Archiv der Kategorie: Sozialarbeiterprosa

Alles für die Katz Teil 11

Was bisher geschah Teil 10

Morgen war endlich der große Tag des Umzugs gekommen, den Thomas so herbeigesehnt hatte. Die Verantwortung lastet schwer auf seinen Schultern und er hatte es satt immer für alles den Kopf hinhalten zu müssen. Der heutige Tag hatte ihm den Rest gegeben. Schon am frühen Morgen war er mit den Mitarbeitern der Werkstatt für Behinderte am Möbelmarkt verabredet gewesen. Die Möbel mussten eigeladen und in die Wohnung gebracht werden. Der Hausmeister war von Thomas mit dem Wohnungsschlüssel zu Wohnung bestellt worden. Er musste warten, da die Werkstattmitarbeiter zwar gründlich aber sehr langsam arbeiteten. Das hatte Thomas unterschätzt und musste sich das Gezeter des Hausmeisters anhören, der schließlich besseres zu tun hätte als rumzustehen. Der Gruppenleiter, des Montagetrupps wollte sofort wieder abhauen als sich herausstelle, dass es in der Wohnung keinen Strom mehr gab. Das Paar musste wohl versäumt haben, in den vergangenen Wochen die Stromrechnung zu bezahlen. Alle machten Thomas dafür verantwortlich und erwarteten, dass er das Problem löste. Kurzerhand organisierte er ein Stromkabel und überredete die Nachbarin Frau Alsheimer eine Steckdose zur Verfügung zu stellen. Das Kabel, das quer durchs Treppenhaus verlief wurde ordnungsgemäß festgeklebt damit niemand stolpern konnte. Nachdem er vom Hausmeister den Wohnungsschlüssel in Empfang genommen hatte und dem Gruppenleiter erklärt hatte wo die Möbel montiert werden sollten, machte er sich auf den Weg, um das Bargeld für das Tierheim abzuholen. Mit einem dicken Bündel kleiner Geldscheine in der Tasche fühlte sich Thomas überhaupt nicht wohl. Er würde das Geld zu Hause aufbewahren müssen, da er morgen sehr früh in das Tierheim fahren wollte. Mit den Tieren im Gepäck würde er anschließend das Paar aus der Unterkunft holen und alle in die Wohnung bringen. Damit dieser Plan aufging müssten alle mitspielen. Bei dem Gedanken plötzlich mit den Tieren alleine dazustehen, da das Paar mal wieder nicht greifbar war, wurde Thomas jedes mal ganz mulmig. Es gelang im jedoch immer wieder den Gedanken beiseite zu schieben. Er würde das Paar noch mal besuchen, um es auf den morgigen Tag einzuschwören.

