herunter. „Guten Tag die Fahrzeugpapiere bitte“, sagte der Uniformierte und grüßte indem er seine Hand an seine Mütze hob. Interessiert blätterte er in unseren Pässen. „Ich habe sie angehalten, da ihr linker vorderer Scheinwerfer nicht funktioniert“. „Das ist unmöglich, der Wagen ist ganz neu“, entgegnete Mutter und schien schon während des Sprechens zu ahnen wie sinnlos die Entgegnung war. Der Volkspolizist sah sie nur wissend an und belehrte sie: „Dieses Fahrzeug scheint nicht für unsere Straßen ausgelegt zu sein. Hier gibt es schon die ein oder andere Unebenheit“, fügte er lächelnd hinzu. Vielleicht meinte er die bombentrichterartigen Schlaglöcher auf den Straßen? „Beim Trabbi lösen sich auch immer mal Birnchen. Da muss man einfach mal ordentlich draufhauen und dann geht das wieder“. Er machte eine ausholende Geste und meine Eltern schienen die Luft anzuhalten. Mit einem nachdenklichen Blick ließ er seine Hand langsam sinken und sagte: „Fahren Sie mal in die Werkstatt und lassen das machen“. Er schien offensichtlich der Meinung, dass Mensch und Material im real existierenden Sozialismus einfacher und härter waren. Vielleicht hielt er die Produkte des Kapitalismus für zu verweichlicht und verspielt. Vielleicht war es aber auch ganz anders. „Ich wünsche Ihnen eine gute Weiterfahrt“. Er beendete er das Schauspiel mit einem weiteren lässigen militärisch anmutenden Gruß und ging zu seinem Wagen zurück. Großes Aufatmen und Freude, ohne Beule aus der Sache herausgekommen zu sein.

Das Restaurant war eines der Besseren vor Ort. Es war in einem Haus aus der Gründerzeit untergebracht und wirkte recht schick. Über eine Treppe erreichte man den Speisesaal in denen weiß gedeckte Tische standen. Kaum ein Tisch war besetzt und ich suchte mir im Gedanken schon einen schönen Platz aus, als ein Kellner mit weißem Hemd auf uns zukam. Mein Onkel tuschelte mit ihm und fuchtelte dabei wild mit den Händen. Schließlich kehrte er zu uns zurück und sagte: „Ihr macht jetzt mal einen schönen Spaziergang“. Wir sahen uns alle fragend an. „Wir müssen noch ein bisschen warten. Ich übernehme das und Ihr schaut Euch die Stadt an“. Wie ein Haufen lustloser Jugendliche trotteten wir hungrig durch die Stadt während mein Onkel den Platzhalter spielte. Nach etwa einer Stunde kehrten wir in das Restaurant zurück. Auf der Treppe stand nun eine ganze Menschenschlange. Ganz vorne mein Onkel. Das Restaurant war immer noch halbleer. Wir gingen an der Schlange vorbei und ernteten den ein oder anderen bösen Blick. Als wir zu unserem Tisch geführt wurden war mir der Appetit schon gründlich vergangen. Meine Eltern waren auch in einer trotzigen Meckerstimmung, ob der Zumutungen, die einem zahlenden Gast hier wiederfuhren. Heute würde man sagen typische „Wessi“ Arroganz. Die Begriffe „Wessi und „Ossi“ waren uns damals aber noch fremd. An das Essen kann ich mich gar nicht mehr genau erinnern. Es war für unsere Verhältnisse günstig, wie fast alles was man in der DDR kaufen konnte. Wenn man denn wusste wo und wann es verkauft wurde.

