Mitlaufender Widerstandskämpfer

Wenn mein Opa bei uns zu Besuch war ging er immer ein paar Schritte mit mir. Ich mochte die Spaziergänge und lauschte gebannt seinen Erzählungen, die oftmals von seinen Bemühungen das richtige zu tun und von seinen Widersachern handelten. Menschen mit schlechtem Charakter nannte er „schlechte Groschen“. Eine Bezeichnung für eine gefälschte Zehnpfennigmünze. Besonders Erzählungen aus dem Krieg interessierten mich sehr, da ich viele Filme darüber gesehen hatten, die hauptsächlich von Heldentaten handelten. Von Heldentaten wusste Opa nichts zu berichten, eher von Menschen mit guten oder schlechten Charakter und deren Taten. Adolf Hitler hatte zum Beispiel einen schlechten Charakter und wurde in den Erzählungen meines Opas „der Verbrecher“ genannt.

In der Schule hatten wir uns ausgiebig mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt und sollten das auch noch weiterhin eine Weile tun. Einige murrten bereits, dass es doch bestimmt noch andere Zeitepochen gäbe, die ebenfalls von Interesse seien. Wer hatte nicht Ben Hur oder ähnliche Monumentalfilme mit Begeisterung gesehen. Nichtsahnend von verblichenen Königen, Kaisern oder untergegangenen Adelsgeschlechtern beschäftigten wir uns im Deutschunterricht mit den Geschwistern Scholl. Jugendliche Widerstandskämpfer, von denen eine gewisse Faszination ausging. Ich wunderte mich, dass es nicht mehr solcher Menschen gegeben hatte. Seine Meinung kundzutun konnte ja wohl nicht so schwer sein. Unsere Deutschlehrerin Frau Müller war eine attraktive dunkelhaarige Frau mit gehöriger Autorität. Wir mussten erörtern, begründen, Informationen sammeln und durften zu Beginn der Stunde regelmäßig verschiedene Tageszeitungen lesen. Und zwar die Rubriken, die uns wirklich interessierten. So lasen die meisten zwar Sport oder aus aller Welt und wurden so am Rande auch mit Kultur oder Politik konfrontiert. Anschließend wurde über das gelesene diskutiert. Das einer Bildzeitung zugrundeliegende Welt- und Menschenbild wurde beispielsweise auf den Prüfstand gestellt. Frau Müller war vermutlich im Sog der 68 er Bewegung politisch sozialisiert worden und wollte uns zu kritischen denkenden Menschen erziehen. Persönliche Respektlosigkeiten und potentiell diskriminierende Ansichten wurden gnadenlos bloßgestellt und verurteilt.

An Frau Müller und den Deutschunterricht denkend, fragte ich meinen Opa schließlich: „Was hast Du eigentlich gegen Hitler unternommen ?“. Mein Großvater schaute mich überrascht an und antwortete aus einer merkwürdigen Mischung von Verärgerung und Resignation: „Ich war zwölf Jahre bei der Machtübernahme. Was hast Du denn gegen Helmut Kohl unternommen ?“. Jetzt war ich überrascht. Ich kannte niemanden der Helmut Kohl leiden konnte, außer Oma vielleicht. Ja, was hatte ich gegen Helmut Kohl unternommen ? Nichts. Ich wusste ja nicht mal, dass man gegen den was unternehmen musste. Und wer hätte einem zwölfjährigen Jungen schon zugehört ? Ich beschloss mich mit der Antwort zufrieden zu geben.
Stolz meldete ich mich im Unterricht, um Frau Müller meine neusten Erkenntnisse zum Thema Nationalsozialismus zukommen zu lassen. „Mein Opa war erst zwölf und konnte nicht gegen Hitler unternehmen“, wusste ich zu berichten. Die erhoffte lobende und Wärme spendende Antwort ließ aber auf sich warten. Stattdessen fingen ihre Augen an zu funkeln und mir schwante nichts Gutes. „Das ist genau die Einstellung, die die ganze Katastrophe erst möglich gemacht hat. Keiner wollte Verantwortung übernehmen und hat alles einem Führer überlassen. Ein Haufen schweigender Mitläufer, die auch heute noch keine Verantwortung für ihre Taten übernehmen“, polterte sie. Ich saß ganz hinten im Klassenraum und langsam drehten sich alle Mitschülerinnen und Mitschüler zu mir um. „So sah also der Enkel eines dieser Mitläufer aus“, schienen sie zu denken. Ich widerstand der Versuchung mich ebenfalls umzudrehen und aus dem Fenster zu sehen. „Hätte ich doch bloß meine Klappe gehalten und geschwiegen“. Das nächste mal würde ich erstmal jemanden anderes den Vortritt lassen. Um mein Ansehen in der Klasse wiederherzustellen, beschloss ich mich fortan als jugendlicher Widerstandkämpfer gegen den Faschismus zu gerieren.

Das klappte auch ganz gut. Um mit den Geschwistern Scholl mithalten zu können fehlte mir allerdings ein adäquater Feind. Mitte der achtziger Jahre gab es in Westdeutschland scheinbar überhaupt keine Faschisten mehr und in der DDR war der Faschismus viel früher mit der Staatsgründung per Dekret abgeschafft worden. Im Westen waren die meisten Nazis bereits in Rente oder Pension gegangen. Unser Nachbar Herr Mayer beispielsweise. Er war immer noch glühender Verehrer Hitlers und war in dessen Leibgarde in Berchtesgarden stationiert gewesen. Stolz zeigte er uns Kindern sein Briefmarkenalbum mit Hitlermarken. Er war kürzlich aus dem Staatsdienst heraus in Pension gegangen und wollte mit seiner Frau nach Berchtesgarden ziehen. Jeder im Haus wusste, dass er ein alter Nazi war. Man grüßte sich um des Hausfriedens willen. Mein Vater amüsierte sich köstlich als unsere Straße von Jahnstraße in von- Staufenberg- Straße umbenannt wurde. In einem anderen Stadtteil unserer Stadt gab es bereits eine Ludwig Jahn Straße und die Post verirrte sich immer. „Da wird sich der Müller aber ärgern“, bemerkte er schadenfroh. „Wieso ?“, wollte ich wissen. „Na der Stauffenberg wollte doch dem Mayer sein Idol umbringen und jetzt muss er in der Straße mit seinem Namen wohnen“, antwortete er. „Wie wollte er den Hitler denn umbringen ?“, fragte ich interessiert. „Mit einer Bombe. Ist aber schiefgegangen. Stauffenberg ist dann erschossen worden. Wenn er ein richtiger Mann gewesen wäre, hätte er Hitler gleich erschossen“, fügte Vater beiläufig hinzu. „Dann wäre er gleich tot gewesen“, dachte ich mir. Das erschien mir auch unattraktiv. Langsam bekam ich Zweifel, ob das Leben eines Widerstandskämpfers das richtige für mich war. Mit der Bewunderung konnte ich wohl gut umgehen. Die Gefahr missfiel mir dafür umso mehr. Echte Helden gab es im Fernsehen offensichtlich mehr als in der Realität.
Der Widerstand gegen atomare Aufrüstung und Umweltverschmutzung war nicht ganz so gefährlich. Wir fuhren mit unserem Wagen ohne Katalysator zur Demo gegen Waldsterben und hatten das Gefühl, die Welt dadurch ein Stück besser gemacht zu haben.

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