Schild auf einer Wiese mit der Beschriftung Nichtschwimmer

Glück auf ! Neues aus dem Berg der Trivialitäten

Während des Urlaubs habe ich ein Besucherbergwerk in der Eifel besucht. Außer einem großen Fleck auf meiner hellen Hose habe ich noch eine weitere Erinnerung von diesem Besuch mitgebracht. Wir standen etwa einen Kilometer tief im Bergstollen. Aufgrund meiner Körpergröße, war es mir nicht vergönnt aufrecht zu stehen und ich war sehr froh über den obligatorischen Helm mit dem ich des Öfteren im Dunkeln anstieß. Die Bergwerksführerin zeigte auf ein etwa fünfzigmal fünfzig Zentimeter breites Loch und berichtete, dass es sich um einen Stollen der ersten Generation handelte. Diese wurden ausschließlich mit Hammer und Meißel per Hand geschlagen und waren entsprechend klein. Der Bergmann lag auf dem Rücken oder Bauch und hämmerte sich in den Berg. Ich bekam schon vom Reinschauen Platzangst. „Wir wissen nicht genau wie das Erz aus dem kilometerlangen schmalen Stollen heraus transpotiert wurde, da sich der Bergmann nicht drehen konnte“, wusste die Führerin zu berichten. Die einzige Erklärung dafür liegt auf der Hand aber ist nirgendwo aufgeschrieben worden. Sechs- bis zehnjährige Kinder sind dem Vater in den Stollen hinterhergekrochen und konnten Erzsäcke zum Ausgang ziehen, da sie in der Lage waren sich dort zu drehen. Einen schweren Sack vor sich her zu stoßen hätte viel mehr Aufwand bedeutet. Die Bergwerksführerin zeigte auf die zehnjährigen der Besuchergruppe und sagte nur: „Ihr wärt schon zu groß dafür gewesen“. Abgesehen davon, dass ein zehnjähriges Kind heute nur mit größtem Motivationsaufwand zum Heraustragen des Müll bewegt werden kann, ist es unvorstellbar was Kinder damals leisten mussten. Die Gefahren für heutige Kinder liegen ja eher in übermäßigen Zuckerkonsum und Haltungsschäden durch mangelnde Bewegung. Kinder nehmen sich allerdings Erwachsene zum Vorbild und ahmen diese nach. „Warum wissen wir es nicht genau, dass Kinder hier im Bergwerk arbeiteten und können es uns nur zusammenreimen? „, fragte die Führerin nun. Große Ahnungslosigkeit machte sich in der Besuchergruppe breit. „Ganz einfach. Es war so normal, dass es niemand für notwendig hielt es aufzuschreiben“, erklärte sie. An diesem Punkt wurde ich hellhörig. Welch ein Versäumnis. Dinge gehören doch aufgeschrieben, um sie der Nachwelt zu bewahren. Nichts leichter als das. So lange ich auf dieser Erde weile, soll so etwas nicht nochmal geschehen, beschloss ich spontan. Nach neunzig Minuten rumlatschen in teilweise halbgebückter Haltung entwickelte ich allerdings Verständnis für die Bergleute. Nach bis zu sechzehn Stunden Steine klopfen hielt sich die Lust über erlebtes zu schreiben vermutlich in Grenzen. Zumal ich nicht mal sicher bin, ob die Bergleute der ersten Generation überhaupt schreiben konnten. Nach der Rückkehr aus der Dunkelheit betrachtete ich die ganze Idee noch mal bei Licht. Hier kam ein weiteres Detail zu Tage, dass ich in meiner spontanen Begeisterung wohl übersehen hatte. Woher soll man denn wissen was Menschen heute für absolut normal und in hundert Jahren für absolut unglaublich halten? Andersrum ist es irgendwie einfacher. Heute wundern sich junge Leute wie man sich früher ohne Handy (Oh,  Entschuldigung schon veraltet, ich meine Smartphone) verabreden konnte. Wir haben uns persönlich abgesprochen oder unter Gemecker der Eltern angerufen. Gemecker deshalb, da das Telefon meistens gut überwacht und recht öffentlich im Flur neben der Eingangstür auf einen pseudoantiken Tischchen stand und das Ortsgespräch etwa zwanzig Pfennig kostete. Ein Bällchen Eis kostete etwa fünfundzwanzig Pfennig. Da ein Bällchen Eis heute mindestens ein Euro und zwanzig Cent kostet, dürfte das umgerechnet etwa einen Euro pro Gespräch gekostet haben. Da würde ich meine Kinder aber auch anmeckern. Jetzt haben sich die Kosten für Telefonate und Speiseeis allerdings ganz unterschiedlich entwickelt und das Beispiel ist somit völlig unbrauchbar.  Ganz zu schweigen von Entwicklungen wie elektronischen Nachrichten, die Telefonate überflüssig machen. (Wird Speiseeis auch irgendwann von etwas anderen verdrängt werden?) Hätte ich Anfang der achtziger Jahre im zarten Adoleszenz alter meine leidvollen telekommunikativen, fast Bergwerkserfahrungen gleichenden, persönlichen Erfahrungen zu Papier gebracht (Digital war das noch nicht erschwinglich, denn der VC 20 von Commodore kostete über 1000 Mark) hätte es wohl niemanden interessiert. Ich mag schließlich auch keine langweiligen Berichte über alltägliches lesen. Diese Erkenntnis bremste meinen Plan alltägliches, das demnächst unglaublich sein könnte, vor dem Vergessen zu bewahren ziemlich aus. Für Zeitgenossen ist es auf jeden Fall langweilig. Der geneigte Leser mag sich nun denken: „Das hat ihn bislang doch auch nicht gestört“. Womit wir bei den Vorteilen der Digitalisierung wären. Kein Baum muss für meine geistigen Ergüsse sterben und die Weiten des Internets ersparen mir viele peinlich betretene Gesichter, denen ich vermutlich auf einer Lesung gegenüber säße. Es wird Publikum suggeriert wo schnell umhergeklickt wird und jeder kann seinen Senf zu allem geben. Toll. Es wird dank Internet vermutlich sogar mehr geschrieben als gelesen. Jede Alltäglichkeit wird allumfassend beschrieben, fotografiert, verschickt und kommentiert. Schaut mal was ich heute beim Italiener gegessen habe. Es folgt das Bild einer Pizza. Mein Onkel sagte unlängst zu mir: „Ich fotografiere mein Essen weder vor noch nach dem Verspeisen.