Abbildung von 5 Soldaten der kaiserlichen deutschen Armee

Früher war gar nichts besser

Mein Urgroßvater ist im Jahre 1889 geboren und 1982 gestorben als ich elf Jahre alt war. Ich kann mich gut an ihn erinnern und mich schaudert es ein wenig, wenn ich diese Zeitspanne so anschaue. Irgendwo habe ich mal über einen alten Mann als Zeitreisenden gelesen. Ich fand den Gedanken schon damals sehr interessant und habe mich als Kind auch öfter gefragt, wie er mit all den Erfindungen und technischen Neuerungen umgegangen sein mag, die das Leben seit jener Zeit revolutioniert haben. Ich dachte damals beispielsweise an das Automobil und das Telefon. Mein Urgroßvater sah sich in meiner Phantasie diese Dinge  das erste Mal mit  offenem Mund staunend an. Für mich war glasklar, dass im Jahr 1980 eigentlich alles von Belang erfunden worden war. Abgesehen von den paar Dingen, die man in dem Krieg der Sterne Film sehen konnte und die halt erst noch erfunden werden mussten. Ich war froh, dass er die rasante Zeit der Erfindungen ohne größeren Schaden überstanden hatte. Er spazierte also ausgestattet mit Hut, Spazierstock und Gehrock durch den Park und roch immer ein bisschen nach Tabak. In seinen Taschen hatte er immer ein paar Bonbons, eine Pfeife und andere brauchbare Dinge, die je nach Jahreszeiten variierten. Schöne braune glänzende Kastanien gehörten im Herbst auch dazu. Wenn er sich mit seinen gut neunzig Jahren nach ihnen bückte war nie ganz klar, ob er sich wieder aufrichten würde oder strauchelnd der Länge nach auf dem Boden landete. Hielt er die begehrte Frucht dann in den Händen huschte ein zufriedenes Grinsen über sein Gesicht und er konnte seinen Spaziergang fortführen. Immer wenn wir zu Besuch bei ihm waren, hing ich wie sein Schatten an ihm. Er saß eigentlich fast immer Pfeife rauchend auf einer Eckbank am Küchentisch und wartete auf die nächste Mahlzeit. Wenn ich mich zu ihm setzte erzählte er gerne Geschichten. Er war vor dem ersten Weltkrieg in Potsdam bei der Kaisergarde gewesen. Da er für damalige Verhältnisse mit 1,90 m sehr groß war, meldete er sich zu den Langen Kerls. So nannte meine Oma die Gardemitglieder. Es gibt ein paar verblasste Fotografien auf denen Männer mit Musikinstrumenten und prunkvollen Uniformen zu sehen sind. Im Krieg war er dann in Rumänien. Eine Geschichte handelte davon wie er sich von der Truppe davonstahl einen Lastwagen aufbrach und glücklicherweise etwas verschimmeltes Brot organisieren konnte, das er dann mit seinen Kameraden teilte. Ein Abendteuer mit einem schimmligen Brot als Happy End überstieg damals mein Fassungsvermögen. Vermutlich ist das der Grund dafür, dass sie Geschichte noch durch meine Gedanken wabert. Von der Verzweiflung und der Not, die dieser Geschichte zugrunde liegt, habe ich damals nichts geahnt. Auch heute fällt es mir schwer mich in eine solche Situation hineinzuversetzen, da es mir schlicht und einfach wirtschaftlich immer gut ging im Leben. Da ich mit meiner eigenen Zeitreise auf dieser Erde auch ein gutes Stück vorwärts gekommen bin, hat sich meine Sichtweise um ein paar Blickwinkel erweitert. Ich bin beispielsweise Zeuge einer digitalen Revolution geworden. Ich sitze immer noch mit vor Staunen offenem Mund in der U Bahn und beobachte alle Menschen um mich herum, die mit ihren mobilen Geräten in die digitale Welt schauen und das reale Leben links liegen lassen. Bevor mich jemand für verrückt erklärt, muss ich ergänzen, dass die Frankfurter U- Bahn