Ruine einer öffnetlichen Toilette in der Schlafplätze hergerichtet sind

Mein Weltbild ist tot, lang lebe mein Weltbild

Neulich habe ich in 3Sat eine Dokumentation über die SS gesehen. Ich weiß, dass es angenehmere und zuträglichere Beschäftigungen für die Zeit vor dem Zubettgehen gibt aber ich konnte einfach nicht wegschalten. Morgens habe ich die Welt kurz mit anderen Augen betrachtet. Liebevolle Familienväter, die im Büro Massenmord planen. Junge Männer die für ihre mangelnde Empathie mit sozialem Aufstieg belohnt werden. All die möglichen Abgründe, die sich um einen herum und in einem selbst auftun können, können verwirrend sein. Verwirrung und Unsicherheit ist etwas, dass ich bei mir selbst überhaupt nicht leiden kann. Meine Welt muss eine solide Basis haben. Sie hat sie auch. Ich habe sie mir selbst gebastelt und verteidige sie gegen Einflüsse, die ich nicht darin einordnen kann.
Ab und zu liest man von Menschen, deren Weltbild zusammengebrochen sei. Sie wurden dann wohl mit einer Facette der Wahrheit konfrontiert, die sie in Ihrer Gedankenwelt nicht ausreichend berücksichtigt hatten. Ich bin in der Bonner Republik sozialisiert worden, zu einer Zeit in der die Alt Nazis durch die nachrückenden Generationen in den Hintergrund gedrängt wurden. So hört sich jedenfalls meine persönliche Geschichtsschreibung an, die ich übrigens mit vielen Menschen aus meinem Umfeld teile. Umso irritierender ist es, dass nun plötzlich eine Menge Menschen auftauchen, die unverhohlen mit nationalsozialistischem Gedankengut hausieren gehen und sich sogar in einer recht großen Partei organisieren können. Ein hessischer Abgeordneter der AfD ist bei einer Gedenkminute des hessischen Landtages, für den kürzlich von rechtsradikalen Terroristen ermordeten Präsidenten des Regierungspräsidiums Kassel, sitzengeblieben. Herr Dr. Walter Lübke hatte sich polarisierend zum Thema Flüchtlinge geäußert und musste das mit seinem Leben bezahlen. Mord für eine abweichende Meinung. Später behauptete der AfD Mann, dass er aufgrund ausgiebigen Aktenstudiums nicht mitbekommen habe was gerade geredet wurde. Man wünscht sich dauerhaftes und anhaltendes Aktenstudium für diese Menschen.
Tja. Sonst fällt mir eigentlich gar nichts dazu ein. Es entsteht lediglich das Bedürfnis politisch aktiv zu werden. Die Menschlichkeit gegen Hass, Gewalt und Zerstörung zu verteidigen. Zugegeben, zuvor habe ich diverse interne Empörungsrituale und Gewaltphantasien durchlaufen, von denen ich weiß, dass sie vollkommen fruchtlos sind. Mein Weltbild bezüglich unserer Gesellschaft hat deutliche Risse bekommen. Meine Skepsis gegenüber den Sicherheitsorganen unseres Staates ist gewachsen. Mal wieder Zeit mein Weltbild der Realität anzupassen. Das Alte ist zu klein geworden.
In meinem neugebastelten Weltbild spielt Zusammenhalt eine große Rolle. Nur gemeinsam können Menschen etwas schaffen. Die sterbende Sozialdemokratie und die stagnierende Linke nennt das Solidarität. Auch die immer konservativer werdenden Grünen nutzen diesen Begriff. Andere konservative Parteien meiden ihn. Für die Rechtspopulisten gilt er nur unter sogenannten Volksgenossen. Für Typen wie Donald Trump, die auf der neoliberalen Sonnenseite des Lebens groß geworden sind, ist er einfach nur geschäftsschädigend. Die Trennlinie, die sich hier auftut ist mit symphytisch. Ich bin gerne bereit es Zusammenhalt statt Solidarität zu nennen, um mehr Menschen davon zu überzeugen, dass nicht die Herkunft, sondern die Taten eines Menschen maßgeblich sein sollten und die wahre Trennlinie zwischen arm und reich verläuft. Ich meine keine Unterschiede zwischen Angestellten und Arbeitslosen, sondern ich beziehe mich auf die zehn Prozent der Weltbevölkerung, die über neunzig Prozent des Vermögens verfügen.
Ich unterstütze nun aktiv Institutionen, Vereine oder Zusammenkünfte, deren Ziele mir gemeinschaftsdienlich erscheinen. Das ist vielleicht nicht viel aber ein erster Schritt. Ich möchte das Gespräch suchen und wenn ich Kraft dazu habe auch das Streitgespräch. Ich hoffe, dass ich den Mut habe Menschen in akuter Not zu helfen wenn es notwendig ist.
Ich möchte nicht zu einer schweigenden Mehrheit gehören. Eine schweigende Mehrheit hat in Deutschland schon einmal tatenlos einer Katastrophe zugesehen.

 

6 Kommentare zu „Mein Weltbild ist tot, lang lebe mein Weltbild“

  1. Schön zu lesen, dass du Position beziehst. Ich kann unterschreiben, was du sagst. Freilich führe ich keine politischen Streitgespräche, erst recht nicht mit Nazis. Argumentativ ist denen nicht zu helfen. Es ärgert mich auch, dass man Leute von der AfD in öffentlich-rechtliche Talkshows lädt. Überhaupt glaube ich, dass unsere Qualitätsmedien die AfD erst groß gemacht haben, indem sie immer wieder menschenfeindliche AfD-Positionen diskutieren. Das Gegenteil würde helfen: Humanistische Positionen herauszustellen, klarzumachen, dass wir nicht zurückwollen in finstere Zeiten.
    Beste Grüße!

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    1. Mit überzeugten Nazis zu diskutieren ist vermutlich zwecklos. Da stimme ich dir zu. Diskussionen helfen eher bei latent nationalistischen oder menschenfeindlichen Ansichten, die sich bei einigen Menschen in deren Alltag eingeschlichen haben ohne das sie wirklich realisieren woher diese Ideen kommen und wohin sie führen. Das kann beispielsweise die Aussage „Ich bin lieber tot als durch einen Unfall behindert“ sein.

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