Gepäck welches unter einer Treppe verstaut wurde

Alles für die Katz Teil 4

Was bisher geschah Teil 3

Als Thomas mit seiner Kollegin, Frau Kurzrock, am 6. Juni an der Wohnung des Paares eintraf war er etwas nervös. Er hatte viel Mühe investiert und viele Menschen konnten erst mit ihrer Tätigkeit beginnen, wenn das Paar ausgezogen war. Ganz zu schweigen von den hohen Kosten, die eine gewisse Erwartungshaltung bei den Geldgebern hervorrief. Sollte etwas schieflaufen würden die Beschwerden bei ihm landen. Herr Schaffernicht war schon fröhlich in der Waschküche im Keller zugange. „Hallo Herr Leykauf. Ich habe schon alles gewaschen und in Plastiksäcke gepackt“, grüßte er fidel. „Wo ist den der bestellte Pflegedienst?“, fragte Thomas während er sich suchend umsah. „Ach, den habe ich wieder weggeschickt. Das bisschen Wäsche ist doch kein Problem“, antwortete Sebastian Schaffernicht. Die Antwort traf Thomas wie eine schallende Ohrfeige und er machte den passenden Gesichtsausdruck dazu. Kein Mensch wusste was in diesen Plastiksäcken war, die sich seine Kollegin ins Auto laden wollte und samt Besitzern in ein Hotel bringen sollte. Im Gedanken sah er sie fröhlich an der Rezeption rufen: „Hallo hier kommt eine Lieferung hoch resistenter Bettwanzen für das ganze Haus mit besten Grüßen von Thomas Leykauf, dem verantwortlichen Mitarbeiter.“ In der Lobby des Hauses würde ihm ein Denkmal des Versagens errichtet werden, vor dem alle zukünftigen Übernachter noch jahrelang kopfschüttelnd inne hielten. Mit einer wedelnden Handbewegung verscheuchte er Gedanken und Gesichtsausdruck. Was sollte er tun? Er hatte schon vor dem ersten Schritt jegliche Kontrolle verloren. Vermutlich hatte er niemals eine Form von Kontrolle gehabt, musste er sich eingestehen. Kurz überlegte er, ob er nicht einfach wegrennen sollte. „Niemand kann nun bestätigen, dass die Säcke frei von Ungeziefer sind. Das war doch der Sinn der ganzen Aktion mit dem Pflegedienst“, krächzte Thomas. Scheinbar war ihm vor Schreck die Stimme weggeblieben. „Ach, seien Sie nicht so kleinlich. Ich habe wirklich alles hier unten gewaschen und gleich in die Säcke gepackt. Vertrauen Sie mir“, fügte er grinsend hinzu. Schicksalsergeben fragte Thomas, ob Herr Schaffernicht wenigsten geduscht hatte und ob Frau Feyerabend bereit sei. Er würde wohl ein wenig mehr Vertrauen in die Waschkünste von Herrn Schaffernicht haben müssen. „Klar, ich habe geduscht und frische Klamotten angezogen. Die alten sind in der Maschine. Die Sachen hier sind für Sabine. Das mit dem Duschen können Sie heute bei ihr vergessen. Die ist wieder schlecht drauf“, erklärte er geschäftig und schraubte beim letzten Satz mit seiner Hand an einem imaginären Deckel, der kurz über seinem rechten Ohr angebracht schien. Seufzend stieg Thomas die Treppe empor und schmiedete einen Plan B. Es entsprach mehr seinem Naturell, die gefühlte Kontrolle zurückzugewinnen, als sich treiben zu lassen. Zur Not würden sie bei einer Rückkehr eben das Hotelzimmer entwesen und alle Kleidungsstücke entsorgen müssen.

