Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht

Als Berufsanfänger ist man oft voller Enthusiasmus und bereit abseits ausgetretener Pfade zu wandeln. Über Schema F und 0815 wird zu Recht die Nase gerümpft. Man möchte schließlich eigene Erfahrungen sammeln und etwas Neues ausprobieren. Älteren Kollegen und Kolleginnen kommt hier oft die Rolle des elterlichen Beobachters zu. Die Sprösslinge sollen die Welt entdecken aber möglichst keinen allzu großen Schaden dabei anrichten. Meine gleichaltrige Kollegin und ich wurden also scherzhaft der Abteilung Jugend forscht zugeordnet, wenn wir den Anweisungen der Älteren nicht vorbehaltlos folgen wollten. Immerhin hatten wir ebenfalls einen akademischen Titel erworben und im Studium der Sozialpädagogik, bzw., Sozialarbeit neben Kanufahren, Jonglage und Selbsterfahrung auch ein paar Bücher lesen müssen. Erschwerend kam nun hinzu, dass unsere ganze Einrichtung erst kurz vorher aus der Versenkung geholt wurde und mit komplett neuem Personal an den Start ging. Im Prinzip betraten wir alle Neuland bei der Straßensozialarbeit. Der örtliche Flughafen hatte ein Obdachlosenproblem und wir sollten uns des Problems annehmen. Der Flughafen ist der größte in Deutschland und hat die Ausmaße einer Kleinstadt. Es gab eine evangelische und katholische Kirche, eine Moschee, eine Synagoge und eine Flughafenambulanz. Alle hatten Kontakte zu Obdachlosen und waren mit dem Phänomen überfordert, da sie eher für Reisende eingerichtet wurden. Der Sicherheitsdienst des Flughafens erwies sich interessanterweise als ergiebigster Kooperationspartner. Schließlich waren die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes rund um die Uhr unterwegs und kannten die meisten Obdachlosen persönlich. Je nach Auffälligkeit und Beschwerdelage, sowie Ehrgeiz der Sicherheitsleute wurden Hausverbote ausgesprochen und die Obdachlosen vor die Türe der Terminalgebäude gesetzt. Jetzt liegt der Flughafen mitten im Stadtwald und ist nachts nur rudimentär an den öffentlichen Nahverkehr angeschlossen. Der Umstand, dass im Winter nachts dutzende Menschen in den Wald geschickt wurden hätte sich schnell zum Politikum entwickeln können. Darum wurden diese Abschiebeaktionen auf die Zeit der letzten nächtlichen S Bahnen konzentriert. Ein Umstand, der bei keinem der Beteiligten auf Begeisterung stieß, da man sich am nächsten Tag meist schon wieder über den Weg lief. In der Hoffnung auf Verbesserung der Situation zeigte uns der Sicherheitsdienst nun alle Plätze an denen Menschen schliefen und wohnten. Zwei Menschen sind mir in besonderer Erinnerung geblieben. Ein Mann schlief bei eisigen Temperaturen auf dem verzweigten Außengelände. Er benötige keine Hilfe, da es ihm sehr gut gehe. Er erhalte seine monatliche Stütze und fliege damit regelmäßig last Minute nach Mallorca. Wenn es etwas Günstigeres gebe auch woanders hin, war seine Auskunft auf unser Hilfeangebot. Eine Woche all inklusive mit dem Ballermann Bomber und dann wieder drei Wochen Flaschensammeln. Ein Konzept, das mich spontan überzeugte. Das Internet hatte für Reisebuchungen noch nicht die heutige Bedeutung und ich kannte tatsächlich Menschen, die mit gepackten Koffern zum Flughafen fuhren ohne zu wissen wohin die Reise gehen soll und an diversen Schaltern nach günstigen Flügen schauten. Eine stationäre Unterbringung im Obdachlosenwohnheim kostete etwa 2500 Mark im Monat. Eine Woche Bettenburg auf Malle gab es je nach Reisezeit schon ab 500 Mark. Der Sozialstaat könnte hier also 500 Mark monatlich sparen wenn er alle Obdachlosen auf durchgehende last Minute Reisen schicken würde. Das Obdachlosenproblem wäre gelöst und im Süden erfriert auch niemand. Der Sicherheitsmann, der uns begleitete und ebenfalls einmal Sozialpädagogik studiert hatte, war von meiner Idee nicht sehr angetan. Immerhin musste er jede Nacht schwer schuften und Obdachlose vor die Türe setzen, um sich mal zwei Wochen mit Sangria aus Eimern am Ballermann leisten zu können. Das Thema Gerechtigkeit wird häufig zu einseitig betrachtet. Ich musste schnell einsehen, dass mein Plan politisch nicht umsetzbar war. Vermutlich machte sich der Ordnungshüter auch Sorgen um seinen Arbeitsplatz. Ein Umstand der auch mich betraf. Was macht ein Straßensozialarbeiter ohne Obdachlose? Zeitungen austragen oder Versicherungen verkaufen? Nicht optimal.
