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Existenz im Höllenkreis? II

Was bisher geschah: Thomas hat nach jahrelanger Wohnungslosigkeit eine Wohnung in einem berüchtigten Sozialwohnungsbau bekommen. Er freundet sich mit dem todkranken Olaf an und versucht wieder auf die Beine zu kommen. Manchmal verspürt der jedoch eine große innere Unruhe. Er glaubt die Bestrahlung eines Unbekannten ist dafür verantwortlich.

„Spritzen Sie?“, fragte ihn die alte Dame und Thomas verneinte vehement. Beide fanden das in dem Moment vollkommen normal, da er kurz vorher zu ihr ins Schwimmbecken gestiegen war und sie anschließend fragte, ob sie sich eine Bahn teilen könnte. Er bemühte sich redlich beim Schwimmen ihre weiße Haarpracht nicht zu befeuchten. Die Frage amüsierte ihn jedoch zunehmend und er dachte sich diverse passende und unpassende Antworten aus, die er hätte geben können. Am schlagfertigsten wäre sicher gewesen „Nur nach Aufforderung“, zu antworten. Aber das mit dem Humor war ja auch so eine Angelegenheit. Er war nicht überall in der ähnlichen Ausprägung verbreitet. Außerdem fielen ihm die besten Pointen meistens erst zu spät ein. Die menschliche Kommunikation war sowieso voller Fallstricke, wenn die Botschaft nicht klar und deutlich formuliert wurde. Er hatte beispielsweise zu seinem Nachbarn Olaf beiläufig nach dessen Hustenanfall gesagt: „Ich würde mal zum Arzt gehen und ein Rezept holen.“ Dieser hatte ihm sofort seine Krankenkassenkarte in die Hand gedrückt und sich mit dem Hinweis bedankt: „Die kennen mich dort“. Er hätte besser „an Deiner Stelle“ hinzufügen sollen aber es war bereits zu spät gewesen. Also hatte er für seinen krebskranken Nachbarn mal wieder einen Botengang erledigt. Es gab allerdings schlimmeres, als Hilfe zu leisten und sich dadurch wenigstens etwas Bedeutung zu geben. Als Hartz 4 Empfänger fehlte es ihm definitiv an Anerkennung. Vielleicht würde er doch wieder arbeiten können, wenn sich seine gesundheitliche Situation weiterhin so stabil verhielt?  Thomas hatte sich in seiner Wohnung eingelebt und an die Unruhe im Haus gewöhnt. Das wichtigste war jedoch, dass er seit dem Einzug in seine neue Wohnung nicht mehr von dem Unbekannten bestrahlt wurde. Nach dem Schwimmen besuchte er die Filiale der städtischen Bücherei im benachbarten Stadtteil, um sich mit dem Bestand an klassischer Musik vertraut zu machen. Bücher und Zeitschriften interessierten ihn auch gelegentlich. Dank seines Sozialpasses musste er wenig Eintritt und Gebühren für öffentliche Einrichtungen bezahlen. Er wusste diesen Vorteil des Sozialstaates wirklich zu schätzen. Immerhin hatte er auch jahrelang nicht zu knapp Steuern und Sozialabgaben bezahlt. Auf dem Rückweg traf er im Treppenhaus einen uralt wirkenden Mann, der sich mit einer weit jüngeren Frau unterhielt. Beide kannte er mittlerweile flüchtig vom Sehen. Die Frau hatte rot gefärbte Haare und war modisch gekleidet. An ihren stockenden Bewegungen, dem merkwürdig ausdruckslosen Gesicht und dem schleppenden Tonfall ihrer Stimme, glaubte Thomas einen langjährigen Drogenkonsum erkennen zu können. Sie schien sich, sichtlich besorgt, nach dem Gesundheitszustand des alten Mannes zu erkundigen. Dieser antwortete zu Thomas großer Überraschung in einem breiten ostpreußischen Dialekt. In seiner Jugend hatte er häufiger Menschen mit diesem Dialekt getroffen und er erinnerte sich plötzlich an das Ostzonen Sandmännchen, das bei seiner Oma in Kassel empfangen werden konnte. Sein Vater nannte die Gegend damals spöttisch „Zonenrandgebiet“ und „hessisch Sibirien“. Heute liegt sie mitten in Deutschland. Wenn er als Kind Existenz im Höllenkreis? II weiterlesen

Existenz im Höllenkreis?