außerhalb der Innenstadt meist oberirdisch fährt und ein Fensterplatz durchaus erstrebenswert sein kann. Abgesehen davon, dass elektronische Geräte spätestens nach fünf Jahren, aufgrund von mangelnder Speicherkapazität, fehlender Rechenkapazität und inkompatiblen Ladekabeln, Müll sind, sind auch die realen Auswirkungen dieser digitalen Revolution von einer Geschwindigkeit, bei der ich mich oft alt fühle. Freunde mit Kindern im Alter von zehn bis siebzehn Jahren berichten beispielsweise, das ihre nunmehr fast volljährigen Sprösslinge noch einen relativ unbeschwerten Umgang mit Smartphones hatten, da diese vor fünf Jahren bei Kindern noch nicht sehr verbreitet waren. Heute ist der Druck auf zehnjährige ein Smartphone zu besitzen erheblich. In dieser Altersgruppe haben schon sehr viele eins und die Auswirkungen auf Kommunikation, Freizeitgestaltung und gesellschaftliches Ansehen sind erheblich. Wer sich nun fragt, was daran so schlimm sein soll, sollte mal einer Gruppe tobender Jungs ein Smartphone in die Hand drücken. Danach ist Schluss mit Toben und es herrscht Ruhe. Medien sind die Super Nanny schlechthin. Die Erwachsenen haben ihre Ruhe und die Kinder Übergewicht, motorische Probleme und eine digitale Weltsicht. Ich bin trotzdem zuversichtlich, dass diese Generation trotz moderner Medien und eingeschränkter Eindrücke aus der analogen Realwelt lebensfähig sein wird. Ob mein Urgroßvater ähnliche Probleme hatte? Wilhelm lass bitte die Finger vom Telegraphen und geh raus spielen. Wahrscheinlich nicht. Mit zehn Jahren musste er 1899 in ländlicher landwirtschaftlicher Umgebung vermutlich schon einen Teil zum Familieneinkommen beitragen. Sein Vater war Tagelöhner und er hatte mehrere Geschwister. Kinder wurden wie kleine Erwachsene behandelt und müssten frühzeitig Verantwortung übernehmen. Das Deutsche Reich war gerade fünfundzwanzig Jahre alt geworden und in den Geschichtsbüchern ist von einer wirtschaftlich prosperierenden Zeit zu lesen. Die Menschen wollten, dass es ihren Kindern mal besser geht als ihnen. Eine Einstellung, die ich auch noch bei meinen Eltern beobachten konnte. Der Traum vom gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Aufstieg. Nicht wie der amerikanische Traum vom Tellerwäscher zum Millionär, sondern eher spezifisch deutsch mit solider Arbeit vom Helfer zum Gesellen und zum Meister. Mir fehlt die Phantasie wie es meinen Kindern mal besser gehen sollte als mir. Ein Studium nach Wahl, eine interessante Arbeitsstelle, zeitlebens politische und wirtschaftliche Stabilität, ein geregeltes Familienleben. Das wünsche ich meinen Kindern auch. Was will man auch mehr? Superstar, Topmodel oder Fußballprofi? Meinetwegen, aber dann im Worholischen Sinne jeder nur für fünfzehn Minuten. Die Entwicklung geht auch schon in die Richtung. Mein Urgroßvater hat es zum Schachtmeister gebracht und nach dem Krieg für die Reichsbahn gearbeitet. Während des Krieges ist er Witwer geworden. Bis ihn die Nachricht vom Tod seiner Frau erreichte, er Fronturlaub erhielt und nach Hause reisen konnte war sie längst beerdigt. Seine kleine Tochter wuchs erstmal bei Verwandten auf. Eine tragische Geschichte aus der alleine man schon einen Roman machen könnte. Mit seiner zweiten Frau, meiner Urgroßmutter, zog er in die nächste Großstadt. Es folgte die Zeit der Inflation und Weltwirtschaftskrise. Bei der Reichsbahn kam es zu Massenentlassungen. Mein Urgroßvater reihte sich in das Heer der Arbeitslosen ein. Er zog mit