Den zweiten nachhaltigen Eindruck dieses Spätdienstes hatte ich einer älteren Dame zu verdanken, die mit Sack und Pack eine Behindertentoilette auf einem Außenparkplatz des Flughafens bewohnte. Der Sicherheitsdienst war sichtlich genervt von der Dame, da diese fürchterlich zu schimpfen begann, wenn sie zu den falschen Uhrzeiten gestört wurde. „Die Edeltraut wohnt schon seit zwei bis drei Jahren hier. Wir lassen sie nachts in der Toilette wohnen, dafür geht sie tagsüber ohne Theater raus“, klärte uns der Sicherheitsmann über die herrschenden Regeln auf, während er auf eine nahe Sitzgelegenheit mit Tisch wies. Wir beschlossen also morgens zurückzukehren, um eine positive Kontaktaufnahme möglich zu machen. Edeltraut wusch gerade fleißig ihre Unterwäsche im Waschbecken als wir uns beim nächsten Besuch mit ihr bekannt machten. Wir wurden ganz förmlich von ihr gebeten einen Augenblick Geduld zu haben und schon mal an ihrem Tisch Platz zu nehmen. In Kaffeekränzchenatmosphäre gab sie bereitwillig Auskunft über ihr Schicksal während sie in einer Art Heimarbeit große Stapel Papiere beschriftete und anschließend in kleine Stücke schnitt. Auf unsere Frage hin, was sie denn da schönes mache, erklärte sie uns, dass sie „Fitzen“ für ihren Besitzer machen müsse. Auf unser Unverständnis reagierte sie leicht genervt und erklärte, dass ihr Besitzer sie zwinge an diesem Platz zu sein und diese „Fitzen“ zu erstellen. Mit „Fitzen“ waren offensichtlich, ihre kleinen beschrifteten Papierfetzen gemeint, die sie unermüdlich produzierte. Wo denn ihr Besitzer wohne und ob wir mal mit ihm sprechen könnten war unsere nächste Frage. Der wohne in Chicago und werde von den Rangers beschützt. Mit denen sei nicht zu spaßen, da diese regelrechte „Fickathleten“ seien und auch vor Massenvergewaltigungen nicht zurückschrecken würden. Sie sagte das alles in einem eher fröhlichen und leicht verschmitzten Ton. Sie lachte auch mit uns über ihre Wortkreation mit denen sie ihre sogenannten Ranger bedacht hatte. Der Kontakt verlief so vielversprechend, dass wir beschlossen Edeltraut regelmäßig zu besuchen und zur Vernunft zu bringen. Es schmeichelte uns sicherlich auch, dass der Sicherheitsdienst von ihr beschimpft wurde, sie uns aber recht herzlich behandelte. Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus. Da die Geschichten, die Edeltraut zu erzählen hatte ebenfalls einer gewissen Spannung nicht entbehrten, waren nun regelmäßige Besuche angesagt. Edeltraut hatte im hiesigen Frauengefängnis gearbeitet und das Rentenalter erreicht. Rente hatte sie nicht beantragt. Die Rentenkasse bestätigte uns später, dass sie dadurch auf tausende von Mark Rentenzahlungen verzichtet hatte. Edeltraut erzählte uns oft von ihren Problemen, die sie mit den inhaftierten Zigeunerinnen hatte. Kein politisch korrekter Ausdruck aber in Ton und Inhalt waren keine Herabwürdigungen diesen Frauen gegenüber wahrnehmbar. Die Erzählungen drehten sich um Kindesentzüge und Haftrückfälle. Mit der Schilderung der Probleme anderer Menschen hatte uns Edeltraut unbewusst sehr geschickt von ihren eigenen Problemen weggelockt und wir ließen es aus den zuvor genannten Gründen geschehen. Mit Argumenten war weder ihrem Besitzer, den Rangern noch ihr beizukommen. Es war ein stabiler Wahn, der einen stabilisierenden Zweck für sie erfüllte. Ohne dieses selbsterschaffene Wahnsystem wäre sie vermutlich höchst verunsichert und auf der Straße nicht überlebensfähig gewesen. Sie hatte eine Erklärung für ihr Leid und es ging ihr dadurch besser. Die Besuche häuften sich und der Sommer zog über das Land. Trotz länger werdender