Frau Feyerabend hatte wieder einen guten Tag erwischt. Sie begrüßte Thomas fröhlich und hörte sich nochmals geduldig Thomas Plan für den Umzug an. „Was soll die Katze denn morgen Fressen? Und das Katzenklo ist auch entsorgt worden. Die macht uns die ganze neue Wohnung voll. Das ist ja nur eine Stubenkatze, die nicht raus kann“, gab sie zu bedenken. Das fiel ihr wieder früh ein, dachte Thomas verärgert. Er hatte sich nie mit Haustierhaltung beschäftigt. Er war davon ausgegangen, dass das Paar diese Dinge bei der Planung berücksichtigt hatte. „Gehen Sie doch heute zum Tierhandel und besorgen das noch“, versuchte Thomas abzuwimmeln. Ihm war aber klar welche Einwände gleich kamen. „Ohne Geld? Wissen Sie eigentlich wie schwer so ein Sack Katzenstreu ist?“, erwiderte sie erwartungsgemäß. „Na gut. Lassen Sie uns schnell zum Mamas- Liebling- Tiermarkt fahren und was besorgen. Ein paar Euro dürften noch übrig sein von Ihrem Geld“, gab Thomas schließlich nach. Seinen pünktlichen Feierabend konnte er vergessen. Im Tierhandel angekommen strebte Frau Feyerabend zielstrebig zur Abteilung mit dem Katzenfutter. „Das hier mag mein Liebling so gerne“, sagte sie während sie auf die teuersten Futterdosen im ganzen Laden zeigte. Mit gereiftem Rinder Entrecote für ihren Schatz, las Thomas verblüfft auf der Dose. „Frau Feyerabend, da kostet eine Dose soviel wie ich für den gesamten Einkauf kalkuliert habe. Schauen sie doch mal hier gibt es preiswertes Futter der Firma Nein“, erklärte Thomas und suchte nach weiteren Angeboten. Er entdeckte Dosen mit Weihnachtsdekoration auf denen zu lesen war: Bringen Sie ihre Liebsten gut durch die Weihnachtszeit. Edelfisch für die Katze. Begeistert schaute er zu Frau Feyerabend, um ihr die heruntergesetzten Dosen zu zeigen. In dem Moment sah er wie sie eine der teuren Dosen in ihrer Jackentasche verschwinden ließ. Verdutzt sah er sie an. Frau Feyerabend schien ganz in ihrem Element und ließ eine zweite Dose folgen. „Frau Feyerabend, bitte legen sie die Dosen wieder zurück. Sie bringen uns in Teufels Küche“, flehte Thomas. „Da ist es gar nicht so schlimm wie sie glauben“, antwortete sie und versuchte eine dritte Dose in ihrer Handtasche unterzubringen. Thomas wollte seine Bitte gerade wiederholen als ein dunkelhaariger Mann mit grimmigen Blick seine Hand auf Frau Feyerabends Schulter legte und sagte: „Sicherheitsdienst. Ich muss Sie auffordern Ihre Tasche auszuleeren.“ Thomas hatte ihn nicht kommen sehen. Er schien regelrecht hinter einem Regal gelauert zu haben. „Das ist ein Missverständnis. Wir wollen die Ware kaufen“, stotterte Thomas. „Jeder Diebstahl wird zur Anzeige gebracht. Bitte folgen Sie mir“, entgegnete der Sicherheitsmann routiniert. Im Büro mussten Thomas und Frau Feyerabend ihre Taschen ausleeren. Thomas protestierte: „Ich habe nichts gestohlen. So können Sie mich nicht behandeln.“ Gelangweilt antwortete der Sicherheitsmann: „Wenn Sie nichts gestohlen haben, dann dürften Sie auch kein Problem haben Ihren Tascheninhalt zu zeigen. Sollten Sie nichts gestohlen haben dürfen Sie wieder gehen. Sollten Sie sich weigern ihre Taschen auszuleeren oder etwas gestohlen haben rufe ich die Polizei.“ Frau Feyerabend giftete: „Dann ruf doch die Bullen du Arsch“. In den Augen des Sicherheitsmanns fing es gefährlich an zu blitzen, als er sich Frau Feyerabend zuwandte. „Dich kenn ich doch. Dich habe ich doch schon mal erwischt. Du bist doch sonst immer mit dem anderen Stricher unterwegs“, erwiderte er grimmig. Thomas wusste nicht, ob er empört oder verängstigt sein sollte als der Mann ihnen mit seinem Gesicht ganz nah kam. Frau Feyerabend schrie: „Ich geb Dir gleich …“ und erhob ihre Hand. Thomas hielt sie am Ärmel fest und jammerte. „Bitte Frau Feyerabend beruhigen Sie sich doch. Das lässt sich sicher alles klären. ich bin doch Sozialarbeiter…“ Der Sicherheitsmann und Frau Feyerabend schauten Thomas mit einem merkwürdigen Gesichtsausdruck an. Dem Sicherheitsmann schien klar zu werden, dass Thomas kein Stricher war und er bürokratische Probleme bekommen könnte, wenn er die Junkiebraut schlug. Frau Feyerabend schien eben erst bewusst zu werden, dass Thomas ein Weichei war, das keine Ahnung vom Leben auf der Straße hatte. „Hinsetzen! Ich ruf jetzt die Bullen.“, befahl der Sicherheitsmann zu Thomas Erleichterung.

