unscharfe düstere Fotografie einer Bronzetafel, die die Verurteilung von Jesus zum Tode zeigt.

Existenz im Höllenkreis? III

Thomas erwachte in einem ihm unbekannten Raum mit Neonröhren. Er schien in einer Klinik zu sein. Sein Schädel brummte und er konnte seinen Arm nicht bewegen. Er versuchte sich umzusehen, doch jede Bewegung verursachte zu viele Schmerzen. Er wusste nicht mehr recht was Traum und Wirklichkeit war. Viele Menschen hatten an ihm herumgezogen. Er war in einem Kessel mit kochenden Wasser geworfen worden. Hexen und kleine Männer mit schmutzigen Bademänteln waren um ihn herumgetanzt. Sie hatten gelacht. Es war die Hölle gewesen. Er versuchte zu atmen und ein stechender Schmerz fuhr durch seine Lunge. Sofort hielt er den Atem an. Eine Frau in einem weißen Kittel eilte herbei, sah an ihm vorbei auf einen Monitor und rief unwirsch: „Atmen Sie!“ Er tat einen tiefen schmerzhaften Atemzug. Erschöpft viel er wieder in seinen Dämmerzustand. Als er erneut erwachte fielen ihm die vielen Schläuche an seinem Körper und der Verband um seinen rechten Arm hoch bis zur Schulter auf. Ein großer Schlauch schien direkt in seinem Brustkorb zu verschwinden. Er führte zu einer röchelnden Maschine. Was hatten sie alles in ihn hineingesteckt? Gehörte dieser Körper noch zu ihm? Er fühlte sich merkwürdig entgrenzt. Saugten die Maschinen etwas aus ihm heraus oder gaben sie ihm etwas? Er fühlte sich nicht mehr als Ganzes. „Guten Tag. Mein Name ist Dr. Müller. Sie hatten einen Unfall. Erinnern sie sich an ihren Namen?“, fragte ein junger Mann, der an sein Bett getreten war. „Ja“, antwortete Thomas leise. Jeder Atemzug bereitete ihm Schmerzen. „Wissen Sie welcher Tag heute ist?“, fragte der Arzt geschäftsmäßig weiter. „Ja“, antwortete Thomas. Dr. Müller sah ihn an, leuchtet mit einem Licht in seine Augen und fragte schließlich: „Was haben sie gestern zu Mittag gegessen?“. „ Pasta“, antwortete Thomas. „Ich esse meistens Pasta. Das ist gut und günstig“, hätte er noch gerne hinzugefügt aber seine Kraft reichte irgendwie nicht aus. Er würde in ein Dreibettzimmer geschoben in dem ein alter grauer Mann lag. Seine Augen waren geschlossen, die Wangen eingefallen und die Haut Wachsfarben. Hätte ein Kranz auf seinem Bett gelegen, wäre das Bild einer Aufbahrung perfekt gewesen. Ein weiterer Mann zog sich gerade einen Pullover an und wurde von einer Frau mit Dauerwelle dabei unterstützt. „Elfriede kommt morgen zum Kaffee. Sie freut sich auf das alles gut verlaufen ist“, sagte sie während sie dem Mann den Pullover zurecht zog und imaginäre Fussel von der Schulter wedelte. Der Mann brummte nur wenig begeistert und ließ sich in die Jacke helfen. Die Frau, die so breit wie hoch schien, schnappte sich den Rollkoffer, der neben dem Bett stand, hakte sich bei dem Mann unter und marschierte nach draußen. Widerwillig folgte ihr der Mann. Thomas hätte liebend gerne mit ihm getauscht. Weder wegen der resoluten Ehefrau noch dem drohenden Kaffeekränzchen, sondern einzig und allein wegen der Aussicht auf eine Entlassung. Als die Beiden das Zimmer mit einem Gruß und Besserungswünschen verlassen hatten, warf Thomas noch einen Blick auf seinen aufgebahrten Nachbarn. „Schlimmer geht immer“, dachte er sich und beschloss nicht weiter mit seinem Schicksal zu hadern. Er dämmerte wieder weg und wurde durch ein herzzerreißendes Schluchzen aufgeweckt. Eine gutgekleidete adrette Frau mittleren Alters mit verweinten Augen schnäuzte sich ausgiebig in ein Taschentuch. Sie saß neben seinem Bett und hielt die Hand seines Bettnachbarn. Dieser hatte die Augen geöffnet und starrte mit leeren Blick auf einen Punkt über der Frau, Hinter ihr standen zwei halbwüchsige Jungen. Einem schien das Verhalten der Frau, die vermutlich seine Mutter war, fürchterlich peinlich zu sein. Der Andere etwas ältere konnte seine Langeweile nur mühsam verbergen. Er lugte mehrmals interessiert zu Thomas hinüber. Als die Trauergemeinde das Zimmer verlassen, hatte versuchte Thomas sich an seinen Unfall zu erinnern. Irgendwie musste er den Verstand verloren haben. Diese unselige Bestrahlung hatte ihn wie eine Marionette durch das Haus fegen lassen. Olaf hatte ihn noch vor dem achten Stockwerk gewarnt. Jetzt wusste er warum. Er musste lernen, die Nerven zu behalten, sonst wurden ihn diese Anfälle noch das Leben kosten.
