Geschmücktr Eingang eine selbstgebauten Hütte eines Obdachlosen

Ein Leben im Niemandsland

In diesem Sommer ist er überraschend verstorben. Er war zwar alt und gebrechlich, doch hatte er ein Kämpferherz. Zwanzig Jahre lang kreuzten sich unsere Wege immer wieder einmal, ohne, dass wir uns besonders nahe gekommen wären. Das lag wohl hauptsächlich an seiner Sicht auf die Welt, die ich und meine KollegInnen als eigenweltlich bezeichneten. Es war nicht mehr viel Platz für neue Menschen in seiner Welt. Er träumte von den Wäldern Kanadas und zog sich in ein kleines verwildertes Wäldchen in der Lücke zweier Großstädte zurück. Die arme und die reiche Stadt berührten sich hier. Wenn ich sagen würde sie küssten sich an dieser Stelle würde ich lügen. Es waren wohl eher die rückwärtigen Körperteile, die hier aufeinander trafen. Ein riesiger unfallträchtiger Verkehrskreisel, ein Gewerbegebiet mit Betonbauten, grauen Hochhäusern, Einkaufsmärkten auf der grünen Wiese, Äckern und verwilderten Grundstücken. Es gab kein Konzept für diese Gegend und der Verlauf der Stadtgrenzen war umstritten. Zu früheren Zeiten hätte man wohl einen Krieg geführt, um das zu klären. Heutzutage legt man sich juristische Steine in den Weg, die man als Faustpfand für einen Deal benutzen kann. Diesem Umstand war es geschuldet, dass umzingelt von mehreren Wohn- und Bürohochhäusern, einer alten Druckerei und einer Schrebergartenkolonie ein kleines Urwäldchen gedeihen konnte, das von der reichen Stadt beansprucht wurde aber von dieser durch eine Autobahn abgeschnitten war. Das Wäldchen war sozusagen eine Enklave der reichen Stadt, inmitten der armen Stadt aber durch den Autobahnriegel nicht zugänglich. So geriet es in Vergessenheit.

Ein idealer Ort für einen Mann der keinen Platz mehr für neue Menschen in seinem Leben hat und vergessen werden will

Nennen wir ihn Franzl. Franzl muss weit vor 1997 dieses Wäldchen zu seinem Lebensmittelpunkt erkoren haben. In diesem Jahr lernten wir ihn kennen und fanden ihn erstaunlich gut organisiert vor. Alle paar Jahre wechselte das Grundstück mit dem Wäldchen den Eigentümer, der es bebauen wollte. Es wurden Pläne geschmiedet und die Bagger rückten an. Das alles geschah flugs, bevor der Eigentümer herausfand, dass seine Pläne aufgrund der komplizierten kommunalpolitischen Lage niemals verwirklicht würden. Die Baggerfahrer staunten nicht schlecht als sich während der Rodungsarbeiten vor ihnen im Dickicht eine Erdhütte mit einem rauchenden Schornstein auftat. Die quadratische Behausung bestand aus Baumstämmen, die wie bei einer Blockhütte gestapelt waren. Sie war etwa ein Meter hoch und hatte ein Dach aus Plastikplanen und Geäst. Beinahe hätte der Baggerfahrer das niedrige Haus übersehen und wäre darüber hinweggefahren. Der Gedanke was in diesem Fall mit dem Bewohner geschehen wäre behagte niemanden. Die Arbeiten wurden eingestellt und das Ordnungsamt hinzugezogen. Die Stadtpolizisten erteilten dem Bewohner einen Platzverweis. Doch wie kann man für die unendlichen Wälder Kanadas einen Platzverweis aussprechen? Man wurde sich nicht einig und eine weitere Behörde wurde eingeschaltet, die Sozialbehörde.