Tage dämmerte uns, dass es mit guten Worten nicht getan war. Für eine Sozialarbeiterin und einen Sozialarbeiter eine niederschmetternde Erkenntnis. Ähnlich hilflos muss sich ein Kraftfahrer ohne Benzin fühlen. So viel zu den damals aktuellsten Ergebnissen der Abteilung Jugend forscht. Unseren älteren Kolleginnen und Kollegen, die uns eine Zeit lang gewähren ließen, war wohl ebenfalls nicht entgangen, dass wir uns irgendwie auf dem Holzweg befanden. Selbst unser Chef ließ sich zu einem Kommentar über die mangelnde Effizienz unseres Tuns hinreißen. Für einen gemeinnützigen Verein war das damals eher ungewöhnlich. Wir wollten uns mit unserer sozialen und rehabilitativen Niederlage nicht abfinden und schmiedeten einen Plan. Ab diesem Punkt nahm das Unheil sozusagen seinen Lauf. Wenn der obdachlose Mensch nicht zum Haus gehen kann, dann muss das Haus eben zum Menschen kommen. Berge und Propheten, sie wissen schon. Da wir bereits positive Erfahrungen mit der Aufstellung von Wohnwagen gemacht hatten, beschlossen wir Edeltraut einfach einen Wohnwagen vor die Nase zu stellen. Wenn man auf einem Parkplatz wohnt, eigentlich kein Problem. Einem Mann in einem Gebüsch hatten wir beispielsweise in Absprache mit dem Grundstücksbesitzer einen Wohnwagen vor die Nase gestellt. Der Mann bezog diesen und konnte später sogar trotz erheblicher psychischer Einschränkung in ein Wohnheim umsiedeln. Dass er über ein Jahrzehnt später aufgrund eines Personalwechsels in dem Wohnheim wieder auf die Straße gesetzt wurde, ist ein anderes Thema. Wir ließen also unseren ganzen Charme spielen und überredeten die Leitung des Sicherheitsdienstes sich auf unseren Plan einzulassen. Wir ließen natürlich unsere spektakulären Erfolge in dem anderen Fall nicht unerwähnt. Es ist auch möglich, dass wir durch Missverstände in der Formulierung der Bitte den Eindruck erweckten, dass es sich nahezu um ein rehabilitatives Naturgesetz handelt. Nach dem Motto Wohnwagen ist gleich Wohnen und Wohnen ist gleich Stabilisierung. Wer stabil lebt hat quasi nur noch ein Schrittchen zur gesellschaftlichen Reintegration zu leisten. Das würde ich im Prinzip auch heute unterschreiben. Allerdings würde ich heute auch stärker die Bedürfnisse der Klientin beachten. In unserem Jugendlichen Enthusiasmus müssen wohl unsere und die Wünsche von Edeltraut durcheinander gekommen sein. Der Wohnwagen wurde mit viel Aufwand beantragt, angeschafft und auf besagten Parkplatz geschleppt. Der Winter nahte und in einem Hollywood Film wäre Edeltraut tränenüberströmt mit Geigenmusik im Hintergrund in den Wohnwagen eingezogen. Die Flughafenbediensteten aller Etnien hätten uns applaudiert und die passenden Flaggen der passenden Nationalfarben hätten völlig grundlos in der leichten Brise geflattert. Vielleicht wäre auch noch ein gemeinsames Gebet gesprochen worden, doch dazu kam es nicht. Das lag weder an uns noch den Flughafenmitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sondern an Edeltraut. In der Realität hatte sich Edeltraut herzlich bedankt und ist in ihrer Behindertentoilette verschwunden. Nach drei Tagen hatten auch wir begriffen, dass ihr Besitzer ihr verboten hatte unseren schönen Wohnwagen zu beziehen. Wir hatten unser sozialarbeiterisches Waterloo erlebt. Wer nun glaubt die Ereignisse hätten ihren tiefsten Tiefpunkt (Rudi Völler) erreicht, dem fehlt die Phantasie. Unser schöner Flughafen hat wie gesagt enorme Ausnahme und die unterschiedlichsten Zuständigkeiten. Für die Terminalsicherheit, die Verkehrssicherheit oder die Grenzsicherung gibt es verschieden Ansprechpartner und Ansprechpartnerinnen. Weiterhin