Ansicht eine Fassade eines Mehrfamilienhauses

Existenz im Höllenkreis?

Jetzt stand er also mit einem Karton voll persönlicher Dinge vor der Türe des  Hauses, vor dem ihn so mancher gewarnt hatte. Viel mehr als diese Pappkiste mit ein paar CDs, Büchern und Dokumenten war ihm nicht geblieben als er seine Wohnung Hals über Kopf verlassen musste. Seine neue Bleibe sei möbliert und er könne nur das wichtigste mitnehmen, hatte ihm der Gerichtsvollzieher damals erklärt. Das war nun fünf Jahre her und es hatte sich nichts zum Besseren verändert. Ganz oben auf dem Stapel der Unterlagen in dem Karton lag sein Technikerzeugnis. Wie ein Zeuge aus einer besseren Zeit. Er war in aller Welt auf Montage gewesen und hatte teilweise in erstklassigen Hotels gewohnt. Selbst Maßanzüge hatte er sich geleistet, obwohl das für seine Arbeit gar nicht notwendig war. Es war ihm viel mehr ein Bedürfnis gewesen sich zu Opern- oder Theaterbesuchen angemessen zu kleiden. Da er nie Kinder hatte konnte er sein Geld für teure Restaurants und Geschenke für seine Frau ausgeben. Diese hatte ihn aber genauso wie sein Glück verlassen. Alle hatten sich von ihm abgewandt. Niemand glaubte ihm und genau das schien der Plan der unbekannten Person zu sein, die sein Leben zerstört hatte. Wut keimte ihn ihm auf, die jedoch schnell in Resignation umschlug. Er durfte nicht immer wieder den gleichen Fehler begehen und musste einen kühlen Kopf bewahren. Noch hatte er sein Leben nicht aufgegeben. Eines Tages würde er den Unmenschen, der sein Leben stetig zerstörte zu Strecke bringen. Er gab sich einen Ruck und ging auf das mehrgeschossige schmucklose Gebäude aus den sechziger Jahren zu. Von außen sah es gar nicht so übel aus. Es hatte eine neue Wärmedämmung erhalten und war im Zuge dessen neu verputzt und gestrichen worden. Der Stadtteil in dem es lag war von kleinen zweigeschossigen Gründerzeitbauten und von Hochhaussiedlungen aus den siebziger Jahren geprägt. Es war kein besonders attraktiver Stadtteil und schien hauptsächlich von Alteingesessenen auf der einen Seite und Zugewanderten mit kleinem Geldbeutel auf der anderen Seite bewohnt zu sein. Hier gab es nichts zu flanieren. Wer das wollte musste in den benachbarten Stadtteil gehen, der über einen historischen Stadtkern und sogar ein barockes Palais verfügt. Er hatte allerdings nicht den Eindruck, dass das die Menschen hier wollten. Die einen wollten nur ihre Autos polieren und die anderen genug verdienen, um auch solche Autos zu kaufen. Es war schrecklich unkultiviert. Als er sich der Türe näherte sah er auf dem Grundstück vor dem Haus jede Menge Verpackungen und Essensreste liegen. Aus den neun Etagen wurde scheinbar so einiges einfach durch das Fenster entsorgt. Die Rasenfläche um das Haus herum war relativ groß und hatte einen alten Baumbestand. Im Norden grenzte sie an einen begrünten Bahndamm und im Südwesten an eine breite Hauptverkehrsstraße, die sich in gebührenden Abstand um das Haus schlängelte. Im Osten gab es niedrige