Beratung im Dickicht

Die reiche Stadt leistet Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, die aufsuchend tätig sind. Einer davon bin ich. Ich bin in der armen Stadt geboren und wohne und arbeite nun in der reichen Stadt. Die arme Stadt hat kein Geld für so etwas. Aber das ist ein ganz anderes Thema. Da standen wir nun vor der Behausung und sollten das Problem lösen. Den Stadtpolizisten hatten wir weggeschickt, da Sozialarbeit auf Freiwilligkeit beruht und Uniformen bei vielen Menschen andere Assoziationen hervorrufen. Dem Baggerfahrer war angesichts der hölzernen Speere und undefinierbaren korbartigen Geflechte im Umkreis der Hütte nicht ganz wohl und er beschloss am anderen Ende des Wäldchens weiter zu baggern. Mit gebührenden Abstand gaben wir uns als Sozialarbeiter zu erkennen und baten um Audienz. Ich benutze diesen Begriff, da er dem folgenden Auftritt des Bewohners, der sich als Franzl Firll vorstellte, am treffendsten beschreibt. Franzl erschien in einer Art selbst genähten Rüstung aus Plastik. Sein Kopf steckte in einer mittelalterlich anmutenden Haube, die reichlich verziert war. In seiner Hand hielt er einen Stab, der an ein Zepter erinnerte. Mit breiter Brust und gestochen scharf akzentuiert begann er zu sprechen. Es glich eher dem Monolog eines Schauspielers auf einer Bühne als einem Beratungsgespräch im Dickicht. Geblendet von dem Auftritt kann ich mich heute nicht mehr an den Inhalt des Vortrages erinnern. Ein Gespräch im Sinne von Frage und Antwort war es nicht. Uns wurde schnell klar, dass die herkömmlichen Angebote der Wohnungslosenhilfe für Franzl nicht attraktiv waren. Es gab damals zwar schon ein Wohnwagenprojekt, das ein naturnahes Wohnen ermöglichen wollte, doch die Hürden waren auch hier zu hoch. In Franzls Welt gab es keine Anträge, Kostenzusagen oder Vorstellungsgespräche. Er sammelte Pflanzen, die er in einem seltsamen Sud einlegte, um sie zu verspeisen. Die restliche Nahrung und seinen Hausrat holte er sich aus den Müllcontainern der nahen Hochhaussiedlung. Der Weg dorthin war sehr kurz aber beschwerlich. Es musste ein Wassergraben überwunden und zirka zweihundert Meter Dickicht durchquert werden. Er war wohl dazu übergegangen die erbeuteten Müllsäcke am Rande des Wäldchens zu sortieren, da dort wilden Müllkippen entstanden waren.

Kunstvoll geschmückte Hütte eines Obdachlosen

 

 

Vertreibende Sozialarbeit?

Immer wenn es kompliziert wird kommt unsere Abteilung ins Spiel. Unsere Aufgabe ist es dann allen Beteiligten zu erklären, dass es kompliziert ist. Meistens funktioniert das erstaunlich gut. Der Stadtpolizei haben wir erklärt, dass wir Zeit benötigen, um mit Franzl in Kontakt zu kommen und ihn zur Annahme von Hilfe zu motivieren. Ähnliches haben wir auch dem Eigentümer des Grundstücks und den Baggerfahrern erzählt. Für ordnungspolitische Maßnahmen ist die Polizei zuständig. Die handelt in der Regel nur nach Aufforderung des Eigentümers. Wenn jeder seine Aufgaben und Rollen kennt ist schon viel geholfen. Ob Franzl verstanden hat, dass es kompliziert ist weiß ich nicht genau. Er war die ganze Zeit auf seinem einen Quadratkilometer großen persönlichen Kanada. Nachdem allen klar war, dass wir das „Problem“ nicht schnell durch eine Vermittlung oder gar Abholung (so die manchmal unbedarfte Hoffnung von Anwohnern oder Grundstückbesitzern) lösen konnten, mussten sich alle Beteiligten die weiteren Schritte überlegen. Wir fingen an Franzl regelmäßig zu besuchen. Ziel war die Verbesserung seiner Lebensumstände. Ein Leben unter feien Himmel mag im Sommer idyllisch sein, im Winter wird es schnell zum Überlebenskampf. Wochen später war Franzl verschwunden. Den Grund dafür kann ich nicht ganz genau benennen. Man hatte die Rodung um seine Hütte herum fortgesetzt aber sein Domizil nicht angerührt. Vielleicht fehlte ihm der Schutz der niedrigen Bäume? Eventuell sind wir ihm mit unseren Besuchen auch auf die Nerven gegangen? Die ständige Konfrontation mit den Vertretern einer Gesellschaft von der man sich abgewandt hatte, ob bewusst oder unbewusst, konnte störend sein.