Jetzt stand er also mit einem Karton voll persönlicher Dinge vor der Türe des  Hauses, vor dem ihn so mancher gewarnt hatte. Viel mehr als diese Pappkiste mit ein paar CDs, Büchern und Dokumenten war ihm nicht geblieben als er seine Wohnung Hals über Kopf verlassen musste. Seine neue Bleibe sei möbliert und er könne nur das wichtigste mitnehmen, hatte ihm der Gerichtsvollzieher damals erklärt. Das war nun fünf Jahre her und es hatte sich nichts zum Besseren verändert. Ganz oben auf dem Stapel der Unterlagen in dem Karton lag sein Technikerzeugnis. Wie ein Zeuge aus einer besseren Zeit. Er war in aller Welt auf Montage gewesen und hatte teilweise in erstklassigen Hotels gewohnt. Selbst Maßanzüge hatte er sich geleistet, obwohl das für seine Arbeit gar nicht notwendig war. Es war ihm viel mehr ein Bedürfnis gewesen sich zu Opern- oder Theaterbesuchen angemessen zu kleiden. Da er nie Kinder hatte konnte er sein Geld für teure Restaurants und Geschenke für seine Frau ausgeben. Diese hatte ihn aber genauso wie sein Glück verlassen. Alle hatten sich von ihm abgewandt. Niemand glaubte ihm und genau das schien der Plan der unbekannten Person zu sein, die sein Leben zerstört hatte. Wut keimte ihn ihm auf, die jedoch schnell in Resignation umschlug. Er durfte nicht immer wieder den gleichen Fehler begehen und musste einen kühlen Kopf bewahren. Noch hatte er sein Leben nicht aufgegeben. Eines Tages würde er den Unmenschen, der sein Leben stetig zerstörte zu Strecke bringen. Er gab sich einen Ruck und ging auf das mehrgeschossige schmucklose Gebäude aus den sechziger Jahren zu. Von außen sah es gar nicht so übel aus. Es hatte eine neue Wärmedämmung erhalten und war im Zuge dessen neu verputzt und gestrichen worden. Der Stadtteil in dem es lag war von kleinen zweigeschossigen Gründerzeitbauten und von Hochhaussiedlungen aus den siebziger Jahren geprägt. Es war kein besonders attraktiver Stadtteil und schien hauptsächlich von Alteingesessenen auf der einen Seite und Zugewanderten mit kleinem Geldbeutel auf der anderen Seite bewohnt zu sein. Hier gab es nichts zu flanieren. Wer das wollte musste in den benachbarten Stadtteil gehen, der über einen historischen Stadtkern und sogar ein barockes Palais verfügt. Er hatte allerdings nicht den Eindruck, dass das die Menschen hier wollten. Die einen wollten nur ihre Autos polieren und die anderen genug verdienen, um auch solche Autos zu kaufen. Es war schrecklich unkultiviert. Als er sich der Türe näherte sah er auf dem Grundstück vor dem Haus jede Menge Verpackungen und Essensreste liegen. Aus den neun Etagen wurde scheinbar so einiges einfach durch das Fenster entsorgt. Die Rasenfläche um das Haus herum war relativ groß und hatte einen alten Baumbestand. Im Norden grenzte sie an einen begrünten Bahndamm und im Südwesten an eine breite Hauptverkehrsstraße, die sich in gebührenden Abstand um das Haus schlängelte. Im Osten gab es niedrige Mehrfamilienhäuser und Gewerbeimmobilien. Das Ganze machte auf ihn eher den Eindruck einer bebauten Verkehrsinsel. Das Haus war irgendwie in der Ritze zwischen den beiden Stadtteilen gerutscht. Er musste an sein verloren gegangenes Ehebett denken. Die Ritze zwischen den Matratzen schien stetig gewachsen zu sein. Er war nicht mehr an seine Ehefrau herangekommen. Zu unüberwindbar war der Graben geworden. Er wandte den Blick von einer großen Portion Spaghetti ab, die offenbar nicht geschmeckt hatte und nun anklagend auf der Wiese lag. Seufzend betrat er das Haus und befühlte in seiner Hosentasche die Schlüssel zu seiner neuen Wohnung. Gleich würde die Lieferung mit den Möbeln des Second Hand Kaufhauses kommen. Das Amt hatte in regelrecht gezwungen seine Ausstattung dort zu kaufen. Da er kein Auto mehr zur Verfügung hatte, musste er sich alles liefern lassen. Mit einem Budget von 1200 Euro eine Wohnung einrichten zu wollen ist ein sinnloses Unterfangen. Nun ließ er sich also für das Geld Möbel liefern, die eine soziale Einrichtung irgendwann mal gespendet bekam. Da er aber schon einige Demütigungen erleiden musste, konnte er sich darüber nicht mehr richtig echauffieren. Im Flur roch es eigentümlich süß. Eine Mischung aus alten Socken, Klostein, Staub und billigem Parfüm. „So riecht also Armut“, schoss es ihm durch den Kopf. Er würde sich vorerst daran gewöhnen müssen. Er ließ den schäbigen Aufzug links liegen und nahm die Treppe. Die Wände waren gesprenkelt mit Fußabdrücken und merkwürdigen Flüssigkeiten, die je nach Konsistenz unterschiedlich lange Tropfnasen hinterlassen hatten. Nach oben hin nahmen die Verschmutzungen ab. Es schien, der untere Bereich des Treppenhauses sei eine Art öffentlicher Aufenthaltsraum. Der Tag hatte gerade erst begonnen, doch das Haus schien menschenleer. Er wünschte sich es würde so bleiben. Das Treppenhaus war durch eine schwere Glastüre vom Flur mit den kleinen Wohnungen getrennt. Zu dem süßlichen Geruch drang etwas scharfes, von dem er gar nicht genau wissen wollte woher es kam. Aufgeschreckt durch seine Schritte flüchtete eine fette Kakerlake unter dem Türspalt einer Wohnungstüre hinweg. Dieses Gerücht über das Haus entsprach also der Wahrheit. Vermutlich war es nicht das Einzige. Als er seine Türe mit den Spuren älterer Einbruchspuren aufschloss war er positiv überrascht. Die kleine Wohnung war frisch renoviert und gereinigt worden. Bei seiner ersten und einzigen Besichtigung hatte er dunkel verfärbte Wände und vor Dreck blinde Fenster gesehen, die das Zimmer in ein depressives Licht tauchten. Selbst der zuvor mit Taubenkot übersäte kleine Balkon, oder man sollte eher Austritt sagen, war gesäubert worden. Aus dem Fenster konnte er über die benachbarte Bebauung hinweg bis in das nahe Mittelgebirge sehen. Seine Laune besserte sich merklich. War das hier vielleicht doch eine Chance? Meinte es das Schicksal diesmal gut mit ihm? Fröhlich Vivaldis vier Jahreszeiten pfeifend verstaute er seine Sachen als es gegen die Türe hämmerte. Existenz im Höllenkreis? weiterlesen