Mehrfamilienhäuser und Gewerbeimmobilien. Das Ganze machte auf ihn eher den Eindruck einer bebauten Verkehrsinsel. Das Haus war irgendwie in der Ritze zwischen den beiden Stadtteilen gerutscht. Er musste an sein verloren gegangenes Ehebett denken. Die Ritze zwischen den Matratzen schien stetig gewachsen zu sein. Er war nicht mehr an seine Ehefrau herangekommen. Zu unüberwindbar war der Graben geworden. Er wandte den Blick von einer großen Portion Spaghetti ab, die offenbar nicht geschmeckt hatte und nun anklagend auf der Wiese lag. Seufzend betrat er das Haus und befühlte in seiner Hosentasche die Schlüssel zu seiner neuen Wohnung. Gleich würde die Lieferung mit den Möbeln des Second Hand Kaufhauses kommen. Das Amt hatte in regelrecht gezwungen seine Ausstattung dort zu kaufen. Da er kein Auto mehr zur Verfügung hatte, musste er sich alles liefern lassen. Mit einem Budget von 1200 Euro eine Wohnung einrichten zu wollen ist ein sinnloses Unterfangen. Nun ließ er sich also für das Geld Möbel liefern, die eine soziale Einrichtung irgendwann mal gespendet bekam. Da er aber schon einige Demütigungen erleiden musste, konnte er sich darüber nicht mehr richtig echauffieren. Im Flur roch es eigentümlich süß. Eine Mischung aus alten Socken, Klostein, Staub und billigem Parfüm. „So riecht also Armut“, schoss es ihm durch den Kopf. Er würde sich vorerst daran gewöhnen müssen. Er ließ den schäbigen Aufzug links liegen und nahm die Treppe. Die Wände waren gesprenkelt mit Fußabdrücken und merkwürdigen Flüssigkeiten, die je nach Konsistenz unterschiedlich lange Tropfnasen hinterlassen hatten. Nach oben hin nahmen die Verschmutzungen ab. Es schien, der untere Bereich des Treppenhauses sei eine Art öffentlicher Aufenthaltsraum. Der Tag hatte gerade erst begonnen, doch das Haus schien menschenleer. Er wünschte sich es würde so bleiben. Das Treppenhaus war durch eine schwere Glastüre vom Flur mit den kleinen Wohnungen getrennt. Zu dem süßlichen Geruch drang etwas scharfes, von dem er gar nicht genau wissen wollte woher es kam. Aufgeschreckt durch seine Schritte flüchtete eine fette Kakerlake unter dem Türspalt einer Wohnungstüre hinweg. Dieses Gerücht über das Haus entsprach also der Wahrheit. Vermutlich war es nicht das Einzige. Als er seine Türe mit den Spuren älterer Einbruchspuren aufschloss war er positiv überrascht. Die kleine Wohnung war frisch renoviert und gereinigt worden. Bei seiner ersten und einzigen Besichtigung hatte er dunkel verfärbte Wände und vor Dreck blinde Fenster gesehen, die das Zimmer in ein depressives Licht tauchten. Selbst der zuvor mit Taubenkot übersäte kleine Balkon, oder man sollte eher Austritt sagen, war gesäubert worden. Aus dem Fenster konnte er über die benachbarte Bebauung hinweg bis in das nahe Mittelgebirge sehen. Seine Laune besserte sich merklich. War das hier vielleicht doch eine Chance? Meinte es das Schicksal diesmal gut mit ihm? Fröhlich Vivaldis vier Jahreszeiten pfeifend verstaute er seine Sachen als es gegen die Türe hämmerte.