Im Winter entdeckte mein Kollege zufällig Franzls neue Hütte neben der Autobahn als er daran vorbeifuhr. Franzl war fünfhundert Meter die Autobahn entlang gewandert und hatte sich erneut niedergelassen. Der Herbst hatte die Blätter fallen lassen und nun stand seine Hütte ungeschützt vor den Blicken der Autofahrer am Rand der Fahrbahn. Bevor wir ihn besuchen konnten war er weitergezogen. Ab und an erinnerten wir uns an Franzl und begaben uns auf die Suche. Im Sommer waren die Brombeerhecken undurchdringlich und lecker. Im Herbst machte uns der Matsch zu schaffen. Wir legten uns sogar eine Dienstmachete zu. Vergeblich, wir fanden nur Spuren von Franzl und gaben schließlich auf.

Psychiatrie lieber auf der bezahlten Seite

2013 meldete sich die Stadtpolizei erneut. Ein neuer Eigentümer wollte mal wieder das Grundstück roden und war auf eine Behausung gestoßen. Das Spiel begann von neuem und ich fragte mich wer der Beteiligten eigentlich als verrückt bezeichnet werden durfte. Sozialarbeiter, die jahrelang durch Gebüsche streifen? Eigentümer, die sinnlos Roden ließen? Ein Mann, der in einer Hütte am Rande der Gesellschaft lebt? Wenn schon verrückt, dann wenigstens auf der bezahlten Seite. Das ist mein Motto.

 

Franzl war, genau wie wir, etwas gealtert aber bester Laune. Er hatte sich eine kleine Oase im Dickicht geschaffen. Sorgsam angelegte Wege zwischen Blumenbeeten. Es gab zwei Zelte und eine Feuerstelle. Er war dazu übergegangen Herkulesstauden einzulegen, um sie zu verspeisen. Ein Umstand der uns besorgte. Auf eine Kollegin schien er recht gut anzusprechen. Sie war nun wenn möglich bei den Besuchen dabei. Sie schaffte es auch so etwas wie eine Beziehung zu Franzl aufzubauen. Er erzählte ihr, dass er eigentlich als Mädchen geboren wurde und nun zwangsweise männlich sei. Auch von einer Tochter namens Gertrud berichtete er, die er gerne mal wiedersehen würde. Es gab tatsächlich eine Frau mit ähnlich klingenden Namen im Telefonbuch. Statt Firll hieß sie aber Firle´(Name geändert). Das konnte natürlich Zufall sein oder ein Hirngespinst. Franzl konnte zur Aufklärung nichts beitragen. Wir haben lange diskutiert, ob es überhaupt unsere Aufgabe ist Angehörige zu suchen und ob wir überhaupt in der Lage wären den Prozess, der dadurch in Gang gesetzt werden könnte zu begleiten. Es wurde gründlich abgewogen. Die Diskussion war so gründlich und andauernd, dass ich mich gar nicht mehr an das Ergebnis erinnern kann. Irgendwie war ein paar Wochen später plötzlich eine Tochter da, die geglaubt hatte ihr Vater sei schon lange tot. Ein Umstand den niemand kalt lassen konnte. Wer A sagt muss auch B sagen, heißt es so schön. Unser blauäugiges Unterfangen ging glücklicherweise gut. Nach anfänglicher Distanz konnte sich Franzls Tochter nach und nach mit ihrer neuen Rolle anfreunden, ihn kennenlernen und eine Beziehung aufbauen. Im Nachhinein fallen mir tausend Gründe ein, die die Gesamtsituation hätten verschlimmern  und das ganze Unterfangen in einer Katastrohe hätten enden lassen können. Es verlief aber wie im Bilderbuch und jeder hat seinen Teil dazu beigetragen, auch Franzl. Eine in Amerika lebende Schwester meldete sich ebenfalls während der Familienzusammenführung. Auch sie hatte ihren Bruder für tot gehalten. Wir verwiesen sie an Franzls Tochter.