Fortsetzung Teil 12

Alles für die Katz Teil 10

was bisher geschah Teil 9

Thomas saß an seinem Schreibtisch und versuchte gerade mit einer großen Papierschere seine Fingernägel zu schneiden als sein Telefon klingelte. Es war eine Tierpflegerin namens Ungeheuer, die ungeduldig fragte: „Wann gedenkt jemand die Tiere wieder aus dem Heim abzuholen? Sie sind jetzt schon über zwei Monate hier. Anfangs war von zwei Wochen die Rede. Die Rechnung beläuft sich mittlerweile auf über 3000 Euro. Ich verlange eine möglichst baldige Begleichung in bar.“ Thomas war überrascht: „In bar? Ich dachte das Sozialamt überweist ihnen einfach den Rechnungsbetrag.“ Frau Ungeheuer erwiderte: „Ich habe leider schon zu viele schlechte Erfahrungen gemacht. Ich gebe die Tiere nur gegen Bargeld raus. Sonst laufe ich dem Geld jahrelang hinterher. Das haben Sie übrigens in dem Vertrag, den Sie bei der Übergabe der Tiere unterzeichneten, so akzeptiert.“ „Aber ich bin doch gar nicht der Eigentümer der Tiere“, verteidigte sich Thomas. „Das ist mir gleich. Sie haben den Vertrag unterschreiben und Sie mache ich haftbar“, giftete Frau Ungeheuer. Das „Sie“ betonte sie auf schrille unangenehme Weise. Thomas versuchte beruhigend auf Sie einzuwirken, indem er ihr erklärte, dass innerhalb der nächsten zwei Wochen mit einer Abholung zu rechnen sei und er den Betrag in bar besorgen werde. Wo sollte er denn 3000 Euro in bar hernehmen? Sie hatten nur eine Handkasse mit ein paar hundert Euro für kleinere Anschaffungen. Er würde wohl oder übel mit seinem Chef, Herrn Maus, spreche n müssen. Die Verwaltung würde eine Rechnung erstellen und den hohen Betrag extra von der Bank holen müssen. Frau Schreier von der Verwaltung wird mir den Marsch blasen, wenn Sie einen halben Tag mit Aufträgen wie diesen zu tun hat, dachte Thomas ergeben. Er machte sich auf die Suche nach einem Formular mit dem wohlklingenden Namen „zu erwartende Zahlungseingänge“ und klärte im Laufe des Vormittags mit seinem Vorgesetzten, dem Sozialamt und der Verwaltung, dass er in vierzehn Tagen einen Barbetrag von 3700 Euro entgegen nehmen konnte. Eine weiter Schlacht im Papierkrieg war erfolgreich gewonnen.

Nachdem Thomas mit dem technischen Sachbearbeiter, Herrn Bruchtal, geklärt hatte wann die Renovierung abgeschlossen sein würde, organisierte er den gesamten Umzug um diese Datum herum. Das Jobcenter hatte 1600 Euro für Möbel bewilligt. Aus unerfindlichen Gründen galt Frau Feyerabend als arbeitsfähig und fiel in Sachen Erstausstattung in deren Zuständigkeit. Das Geld wollte man schlauerweise nicht an sie direkt überweisen, sondern an Thomas Arbeitgeber. Thomas hatte mit Frau Feyerabend im Billo Markt eine Küchenzeile für 204 Euro mit einem Anschluss Set für die Spüle erstanden. Weiterhin hatten sie ein Sofa für 300 € und ein Ehebett für 800 Euro erstanden. Thomas hatte noch versucht für ein günstigeres Bett zu werben aber Frau Feyerabend ließ sich nicht umstimmen. Zusammen mit dem Fernseher und einer elektrischen Kochplatte war das Budget somit erschöpft. Frau Feyerabend hatte jedoch wohlgelaunt erklärt, dass man das ein oder andere Assecoire später besorgen könne. Vor lauter Dankbarkeit hatte sie ihm sogar eine teure Schachtel Pralinen geschenkt. Das war zwar verboten, weil Thomas keine Geschenke über fünf Euro annehmen durfte, aber Frau Feyerabend ließ sich nicht umstimmen. Schließlich behauptete sie sogar, dass die Pralinen auf 4,99 Euro heruntergesetzt waren. Thomas wollte mal nicht so kleinlich sein. Er konnte auch keine Beeinflussung seiner Tätigkeit erkennen, die einer Bestechung gleich käme. Er war schließlich weder Leistungssachbearbeiter noch Bauamtsleiter und hatte nichts von wirtschaftlicher Bedeutung zu entscheiden. Da billige Möbel zeitaufwendig und kompliziert aufzubauen waren, organisierte Thomas einen Montagedienst über einen sozialen Träger. Er hatte eine Werkstatt für Behinderte gefunden, die die Möbel im Billo Markt abholen und einen Tag vor dem Einzug des Paares in der Wohnung aufbauen würde. Mit entsprechenden Attesten von Frau Feyerabend würden die Kosten vom Jobcenter übernommen. Man erklärt der Behörde, die für die Vermittlung einer Arbeit zuständig ist, dass die Kundin nicht in der Lage ist zu arbeiten und beantragt Unterstützung. Das ist unlogisch, dachte Thomas. Die logische Konsequenz wäre, dass ein Verfahren zur Prüfung der Arbeitsunfähigkeit eingeleitet und der arbeitsunfähige Mensch zum Sozialamt übergeleitet würde. Doch bei Behöden ging es erfahrungsgemäß nicht immer logisch vor, musste er sich eingestehen. Wenn die Wohnung eingerichtet und bewohnbar war, würde Thomas erst das Geld, dann die Tiere und schließlich die Menschen einsammeln und in das gemachte Nest bringen. Bei dem Gedanken das Paar mit ihren Tieren in der Wohnung zu wissen und vor allem endlich wieder los zu sein, wurde ihm ganz warm ums Herz.