Erschreckt hielt er inne. Ehemalige Mitbewohner des Wohnheims, aus dem er kam, hatten ihm berichtet, dass in diesem Haus merkwürdige Gestalten ihr Unwesen trieben. Nachts hämmerten sie gegen Wohnungstüren und schlichen durch die Gänge. Drohungen und Erpressungen seien an der Tagesordnung, wurde ihm anvertraut. Er selbst war über ein Meter neunzig groß und konnte trotz seiner weichen Gesichtszüge furchteinflößend dreinschauen. Das hatte ihn bislang vor Übergriffen geschützt. Keine Ahnung wie er bei einer realen Konfrontation abschneiden würde. Schweiß schoss ihm unter die Achselhöhlen und er schlich zur Türe. Bereit mit der Stabtaschenlampe in seiner Hand zuzuschlagen sollte er dazu gezwungen werden. Wieder hämmerte es an der Türe und eine Stimme mit sächsischem Dialekt rief: „Die Möbel sind da“. Erleichtert öffnete er die Türe und sah auf einen missmutig blickenden etwa ein Meter siebzig großen Mann mit Arbeitskleidung herab. „Die Klingel ist abgestellt“, sagte der in vorwurfsvollem Ton und zeigte auf einen Schalter an der Sprechanlage neben dem Eingang. „Entschuldigung, ich bin gerade erst eingezogen und kenne mich noch nicht so aus“, nuschelte er. Der Mann drehte sich wortlos um und verschwand wieder. Etwas ratlos stand er in seiner Türe als sich gegenüber eine Wohnungstüre öffnete. Langsam erschien dort eine Gestalt von beeindruckender Statur, deren Gesicht problemlos Vorbild für die alten monochromen Frankenstein Filme gewesen sein konnte. Die Erscheinung hatte lange hellblonde Haare und Tätowierungen an den Armen, die aussahen wie selbstgemacht. „Ich bin in einem lebenden Panoptikum gelandet“, dachte er während er sich nach seiner Stabtaschenlampe umsah, die er wohl vorschnell zur Seite gelegt hatte. Frankenstein betrachtete ihn interessiert. Vielleicht hatte er noch nicht gefrühstückt? „Wird Oskar Wilde jetzt mein neuer Nachbar?“, fragte Frankenstein in norddeutschem Dialekt. Humor schien der Mann zu haben, stellte er erleichtert fest und wollte gerade erwidern, dass er nicht schwul sein. In diesem Moment gab es eine ohrenbetäubenden Schlag und lautes Gefluche. Vier Männer in Arbeitskleidung mühten sich an einem massiven Sofa im Chippendale Stil. Sie waren alle nicht größer als der Sachse und wirkten eher wie vier von den sieben Zwergen bei der Arbeit. Langsam fluchend schafften sie das Sofamonstrum durch den Flur und kamen zwischen den beiden Männern zum Stillstand. Sie passten alle auf die Sitzfläche stellte er fest, als sie sich dort ausruhten. Als er zurückblickte und sich sein kleines Appartement ansah, kamen ihm plötzlich Zweifel. Ob alles hineinpasste was er bestellt hatte? Vielleicht hätte er es vorher doch mal ausmessen sollen. Die Salonmöbel hatten ihn aber an bessere Zeiten erinnert. Als die vier Zwerge das Sofa schließlich an seinen Platz gehievt hatten, keifte der Sachse: „Kannst ruhig mal mit anpacken statt bloß rumzustehen.“ „Service Wüste Deutschland“, dachte er. Irgendwie fühlte er sich an die DDR erinnert. Die Lieferanten waren „Ein Euro Jobber“ und unterlagen planwirtschaftlichen Gesetzen. Arbeitslos konnten sie nicht werden, denn das waren sie formal schon und um Aufträge oder Kundschaft mussten sie sich auch nicht scheren. Die Behörden wiesen den sozialen Trägern, die sie beschäftigen, immer neue arme Teufel wie ihn zu. Seufzend legte er seinen weißen Schal und sein billiges Sakko zur Seite und krempelte die Ärmel hoch. Er wollte es sich mit dem wichtigtuerischen Sachsen nicht verderben. Am Ende konnte er seinen Kram alleine hochtragen. Als er in den Flur kam streckte ihn Frankenstein seine Pranke entgegen. Er konnte ihn sich gut als Türsteher in einer Hamburger Hafenkneipe vorstellen. Er stellte sich vor wie er rechts und links je einen kräftigen Matrosen im Schwitzkasten aus einer Kneipe zerrte. Als er ihm die Hand gab spürte er nur einen schlaffen Händedruck und ihm fielen das blasse Gesicht und die eingefallenen Augenhöhlen auf. Von Angesicht zu Angesicht erschien der Mann merkwürdig eingefallen. Wie ein Schatten eines früheren Ich´s. „Olaf“, stellte sich sein Nachbar vor. „Thomas“, antwortete er während sich beide die Hände schüttelten. „Ich würde Dir ja gerne helfen aber ich mach´s nicht mehr lange.“, fügte er lakonisch hinzu. Thomas glaubte ihm das sofort und machte sich schließlich auf den Weg, um bei der Arbeit zu helfen, für die er eigentlich andere bezahlte.