Unser Besuch in der Ostzone, wie meine Oma die DDR hartnäckig zu nennen pflegte, neigte sich dem Ende. Ich hatte noch 10 Ostmark mit denen ich bislang nichts kaufen konnte. Ich ging kurzentschlossen zum nahen Tante Emma Laden. Es war ein kleiner Laden mit langer Theke hinter der zwei Frauen standen und einem Regal mit Waren im Hintergrund. Ähnliche Läden hatte es bei uns im Westen bis Ende der Siebziger Jahre auch noch gegeben. Mit etwas weniger Personal allerdings. Auf der Theke entdeckte ich mehrere Tafeln mit Schokolade. Es war eine Marke, die ich aus dem Supermarkt zuhause kannte. Ich glaube es waren Schogetten von Toblerone für etwa 8 Mark pro Tafel. Ich staunte nicht schlecht über den Preis. Eine Straßenbahnfahrt kostete 20 Pfennig und eine Tafel Schokolade sollte so viel wie eine Monatskarte kosten ? Ich biss in den sauren Apfel, da ich unbedingt Süßes haben wollte und kehrte voller Vorfreude mit meiner Luxusschokolade zurück. Ich wollte sie heimlich verspeisen, um sie erstens mit niemanden teilen zu müssen und zweitens, um den Gemecker meiner Mutter aus dem Weg zu gehen. Ich war leider übergewichtig und deshalb etwas traurig. Ich suchte öfter Trost in den Glückshormonausschüttungen, die unter anderen auch durch den Verzehr von Schokolade hervorgerufen wurden. Gierig öffnete ich die Packung und fand lauter kleine weiß angelaufene Schokostückchen vor. Die Tafel war längst abgelaufen. Im Sozialismus gab es weniger dicke Kinder.

Zum Abschied versammelten sich alle im Hof und es flossen Tränen. Niemand glaubte, dass jemals ein Besuch im Westen möglich wäre. Meine Verwandtschaft schien sich gut im Sozialismus eingelebt zu haben, der mir beschaulich und provinziell vorkam. Es waren Organisationstalent und Kreativität gefragt. Der Westen war irgendwie hektischer aber ebenfalls provinziell. Auch hier war Kreativität gefragt und Durchhaltevermögen. Der kapitalistische Produktionsprozess war brutal und ging oftmals auf Kosten der Gesundheit der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen. Daran hat sich im Grunde eigentlich nichts geändert. Die DDR bevormundete ihre Bürger und Bürgerinnen auf ebenso brutale Art und Weise. Indem sie deren Freiheitsrechte einschränkte, begrub sie auch ein einmaliges gesellschaftliches Experiment. Schade eigentlich. Wir ließen unsere Lieben also in ihren eingemauerten Staat zurück und hätten jeden für die Behauptung, die Mauer falle in 5 Jahren, für verrückt erklärt.

Real existierende Erlebnispädagigik oder Besäufnis mit Stasi, ein DDR Reisebericht V

