Ansicht einer tristen Hausfassade

Existenz im Höllenkreis? II

Was bisher geschah: Thomas hat nach jahrelanger Wohnungslosigkeit eine Wohnung in einem berüchtigten Sozialwohnungsbau bekommen. Er freundet sich mit dem todkranken Olaf an und versucht wieder auf die Beine zu kommen. Manchmal verspürt der jedoch eine große innere Unruhe. Er glaubt die Bestrahlung eines Unbekannten ist dafür verantwortlich.

„Spritzen Sie?“, fragte ihn die alte Dame und Thomas verneinte vehement. Beide fanden das in dem Moment vollkommen normal, da er kurz vorher zu ihr ins Schwimmbecken gestiegen war und sie anschließend fragte, ob sie sich eine Bahn teilen könnte. Er bemühte sich redlich beim Schwimmen ihre weiße Haarpracht nicht zu befeuchten. Die Frage amüsierte ihn jedoch zunehmend und er dachte sich diverse passende und unpassende Antworten aus, die er hätte geben können. Am schlagfertigsten wäre sicher gewesen „Nur nach Aufforderung“, zu antworten. Aber das mit dem Humor war ja auch so eine Angelegenheit. Er war nicht überall in der ähnlichen Ausprägung verbreitet. Außerdem fielen ihm die besten Pointen meistens erst zu spät ein. Die menschliche Kommunikation war sowieso voller Fallstricke, wenn die Botschaft nicht klar und deutlich formuliert wurde. Er hatte beispielsweise zu seinem Nachbarn Olaf beiläufig nach dessen Hustenanfall gesagt: „Ich würde mal zum Arzt gehen und ein Rezept holen.“ Dieser hatte ihm sofort seine Krankenkassenkarte in die Hand gedrückt und sich mit dem Hinweis bedankt: „Die kennen mich dort“. Er hätte besser „an Deiner Stelle“ hinzufügen sollen aber es war bereits zu spät gewesen. Also hatte er für seinen krebskranken Nachbarn mal wieder einen Botengang erledigt. Es gab allerdings schlimmeres, als Hilfe zu leisten und sich dadurch wenigstens etwas Bedeutung zu geben. Als Hartz 4 Empfänger fehlte es ihm definitiv an Anerkennung. Vielleicht würde er doch wieder arbeiten können, wenn sich seine gesundheitliche Situation weiterhin so stabil verhielt?  Thomas hatte sich in seiner Wohnung eingelebt und an die Unruhe im Haus gewöhnt. Das wichtigste war jedoch, dass er seit dem Einzug in seine neue Wohnung nicht mehr von dem Unbekannten bestrahlt wurde. Nach dem Schwimmen besuchte er die Filiale der städtischen Bücherei im benachbarten Stadtteil, um sich mit dem Bestand an klassischer Musik vertraut zu machen. Bücher und Zeitschriften interessierten ihn auch gelegentlich. Dank seines Sozialpasses musste er wenig Eintritt und Gebühren für öffentliche Einrichtungen bezahlen. Er wusste diesen Vorteil des Sozialstaates wirklich zu schätzen. Immerhin hatte er auch jahrelang nicht zu knapp Steuern und Sozialabgaben bezahlt. Auf dem Rückweg traf er im Treppenhaus einen uralt wirkenden Mann, der sich mit einer weit jüngeren Frau unterhielt. Beide kannte er mittlerweile flüchtig vom Sehen. Die Frau hatte rot gefärbte Haare und war modisch gekleidet. An ihren stockenden Bewegungen, dem merkwürdig ausdruckslosen Gesicht und dem schleppenden Tonfall ihrer Stimme, glaubte Thomas einen langjährigen Drogenkonsum erkennen zu können. Sie schien sich, sichtlich besorgt, nach dem Gesundheitszustand des alten Mannes zu erkundigen. Dieser antwortete zu Thomas großer Überraschung in einem breiten ostpreußischen Dialekt. In seiner Jugend hatte er häufiger Menschen mit diesem Dialekt getroffen und er erinnerte sich