Als sie die letzten Teile in seiner Wohnung verstaut hatten, bedankte er sich bei den vier Zwergen. Trinkgeld konnte er ihnen nicht geben, da er jeden Cent zweimal umdrehen musste bevor er ihn ausgab. Das schien aber auch niemand von ihm erwartet zu haben. Schließlich waren alle Beteiligten Hartz 4 Empfänger und wussten von den täglichen Geldnöten, die damit verbunden waren. Armut war ihr verbindendes Element. Bei der freudlosen Verabschiedung der Zwerge fiel Thomas im Flur ein schmutzig gekleideter Mann auf, der sich torkelnd zu einer Wohnungstüre begab. Er schaute sich dauernd ängstlich um und versuchte seine Türe zu öffnen. Dabei gab er grunzende Laute von sich und stieß vereinzelte laute Worte, wie „Polizei“ oder „Feuerwehr“ aus. Trotz seiner scheinbar großen Aufmerksamkeit schien er Thomas nicht zu bemerken. Nach etwa fünf Minuten Rascheln und Scheppern hatte er seine Wohnungstüre geöffnet und stolperte schreiend hinein. Krachend schloss sich seine Wohnungstüre. „Das war Urs“, sagte Olaf, der sich scheinbar lautlos fortbewegen konnte und Thomas aus seinen Gedanken riss. „Eine ganz tragische Geschichte. Kennt hier jeder im Viertel. Sein Vater hat ihn als Kind gegen die Wand geklatscht. Seitdem ist er taubstumm und gehbehindert. Alle Tassen hat er natürlich auch nicht mehr im Schrank. Ein richtiger Lattenschuss sozusagen.“, schob er noch nach. „Er hat jahrelang hier im Keller geschlafen und in der öffentlichen Toilette an der Straßenbahnhaltestelle. Manchmal auch direkt am Wasserhäuschen. Das war sein zuhause. Er hat seine Stütze da am Monatsanfang abgeliefert und hat dafür immer mal wieder was zu Essen und vor allem Flüssigbrot gekriegt.“, schloss er seine Erklärung und führte zur Verdeutlichung eine imaginäre Bierflasche an seinen Mund. „Und was verschlägt Dich hierher? Du siehst eigentlich ganz normal aus. Lass mich raten. Für Drogen und Alkohol bist Du zu frisch. Wie ein Knasti siehst Du auch nicht aus. Höchstens wie ein Kinderschänder. Ha Ha Ha. Hast Du alles verzockt oder für die Weiber draufgehauen? Schwieriger Fall. Einen Dandy hatten wir hier noch nie.“, überlegte Olaf laut und lachte dazu heiser. „Die Dinge sind nicht immer so, wie sie an der Oberfläche erscheinen“, antwortete Thomas leicht pikiert über die unangemessene Vertraulichkeit unter Fremden. „Sei nicht sauer. Dafür ist das Leben zu kurz. Spaß muss sein, sonst kommt keiner zur Beerdigung. Ich habe beispielsweise Lungenkrebs im Endstadium. Ich habe viele Dinge im Leben getan, auf die ich nicht stolz bin. Vielleicht ist das die Strafe dafür. Aber eigentlich glaube ich das nicht. Ich habe einfach zu viel geraucht. Meine Kraft verlässt mich langsam aber sicher. Wenn Du mir was vom Einkaufen mitbringen könntest wäre ich Dir sehr dankbar. Übrigens, der Pfenninger hinten im Flur ist ein Polizeispitzel, der Di Blasio da vorne ist ein irrer Gewalttäter und vermeide es in den achten Stock zu gehen.“, sagte Olaf geheimnisvoll und verschwand langsam in seiner Wohnung. „Komischer Vogel“, dachte Thomas und betrachtete sein neues Reich. In dem kleinen Raum waren ein Schlafsofa, ein Esstisch mit zwei Stühlen, eine Kommode für Kleidung und eine Anrichte für Geschirr untergebracht. Die Möbel hatten wohl einer alten Dame gehört, die kürzlich verstorben war. Er hatte sogar ein altes Ölgemälde mit einer Berglandschaft und einem schweren goldenen Rahmen dazu bekommen. Eine bronzene Stehlampe tauchte alles in ein angenehmes Licht. In einer mondänen