Die Fleischhauer

Eigentlich fühlte ich mich immer zu Außenseitern hingezogen. Ich bin selbst haarscharf dran vorbeigeschlittert einer zu sein. Mit Ranordnungen in Gruppen hatte ich immer Probleme. Da es zum Alpha- Tierchen meist nicht reichte, blieb mir nur der Klassenkasper. Mitläufer fand ich öde. Ein Außenseiter der besonderen Art war Hugo. Hugo Fleischhauer Der Name war Programm. Sein  Vater betrieb eine Turnhallengaststätte und lebte mit seiner Familie in der Hausmeisterwohnung der Halle. Das Gemäuer war furchtbar alt und hässlich und stand am Ortseingang auf  einem großen freien Wiesen und Sportgelände. Von weit thronte das Gebäude wie eine Trutzburg ohne viele Fenster mit schräg gemauerten Stützpfeilern, die eher zur chinesischen Mauer gepasst hätten. Auf der Wiese hinter der Halle. Durften die Zigeuner lagern. Heute sagt man Sinti und Roma, obwohl ich nicht weiß, ob es tatsächlich welche waren. Ihr „König“ hatte eine Villa am Ort bezogen und es kamen oft Mercedes Limousinen mit Wohnwagen in die Nachbarschaft. Hugos Vater stellte ihnen gerne seinen Wasseranschluss und anderes zur Verfügung. Das Haus war für uns eine Art Villa Kunterbunt. Der alte Parkettboden der Halle hatte geheimnisvolle Einstiege die in ein endloses Kellerlabyrinth führten. Hier fand man Berge von Holzbohlen, antiquierte Turngeräte, Spielsachen und sogar ein Kett- Car mit Rasenmäher- Motor. Hugo war mein bester Freund. Fast immer wenn ich ihn zuhause besuchte war er alleine. Diese Wohnung schien absolut erwachsenenfrei. Ein umgefallener Sessel blieb einfach liegen. Zuhause musste ich immer auf Zehenspitzen durch die Wohnung. Vater arbeitete Nachtschicht. Jeder Krümel musste penibel beseitigt werden. Unsere kleine Wohnung war zu voll mit Menschen, um steril zu bleiben. Mutter war immer verzweifelt. Hugos zuhause war faszinierender. Er durfte immer Cola trinken. Seine große Schwester durfte als einziges Mädchen in der Jugendmannschaft des örtlichen Fußballvereins mitspielen. Ich glaube sogar es gab Jungs die hatten Angst vor ihr. Hugo konnte auch angsteinflößend sein. Mit ihm legte sich keiner gerne an. Er war keine Intelligenzbestie und oft brachte ich die Ideen für unsere Spiele ein. Spielten wir Boot war ich der Kapitän oder Krieg war ich der General. Manchmal motzte Hugo dann, doch ich konnte ihn immer Wortreich von der allgemeinen Notwendigkeit überzeugen.

