eine auf der Straße schlafende Gruppe Straßenmusiker

Alles für die Katz Teil 5

Was bisher geschah: Teil 4

Frau Kurzrock zeigte auf Thomas Hand und sagte: „Du blutest.“ Thomas betrachtete seine Hand und schien die drei blutenden Kratzspuren gerade erst bemerkt zu haben. „Die Katze“, presste er hervor. „Katzen sind totale Infektionsträger. Katzenbisse sind das infektiöseste was der Haustierbereich zu bieten hat. An einer Blutvergiftung kann man sterben“, dozierte Frau Kurzrock während sie ein Pflaster im Verbandskasten des Autos suchte. „Das ist nur ein Kratzer. Frau Feyerabend ist richtig gebissen worden. Die muss zum Arzt“, beschwichtigte Thomas. „Was? Erst wurde die Klientin gebissen und dann Du? Da kannst Du Dir ja Hepatitis oder HiV eingefangen haben“, erregte sich Frau Kurzrock. „Hast Du Dir keine Gedanken über Deinen Schutz gemacht? Man hätte ja auch mal einen Tierfänger engagieren können.“ Thomas verteidigte sich lahm: „Wer konnte den ahnen, dass die Katze so gestört ist? Für Frau Feyerabend schien es kein Problem zu sein sie in eine Transportbox zu packen.“ Frau Kurzrock schaute Thomas prüfend an, als ob sie seinen geistigen Gesundheitszustand abschätzen wollte und schwieg. Sich auf die Mitarbeit von zwei psychisch beeinträchtigten Kienten zu verlassen, schien objektiv gesehen tatsächlich nicht besonders vorausschauend. Vorausschauend wäre es gewesen heute morgen im Bett geblieben zu sein. Um das Thema zu wechseln erkundigte sich Thomas beim Hausmeister, ob er der alten Dame im Treppenhaus helfen könne. „Ach, das ist Frau Alsheimer. Die sperrt sich regelmäßig aus. Ihr Mann kommt immer mittags aus der Kneipe zurück und lässt sie wieder rein.“ Damit schien das Thema für ihn erledigt zu sein. Thomas überlegte, ob es sich bei dem Namen um einen Spitznamen handelte oder ob das Schicksal der alten Dame hier einen Streich gespielt hatte. Es war auch nicht sonderlich edel von Herrn Alsheimer seine Gattin des Öfteren stundenlang im Hausflur stehen zu lassen. Andererseits schien er sich den Rest des Tages um sie zu kümmern. Thomas beschloss dem unbekannten Mann keinen Vorwurf zu machen und ihm die tägliche Ablenkung von seiner Last als verzeihlich anzusehen. Genau genommen ging es ihn auch überhaupt nichts an. Thomas gab sich einen Ruck, um diesen schrecklichen Tag wenigsten einigermaßen erfolgreich zu Ende zu führen und sagte: „So. Nun muss der Hund in die Box“. „Der ist aber ganz brav. Die Box ist doch viel zu klein für das arme Tier. Ich finde das grausam“, gab Frau Kurzrock zu bedenken. Thomas hatte keine Lust, den kleinen Wischmopp voller Bettwanzeneier im Auto während der Fahrt herumspringen zu lassen. Bei einem gebrauchten Tag wie diesem würde das vermutlich an einem Baum enden. „Der Plan war die beiden Viecher in diesen blöden Boxen in das Tierheim zu bringen“, motzte Thomas genervt. „Und das mache ich jetzt.“ Mit diesen Worten er schnappte sich den kleinen Hund und stopfte ihn grob in die Box. Jaulend und verschüchtert ließ sich das Hündchen die Behandlung gefallen. Alle Umstehenden schauten Thomas finster und verurteilend an. “ Das ist unmenschlich einen Hund so zu behandeln“, empörte sich der Kammerjäger. Das ist auch kein Mensch du Blödmann, dachte sich Thomas und sagte schnippisch: „Da oben sind etwa 2000 Bettwanzen, die menschlicher Zuwendung bedürfen. Viel Spaß.“ Ohne weitere Worte stieg Thomas in das Auto und hörte Frau Kurzrock noch sagen: „Ich nehme das jetzt mal professionell in die Hand.“