Altbauwohnung käme alles sicherlich besser zur Geltung aber die konnte er sich leider nicht mehr leisten. Er trat auf den etwa zwei Quadratmeter großen Balkon und lehnte sich über die Brüstung. Etwa zwei Meter neben ihm tauchte ein aufgedunsenes Gesicht auf. Der dazugehörige Mensch, schien die Wohnung neben ihm zu bewohnen. Er machte einen völlig zu gedröhnten Eindruck und sprach Thomas mit dem typisch verlangsamten und entrückten Tonfall der Junkies an: „Ich bin hier eingesperrt. Ich komme hier nicht mehr raus. Ich muss zur Methadonausgabe unbedingt pünktlich sein.“ Das hatte gerade noch gefehlt. „Der nächste Verrückte.“, dachte Thomas und sagte aufmunternd: „Das wird schon. Kopf hoch.“ und verschwand in seiner Wohnung. Er war sehr gespannt, ob die Bestrahlung heute Nacht wieder begann. Schuberts Violinkonzerte halfen ihm bei entsprechender Lautstärke immer etwas. Seit etwa zehn Jahren wurde er meistens nachts von einem Unbekannten bestrahlt. Eine Unruhe im ganzen Körper bis zu einem Schmerz, der ihm schier den Kopf zerspringen ließ, ließ keine andere Erklärung zu als eine gezielte Attacke. Er hatte die verschiedenste Messgeräte ausprobiert aber niemals diese Strahlung nachweisen können. Einmal war er sich sicher gewesen, den Urheber identifiziert zu haben. Er ist dann kurzerhand in dessen Wohnung eingedrungen und hatte leider keinerlei Beweise finden können. Die Polizei hatte ihn gezwungen mehrere Tage in dieser psychiatrischen Klinik zu verbringen. Dort hatte man ihn genötigt Medikamente einzunehmen. Die Bestrahlung hatte er danach nicht mehr gespürt. Alles andere allerdings auch nicht mehr. Er hatte sich wie in einer Blase gefühlt, die das gesamte Leben von ihm fernhielt. Seine Freude, sein Leid, seine Angst und sein Ärger waren von ihm abgeschnitten worden. Er war nicht einmal mehr in der Lage Mitgefühl für andere Menschen zu empfinden. Vom Sex ganz zu Schwiegen. Er lebte in dieser Zeit wie in einem gläsernen Sarg, der noch nicht unter der Erde war. Er konnte das Leben beobachten aber nicht daran teilnehmen. In seinem Umfeld waren alle begeistert gewesen von seiner Veränderung. Sie nannten es positive Entwicklung. In Wirklichkeit waren sie froh, dass sie sich nicht mehr mit ihm beschäftigen mussten. Satt und sauber. Sei ruhig und geh ins Bett. Der Tod war besser als das Leben, dass die Ärzte für ihn vorgesehen hatten. Das alles nur wegen diesem Schwein, das ihn als Versuchskaninchen für seine neuartige Apparatur missbrauchte. Wenn er leben wollte musste er herausfinden welche Art von Strahlung für seine Unruhe und seine Halluzinationen verantwortlich waren. Er musste dabei Vorsicht walten lassen, denn ein weiteres Mal wollte er sich nicht durch Medikamente beerdigen lassen. Lieber würde er aus dem Fenster springen und diesem Elend ein Ende bereiten. Zur Beruhigung legte er das Osteroratorium von Bach auf und machte dann ein Mittagsschläfchen. Später begann er Gemüse für seine Pasta zuzubereiten. Nudeln waren ein wahrer Segen für schmale Geldbeutel und konnten mit wenigen Zutaten veredelt werden. Er hatte Bärlauch gesammelt und ein ganz hervorragendes Pesto daraus gezaubert. Er legte eine weiße Tischdecke auf und entzündete eine Kerze zum Abendessen. Während des Essens rumorte es in der Wohnung des Junkies nebenan. Es klang als würde er sein Bett von einer in die andere Ecke schieben. Der weitere Abend war nicht minder geräuschvoll. In Hof gab es ein fürchterliches Geschreie und ein anschließendes