befand und befindet sich der Flughafen in öffentlicher Hand und seine Geschicke wurden und werden somit von gewählten Politikern gelenkt. In der öffentlichen Wahrnehmung war der Kampf um die Startbahn West noch nicht vergessen und so mancher Alt Linke gab beim abendlichen Rotwein seine persönliche Demo-Kampf- Geschichte zum Besten. Es gab damals Protestdörfer und regelrechte Grabenkämpfe. Nach den tödlichen Schüssen auf Polizisten fiel dieser Protest jedoch jäh in sich zusammen, da ihn seine moralische Begründung abhandengekommen schien. Die Wahrheit war zu vielschichtig geworden als dass man sich noch medienwirksam mit ihr auseinandersetzen wollte. Es schien alle waren froh,  dass Ruhe herrschte. Wie so oft nach einem Krieg, der nur Verlierer kennt. Politiker, die hoch hinaus wollen, haben es für gewöhnlich nicht so mit der Ruhe. Sie benötigen mediale Aufmerksamkeit. Damals wie heute. So kam es, dass ein Politiker dem anderen vorhielt, in seinem Zuständigkeitsbereich geschehen merkwürdige Dinge. Dieser keilte zurück und sah sich in der Eskalation unversehens dem Vorwurf ausgesetzt, neue Protestsiedlungen auf dem Flughafen zu dulden. Siedlungen als Protest gegen die Armut und das auf unserem schönen Flughafen. Als das Ganze auch in der Zeitung zu lesen war musste auf höchster Ebene gehandelt werden, bevor es wieder tote Polizisten oder gar Polizistinnen gab. Der Flughafen sollte nie wieder Kriegsschauplatz werden. Eine erfrorene Obdachlose war allerdings auch eine politische Steilvorlage. So viel also zunächst unser schöner Wohnwagen der Politik zum Opfer. Wir mussten beim Sicherheitschef vorsprechen, der uns mit einem fast sarkastischen „Ah, meine Lieblingssozialarbeiter“ empfing. Man hatte ihm gehörig den Kopf gewaschen und er musste uns nun auffordern den Wohnwagen verschwinden zu lassen. Das ganze hatte etwas von einem Direktorenbesuch nach einem misslungenem Abi- Streich. Mit abgeschnittenen Rangabzeichen und zerbrochenen Säbeln verließen wir reichlich degradiert das Sicherheitsbüro. Vielleicht wecken die unglaublichen Bilder der Fernsehdokumentationen über die Startbahn West Proteste diese militärische Sprache in mir aber wenn schon von Waterloo die Rede war, fällt mir für das Finale dieser Erzählung nur noch der Begriff Stalingrad ein. Die kurzeitige Hoffnung auf einen geordneten Rückzug erstarb mit einer überraschenden Gegenoffensive des Gegners. Edeltraut wurde trotz ihres Schimpfens und Wütens mit ihrem großen Gepäckwagen kurzerhand von einem massiven Sicherheitsaufgebot in den Zug Richtung Hauptbahnhof gesetzt und war verschwunden. Wir hatten es doch so gut gemeint und ihr durch unser Handeln alle Arrangements und Möglichkeiten am Flughafen genommen. Monatelang blieb sie verschollen bis sie meine Kollegin auf einer privaten Reise in Hamburg entdeckte. Vermutlich war sie am Hauptbahnhof direkt in den nächsten Zug gestiegen, der zufällig nach Hamburg fuhr. Jetzt saß sie an der Alster und machte ihre „Fitzen“ für ihren Besitzer eben dort. Wir fanden auch dort einen Dienst für Straßensozialarbeit, der sich Edeltraut annahm und ihr eine gesetzliche Betreuung organisierte. Über ihren weiteren Werdegang gab es hier und da mal Nachrichten und Gerüchte. Ich kann mich nicht mehr genau erinnern wie es tatsächlich lief. In meinen persönlichen Memoiren verbrachte sie die letzten Lebensjahre in einem Heim mit Blick auf die Alster. Genau wie Udo Lindenberg. Jede Krise birgt auch Chancen. Edeltraut und ich haben ihre genutzt.

2 Kommentare zu „Gut gemeint ist nicht gleich gut gemacht“

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