Ich vor der Frankfurter Skyline

Im Assessment Center

Ich hatte lange gezögert, ob ich mich dieser neuen beruflichen Herausforderung stellen sollte. Ich wollte alte Routinen überwinden und es mir nochmal beweisen, dass ich auch in anderen Bereichen den Anforderungen gewachsen war. Die Stellenausschreibung war bewusst allgemein gehalten was die geforderte Qualifikation betraf. Bei den Auswahlgesprächen stellte ich zu meiner großen Verwunderung fest, dass sich allerlei Berufsgruppen beworben hatten. Vom Metzger bis zum Geigenbauer war alles vertreten. Am ehesten hätte ich natürlich Polizisten erwartet. Doch keiner meiner Mitbewerber gab sich als solcher zu erkennen. Die Bewerberinnen und Bewerber wurden gleich an der Pforte nach Geschlechtern und Diversem getrennt. So ging es nun wie in einer Knabenschule streng von anderen Geschlechtern getrennt in die Gesprächsgruppen. Wir saßen im Stuhlkreis. Es war nicht zu unterscheiden wer Mitbewerber und wer Angehöriger der Personalabteilung war. Niemand sagte etwas und nach wenigen Minuten machte sich eine allgemeine Unruhe breit. Schließlich stand ein Mann auf und sagte: „Da es sich hier offensichtlich um eine Testsituation handelt, möchte ich die Gelegenheit nutzen, um meine besondere Eignung für diese Aufgabe unter Beweis zu stellen. Situationen wie diese bedürfen der Eigenverantwortung und Führungsstärke. Ich als Betriebswirt kann die notwendige Effizienz am..“ Ein weiterer Herr unterbrach ihn unwirsch: „Aufgrund welcher Rechtsgrundlage ergreifen Sie hier ungefragt das Wort? Ich als Jurist…“ „Bitte meine Herren. Ich schlage vor wir lösen das Problem demokratisch“, schlug ein Oberstudienrat mit Erfahrung im Ortsbeirat vor. „Die Unterstützer des Betriebswirtes erheben sich bitte wenn dieser das Wort ergreifen soll.“ Einige Männer standen auf. „Und nun bitte die Unterstützer des Betriebswirtes.“ Weitere Männer erhoben sich. Da nun nicht mehr genau zu erkennen war, wer wen unterstützt machte sich ratloses Gemurmel breit.  Der Betriebswirt stieg auf einen Stuhl und forderte seine Unterstützer auf dasselbe zu tun.  Etwa die Hälfte der Anwesenden stieg auf ihre Stühle, wobei ein Physiotherapeut abrutschte und krachend zu Boden fiel. Der Jurist eilte zu ihm, da er eine Chance sah den Mann auf seine Seite zu ziehen und gleichzeitig eine Schadenersatzklage für ihn zu führen. Die Gefolgsleute des Juristen stiegen ebenfalls auf ihre Stühle, wobei sich ein Dachdecker besonders hervortat und sogar auf der Stuhllehne balancierte, um alle zu überragen. Der Metzger, der sich noch keiner Partei zugeordnet hatte, fing an Salamibrötchen zu verteilen. Ich wollte gerade auf einen Stuhl steigen als sich ein Stück Salamifett zwischen meinen Zähnen verfing. Verschämt drehte ich mich vom Geschehen weg, um eine unauffällige Zahnreinigung vorzunehmen. Die Türe öffnete sich im selben Moment und ein kleiner schwitzender Mann trat mit den Worten ein: „Entschuldigen Sie meine Verspätung ich wurde aufgehalten.“Der Jurist und der Betriebswirt stiegen mit ihren Anhängern von den Stühlen und setzten sich mit roten Köpfen nieder, als sie den fragenden Blick des kleinen Mannes bemerkten.

Nach dem der Physiotherapeut von zwei Sanitätern aus dem Raum getragen worden war und auch alle Personen, die auf Möbelstücken gestanden hatten, wegen ungebührlichen Verhaltens aus der Runde ausgeschlossen wurden, waren nur noch ein Stuckateur, der Studienrat und meine Wenigkeit übrig. Der Metzger musste ebenfalls gehen, da er einem muslimischen Arzt Schweinesalami angeboten hatte, was letzterer zum Anlass nahm angewidert den Raum zu verlassen.