wildes herum Gerenne ohne ersichtlichen Grund und Ergebnis. Als er sein Sofa umgeklappt und sich seine Schlafstätte bereitete, gab es noch einen riesigen Schlag aus der Wohnung des Junkies. Es klang wie ein Rammbock, der ein massives Holztor zertrümmert. Der Schlaf übermannte ihn und er träumte von der Erstürmung einer Ritterburg. Er versuchte mit siedendem Öl und Steinen die Angreifer abzuwehren. Am Morgen erwachte er glücklich darüber, die Nacht in seiner neuen Wohnung ohne die Lebenskraft raubende Bestrahlung erlebt zu haben. Hatte er seinen Peiniger abgehängt? Niemand aus seinem alten Leben kannte seine neue Adresse. Er war quasi auf der Flucht. Er öffnet das Fenster, um zu lüften und hörte ein merkwürdiges Keuchen. Neugierig schaute er hinaus und erschrak. Sein aufgedunsener Nachbar hatte mehrere Bettlaken, Decken und Kabel zusammengebunden. Wie in einem schlechten Film über einen Gefängnisausbruch baumelte das Gebilde von seinem Balkon über mehrere Etagen hinweg bis zum Erdgeschoß. Sein Nachbar hing an der Außenseite des Balkons und hatte ein Bein um das Gebilde gewickelt. Eine Hand umklammerte die Brüstung während die andere einen sicheren Griff an einer Mehrfachsteckdose suchte, die Teil des Gebildes war. „Ein guter Kletterer könnte das mit einem guten Seil schaffen“, dachte er noch. Da es sich in beiden Fällen offensichtlich um genau das Gegenteil handelte, schrie er aus Leibeskräften: „Nein. Bist Du irre?“. Sein Nachbar schien ihn nicht zu hören. Im Morgengrauen sah sein Gesicht merkwürdig gelb aus. Sobald sein Nachbar die Umklammerung des Balkons gelöst hatte, ging ein Ruck durch das Gebilde und es löste sich augenblicklich in seine Einzelteile auf. Begleitet von einem merkwürdig verhaltenen Schrei stürzte der Mann in die Tiefe. Thomas schloss die Augen und hörte nur den dumpfen Aufprall des Körpers auf der Wiese. Als er die Augen wieder öffnete und vorsichtig nach unten sah kamen schon die ersten Passanten angerannt. Das Absturzopfer sah noch erfreulich ganz aus. Lediglich ein Bein stand in einem recht unnatürlichen Winkel ab. Ein Passant versuchte sich in Erster Hilfe. „Immerhin hat der noch den Eindruck es gäbe etwas zu retten“, beruhigte sich Thomas. Ihm wurde flau und er torkelte zu seinem Sofa zurück. In der Ferne höre er ein Martinshorn näher kommen. Beruhigt schloss er die Augen. Als es erneut an seine Türe hämmerte, musste Thomas sich kurz orientieren. Er hatte keine Ahnung wie lange er auf dem Sofa gelegen hatte. Vor der Türe stand ein Polizist mit hochgekrempelten Ärmeln. Beide Unterarme waren tätowiert. Bevor er sich dem hoch philosophischen Gedanken hingeben konnte, dass die Grenzen zwischen Gut und Böse durch allerlei Grauzonen miteinander verbunden zu sein schienen, wurde er auch schon zu dem Unglück seines Nachbarn befragt. „Ist Ihnen etwas merkwürdiges aufgefallen?“, fragte der zur Polizei übergelaufene Rocker. „Ja. Mein Nachbar ist eben bei dem Versuch sich abzuseilen vom Balkon gefallen.“, antwortete Thomas wahrheitsgemäß. Er fand das wirklich außerordentlich merkwürdig. Für den Polizeirocker schien das alltäglich zu sein. Er fragte mit gleichgültiger Stimme: „Haben Sie weitere Personen gesehen oder andere verdächtige Beobachtungen zu melden?