plötzlich an das Ostzonen Sandmännchen, das bei seiner Oma in Kassel empfangen werden konnte. Sein Vater nannte die Gegend damals spöttisch „Zonenrandgebiet“ und „hessisch Sibirien“. Heute liegt sie mitten in Deutschland. Wenn er als Kind dort zu Besuch war, sah er sich immer mit größter Begeisterung die Sendungen an. Handpuppen, die sich in verschiedenen deutschen Dialekten unterhielten, waren ihm in Erinnerung geblieben. Ein alter Hund hatte die gleiche Stimme wie sein Nachbar. Im Sandmännchen- Wettbewerb hatte die DDR definitiv gewonnen, auch wenn Sie den Kalten Krieg verloren hatte. Wie alt mochte der Mann wohl sein? War er aus seiner Heimat vertrieben worden oder hatte er sie freiwillig verlassen, so wie Thomas?  Was war es wohl für ein Gefühl von heute auf morgen seine Heimat zu verlieren? Was bedeutete Heimat überhaupt? Seine eigene Heimatstadt war ihm fremd geworden. Er kannte dort niemanden mehr und es zog ihn auch nichts mehr dorthin. Das einzige was ihm geblieben war, waren seine Erinnerungen. Da ging es dem Alten vermutlich nicht anders. Thomas setzte seinen Aufstieg im Treppenhaus fort und wurde durch das Auftauchen einer knallbunt gekleidete Frau aus seinen Gedanken gerissen. Sie trug gelbe Gummistiefel, rote Strumpfhosen einen grünen Rock und eine braune Jacke. Ihr Haar hatte sie in ein gestricktes oder gehäckeltes blaues Wollteil gepresst, das eine Mischung aus Haarband und Mütze zu sein schien. Es war rechts doppelt so lang wie auf der linken Seite und er war sich nicht sicher, ob das so gewollt war. Durch den selbstbewußten, leicht entrückten Gesichtausdruck der Frau und ihre anmutige Art sich zu bewegen, tippte Thomas auf letzteres. Ihr ungewönliches Erscheinungsbild verlieh ihr irgendwie eine besondere Aura. Vermutlich hatte er sie ein wenig zu lange angestarrt, da sie vor ihm stehen blieb und ihn abschätzend ansah. Es schien eine Art Konsens im Haus zu sein seine Mitmenschen im Flur und auf der Treppe zu ignorieren. Warum das so war wusste er nicht. Vielleicht war es ein bewusstes Gegenmodel zu den scheinheiligen bürgerlichen Höflichkeitsfloskeln. Einer bürgerlichen Gesellschaft, die die meisten in diesem Haus ausgeschlossen hatte. Wahrscheinlicher war aber, dass hier alle ihre Last mit ihrem eigenen Leben zu tragen hatten und nicht noch durch fremde Probleme vollends aus der Balance gebracht werden wollten. Ihm war es recht, wenn sich niemand in seine Angelegenheiten einmischte oder ihn irgendwie zutexten wollte. Die Frau wandte ihren Blick nicht ab und wartete. Nach einer etwas zu langen Pause machte er eine leichte Verbeugung und stellte sich vor: „Thomas Bollengrafen. Ich bin neu eingezogen. Sehr erfreut“. Ihr Gesicht nahm nun einen verschmitzten Ausdruck an. Sie hob ihren Rock leicht an, machte einen Knicks und sagte: „Ich bin Beatrix, Herr Graf“. Sie war übertrieben stark geschminkt. Er konnte trotzdem einige Fältchen in ihrem atraktiven Gesicht erkennen. Sie schien älter zu sein als es ihre jugendliche Ausstrahlung vermuten ließ. Er verbeugte sich erneut hob seinen imaginären Hut leicht an und erwiderte: „Habe die Ehre“. Sie kicherte wie ein kleines Mädchen und setzte ihren Weg nach unten fort. Thomas schaute ihr fasziniert nach. War sie seine Nachbarin oder eine Besucherin? Sie wirkte auf eine angenehme Art verrückt. Beschwingt setzte er seinen Weg nach oben fort.