Einkauszettel an der Türe

In der folgenden Zeit besuchten wir Franzl unabhängig von den Besuchen seiner Tochter weiter. Ab und zu wünschte sich Franzl etwas, dass er sich nicht mit seinen Mitteln besorgen konnte. Ein frisches Stück Fleischwurst oder Essig. So kam es zu ersten Einkäufen, die natürliche weitere Fragen nach der Finanzierung aufwarfen. Franzl war bereits über siebzig und hatte vielleicht Rentenansprüche? Ansprüche auf Sozialleistungen hatte er ganz sicher. Wir beschlossen eine gesetzliche Betreuung zu beantragen, um Franzl Zugang zu finanziellen und gesundheitlichen Leistungen zu ermöglichen. So ein Betreuungsverfahren ist eine langwierige Angelegenheit. Es bedarf eines Sozialberichts der Betreuungsbehörde, eines psychiatrischen Gutachtens und einer richterlichen Anhörung. Alle diese Termine fanden im Matsch und unter Einsatz der Dienstmachete statt. In Anbetracht der Umstände stießen wir bei keinem der Beteiligten auf Widerstände, ganz im Gegenteil. So eine Lebensgeschichte bekommt auch ein Richter nicht oft auf den Schreibtisch. Auch Franzl hatte sich durch die Einkäufe an die frischen Lebensmittel gewöhnt und sie schätzen gelernt. Mit der Aussicht auf weitere Wünsche, die er sich mit etwas Geld erfüllen konnte, ließ er das Betreuungsverfahren über sich ergehen. Es würde schließlich eine gesetzliche Betreuung für einen Herrn Franzl Firll eingerichtet. Den gab es zwar nie, da der richtige Name Franz Josef Firle´ lautete, aber das sind ja nur Nebensächlichkeiten. Der neue Betreuer wollte nun schnell einen Personalausweis für Franzl beantragen. Doch Franzl verweigerte seine Ablichtung. Durch eine Fotografie würde seine Seele Schaden nehmen. Darüber ließ sich nicht verhandeln. Der Betreuer versuchte Franzl heimlich zu fotografieren. Das Ergebnis wurde aber nicht von der Behörde akzeptiert und ist meiner Meinung nach auch etwas übergriffig. Ich habe Betreuungen erlebt, die an so etwas gescheitert sind. Menschen, die sich aus „verrückten“ Gründen weigerten einen Pass zu beantragen, wurden trotz gesetzlicher Betreuung obdachlos und wohnen nun unter Brücken. Ohne gültigen Pass existiert man nicht für die Behörden, glaubte ich zu diesem Zeitpunkt. Der Betreuer war gelernter Jurist und wollte sich damit nicht zufrieden geben lassen. Er zauberte eine Befreiung von der Ausweispflicht aus dem Hut. Hut ab. Deutschland ist ein wunderbares Land. Wer eine Ausweispflicht erfindet, erfindet natürlich auch eine Möglichkeit sich von dieser Pflicht befreien zu lassen. Wie dumm von mir. Wieder hatte ich etwas fürs Leben gelernt. Franzl war nun auch für die Behörden ein offizieller Mensch, konnte Sozialleistungen beantragen und sich krankenversichern. Und siehe da, er hatte einen Anspruch auf eine Rente, die seinen Sozialhilfebedarf überstieg. Er hatte früher als Weißbinder gearbeitet und Frührente bekommen. Dann ist er leider verschwunden und hat ein paar Jahrzehnte auf sein Geld verzichtet. Den zwischenzeitlich organisierten Einkaufsdienst, der tatsächlich bis ins Gebüsch kam, könnte Franzl nun aus eigenen Mitteln bezahlen.