“. Am liebsten hätte er geantwortet: „Da drüben wohnt Frankenstein, weiter hinten ein Verrückter der dauernd Polizei schreit, neben mir ein Junkie der sich lieber aus dem Fenster stürzt als seine Türe zu benutzen und im Hof haben gestern ein Dutzend erwachsene Männer laut schreiend „Hasch mich“ gespielt aber fragen sie doch Ihren Spitzel Pfenniger oder im achten Stock, wenn Sie sich trauen“. Stattdessen verneinte er die Frage nur, da er annahm, der Ordnungshüter sei nicht sonderlich an Beobachtungen dieser Art interessiert, obwohl sie zweifellos merkwürdig waren. Als er sich zurück in seine Wohnung begeben wollte, hörte er noch wie ein weiterer Polizist aus der mittlerweile geöffneten Wohnung seines Nachbarn tönte: „Der Kerl hat seinen Schlüssel von innen abgebrochen und hat auf Entzug versucht zu herauszufliegen“. „Das ist ihm doch gelungen“, antwortete ein Dritter trocken. Jetzt hatte Thomas ein schlechtes Gewissen. Hätte er dem Trottel helfen können? Er fand die Frage wirklich schwer zu beantworten, ob man einem Junkie überhaupt noch helfen konnte. Es musste einfach „Klick“ im Kopf machen und von vielen Entzügen würde einer vielleicht von Dauer sein. Er hatte schon mehrere Junkies erlebt, die einem das Blaue vom Himmel erzählten. Vielleicht hatten sie ihr Gequatsche auch selber geglaubt aber sobald der Entzug kam, kam auch die Stunde der Wahrheit. Die meisten stahlen, betrogen, logen oder prostituierten sich dann gnadenlos, um an ihre Droge zu kommen. Aber was scherten ihn die Probleme anderer Menschen? Sein eigenes Leben war ein Trümmerhaufen aus dem er sich mühsam versuchte heraus zu strampeln. Vor dem Einkaufen klopfte er bei Olaf. Er hatte beschlossen etwas für sein Karma zu tun. die Dinge sollten sich schließlich zum Besseren wenden. Olaf war erfreut und drückte ihm ein paar Euro und eine Einkaufsliste in die Hand. „Mach Dir nicht daraus mit Kevin. Er scheint noch zu leben. Das heißt, wenn er es vorher überhaupt noch getan hat“, fügte er mit einem Geräusch hinzu, das eine Mischung aus Lachen und Husten zu sein schien und eine Weile anhielt. Thomas sah ihn irritiert an, worauf Olaf hinzufügte: „Kevin und ich liefern uns ein hartes Rennen, um die besten Plätze in der Hölle. Wer dem Tod so nahe ist kümmert sich nicht mehr um so Nebensächlichkeiten wie Anstand. Im Himmel wäre es mir viel zu langweilig. Du scheinst mir ein guter Mensch zu sein, Thomas. Hinter Dein Geheimnis komme ich auch noch“. Auf dem Rückweg vom Supermarkt schleppte er zwei schwere Tüten mit Lebensmitteln und musste öfter verschnaufen. Vor seinem neuen Heim hielt er inne und blickte die Fassade hoch. eine fette Ratte kletterte gerade mühelos die Dachrinne empor und verschwand in einem offen stehenden Fenster im zweiten Stock. Das Fenster hatte gestern schon offen gestanden. Im zweiten Stock machte Thomas halt und lunzte neugierig in den Flur. Hier standen gleich drei Türen offen und aus einer drang schallendes Gelächter. Die Türe, die zu dem offenen Fenster gehörte stand ebenfalls offen und er wagte einen Blick. Bereits bei der Annäherung konnte er einen starken Kotgeruch wahrnehmen. In der Wohnung standen ein ausgebauter Autositz und einige andere Möbel, die man allerdings nicht mehr genau erkennen konnte, da auf und vor ihnen etlicher Kram gestapelt war. Als Thomas in die Wohnung hineinsah, konnte er einen grauhaarigen, bärtigen Mann in schmutziger Kleidung erkennen, der auf einem Schemel saß und mit einem der vielen Papierstapel beschäftigt war. Von der Ratte gab es keine Spur. „Vielleicht sollten Sie mal ihr Fenster schließen. Ich habe gerade eine große Ratte hineinklettern sehen.