Fortsetzung Teil 11

Alles für die Katz Teil 9

Was bisher geschah Teil 8

In der nächsten Woche hatte Thomas mehr Glück bei seinem Hausbesuch. Er konnte durch den Notausgang ins Haus schlüpfen als jemand herauskam. Frau Feyerabend war tatsächlich zu Hause und hatte den Antrag unterschrieben. Sie war wieder schön zurecht gemacht und bester Laune. Thomas konnte wieder einmal nur staunen über die Verwandlung. „Ich habe ein paar Sachen von Ihrer Liste gestrichen. Ich möchte meine Wohnung möglichst einfach halten. Ohne Ballast in die Zukunft, sozusagen“, erklärte Frau Feyerabend lächelnd. „Ein Doppelbett, ein Sofa und ein Fernseher reichen“, fuhr sie fort. „Sie dürfen die Küche nicht vergessen“, gab Thomas zu bedenken. „Ja, einen Kühlschrank brauche ich auch“, überlegte sie laut. Thomas ergänzte: „Und eine kleine Küchenzeile mit Spüle, einen Herd sowie einen Tisch mit Stühlen.“ Frau Feyerabend winkte ab: „Ach, einen Herd brauche ich nicht. Ich besorge mir einfach eine Kochplatte. Ich koche ja eh nicht.“ Das war kein schlechter Einwand, dachte Thomas. „Dann können wir ja nächste Woche zum Billo Möbelmarkt hier um die Ecke gehen. Dort gibt es preiswerte Möbel. „Das ist doch alles Schrott, was es da zu kaufen gibt. Alles nur Speerholzmöbel, die schon beim Aufbau kaputt gehen.“, beschwerte sich Frau Feyerabend. Eigentlich hat sie recht, dachte Thomas. Er sagte aber:“ Da gibt es ein paar recht schicke Sachen im Sonderangebot. Außerdem bekommt man dort alles für den Haushalt aus einer Hand. Leider haben Sie auch nicht viel Geld zur Verfügung. Lassen Sie uns nächste Woche am Donnerstag zusammen schauen, ob etwas für Sie dabei ist.“ Murrend stimmte Frau Feyerabend zu. Plötzlich schien ihr ein Gedanken zu kommen: „Ich brauch auch einen Fernseher. Hier um die Ecke gibt es einen prima Second Hand Laden. Die haben auch neue Ware, die umgetauscht wurde oder Ausstellungsstücke. Da könnten wir doch eben mal vorbei gehen.“ Thomas übelegte kurz und stimmte zu. Er ließ sich den Weg beschreiben, da er vorher sein Auto holen wolte, das im Parkverbot stand und verabredete sich mit Frau Feyerabend in 15 Minuten vor dem Laden.