„Bitte beobachten sie folgendes Gespräch genau und schreiben sie Ihre Eindrücke nieder. Von besonderem Interesse ist, welche Person sie für glaubwürdig halten.“, fing der kleine Mann nun endlich an.

Eine Frau im Hosenanzug betrat den Raum und sah sich um und setzte sich auf einen von zwei Stühlen, die sich gegenüber standen. Sie warf uns einen kurzen abschätzenden Blick zu und wartete. Eine weitere Frau im Buisness Kostüm trat forsch ein und begrüßte die sitzende Frau mit den Worten:“ Guten Tag ich bin Dr. Krumberger-Kümmerlich Ihre behandelnde Psychiaterin.“ Die sitzende Frau war ebenfalls aufgestanden, um die angekommene zu begrüßen und verharrte überrascht in ihrer Bewegung. Auf ihrem Gesicht spiegelte sich Verwirrung. Sie fing sich relativ schnell und sagte im forschen, leicht mahnenden Ton: „Moment, ich bin Dr. Freilicht- Frühling und ich bin Ihre behandelnde Psychiaterin.“ Frau Dr. Krumberger- Kümmerlich stieß ein belustigtes Lachen aus, das einem kühlen professionellen Blick wich als sie den entschlossenen Blick ihrer Kontrahentin bemerkte. „Setzen sie sich bitte doch wieder“, begann sie als sie von Frau Dr. Freilicht- Frühling kühl unterbrochen wurde.“ Seit wann glauben sie Psychiaterin zu sein? Haben sie zuvor bereits Erfahrungen mit Psychiatrie machen müssen?“ „Meine Qualifikation steht außer Frage. Ich habe lange mit Professor Langenheimer zusammengearbeitet“, antwortete Frau Dr. Krumberger -Kümmerlich pikiert.“ Worauf Frau Dr. Freilicht- Frühling antwortete: „Und welche Medikamentierung hat er Ihnen empfohlen?“ „Wollen sie mich etwa für verrückt erklären?“, begann Frau Dr. Krumberger-Kümmerlich nun und besann sich aber sofort wieder. Sie zückte einen Schreibblock und begann sich Notizen zu machen, was ihr gegenüber sichtlich irritierte. „Eine psychische Erkrankung ist keine Schande. Es geht nicht darum jemanden für verrückt zu erklären, sondern um Einsicht. Krankheitseinsicht ist die Voraussetzung um Hilfe anzunehmen“, dozierte Frau Dr. Freilicht- Frühling immer noch leicht irritiert vom eifrigen Mitschreiben ihrer Gesprächspartnerin. Frau Dr. Krumberger-Kümmerlich sah von ihren Notizen auf und sagte: „Eine interessante Projektion. Ich denke Sie haben heute einen großen Schritt nach vorne gemacht.“ Frau Dr. Freilicht- Frühling funkelte sie mit einem bösen Blick an.

Der kleine Mann beendete das Schauspiel und schickte die Damen, die sich demonstrativ missachteten, aus dem Raum. Vor mir lag nun ein leeres Blatt Papier, das auf meine Einschätzung der beiden Personen wartete. Ich schwankte ein wenig zwischen zwei Verrückten oder zwei Psychiaterinnen. „Fünfzig Prozent Wahrscheinlichkeit recht zu haben wenn ich rate“, schoss es mir durch den Kopf. Ich entschied mich für zwei Patientinnen, die sich in einer Psychiatrie stritten, welche die bessere Psychiaterin abgeben würde. Natürlich lag ich falsch. Der Oberstudienrat hatte Frau Dr. Krummberger- Kümmerlich als Psychiaterin und die andere Frau, die sich als Frau Dr. Freilicht- Frühling ausgab, als Patientin identifiziert. Er lag noch viel falscher als ich. Der Stuckateur sollte mit seiner These recht behalten. Er wollte den Job aber nicht, da er vom Arbeitsamt geschickt worden war und nur eine Unterschrift benötigte, die die Teilnahme am Bewerbungsverfahren bescheinigte. Da der Oberstudienrat inzwischen enttäuscht das Feld geräumt hatte (die blöde Salami zwischen den Zähnen war echt lästig und hinderte mich am würdevollen Heimweg) bekam ich den neuen Job, von dem ich demnächst berichten werde.

7 Kommentare zu „Im Assessment Center“

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