“, klärte Thomas den Mann auf. Dieser sah sich im Raum um und erhob sich langsam. Als er auf Thomas zuging zog er einen intensiven Schwall Fäkaliengeruchs mit sich. Dieser unterdrückte den Wunsch sich zu übergeben und stellte sich stattdessen förmlich vor: „Thomas Bollengrafen mein Name. Ich bin neu eingezogen“. Er verbeugte sich, um einen Händedruck mit dem Schmutzfinken zu vermeiden. Den Namen hatte er von seiner Ehefrau. Er klang weit vornehmer als sein Geburtsname Schulze und war natürlich auch viel seltener. „Kleinwald mein Name“, antwortete der schmutzige Mann ohne aufzusehen. Er blickte sich besorgt in seiner vollgestellten schmutzigen und stinkenden Wohnung um. Sein Blick fiel auf den ausgebauten Autositz. Thomas folgte seinem Blick. „Sie hat Junge und ist deshalb in letzter Zeit noch aggressiver als sonst.“ klagte der Mann namens Kleinwald. Thomas sah ihn fragend an und schwieg. „Sie scheint da hinten ein Nest gebaut zu haben. Wenn sie weg ist kann ich die Kleinen quieken hören“, sagte er mit einem versonnenen Lächeln. Thomas stöhnte: „Sie leben hier mit wilden Ratten in dem kleinen Raum zusammen? Warum schmeißen sie die nicht einfach raus oder schließen einfach ihr Fenster?“ Kleinwald sah Thomas nun überrascht an. Es schien als sei er erstmals mit dieser Idee konfrontiert worden. „Das Fenster ist kaputt und was wird aus den Kleinen?“, erwiderte er unentschlossen. Die Sache war wohl komplizierter als gedacht und stank im wahrsten Sinne des Wortes zum Himmel. Thomas trat nach einer weiteren Verbeugung und einer höflichen Floskel den Rückzug an. Wenn er eines gelernt hatte in den letzten Jahren in Armut, dann war es sich nicht unnötig in fremde Angelegenheiten einzumischen. Trotzdem wollte er Mensch bleiben und musste doch hin und wieder hinsehen, um anderen Menschen in Not zu helfen. Wenn er für diese grundlegende Haltung eines Tages keine Kraft mehr haben würde war es definitiv um ihn geschehen. Auf dem Weg zu seiner Wohnung kam er an einer weiteren offen stehenden Wohnung vorbei. Auf dem Boden saßen drei nackte Personen. Zwei Männer und eine Frau, die miteinander Karten spielten. „Full House“, brüllte ein jüngerer Mann, der nur noch eine Unterhose trug und sich anschließend irre lachend auf die Schenkel klopfte. Ein älterer Mann trug noch eine Anzughose und lachte ebenfalls. Eine übergewichtige junge Frau fiel in das Gelächter mit ein und versuchte gleichzeitig ihren BH zu öffnen, was sich in der aufgeheizten Situation aber als schwierig erwies. Der junge Mann entdeckte Thomas und rief einladend mit den Armen fuchtelnd: „Komm spiel mit uns Strippoker“. Thomas bedankte sich abwehrend und verabschiedete sich mit einer Verbeugung bevor die üppigen Brüste der Frau zum Vorschein kamen. Welche Drogen diesen Hartz 4 Schwinger Club wohl entfesselt hatten? Er hielt nicht viel von Drogen, da jedem Hochgefühl unweigerlich ein Tiefpunkt folgte. Im Leben verlief es zwar auch meistens ähnlich aber nicht so berechenbar. „Was für ein Irrenhaus“, dachte sich Thomas als er später auf seinem Sofa lag und Tschaikowsky hörte. Trotzdem war er gut gelaunt, da er seit langen mal wieder das Gefühl hatte niemand erwartet etwas von ihm. Es gab hier keine eine Statussymbole, keine gesellschaftliche Stellung und vor allem niemanden der ihn bestrahlen wollte. Das gute am Bodensatz der Gesellschaft war, dass man nicht noch tiefer fallen konnte. Thomas ahnte damals allerdings nicht, wie sich die Dinge tatsächlich entwickeln würden.

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