Oben in der Wohnung schlich Frau Feyerabend mit gehetztem Gesichtsausdruck und abstehenden Haaren durch die Wohnung. „Ich hab noch nix gepackt. Können Sie nicht morgen wiederkommen?“, jammerte sie als sie Thomas erblickte. „Nein“, antwortete dieser um Ruhe bemüht. „Sie müssen heute raus. Sonst sind sie ihre Wohnung los“, behauptete Thomas. Da Frau Feyerabend die Dramatik der Situation immer noch nicht verstanden hatte rüstete er verbal auf. „Ziehen Sie die Klamotten hier an und geben mir vorher die beiden Transportboxen mit den Tieren“, befahl er. Er war tags zuvor extra in den Tierhandel gefahren und hatte zwei Boxen für die Tiere gekauft. Es war abgesprochen, dass die Tieren morgens transportfähig in den Boxen bereit stehen. „Ich habe die Katze nicht gekriegt. Der Basti hat mir auch nicht geholfen. Der war die ganze Zeit im Keller. Alleine kriege ich das nicht hin“, lamentierte Frau Feyerabend. Der kleine Hund kam fröhlich wedelnd aus der Wohnung und schnüffelte an Thomas Hosenbeinen. Es blieb wohl nichts anderes übrig als Herrn Schaffernicht noch mal in die Wohnung zu schicken, überlegte Thomas. Er hatte sich geschworen keinen Fuß in die Wohnung zu setzen. Fluchend versuchte sich Frau Feyerabend durch die vollgestellte Wohnung zu bewegen. Das war kein leichtes Unterfangen, da viele Möbel halb demontiert waren und überall zwischen kleinen Müllhaufen herumstanden. Im Flur an der Wand entdeckte Thomas eine Bettwanze. Sie hatte die Ausmaße eines Marienkäfers. Nur war sie etwas länglicher und braun. Dass dieses lichtscheue Exemplar so offen hier saß, war kein gutes Zeichen. Wahrscheinlich waren alle guten Verstecke von ihrer Verwandtschaft besetzt, dachte er während er sich heftig kratzen musste. Herr Schaffernicht kam und betrat die Wohnung, um bei der Katzenjagd zu helfen. Der Hausmeister tauchte ebenfalls auf und fragte verwundert: „Die sind noch da? Ich dachte sie wollten gleich los. Der Kammerjäger ist auch schon unterwegs.“ „Einen kleinen Moment noch. Es fehlt nur die Katze“, beschwichtigte Thomas. Plötzlich tauchte eine alte Frau mit Pantoffeln an den Füßen auf und gesellte sich in die Runde. Neugierig betrachtet sie die Versammlung im Treppenhaus und grüßte freundlich. Alle schauten sie an, doch es kam keine weitere Erläuterung. Irritiert drehte ihr Thomas den Rücken zu und spähte in die Wohnung, aus der zunehmendes Gerumpel und Gefluche zu hören war. Herr Schaffernicht erschien mit dem Hund an der Leine und unverändert fröhlichen Gesichtsausdruck an der Wohnungstüre. „Hier ist der Hund. Ich muss jetzt zur Methadonausgabe“, erklärte er und drückte Thomas beim Gehen die Leine in die Hand. „Es war abgesprochen den Hund in die Box zu tun und dann sofort ins Hotel zu fahren“, presste Thomas fassungslos und pikiert hervor. „Der hat doch Angst in der kleinen Box. Ich bin nur eine halbe Stunde weg“, antwortete Sebastian Schaffernicht gelassen ohne sich umzudrehen. Die alte Frau mit den Pantoffeln rief ihm noch hinterher: „Ich habe meinen Schlüssel verloren. Ich komme nicht mehr in meine Wohnung.“ Aus der Wohnung rief Frau Feyerabend: „Kann mir mal jemand mit der Katze helfen? Die kauert hinter dem Bett und kommt nicht raus.“ Gleichzeitig zupfte die alte Dame an Thomas Ärmel und bat: „Helfen Sie mir. Ich kann nicht mehr in meine Wohnung“ Hilfesuchend sah sich Thomas nach dem Hausmeister um, doch der war plötzlich verschwunden. Seine Kollegin, Frau Kurzrock, nahm Thomas die Hundeleine aus der Hand und sagte: „Der Hausmeister schaut kurz mal nach dem Kammerjäger. Die Wohnung betrete ich nicht. Dafür geh ich mal mit dem Hund Gassi.“ Stumm schauten Thomas und die alte Dame ihr hinterher als sie die Treppe herunterging.