Der Laden mit der Aufschrift „Import- Export Schlecht“ war in einem alten Weltkriegsbunker aus dem Dritten Reich untergebracht. Firma Schlecht: Hier ist der Name Programm, dachte Thomas sarkastisch. Er stieg die alte Betontreppe bis in die zweite Etwage hoch und gelangte in einen großen Raum mit Regalen und einer langen Theke, hinter der ein Mann mit Anzug und Krawatte stand. In den Regalen standen verschiedene Elektrogeräte und Kartons. Thomas fragte sich, ob einige dieser Dinge nicht eventuell vom Laster gefallen waren. Von Frau Feyerabend fehlte jede Spur, obwohl bereits eine halbe Stunde vergangen war seit ihrer Trennung. Diese Frau machte ihn wahnsinnig. Vielleicht hatte sie sich an der ersten Straßenecke wieder von Dr. Jekyll in Mister Hyde verwandelt und zog nun marodierend und Crack rauchend durch das Bahnhofviertel? Ein weiterer Mann mit einer schwarzen Lederjacke betrat den Raum und schaute such ebenso suchend um wie Thomas. Dem Verkäufer mit dem schlecht sitzenden Anzug war der plötzliche Andrang wohl nicht ganz geheuer. Er schien beschlossen zu haben in die Offensive zu gehen und kam mit reibenden Händen auf die beiden Männer zu. „Herzlich Willkommen. Wie kann ich Ihnen dienen? Wir haben alles außer Waffen und Frauen“, begrüßte er sie mit leichten osteuropäischen Akzent. Thomas blickte in das irriterte Gesicht des Mannes mit der Lederjacke und machte eine Geste, um ihn den Vortritt zu lassen. Entweder hatte der Verkäufer die beiden Kunden fälschlicherweise als Zivilpolizisten identifiziert oder er hatte eine merkwürdige Art von Humor. Nach kurzen überlegen kam Thomas zu dem Schluss, dass vermutlich beides der Fall war. Wenn er mit amtlicher Miene und einem Kollegen unterwegs war, wurden sie oft für Polizisten gehalten. Einmal waren sie in einem Park auf der Suche nach einem Klienten gewesen und eine ganze Gruppe Jugendlicher hatte bei ihrem Anblick reißaus genommen. Ein belustigendes und gleichzeitig befremdliches Gefühl. Während der Verkäufer mit seinem Kunden in einem weitern Raum mit Ausstellungsstücken verschwand, schaute sich Thomas schon mal um. Es gab hier wirklich einige günstige Flachbildschirmfernseher und allerlei Geräte, deren Funktion ihm unbekannt waren. Es gab nur handgeschriebene Preisschilder und leider keine weiteren Erklärungen. Während er überlegte, ob hier Quittungen ausgestellt wurden, die vom Amt akzepiert würden, kam Frau Feyerabend mit Herrn Schaffernicht in den Verkaufsraum. Herr Schaffernicht grinste einen mannshohen Kühlschrank in der Ecke an und kümmerte sich nicht weiter um Thomas. Frau Feyerabend schien zu Höchstform aufzulaufen. „Super Laden hier, oder?“, fragte sie aufgekratzt. Thomas hasste jede Form von Shopping und beschloss, die Sache pragmatisch anzugehen. „Das hier sind die billigsten Geräte“, sagte er und zeigte auf zwei Flachbildschirme. „Jetzt müssen wir nur noch fragen, ob ein Receiver enthalten ist oder ein externer gekauft werden muss. Haben Sie Kabel, Satelit oder Antenne?“ Frau Feyerabend dachte angestrengt nach und ihre Stirn legte sich in Falten. „Du Basti, was haben wir denn?“, fragte sie. Basti schien aber ebenfalls keinen Empfang zu haben und kommunizierte weiter nonverbal freundlich mit dem Kühlschrank. „Der hat sich gerade ein paar Angstlöser eingeschmissen“, stellte sie mit einer wegwerfenden Geste fest und musste zugeben: „Ich habe keine Ahnung von diesen technischen Dingen.“ Die hatte Thomas auch nicht richtig. Er hoffte der Mann mit dem schlecht sitzenden Anzug würde ihnen helfen können. Nachdem der Lederjackenmann mit einem Karton den Laden verlassen hatte, wandte sich der Verkäufer Thomas und Frau Feyerabend zu. Thomas ergriff das Wort und sagte: „Wir wollen gerne diesen Fernseher für 200 Euro kaufen:“ Der Verkäufer antwortete: „Das geht nicht.“ „Wieso?“, fragte Thomas neugierig. „Weil das ein Computer Monitor ist und kein Fernseher,“ antwortete der Verkäufer ohne eine Miene zu verziehen. Thomas schien im Ansehen des Verkäufers schlagartig etwas zu sinken. Frau Feyerabend gab sich unbeeindruckt von den neuen Erkenntnissen und lauschte gebannt. Thomas räusperte sich und sprach „Äh, welche günstigen Fernseher hätten Sie denn im Angebot?“ Der Verkäufer wies wortlos auf das zweite Gerät, dass Thomas zuvor ins Auge gefasst hatte. Mist! Da war er mit einer fünfzig prozentigen Wahrscheinlichkeit ins Fettnäpfchen getreten. „Ist da ein Empfangsgerät drinnen?“, fragte er anschließend. Der Verkäufer bejahte und bot Frau Feyerabend an, das Gerät für eine Anzahlung von fünfzig Euro zu reservieren. Da Frau Feyerabend kein Geld hatte beschloss Thomas ihr das Geld privat vorzustrecken. Seine Kollegin würde ihm einen Vortrag über professionelles Arbeiten halten und ihm erklären, dass er vor dem Einkauf von Waren für Klienten eine Kostenzusagen haben müsste. Er entschied deshalb niemanden etwas davon zu erzählen. Auf dem offiziellen Weg würde es zehn mal so lange dauern und das günstige Angebot wäre weg. So war es auch für Thomas weniger Arbeit.