Selten setzte Hugo seinen Willen durch. Nur einmal bestimmte er entschlossen was wir nach Schulschluss tun würden. „Wir werden Thomas auflauern“: sagte er. Mir war etwas mulmig zumute. Das war doch eigentlich das Terrain der Viertklässler. Die konnten uns kleineren doch nach Herzenslust rumschubsen. Außerdem war Thomas einen Kopf größer als wir. Er war ein absoluter Außenseiter. Ich konnte mit ihm nichts anfangen weil er nur Unsinn erzählte. Oft saß er mit offenem Mund da und stierte vor sich hin. Er tat mir ein bisschen leid. Hugo war fest entschlossen und ging los. Ich konnte entweder alleine zurückbleiben oder mitgehen. Ich ging mit. Versteckt hinter Hugo wartete ich. Thomas war im Tran und entdeckte uns auf der freien Wiese sehr spät. Als er Hugo erkannte wollte er sofort flüchten. Mit seinen langen Gliedmaßen ging er in einen Trapp über, der mich an die ungelenken Kamele im Zirkus erinnerte. Sein Turnbeutel schlackerte zwischen seinen dünnen Beinen. Er war nicht clever genug um uns zu entkommen und lief Hugo direkt in die Arme. Meine Angst war verflogen. Er benahm sich wie das geborene Opfer. Seine Schulsachen flogen umher. Hugo lachte laut. In Thomas Gesicht stand die nackte Panik. Was tat ich hier nur. Thomas Nutellabrot lag in Hugos Hand.. Komm lass uns gehen bat ich. Platsch. Mit Genuss landete es in Thomas Gesicht. Du hast gewonnen lass uns abhauen flehte ich. Noch ein Tritt und unter wilden Geheule trat Thomas die Flucht an. Hugo war sichtlich zufrieden. Ich ließ mir nichts anmerken. Wie sollte ich Thomas je wieder unter die Augentreten ? Ich hatte keine Idee mehr für heute und wir langweilten uns in der Kneipe von Hugos Eltern. Er durfte immer Flippern. Ich war aber zu ungeschickt dafür.

An nächsten Tag kam Thomas in die Schule Ich schämte mich. Er stierte aber nur wie immer. Kein anklagender Blick. Keine Rache. Keine Vorwürfe. Das beschäftigte mich schon. Nachmittags malten Hugo und ich. Hugo fragte: „Was malst du denn ?“. „Das ist Thomas“, sagte ich und zeigte auf ein Männchen, das auf einer Wiese stand. Spontan malte ich einen großen Penis dran, um Hugo zum Lachen zu bringen. Er nahm meinen Stift und malte eine Frau mit großen Brüsten. Das ist seine Mutter. Großes Gelächter brach aus. Ich hatte unlängst von meinen großen Bruder das Wort ficken gelernt und wusste nur, dass es ziemlich verboten war. Es landete ebenso auf dem Papier, wie ein weiteres Männchen und etwas Gekrakel. Irgendwie landete das Pamphlet schließlich im Briefkasten der Familie Schaffernicht. So hieß Thomas. Wir fanden den Namen so lächerlich, dass er natürlich auch auf dem Brief landete.