Das sozialistische Dresden schmückte sich mit seiner feudalistischen Vergangenheit und seinen Kulturgütern. Besonders stolz war man auf ein altes Opernhaus, das sozusagen aus Ruinen auferstanden ist, ganz wie es die Nationalhymne versprach. Leider war eine Besichtigung für Touristen nicht vorgesehen. Mein Onkel war Mitglied der freiwilligen Feuerwehr des Vorortes, die in guten Kontakt zu allen Wehren der Stadt stand. Damit die schöne Oper nicht nochmal Opfer der Flammen würde, wurde sie eifrig von Feuerwehrleuten bewacht. Ein solcher Kollege war ausnahmsweise gerne bereit uns im Inneren des Heiligtums herumzuführen. Wir warteten also vor dem Notausgang auf Einlass und mein Onkel schaute sich wachsam um. Immer wenn es um´s „organisieren“ ging legte er die gemächlichen sozialistischen Bewegungen ab und bewegte sich gerade zu hektisch. Mit diesem zielbewussten gierigen fast kapitalistischen Blick hatte er alles in Griff. Eine zehnköpfige Reisegruppe aus Hamburg fand sich ebenfalls zu einer ausnahmsweisen Führung ein und wir schlüpften nach und nach durch den geöffneten Spalt des Notausganges. Das war definitiv die spannendste Besichtigung eines historischen Gebäudes an die ich mich erinnern konnte. Ich kann mich eigentlich gar nicht mehr genau erinnern, was es genau zu sehen gab. Lediglich an eine Art aufgemalte Holzfaserung, die den Restauratoren viel Mühe gekostet hatte ist mir in Erinnerung geblieben. Das Konspirative und Verbotene, sowie die ständige Angst erwischt zu werden kann ich heute noch spüren. Hätte die DDR mehr solcher Touristenattraktionen gehabt hätte sie wohl länger überlebt. Na ja, eigentlich bin ich mir sicher, es gab solche Erlebnismöglichkeiten zuhauf. Massenhafte Erlebnispädagogik bevor der Begriff überhaupt aufkam. Doch hatte der Staat nichts davon. „Wer viel kontrolliert, wird viel beschissen“, pflegte mein Lehrer zu sagen. Vielleich hätte er lieber als Berater für Erich Honecker fungieren sollen, als sich mit Halbwüchsigen herumzuschlagen. Die DDR hätte ihre Bürgerinnen und Bürger einfach mal frei organisieren lassen sollen und sich ihren Teil in Form von Steuern nehmen sollen. Die Parteifunktionäre glaubten scheinbar, dass die Menschen in der DDR noch nicht reif für den freien Sozialismus waren und noch ein paar Jahre zu ihrem Glück gezwungen werden sollten. So wie ich noch mehrere Jahre zur Schule geschickt wurde und meinen Eltern später dankbar für die Erziehung sein sollte. Jetzt war die DDR aber kein pubertierender Jüngling, sondern eine Gemeinschaft von Millionen von Menschen, die immer weniger bereit war sich von wenigen zu ihrem Glück zwingen zu lassen.
Vieles in der DDR geschah im beschaulichen und privaten Bereich. In der Holzwerkstatt meines Onkels fand jede Woche eine Art Nachbarschaftsrunde statt, bei der reichlich Alkohol floss. „Die saufen viel Schnaps im Osten, das haben die von den Russen“, munkelte man auf der Westseite der Familie. Frauen waren nicht zugelassen, obwohl das sozialistische System ihnen nach offizieller Lesart einen gleichwertigen Stand in Gesellschaft und Arbeitsprozess zustand. Die Bürgerinnen und Bürger der DDR waren in dieser Hinsicht aber auch noch nicht reif genug. Während die Männer auf harten Holzstühlen in der Werkstatt tagten, trafen sich die Frauen auf weichen Sofas in der Wohnstube und tranken Grimmsekt. Mein Vater war mit Zigaretten und Spirituosen aus dem Intershop der King in der Runde. Man schwadronierte und berichtete, suchte nach der Wahrheit und dichtete. Klare politische Aussagen auf westlichem Stammtischniveau gab es nach meiner Erinnerung aber nicht. Mein Vater hatte Andeutungen fallen lassen, dass einer der Nachbarn möglicherweise für die Staatsicherheit spionierte. Der Nachbar fuhr eine große russische Limousine und war erfolgreicher Handwerker. Ich schaute dauernd in die Runde und versuchte den Spion auszumachen. Die Stimmung wurde immer ausgelassener und die Erwachsenen ließen nach und nach mit zunehmendem Alkoholkonsum ihre Fassaden fallen. Zum Vorschein kam ein Haufen Halbwüchsiger. Ich frage mich heute wie ich das ohne Alkohol eigentlich aushalten konnte. Andererseits liebte ich es zuzuschauen wie sich erwachsene Männer betranken und zu Kindern wurden. Da war Stimmung in der Bude. Politik blieb außen vor. Es ging eher um die eigene Unabkömmlichkeit und Wichtigkeit im Produktionsprozess, die zirka drei verschiedenen Automarken in der DDR und die Unverständlichkeit der Frauen. Irgendwie kam mir das alles bekannt vor.