Am Abend gab es wieder die übliche Schreierei. Diesmal kam sie aus dem Schwinger Club im zweiten Stock. „Unbill in der menange a trois“, dachte er sich. Als die Schreie der Frau von einem keifenden in einen panischen Ton umschlugen begann er sich Sorgen zu machen. Er wollte nicht noch einen Mitbewohner durch seine Untätigkeit auf dem Gewissen haben. Die Frau schrie nun wie am Spieß und er beschloss etwas zu unternehmen. Er würde die Polizei rufen. Ohne Telefon war das allerdings nicht so einfach. Er ging rüber zu Olaf und klopfte an dessen Tür. „Olaf hast Du ein Handy?“, rief er durch die geschlossene Türe. Im Laufe des Tages und der Nacht klopften immer mal wieder verirrte und verwirrte Gestalten an den Türen, um zwielichte Angebote zu unterbreiten. Es hatte sich bewährt sein Anliegen klar und deutlich zu artikulieren, wenn man irgendwo Einlass begehrte, sonst blieben die Türen verschlossen. Olaf öffnete nach einer Weile die Türe und sah ihn atemlos an. Du willst telefonieren? Komm rein.“ Er wies auf einen Beistelltisch mit Häckeldeckchen im Flur auf dem ein grünes Telefon mit kurzer Schnur stand. Thomas fühlte sich an seine Kindheit erinnert. „Wen willst Du denn so dringend anrufen?“ „Die Polizei“, antwortete Thomas warheitsgemäß. Olaf lachte: „Warum das denn? Willst Du Dich stellen?“ „Die bringen sich gerade um da unten. Da schaue ich nicht einfach zu“, antwortete er entschlossen. Im zweiten Stock tat es einen lauten klirrenden Schlag und das Geschreie verstummte. Thomas wählte den Notruf und eine männliche Stimme meldete sich. „Name ist Bollengrafen. Meine Nachbarin wird gerade Opfer häuslicher Gewalt.“ „Was genau ist geschehen?“, fragte die Stimme im professionellen Ton. „Es gab Schreie und laute Schläge“, antwortete Thomas wahrheitsgemäß. „Wo ist der Tatort?“, lautete die nächste Frage. Thomas nannte seine Adresse und es trat Schweigen ein. Er dachte schon die Leitung sei unterbrochen und er schaute irritiert den Hörer an. „Hallo, sind sie noch dran?“ Die Stimme hatte jedliche Professionalität verloren und sagte ungehalten „Du rufst an, weil in dem Haus herumgeschrien wird? Da wird den ganzen Tag geschriehen. Da könnten wir dort gleich eine Polzeiwache einrichten, wenn wir jedesmal vorbeikommen mussen, wenn da jemand rumbrüllt. Das kostet alles die Steuergelder der arbeitenden Bevölkerung. Melde Dich wieder, wenn Du Blut fließen siehst.“ „Seit wann dutzen wir uns?“, fuhr es Thomas reflexhaft heraus. „Hör mal zu Freundchen. Ich verpasse Dir gleich eine Anzeige wegen Missbrauchs der Notrufleitung und jetzt mach die Leitung frei für richtige Notfälle“, polterte die Stimme. Danach war die Leitung unterbrochen. Thomas sah ratlos den Hörer in seiner Hand an und murmelte: „Missbrauch?“ Olaf sah ihn amüsiert an und sagte gutgelaunt: „Willkommen im Höllenkreis. Die Bullen kommen nur, wenn sie hier einen hochnehmen wollen oder Blut fließt. Sag bloß Dich überrascht das? Ganz schön naiv. Und ich dachte Du warst ein überführter Betrüger oder so was. Heiratsschwindler würde gut passen. Wenn ich noch genügend Zeit hätte, würde ich Dich groß rausbringen“. Thomas wusste nicht, ob er sich dämlich vorkommen  oder sauer auf Olaf sein sollte. Im Haus herrschte Ruhe. Keine Totenstille, sondern eher so das übliche Grundrauschen. Keine flüchtenden Mörder oder aufgeregte Zeugen. „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“, sagte Olaf zu Thomas und haute ihm dabei auf die Schulter. „Wie hältst Du es  nur aus mit diesem Zynismus zu leben?“, erwiderte Thomas und ging in seine Wohnung zurück ohne auf eine Antwort zu warten. „Ist ja nicht mehr lange“, hörte er Olaf noch hinter sich sagen. Tomas bekam sofort ein schlechtes Gewissen.