Thomas fühlte sich wie ein Feldherr, dem die Truppen mitten in der Schlacht desertiert waren. Er hatte den Faden verloren. Die alte Dame offensichtlich auch. Mit leerem Blick schaute sie auf einen imaginären Punkt unter seinem Kinn. Am liebsten hätte er es ihr gleichgetan, doch ein Schrei riss ihn aus seiner eintretenden Lethargie. „Au, Aua“, rief Frau Feyerabend. Nach einem fürchterlichen Krachen schrie sie: „Aua. Hilfe! Bitte helfen sie mir!“ Thomas blickte sich um. Die alte Nachbarin starrte leer vor sich hin und schien nichts um sich herum wahrzunehmen. Aus der Wohnung schallten panikartige verzweifelte Schreie: „Hiiilfe. Warum hilft mir den niemand?“ Thomas brach der Schweiß aus. Das klang nach echter Not. Er musste helfen. Er fasste sich ein Herz und stürmte in die Wohnung. Es war ein einziges Chaos. An der Decke und an den Wänden hockten Bettwanzen. Der Boden war übersät mit Kleidungsstücken und Müll. Möbelstücke standen unvermittelt im Weg. Die Schreie kamen aus dem Schlafzimmer, das im gleichen erbärmlichen Zustand war. Frau Feyerabend lag bäuchlings quer über dem Bett und schien festzuhängen. Verzweifelt überlegte Thomas was er tun sollte. Sollte er an ihren Beinen oder am Bett ziehen? Frau Feyerabend wälzte sich schreiend herum und zog die Katze hinter dem Bett hervor, die sich in ihrer Hand festgebissen haben zu schien. Tatsächlich schoss nun Blut aus der Wunde und die Katze schien mit ihrer Besitzerin um das Überleben zu kämpfen. „Holen Sie die Box“, schrie Frau Feyerabend verzweifelt. Thomas Kopf zuckte ruckartig, wie der eines gehetzt wirkenden Vogels, als er das Zimmer nach einer Transportbox absuchte. „Im Wohnzimmer“, stöhnte Frau Feyerabend, der die Kräfte zu schwinden schienen. Auf dem Bett hatte sich bereits eine Blutlache gebildet. Doch weder die Katze noch Frau Feyerabend schienen auf die Idee zu kommen loszulassen. Thomas stolperte ins Wohnzimmer und fiel der Länge nach in einen Berg getragener Unterwäsche. Eine Bettwanze trat verschreckt die Flucht an. Blitzartig richtete er sich wieder auf und entdeckte die Box. Er öffnete sie und hielt sie Frau Feyerabend vor die Nase. Sie stopfte ihre Hand samt Katze in die Box und versuchte das Tier abzuschütteln. Als sie ihre bluttriefende Hand herauszog und dabei überall Blutstropfen verteilte schrie sie: „Schnell machen sie zu sonst haut sie wieder ab.“ Thomas schloss das Gitter der Box während die Katze mit ihrer Tatze nach ihm hieb und keifte. Was für ein Monster, dachte Thomas als er die lauernde angriffsbereite Katze in der Box betrachtete. Frau Feyerabend verschwand jammernd im Bad, um sich mit einem schmutzigen Handtuch zu verbinden. „Damit müssen Sie zum Arzt.“, ächzte er. Sein Herz klopfte und das Adrenalin schoss durch seine Adern. Als er aus der Wohnung wankte empfing ihn die alte Dame mit den Worten: „Ich komme nicht in meine Wohnung. Die Tür ist zugefallen.“ Wortlos ging Thomas an ihr vorbei um das Haus so schnell wie möglich zu verlassen. Auf dem Parkplatz vor dem Haus standen Frau Kurzrock, der Hausmeister und der Kammerjäger. „Das ist echt schlecht organisiert“, sagte der Hausmeister und die beiden anderen nickten zustimmend.

Fortsetzung: Teil 5

14 Kommentare zu „Alles für die Katz Teil 4“

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