“ Danke dafür. Je mehr ich darüber nachdenke, so eher komme ich zu dem Schluss, dass mein Plan irgendwie überflüssig ist. Zukünftige Historiker haben Unmengen an Informationen und Daten über den heutigen Alltag zur Verfügung. Es sei denn die Daten gehen aus Versehen verloren. Fatal Error. Oder die Industrie denkt sich flugs neue Datenträger, nicht kompatible Ladekabel, Akkus mit super Kurzlaufzeiten oder ähnliches Verkaufsförderendes aus. Wer außer mir ist denn sonst noch im Besitz eines VHS Recorders, (geschweige denn Betamax) um irgendwelche alten selbstgemachten Filmchen anzusehen. Meine Diplomarbeit habe ich auf einer Diskette die mit der Windows 3 Version beschrieben wurde. Ich habe keine Ahnung, ob irgendjemand diesem Datenträger noch etwas entlocken kann. Ich besitze jedenfalls kein Gerät in das ich sie reinstecken könnte. Den Toaster zähle ich mal nicht mit, da das in diesem Zusammenhang nicht zielführend ist. Die große Gefahr in Kampf gegen das Vergessen besteht heutzutage nicht in fehlenden Informationen, sondern in einem Zuviel an Informationen. Wer soll da noch den Überblick behalten? So viel Wichtiges verschüttet in einem Berg aus Trivialitäten. In Zukunft werden in diesem Trivialititätsberg vielleicht Informationen abgebaut.  Mühsam wie von Hand in den Berg getrieben. Ihre Kinder nehmen die Bergleute dann vielleicht auch wieder mit, damit sie lernen Wichtiges von Unwichtigen und Fakten von Lügen zu unterscheiden. Sollte diese Epoche dann wiederum Geschichte werden und ein Trivialitätsbesucherbergwerk zu musealen Zwecken eröffnen, könnten sich zukünftige Generationen vielleicht über so manches wundern. Wie konnten diese antiken Informatikmenschen nur so leicht von Lügen und Hass im Internet manipulieren lassen? Wieso verbrachten die Menschen so viel Zeit im Netz ohne ersichtlichen Nutzen? Warum wirkte es so, als ob sich ein großer Teil der Internetneulinge im Informationsfluss verlor statt mit den verfügbaren Informationen eine höhere Entwicklungsstufe anzustreben? Sind Haltungsschäden und Pizzakonsum vor dem Computer zwangsläufig aus evolutionärer Sicht? Warum mussten Menschen auf einer Seite des Erde hungern während sich gleichzeitig andere Menschen auf der anderen Seite der Erde in Besucherbergwerken tummelten und sich wunderten, dass früher dort Kinder arbeiten mussten, um nicht zu verhungern ? Eine Seite ist so reich, dass die andere arme Seite ihr Leben aufs Spiel setzt, um in wurmstichigen Booten über Meere dorthin zu gelangen, obwohl die vorhandenen Ressourcen für alle Menschen reichen würden ? Das ist alles nachlesbar im Netz und wundert mich und meine Zeitgenossinnen und -genossen sonderbarer Weise meist wenig. Es ist zu alltäglich geworden. Eine echt harte Nuss für zukünftige Generationen von Trivialitätsbesucherbergwerksführerinnen und -führern. „Liebe Kinder. Die Menschen konnten damals im Wust von Serien, Kochrezepten, Fußballergebnissen, Pornofilmen, Schnäppchenportalen und elektronischen Steuererklärungen einfach nichts mehr erkennen.“ Keine gute Erklärung aber ein wenig Verständnis werden zukünftige Generationen vermutlich auch dafür aufbringen. Sollten sich zukünftige Generationen allerdings tatsächlich darüber wundern, würde das im Umkehrschluss bedeuten, dass diese Missstände nicht mehr existierten. Wird die Welt besser oder schlechter sein? Vermutlich eine Frage des Blickwinkels. Für manche Menschen in Krisengebieten kann es kaum schlechter werden. Ich persönlich bin ein unverbesserlicher Optimist. Ich glaube daran, dass die Welt besser wird. Glauben nenne ich es deshalb, da es objektiv gesehen genauso viele Gründe gibt die gegen eine stetige Verbesserung sprechen. Ich weiß nicht wie die Zukunft aussieht aber ich will sie mir besser vorstellen. Anders käme mir mein Dasein irgendwie sinnlos vor (und es gibt leider einen Haufen Gründe die genau dafür sprechen). Dieser unbegründete Optimismus und die Hoffnung auf eine weniger destruktive Entwicklung lässt mich besser schlafen. Veredeln sollte man all die schönen Worte mit der einen oder anderen Tat. Ich bin zumindest stets bemüht.  Ich bin zuversichtlich, dass sich zukünftige Generationen nicht über diese schlecht begründbare Hoffnung wundern werden.

 

 

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