Wenn sich der Mensch nicht bewegen kann, muss sich das Umfeld bewegen

Jeder weitere Winter auf der Straße, bzw. im Wäldchen setze Franzl spürbarer zu. Aus diesem Grund zogen wir die Ärztin der Straßenambulanz hinzu. Die Straßenambulanz arbeitet unter christlicher Trägerschaft und wird aus Spendenmitteln finanziert. Die Patienten benötigen keine Krankenversicherung und die Versorgung findet mithilfe eines Ambulanzbusses auch zugehend statt. Ein geniales Angebot, das unsere Arbeit perfekt ergänzt. Auch die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Straßenambulanz respektieren die Wünsche und Grenzen der obdachlosen Menschen und nehmen sich so viel Zeit wie notwendig ist. Franzl wurde nun von sozialen, medizinischen und juristischen Fachpersonal versorgt. Weiterhin besuchten ihn seine Tochter und ein Einkaufsdienst. Wenn das alles in seinen vier Wänden stattgefunden hätte, wäre es ziemlich normal gewesen. Leider konnten wir ihn nicht motivieren seinen Platz für eine Besichtigung eines Wohnheimes oder ähnlichen Angeboten zu verlassen.  Es gab auch keinen Grund oder Rechtsgrundlage ihn gegen seinen Willen an einen Ort zu bringen, von dem wir hofften es ginge ihm dort besser. Bei älteren Menschen leidet das Umfeld oft mehr als die Betroffenen. Angehörige wünschen sich für Ihre gebrechlich werdenden Verwandten eine gute Versorgung und glauben ein Pflegeheim, das für Hygiene und Lebensmittelversorgung sorgt, befriedige damit gleichzeitig alle wesentlichen Bedürfnisse. Nach dem Motto: Satt und sauber. Tatsächlich beseitigt eine solche Rundumversorgung hauptsächlich die Sorgen, der sich verantwortlich fühlenden nachfolgenden Generationen, die meist wenig Zeit investieren können oder wollen. Menschen schätzen in der Regel ihre Selbstbestimmung. Ältere Menschen schätzen darüber hinaus das gewohnte Umfeld, in dem sie sich routiniert bewegen können. Den alten Baum verpflanzt man nicht. Bei Franzl war das nicht anders. Wir versuchen uns schon vorzustellen wie ein Ort für Franzl aussehen könnte, der ihm mehr Schutz bot als eine Plastikplane und ein Lagerfeuer. Gleichzeitig sollte dieser Ort aber möglichst viel Selbstbestimmung zulassen. Ein naturnaher Raum mit der Möglichkeit weiterhin künstlerisch und kreativ tätig zu sein. Es gibt durchaus Orte, die im Grünen gelegen sind und handwerklich therapeutische Angebote anbieten. Wir konnten uns Franzl auch dort vorstellen. Franzl konnte oder wollte sich nicht bewegen.

Zweiter Frühling im Altenheim?