Am nächsten Morgen ging er zu Olaf, um sich zu entschuldigen. Dieser wusste erst gar nicht wofür. „Was meintest Du eigentlich mit Höllenkreis?“ „Tritt ein und lass alle Hoffnung fahren“, rezitierte Olaf mit theatralisch erhobener Hand Dante. „Das ist so eine idiotische Bezeichnung, die ich in der Presse über unser Haus gelesen habe. Seitdem ist das hier ein geflügeltes Wort. Eines Tages kam so eine Journalistin und hat hier rumgeschnüffelt. Sie hat mit Pfenninger, diesem Trottel, geredet. Er hat sich mächtig wichtig gemacht. Nur die Harten kommen in den Garten und so ein Kram. Um hier zu überleben musst Du schon ein toller Hecht wie er sein. Vielleicht hat er gedacht sie setzt ihm ein literarisches Denkmal. In Wahrheit hat sie nur ihre vorgefasste Meinung, über den Kapitalismus und den Müll den er produziert, auf uns übertragen. Das Ergebnis stand für sie schon längst vor ihren Recherchen fest. Das ungerechte Wirtschaftssystem produziert massenweise Hoffnungslose. Seht sie Euch an. Das jetzt auch noch der Letzte, der sich ein bisschen besser vorkommt mit dem Finger auf uns zeigt, war ihr gleichgültig. Hauptsache die Story stimmt.“ Olaf hatte sich für seine Verhältnisse fast in Wallung gebracht bei seiner Rede. Thomas fragte sich, ob die Journalistin nicht recht hatte. Es war schlicht und einfach nicht gerecht, dass ein Bruchteil der Weltbevölkerung den Hauptteil des gesamten Vermögens dieser Welt besaß. Andere Wirtschaftssysteme produzierten allerdings auch ihre Ungleichgewichte. Der Individuelle Vorteil schien nach wie vor die stärkste Triebfeder der Menschen zu sein. Jeder im Hause würde es vorziehen in eine bessere Gegend zu ziehen, wenn er es sich leisten konnte. Ein gerechtes weltweites Steuersystem und eine weltweite ausreichende politische Beteiligung der armen Bevölkerungsschichten wären notwendig. Daraus ließe sich allerdings kein schmissiger Artikel zimmern. Es war viel zu komplex. Wie eine linke Journalistin überhaupt zu dem biblischen Begriff Höllenkreis kam war ihm ein Rätsel. Er versuchte sich an die berühmte mittelalterliche Darstellung der Höllenkreise von Hieronymus zu erinnern. Acht Höllenkreise gab es dort zu bestaunen. Im ersten ging es um die Wollust. Das passte natürlich in die von der Kirche geprägte damalige Zeit. Beim Thema Sex war diese Institution wirklich der falsche Ansprechpartner. Der Zweite taugte eher zu einer Transformation in die Moderne. Die Gier und die Verschwendungssucht als ihr Pendant. Das passte doch eher zu den Malaisen der heutigen materialistischen Zeit. Jähzorn und Verdrossenheit, sowie Gewalttaten führten die Menschen nach dieser mittelalterlichen Vorstellungswelt in weitere Höllenkreise. Es gab wohl insgesamt acht. Thomas konnte sich aber nicht mehr genau erinnern. Die weiteren hatten vermutlich mit irgendwelchen Tätigkeiten zu tun, bei denen die damals Herrschenden um ihre Macht bangen mussten. Die Ketzerei fiel ihm als Beispiel ein. Wissenschaftliche Erkenntnisse waren damals Teufelswerk. „Wissen ist immer besser als Glauben“, dachte er bei sich. Doch konnte man den Menschen Wissen vorenthalten. Was hatte er eigentlich verbrochen, um in einem Höllenkreis zu landen? Ihm fiel spontan nichts ein. Er fühlte sich allerdings auch nicht so, als wäre er in einem gelandet. Er beschloss seine sinnlose Grübelei zu beenden und noch etwas Sinnvolles mit seinem Tag anzufangen.
Die nächsten Tage und auch Nächte verliefen ungewöhnlich ruhig. Vielleicht lag es daran, dass die Polizei die Wohnung eines hausbekannten Drogendealers gestürmt hatte und sich seine Kundschaft jetzt anderweitig nach Stoff umsehen musste. Solche Neuigkeiten sprachen sich im Milieu erstaunlich schnell herum. Seit er den älteren der beiden Männer aus dem Swinger Club mit zwei dunkelblauen Veilchen um die Augen im Flur getroffen hatte, kannte er auch den Grund für die dort eingekehrte Ruhe. Er schien eine eigene Wohnung im siebten Stock zu haben und mied die Dreiecksbeziehung. Die übergewichtige junge Frau war mit nur einem blauen Auge davon gekommen und mied die Blicke im Treppenhaus. Der junge Mann hingegen starrte jeden missmutig im Haus an und zwang die neugierigen Blicke der Nachbarn geradezu provokativ zu Boden. Er stolzierte wie ein Wachmann durch den Flur des zweiten Stockes und schien bereit sein Revier mit Gewalt, gegen was auch immer, verteidigen zu wollen. Thomas sah jedes Mal zu, so schnell