Mitte dreißig zurück in sein Heimatdorf. Mit vierunddreißig wurde ich das erste Mal Vater. Das kam mir aufgrund des Schlafmangels extrem hart vor. Ich musste auch auf diverse Urlausreisen und Kneipentouren verzichten. So ein Kind kann ein Leben schon ganz schon durcheinander wirbeln. Ein Weltkrieg, der Tod der Ehefrau, Hyperinflation mit Weltwirtschaftskrise und Arbeitslosigkeit klingen allerdings ein bisschen härter. Jeder der behauptet früher war alles besser hat keinen blassen Schimmer. In den dreißiger Jahren hat mein Urgroßvater ein Haus in einer Neubausiedlung für seine Familie gebaut. In der Zeit hat er also etwas getan, das heutige Generationen auch noch tun. Es gibt ein Passfoto aus dieser Zeit, das ihn mit einem kleinen Oberlippenbärtchen zeigt. Würde ich es als lustiges Charlie Chaplin Bärtchen beschreiben, würde ich der Sache wohl nicht ganz gerecht. Vorbild dürfte eher Adolf Hitler gewesen sein. Ich habe einmal gelesen, dass mit dem Ende des Nationalsozialismus auch eine Tradition von Familienerzählungen in Deutschland geendet ist. Es begann das große Schweigen. Das Aufkommen des Fernsehens dürfte die Sache noch beschleunigt haben. Meine Mutter hat mit erzählt, dass sie niemals mit ihrem Vater oder Großvater über Kriegserlebnisse gesprochen hat. Die hauptsächliche Bearbeitung dieses Themas erfolgte tatsächlich unter staatlicher Aufsicht in der Schule. In den Familien wurde wie gesagt eher geschwiegen. Ich gehöre zur sogenannten Enkelgeneration. Ich habe meinen Großvater mit Fragen zum Krieg gelöchert. Er hat auch tatsächlich etwas erzählt. Nichts über große Schlachten oder unmenschliche Verbrechen, sondern eher Berichte über Beschwerlichkeiten und menschliche Charaktereigenschaften. Objektiv gesehen haben sich meine Vorfahren für eine falsche Sache instrumentalisieren lassen oder sogar aktiv dafür eingesetzt. So lapidar diese Aussage ist, so schmerzvoll ist sie wenn sie Menschen betrifft, die man geliebt hat. Es ist einfacher darüber zu schweigen. Ich nehme mir auch nicht das Recht heraus über sie zu urteilen, da ich mir nicht sicher sein kann wie ich damals mit den vorhandenen Informationen gehandelt und gedacht hätte. Ich bin kein Richter. Mir geht es eher darum zu verstehen. Heute bin ich dankbar, dass ich in einer sicheren und freien Gesellschaft leben darf für deren Erhalt ich mich einsetze. Mein Urgroßvater ist Mitglied der NSDAP geworden und ich kann nur mutmaßen warum. Vermutlich wollte er sein glanzvolles Kaiserreich zurückhaben. Sein Sohn, mein Großvater, hat mir erzählt, dass man mit negativen wirtschaftlichen Folgen rechnen musste wenn man sich einem Parteieintritt verweigerte. Er selbst pendelte zwischen zwei Städten und erzählte er sei in der jeweils anderen Stadt in der Partei aktiv. Das Widerstand zu nennen ist übertrieben. Eher eine pragmatische Lösung. Das Handeln der schweigenden Mehrheit, die Angst vor Repressalien hatte. Im Falle meines Urgroßvaters zeichnet sich das Bild eines von vielen klassischen Mitläufers. Er war im Dorf in dem er wohnte Teil einer neuapostolischen Gemeinde. Das ist eine christliche Kirche die an die Wiederkehr Christi glaubt. Für die Messe wurde in der Küche ein Altar aufgebaut und die kleine Gemeinde versammelte sich dort. Es schien wohl eher ein Anliegen meiner Urgroßmutter gewesen zu sein, wie verschiedene Familienmitglieder zu berichten wussten. Sie galt als eine Art Hausdrachen, der das Sagen hatte und wenig Rücksicht auf andere nahm. Mir