Im letzten Winter stand Franzl nicht mehr auf. Er war sozusagen bettlägerig geworden. Er pinkelte mithilfe einer Plastikplane aus seiner Hütte heraus und wurde notdürftig durch die Straßenambulanz versorgt. Es war irgendwann nicht mehr mit anzusehen. Es wurde ein Antrag auf die Durchführung einer Diagnostik beim Betreuungsgericht gestellt. Das geschah schweren Herzens, da Zweifel bestanden, ob Franzl einen erzwungenen Ortswechsel als positiv oder negativ empfinden würde. Die Palette der Phantasien reichte vom schnellen Tod wegen des Verlustes des Lebensmutes bis zum glücklichen zweiten Frühling im Altenheim.  Noch während der Antrag lief ging es Franzl immer schlechter. Die Polizei wurde hinzugezogen. Franzl konnte mit sanftem Druck überzeugt werden sich in eine Klinik fahren zu lassen. Für die ganze Aktion musste sogar die Autobahn kurzzeitig gesperrt werden, damit die der Rettungswagen möglichst nah heranfahren konnte. Franzl wurde im Krankenhaus wieder aufgepäppelt. Nach ein paar Tagen gab es keine medizinischen Gründe mehr für einen weiteren Aufenthalt. Man hätte schon noch ein paar Untersuchungen und Operationen an ihm durchgeführt, doch Franzl wollte nicht. Er konnte gehen. Er ging aber nicht. Er bewegte sich weiterhin nicht. Es war unklar, ob er nicht wollte oder konnte. Das Essen schmeckte ihm gut aber die Klinikkittel mochte er nicht. Seine selbstgenähte Kleidung hatte den Waschgang leider nicht überlebt. Wir hatten nun Zeit, einen neuen Ort für Franzl zu suchen und bekamen einen Platz in unserem favorisierten Wohnheim im Grünen. Dort gibt es Schafe, Gewächshäuser, eine Werkstatt und immer etwas zu tun. Franzl bekam ein Zimmer mit Blick Zugang zum Garten und fand tatsächlich Gefallen daran. Leider bewegte er sich auch hier nicht mehr. Er wurde nun also mit Blick ins Grüne gepflegt und betonte immer wieder wie gut es ihm in seinem Zimmer gefalle. Dennoch verschlechterte sich sein Zustand. Es gab wohl eine schwerwiegende Erkrankung, deren Behandlung er in der Klinik aber verweigert hatte. Regelmäßige Lagerfeuer mit Plastikmüll sind scheinbar keine gute Idee. Wir baten darum, keine weiteren Verlegungen von Franzl mehr vorzunehmen als das Wohnheim einen Platz im Hospiz suchte. Eine Urlaubsvertretung des Pflegedienstes ließ Franzl schließlich erneut in eine Klinik transportieren. Dort starb er bevor ihn jemand besuchen konnte. Letzte Woche wurde Franzl in einem Beerdigungswald beigesetzt. Jetzt ist er wieder in der Natur.

 

15 Kommentare zu „Ein Leben im Niemandsland“

  1. Berührend! Mich beeindruckt der respektvolle Ton und Umgang mit diesem Menschen, dennoch bestmögliche Unterstützung organisierend. Die Höhe mancher behördlichen Hürden waren mir bis eben gar nicht so präsent. Ein Privileg jener, die mitten in der Gesellschaft leben. Was nicht heißt, dass das besser sein muss. Es gibt viele Arten sein Leben zu gestalten und auch dieses verdient seinen Respekt. Danke fürs Teilen hier.

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  2. Die Geschichte berührt. Ein Leben am Rande der Gesellschaft und Hände die gereicht werden um einen Kompromiss zu finden, der es einem Menschen ermöglicht Hilfe zuzulassen.
    Es ist schön, dass du Franzls Geschichte teilst. Es gelingt dir ganz wunderbar diesen besonderen Mann nicht bloßzustellen, sondern ihn einfach nur zu beschreiben. Eine Dienstmachete…wie schön, dass es helfende Menschen gibt, die sich in Ausnahmefällen sogar eine solche zulegen.

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  3. Wow, wie schön, dass du/ihr mit so viel Rücksicht und liebevoller Zuwendung mit Franzl umgegangen seid. Das ist eher die Ausnahme und dafür nehmen sich nur wenige die Zeit. Toll und danke für so viel Menschlichkeit und Mitgefühl! 🙂

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  4. In Frankfurt wird momentan viel Geld im sozialen Bereich investiert. Das sieht in anderen Regionen bestimmt ganz anderes aus, da vieles von den Gemeinden und Bundesländern finanziert wird. Wenn eine Stadt wenig Geld hat, hat sie leider auch weniger Spielraum. Die Ökonomisierung der Sozialarbeit schreitet allerdings voran. Es wird immer mehr gefragt: „Was kostet das und was bringt uns das“. Klar, es handelt sich ja auch um Steuergelder aber im Prinzip muss sich eine Gesellschaft immer fragen (und daran messen) lassen, wieviel ihr die schwächsten Mitglieder Wert sind. Eine Frage, die sich vermutlich jede Generation neu stellt.

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