Als ich am nächsten Tag aus der Schule kam, durfte ich nicht zu Hugo. Dein Vater und ich wollen heute Nachmittag mit dir reden. Geh jetzt auf dein Zimmer. Mein Vater wollte nie mit mir reden. Er wollte eigentlich immer nur schlafen. Meine Mutter war immer gleich hysterisch wenn etwas war. Ihre bemühte Ruhe flößte mir Angst ein. Banges warten bis Vater von der Arbeit kam. Thomas kann doch unmöglich gequatscht haben. Das Tribunal war kurz und heftig. Thomas Vater wollte uns bei der Polizei anzeigen. Nur eine Entschuldigung könnte uns noch retten. Wenigstens fing Mutter an zu schimpfen. Was diese Leute jetzt von uns denken. Wie asoziale hätten wir uns benommen. Die Fleischhauers wären auch kein Umgang für mich, meinte sie. Mein Vater schwieg, da er Stammgast in Fleischhauers Kneipe war. Die Strafe war hart. Zwei Wochen Spielverbot mit Hugo und eine persönliche Entschuldigung in Begleitung meines Vaters. Am nächsten Tag der Gang nach Canossa. Hugo, mein Vater und ich im Wohnzimmer der Dreizimmerwohnung. Herr Schaffernicht, ein Angestellter, saß mit Hornbrille und Polunder vor uns. Seine Miene spiegelte Empörung. Frau Schaffernicht brachte zu meiner Verwunderung Getränke und verschwand wieder. Thomas wurde auf sein Zimmer geschickt. Herr Schaffernicht hielt eine Moralpredigt über diesen Brief. An den Inhalt kann ich mich nicht erinnern. Nur einmal fragte er meinen Vater scharf, ob er ihm nicht zustimme. Mein Vater schaute als hätte er einen Schnaps getrunken und nickte. Als wir das Haus verlassen durften schaute ich gebannt auf meinen Vater. Ich merkte das gefiel ihm alles nicht besonders. Er konnte fürchterlich aus der Haut fahren und tat es gewöhnlich auch. Zum Glück wusste er nichts von der Prügelei. Er sah uns ernst an und sagte“ Das nächste mal lasst Euch nicht erwischen“.

Hugo zog weg. Die Turnhalle wurde abgerissen. Um Thomas machte ich einen Bogen. In der Fünften wechselten wir auf die Förderstufe. Thomas kam schnell auf die Sonderschule. Unser Lehrer war empört, das das nicht früher geschehen war. Jahrelang wäre der arme Junge überfordert gewesen und hätte wichtige Förderung nicht bekommen. Er musste sich wohl lange mit Thomas Vater über die Versetzung streiten.

Thomas traf ich mit achtzehn auf der Straße wieder. Er war lange fort gewesen. Ich sprach ihn an und er schien erfreut mich zu sehen. Er berichtet erstaunlich selbstsicher von seiner Tischlerlehre, die er in einer anderen Stadt machte. Irgendwie war ich froh, dass es ihm gutging. Hatte ich durch ihn doch etwas Rohes in meinem Wesen kennenlernen müssen, dass mich heute empört und wütend macht.

Ich wollte gerne Berufsschullehrer werden und es bestätigte mich zu welchen Leistungen die Pädagogik fähig war.

 

Heimatzeitung 1. August 1992

 

Versuchter Totschlag im Bordell

 

Vergangenen Dienstag wurde in einem Bordell ein Einundzwanzigjähriger gefasst der versucht hat eine fünfunddreißigjährige Prostituierte zu erwürgen. Die Frau hatte den ihr unbekannten Mann hinauswerfen wollen als sich dieser aggressiv  zeigte. Sie wurde bewusstlos in ein Krankenhaus eingeliefert, befindet sich jedoch nicht in Lebensgefahr.

 

Heimatzeitung 15. August 1992

 

Doppelmord im Rotlichtmillieu aufgeklärt

Der Polizei ist es gelungen einem in Haft sitzenden Einundzwanzigjährigen einen Doppelmord im Bahnhofsviertel nachzuweisen. Durch intensive Vernehmungen und den routinemäßigen Abgleich ungeklärter Kapitalverbrechen konnte der aus dem Kreis stammende Mann überführt werden. Die Taten folgten immer demselben Muster. In keinem Fall kam es zum Geschlechtsakt vor der Tat. Beide Frauen sind erwürgt worden. Die überlebende Prostituierte berichtete, dass der Mann sie bereits öfter besucht hatte und bis dahin nicht gewalttätig geworden war.