Am nächsten Tag stand ein graubärtiger Mann mit schwarzer Lederjacke vor seinem Bett. Er wies sich als Polizeikommissar aus und fragte: „Wer hat ihnen diese Verletzungen zugefügt?““Ich bin die Treppe runtergefallen“, antwortete Thomas ausweichend. Der Polizist seufzte und klappte sein Notizbüchlein zu. Dann sah er Thomas lange an und sagte: „Sie lagen mitten auf dem Flur, der durch eine schwere Glastür von der Treppe getrennt ist. Das ist eine ganz schön merkwürdige Flugbahn.“ Thomas versuchte mit den Schultern zu zucken, was ihm jedoch sofort Schmerzen verursachte.“ „Wenn ich Ihnen helfen soll, müssen sie mir schon ein paar Informationen geben. Ich lasse Ihnen meine Karte da, falls Ihnen noch etwas zu Ihrem Unfall einfällt“, verabschiedete sich der Polizist. Bei dem Wort Unfall hatte er eine Pause eingelegt und mit beiden Fingern Gänsefüßchen in die Luft gemalt. Als die Staatsmacht gegangen war sagte eine Stimme: „Gut gemacht.“ Erschrocken fuhr Thomas herum, doch außer dem fast toten Bettnachbarn war niemand im Zimmer. „Hallo? Sind sie wach?“, rief er hinüber. Der Mann lag jedoch nur da wie eine Wachsfigur und rührte sich nicht. Thomas hatte die Stimme ganz deutlich gehört. Jetzt wurde ihm etwas mulmig zumute. War der Schlag auf seinen Kopf zu stark gewesen? Konnte er seinen Sinnen nicht mehr vertrauen? „Ist da wer?“, rief er nun verärgert. Eine Pflegerin steckte ihren Kopf in das Zimmer und fragte: „Kann ich helfen?““Sagen Sie, spricht mein Nachbar manchmal im Schlaf?“, fragte Thomas zögerlich und kam sich ein bisschen dämlich dabei vor. „Ich habe ihn seit seiner Einlieferung kein Wort sprechen hören.“, entgegnete die Pflegerin. „Brauchen sie ein bisschen Unterhaltung? Ich kann Ihnen den Fernseher anmachen oder ich kann Ihnen Kopfhörer zum Radio hören bringen. Das kostet allerdings eine Gebühr, da wir sie aus hygienischen Gründen nicht wieder verwenden können. Thomas wollte gerade ablehnen als die Stimme hämisch lachend sagte: „Du bist vielleicht ein Geizhals. Du Loser kannst Dir nicht mal einen popeligen Einweg Kopfhörer leisten“. „Doch“, sagte Thomas laut. „Wenn ich das möchte, kann ich es mir durchaus leisten. Ich werde Dir zeigen, dass ich das kann“, fügte er trotzig hinzu. Die Pflegerin sah ihn erschrocken an und ihm wurde bewusst, dass sie ihn für verrückt halten musste. Schnell fügte er hinzu: „Wenn Sie so freundlich wären und mir einen Kopfhörer bringen wurden, wäre ich Ihnen sehr verbunden.“ Die Pflegerin nickte nur irritiert und schien froh das Zimmer verlassen zu können. Thomas schloss beschämt die Augen. Er musste das unter Kontrolle bringen. Sollte er einen Arzt um Rat fragen? Sich ein Beruhigungsmittel verschreiben lassen? Er war bestimmt schon vollgepumpt mit Schmerzmitteln. Die Lunge schmerzte nicht mehr so beim Atmen und wenn er seine Glieder und seinen Schädel ruhig hielt konnte er es eigentlich gut aushalten. Er fiel wieder in einen unruhigen Schlaf. Gegen Nachmittag wurde er wach als ein Mann mit einem komplett verbundenen Gesicht in das Zimmer geschoben wurde. Man konnte nur die Augen und den Mund erkennen. Der Mann