Auf dem Weg in die Tierklinik kamen ihm Bedenken wegen des Katzenbisses. Er musste Frau Feyerabend fragen, ob sie an HIV oder Hepatitis litt. Theoretisch sei es möglich, sich über einen frischen Mückenstich an HiV zu infizieren, hatte er einmal gelesen. Es war äußerst unwahrscheinlich aber nicht ausgeschlossen. Falls das stimmte wäre eine blutverschmierte Katzenkralle als Überträger ebenfalls denkbar. Im Geiste sah er sich schon an Immunschwäche dahinsiechen oder mit gelber Haut vor dem Spiegel stehen. Unterwegs rief ihn seine Kollegin an, um ihm mitzuteilen, dass Frau Feyerabend laut der Aussage von Herrn Schaffernicht nicht unter Hepatitis oder HiV litt. Frau Feyerabend selbst, sei momentan nicht ansprechbar. Thomas atmete auf. Das freundliche Personal der Tierklinik nahm die Transportboxen mit den Tieren entgegen. Er überlegte kurz, ob er einen Tierarzt wegen der Infektionsgefahr ansprechen sollte. Er verwarf den Gedanken jedoch gleich wieder. Er war schließlich nicht gerade der klassische Patient eines Tierarztes. Auf dem Rückweg meldete sich Frau Kurzrock noch einmal. „Wir waren gerade beim Arzt von Frau Feyerabend. Sie hat sich verbinden lassen und ist gefragt worden, ob sie noch HiV Medikamente habe oder ein neues Rezept benötige.“ Thomas Stimmung sank unter den Gefrierpunkt.

Er beschloss zum Hausarzt zu fahren. Seine Ärztin hatte natürlich Urlaub. Die Vertretung war glücklicherweise in der Nähe. Die Sprechstundenhilfe fragte ihn bei der Anmeldung: „Hatten Sie einen Arbeitsunfall?“ Nach kurzem Nachdenken bejahte er. „Was ist den passiert?“, fragte sie ohne aufzusehen. „Ich bin von einer Katze gekratzt worden“. Über den Rand ihrer Lesebrille blickte sie Thomas überrascht an. Vermutlich überlegte sie, ob er ihr einen Streich spielen wollte. „Was machen Sie denn beruflich? Tierpfleger?“, fragte sie prüfend. „Ich bin Sozialarbeiter“, berichtete er wahrheitsgemäß. „Für Katzen?“, fragte die Sprechstundenhilfe. „Für Katzen und Menschen. Eigentlich alle Arten von Lebewesen außer Bettwanzen. Hauptsächlich Menschen natürlich,“ erläuterte Thomas und merkte, dass er sich verzettelt hatte. Die Sprechstundenhilfe ging nicht weiter darauf ein. Sie schien beschlossen zu haben, dass er ein Trottel ist. „Um wieviel Uhr?“, fragte sie ohne erneut aufzublicken. „Um wieviel Uhr?“, wiederholte er die Frage verständnislos. Die Sprechstundenhilfe nahm die Brille ab, atmete tief durch und sprach bemüht langsam und deutlich: „Um wie viel Uhr sind sie gebissen worden?“ „Gekratzt“, antwortete Thomas und bereute es sofort als er den Blick seines Gegenübers sah. „Um 11 Uhr“, schob er schnell nach. Als er nach einer langen Wartezeit in das Behandlungszimmer begrüßte ihn der Arzt freundlich. Er sprach langsam und deutlich. Vielleicht hatte ihn die Sprechstundenhilfe darauf vorbereitet, dass gleich ein Problemfall dran war, überlegte Thomas. Er erklärte den Vorfall und seine Sorge sich mit HiV angesteckt haben zu können. Der Hausarzt beruhigte ihn, dass in der medizinischen Literatur keine Fälle von HIV Ansteckungen durch Katzen beschrieben seien. Thomas verkniff sich die Frage, ob es andere literarische Vorfälle dieser Art mit Katzen außerhalb der Medizin gab. Der Mann war schließlich Arzt und kein Literaturwissenschaftler. Er verpasste Thomas eine Tetanusimpfung und schickte ihn zu einem Unfallarzt der Berufsgenossenschaft. Da es sich um einen Arbeitsunfall handelte seien hier besondere Vorgehensweisen notwendig. Einigermaßen beruhigt verließ er die Praxis.

Fortsetzung Teil 6

7 Kommentare zu „Alles für die Katz Teil 5“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s