 

Heimatzeitung  3. März 1993

 

Verurteilung zu 10 Jahren Jugendstrafe wegen zweifachen Totschlags.

 

Vor dem Frankfurter Strafgericht wurde heute der dreiundzwanzigjährige Thomas S. wegen zweifachen Totschlags zu 10 Jahren Jugendstrafe verurteilt. Der im Kreis aufgewachsene Mann war im August letzten Jahres bei einem versuchten Totschlag in einem Bordell gestellt worden. Bei den Ermittlungen stieß die Polizei auf zwei ungeklärte Tötungsdelikte aus den Jahre 1989 und 1991. In beiden Fällen handelte es sich um Prostituierte. Bei dem Täter wurde Jugendstrafrecht angewandet, da er erhebliche Entwicklungsverzögerungen aufzuweisen hat. Dieser Umstand wurde im Strafmaß berücksichtigt. Laut Gerichtsprotokoll schlug Thomas S. immer dann zu, wenn er sich von den Frauen gedemütigt fühlte. Seine Entwicklung wurde maßgeblich durch seinen Vater beeinflusst, der zu hohe Ansprüche an ihn stellte. Thomas S. konnte aufgrund seiner Lernbehinderung diesen Ansprüchen nie genügen. Die Haft ist mit einer Therapieauflage verbunden.

Magischer Ort

Es gibt für mich einen Ort der etwas magisches hat. Ich war schon eine ganze Weile nicht mehr dort und hatte mir geschworen auch nicht mehr dort hinzugehen. Ich wollte das vergangene ruhen lassen und keinen Gedanken an diesen Ort und die dortigen Geschehnisse verschwenden. Doch immer wieder ertappe ich mich dabei, wie ich systematisch die Zeitungen nach Berichten oder Notizen durchstöbere. Unbewusst getrieben wie ein Alkoholiker auf der Suche nach seinem Stoff. Freunden die das Thema anschnitten fuhr ich ins Wort „ich bin weg davon, das interessiert mich nicht.“ Die ganze Zeit die investiert hatte. Menschen die man dort kommen und gehen sah. Manch mühevoll konstruierte Identität zerfiel innerhalb von Sekunden, Masken der Zivilisation wurden von Gesichtern gerissen. Menschliche Abgründe taten sich auf. Die Gewalt war allgegenwärtig. Regeln wurden gebrochen und aufrichtigen Menschen, die das verhindern wollten sahen sich unversehens einer johlenden feindseligen Menge gegenüber. Familienväter wurden zu Aggressoren, Töchter aus feinem Hause zu Furien.

Andererseits gab es Momente der Stille und Verbundenheit. Gemeinsames Singen als Ausdruck der Verbundenheit, kollektives Freudengeschrei. Wildfremde Menschen lagen sich in den Armen Das Gefühl Teil eines größeren Ganzen zu sein gab dem Leben einen Sinn. Ein Wechselbad der Gefühle, maßlose Enttäuschungen, taumelnde Freude, blinder Hass, bittere Demütigungen, Ohnmacht, bohrende Langeweile, eiskalte Extremitäten, glühende Hitze, Menschenschweiß.

Eine Zeit lang habe ich im Bekanntenkreis lieber verschwiegen, dass ich einen solchen Ort aufsuche. Zuviel Erklärungen, Rechtfertigungen, Anfeindungen oder subtile Abneigung. Irgendwann machte mir das nichts mehr aus und ich stand öffentlich dazu. Das war wohl für meine persönliche Entwicklung wichtig, den Weg aus der Dunkelheit zu gehen und für meine Neigungen öffentlich grade zu stehen. Durch die vielen Gespräche mit bemühten Mitmenschen wurde mir so einiges an schizophrenen Handeln das sich an diesem Ort zuträgt klar. Nach wie vor weiß ich intellektuell, solche Ort sind unter jetzigen Rahmenbedingungen abzulehnen. Emotional vermag auf Dauer nichts diese Leere zu füllen, die entsteht wenn ich dem Ort den Rücken zukehre.

So bin ich Woche für Woche, getrieben von Widersprüchen und der Hoffnung auf große Glücksmomente, einer von Millionen Zaungästen die nicht direkt ins Fußballstadion gehen, sondern lieber die Sportschau anschauen.