öffnete seine Augen als sein Bett neben Thomas geparkt wurde. Er versuchte sich an einem Grinsen, das merkwürdig steif und etwas schief daher kam und hob die Hand, die ihm aber nicht recht gehorchen wollte. Sie baumelte eher an seinem Unterarm und plumpste wieder auf das Bettlaken. Thomas musste wieder an die Asterix Comics aus seiner Kindheit denken. Irgendwie sah der Mann aus als seien eine Horde Gallier mit Zaubertrankkräften über ihn hinweg gefegt. Wenn man es genau betrachtete lagen sie hier herum wie ein Haufen verprügelter Römer. In natura war es aber nicht so lustig wie in den Geschichten. Dr. Müller klärte Thomas bei der nächsten Visite über seine Verletzungen auf. Er hatte ein gebrochenes Schlüsselbein, einen kollabierten Lungenflügel und unzählige Prellungen. Thomas hätte ihn gerne auf die Stimme in seinem Kopf angesprochen aber er schämte sich vor den drei Medizinstudentinnen, die Dr. Müller begleiteten und Thomas interessiert betrachteten. „Ein bisschen wie im Zoo“, dachte er bei sich. „Na Du Mister Wichtig. Das gefällt Dir doch bestimmt wenn sich so viele junge Frauen brennend für Dich interessieren“, fügte die Stimme aus seinem Kopf hinzu. „Stimmt doch gar nicht“, antwortete Thomas lauter als gewollt. Dr. Müller unterbrach seinen Vortrag über Thomas, den er gerade den gebannt lauschenden Studentinnen hielt und schaute ihn irritiert an. „Aber sicher geht der Pneumothorax in Ihrem Fall auf die Clavicula Fraktur zurück“, beharrte Dr. Müller pikiert und wandte sich wieder den Studentinnen zu. „Hast Du gesehen wie er der Blonden dauernd in den Ausschnitt starrt? Dem Affen willst Du von mir erzählen? Der interessiert sich doch nur für Knochen, Gewebe und die Brüste seiner Studentinnen. Ein Fachidiot wie er im Buche steht. An Deiner Psyche kann der nicht rumschnippeln, die interessiert ihn nicht. Du Idiot.“ flüsterte die Stimme. „Mag sein aber das ist noch lange keine Entschuldigung für so ein vulgäres und beleidigendes Verhalten“, flüsterte Thomas zurück. „Sind sie damit einverstanden?“, fragte Dr. Müller und sah ihn auffordernd an. Die Studentinnen hatten nun unterschiedliche Gesichtsausdrücke angenommen. Eine schien sich köstlich zu amüsieren und schien ein Lachen zu unterdrücken. Die Blonde hatte einen mitleidigen Blick angenommen und die dritte im Bunde sah ihn ängstlich fasziniert an, wie ein fremdartiges buntes Insekt, von dem man nicht genau weiß, ob es vielleicht stechen kann. Dr. Müllers Blick wechselte nun von geschäftsmäßig zu ungeduldig. „Ja“, antwortete Thomas schnell, um die ganze unwürdige Situation zu beenden. Als die Prozession in weiß das Zimmer verlassen hatte, sagte die Stimme im gehässig ironischen Ton: „Prima gemacht. Mal sehen was Dr. Müller für eine Trophäe aus Dir herausschneidet. Hoffentlich hast Du keiner Amputation zugestimmt.“ Thomas nahm den neuen Kopfhörer und schaltete die Musik laut, um endlich Ruhe zu bekommen. Im Stillen beglückwünschte er sich zu dieser Investition und hätte sich selber auf die Schulter geklopft, wäre er dazu in der Lage gewesen.

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