fällt es schwer eine christliche Sekte und die NSDAP unter einen Hut zu bekommen. Es ist vermutlich so ähnlich wie heute. Man hört, sieht und glaubt am liebsten das, was die meisten anderen Menschen im direkten Umfeld auch hören sehen und glauben. Heute haben wir nur deutlich mehr Zugriff auf Informationen. Ich hätte gerne noch die Zeit und die Reife gehabt ihm die richtigen Fragen zu stellen. Mit fünfzig Jahren nahm er also an seinem zweiten Weltkrieg teil und wurde nach Russland geschickt. So waren zumindest die Formulierungen, die mir in Erinnerung geblieben sind. Über den Grad seiner Begeisterung oder gar seines Fanatismus ist mir nichts bekannt. Ich kann mir jedoch schlecht vorstellen, dass er sich als Kriegsveteran große Illusionen über eine Kriegsteilnahme machte. Ebenso fällt es schwer mir diesen vornehmen freundlichen Menschen bei der Beteiligung an unmenschlichen Taten vorzustellen. Dennoch schlummern in jedem Menschen Seiten, die lieber in verborgenen bleiben und dies für gewöhnlich auch tun. Die Decke der Zivilisation, die wir Menschen über uns legen ist im Laufe der Geschichte des Öfteren verrutscht. Als Kind war ich überzeugt davon, dass die Welt eine bessere wäre, wenn alle Menschen so wären wie ich. Heute weiß ich, dass die Welt genau so ist, weil alle Menschen im Grunde so sind wie ich. Was wird mein Urenkel wohl irgendwann über mich denken? Mein Opa war ein cooler Typ, der aber genau wie alle seiner Zeitgenossinnen und Zeitgenossen über seine Verhältnisse gelebt hat und die Ressourcen späterer Generationen verbrauchte? Danke für den Klimawandel Opa. Als mein Urgroßvater aus seinem zweiten verlorenen Weltkrieg zurückkehrte, war seine zweite Tochter an einer Lungenentzündung gestorben. Selbst die amerikanischen Ärzte konnten sie mit ihren Medikamenten nicht mehr retten. Meinem Opa standen auch nach siebzig Jahren noch Tränen in den Augen, wenn er über seine kleine verstorbene Schwester sprach, die nur zwanzig Jahre alt wurde. Im Jahr als sie starb wurde meine Mutter geboren und erbte ihren Vornamen. Als meine Urgroßmutter zwanzig Jahre später starb zog mein Urgroßvater zu seinem Sohn. Mit Messen und Parteien hat er sich die letzten Jahre seines Lebens nicht mehr beschäftigt. Er schien zufrieden zu sein wenn er uns Kindern beim Spielen auf der Straße zusah.Vor seinem Tod, sagte er noch zu meinem Großvater, dass das die schönsten Jahre seines Lebens gewesen seien.

5 Kommentare zu „Früher war gar nichts besser“

  1. Sehr war, ich verstehe auch nicht, warum es diese Vergangenheitsnostalgie gibt. Ganz besonders wenn man das Leben der Generation betrachtet, der dein Urgroßvater angehört hat: zwei Kriege mitgemacht zu haben, zweimal den Horror und das Trauma ….. Klar die kollektive Abhängigkeit von smartphones ist auch gar keine gute Entwicklung, aber im Vergleich ….

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  2. Geralisierende Aussagen wie „Früher war alles besser“ stimmen nie wie auch die Negation „…war gar nichts besser.“ En Urteil über die Veregangenheit hängt doch stets von persönlichen Umständen ab. In meiner Kindheit auf dem Land gabe es kaum einen Haushalt mit Wasserklosett. Man ging aufs Plumpsklo, was mich heute schüttelt. Einmal hatte ich mit meinem Segelflugmodell „Der kleine Uhu“ eine Stoppuhr gewonnen. Ich erinnere mich, auf dem Plumpsklo gesessen zu haben und gedacht: „Ich bin der glücklichste Mensch der Welt!“

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