wie möglich aus dem Blickfeld des Irren zu kommen. Der Vorteil war wie gesagt die geradezu himmlische Stille. Selbst der Gesang eines vermutlich arabischen Mannes aus dem Obergeschoß, der permanent duschte und dabei wie ein Muezzin sang, war verstummt. Glaser hatten sein zertrümmertes Isolierglasfenster erneuert. Manchmal konnten auch einfache Maßnahmen große Auswirkungen auf das zwischenmenschliche Zusammenleben haben. Zufrieden kochte sich Thomas abends einen Tee als er das merkwürdige Brummen vernahm. Er schaute aus dem Fenster und suchte im Flur erfolglos nach der Ursache des leisen Geräuschs. Was war das? Ein mulmiges Gefühl machte sich in ihm breit. Unruhig lief er in seiner Wohnung auf und ab. Thomas hielt sich die Ohren zu aber das Brummen steigerte sich in ein Rauschen. Scheiße, so hatte es das letzte Mal auch angefangen. Er stelle die Musik lauter und suchte sein selbstgebautes Messgerät für bislang unbekannte Strahlungen. Es musste doch eine Ursache für das ständige Brummen geben. Er maß am Luftschacht, an der Heizung und an den Steckdosen ohne auffällige Ergebnisse. Fieberhaft überprüfte er sein von ihm erfundenes Gerät auf Fehler. Thomas verhängte den Luftschacht mit Alufolie und dichtete auch die Türe von innen damit ab. Das Rauschen wurde nun von einem hohen Intervallton begleitet, der merkwürdig hallte. Er sank auf die Knie und stöhnte laut und wusste, dass er nichts dagegen tun konnte. Thomas stellte die Musik noch lauter, obwohl es mittlerweile nach Mitternacht war. Zwischen das Rauschen mischte sich nun Gemurmel. Eine Stimme konnte er deutlich heraus hören. Sie schien ihn lachend zu verspotten: „Thomas, sieh….Du kannst nicht….Ha, Ha, Ha“ Das hatte er noch nicht erlebt. „Nur nicht die Nerven verlieren“, sagte er laut zu sich. „Wer ist da?“, schrie er schließlich. Er schnappte seine Jacke und rannte durch das Haus auf der verzweifelten Suche nach der Ursache für sein Unglück. Trotz seiner auf die Ohren gepressten Handflächen konnte er das Gemurmel und Gelächter gut vernehmen. „Nein ich bin nicht verrückt“, schrie er und hielt sein Messgerät an jede Türe. Jeder der ihn im Treppenhaus sah machte sofort kehrt. Im achten Stock traf er auf einen kleinen drahtigen Mann in einem Badeanzug. Er schien sich durch eine nicht vorhandene Menschenmenge zu schlängeln und hier und da mit einem nicht vorhandenem Gesprächspartner einen kurzen Plausch zu halten. Es schien, er wähnte sich auf einer Cocktailparty. Thomas wollte ihn ignorieren, doch der Mann kam auf ihn zu und stellte sich direkt vor ihn. Er wippte schnell auf, ab grinste leicht und hatte einen stieren Blick. Normalerweise hätte Thomas wie jeder normale Mensch sofort kehrt gemacht, doch das Gemurmel in seinem Kopf hatte seine Wahrnehmung und sein Urteilsvermögen etwas mitgenommen. Er musste den Ausgangspunkt der Strahlung finden sonst würde er den Verstand verlieren. „Ich bin Ritter von und zu Drostenburg“, sagte der kleine Mann. Thomas schien ihn jetzt erst richtig wahrzunehmen. Er strahlte etwas sehr unangenehmes fast bedrohliches aus. „Ich muss hier die Strahlung messen“, stammelte Thomas verwirrt. „Feuerwehrdienstvorschrift vier“, brüllte der Mann nun und hob seine Knie abwechselnd wie ein Storch im Salat. Das Gemurmel in Thomas Kopf wurde leiser. Lag die Ursache hier im achten Stock? Der Mann sah ihn herausfordernd an. Er schien etwas gefragt oder gesagt zu haben. Das interessierte Thomas nicht, denn er hatte sein Ziel offensichtlich so kurz vor Augen. Er wollte den Wicht gerade beiseiteschieben als ihn dieser in seine Hand biss. Thomas schrie auf packte sein Gegenüber ohne nachzudenken und schleuderte das Männchen gegen die nächstbeste Wohnungstüre. wie von Sinnen hastete durch den Flur und bemerkte zu spät, dass aus allen Wohnungen Männer mit Stöcken oder sonstigen Schlagwerkzeugen gestürmt kamen. Thomas bezog diesen Alarmzustand nicht auf sich. Wer weiß was er dachte. Vielleicht erschien es ihm in dem Moment der großen Bestrahlung nur folgerichtig, dass alle wild umherliefen. Er prallte mit einem der Männer zusammen, der zu Boden ging und rannte schreiend auf einen anderen Kerl mit einem Baseballschläger zu. „Das hier ist Dein Tod“, rief eine Stimme aus dem Meer des Gemurmels. War sie in seinem Kopf oder real?

Existenz im Höllenkreis III

2 Kommentare zu „Existenz im Höllenkreis? II“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s