Fortsetzung Teil 10

Alles für die Katz Teil 8

Was bisher geschah Teil 7

Hinter einer Biegung entdeckte Thomas eine offene Bürotür. Als Thomas hinein lunste, sah er einen dunkelhaarigen Mann mit mächtigem Schnauzbart genüsslich eine Zigarette rauchen. Er schrak kurz zusammen als er Thomas entdeckte, aber fing sich bemerkenswert schnell wieder. „Entschuldigen sie ich suche das Paar Schaffernicht- Feyerabend. Ich bin angemeldet“ erklärte Thomas geflissentlich. „Kein Problem. Folgen Sie mir“, antwortete der Mann während er aufsprang, seine Schlüssel suchte und sein Büro absperrte. „Sie können mir auch den Weg erklären“, bot Thomas an. Er führte seine Hausbesuche am liebsten ohne Vermieter oder Hausbesitzer durch. Man wurde sonst schnell als deren Verbündeter angesehen und das konnte den Beziehungsaufbau erschweren. Als der Mann jedoch lapidar antwortete: „Zu kompliziert“, ließ ihn Thomas gewähren. Nachdem sie mehrere Gänge und Ebenen durchquert hatten, war er seinem Führer regelrecht dankbar, dass dieser keine Beschreibung des Weges versucht hatte. Ebenso dankbar war er dafür, dass es in diesem Haus offensichtlich Notausgänge gab. Zumindest waren die von außen als solches deklariert worden. Als hätte er Thomas Gedanken erraten erklärte der Mann: „Gehen Sie einfach diese Treppe hier runter und verlassen Sie das Haus über den Notausgang. Das ist ein bisschen kompliziert hier aber wir müssen die Zugänge etwas kontrollieren, sonst haben wir zu viele ungebetene Gäste. Hier wohnt das Paar“. Thomas bedankte sich und fragte, ob es irgendwelche Probleme gab. Der Mann schien zu überlegen an welcher Art Problemen Thomas interessiert war. Da fiel Thomas auf, dass er sich gar nicht vorgestellt hatte. Sein Klemmbrett schien dem Mann Ausweis genug gewesen zu sein. Er hatte bestimmt sofort an irgendein Amt gedacht als er es gesehen hatte. Jetzt fragte er sich, ob Thomas Vertreter des Gerichts, der Sozialbehörde, der Ausländerbehörde oder des Ordnungsamtes war. Polizisten, Drogendealer oder Geldeintreiber trugen für gewöhnlich kein Klemmbrett unter dem Arm. „Ich bin Sozialarbeiter“, erklärte Thomas. Der Mann mit dem mächtigen Schnauzbart schien erleichtert. Das war für ihn wohl die Variante, die am wenigsten Ärger und Arbeit für ihn verhieß. Nachdem er dem Paar absolute Problemfreiheit attestiert hatte, verabschiedet sich der Mann und stieg wieder in sein Kellerbüro hinab.

Thomas klopfte an die Türe. Nachdem nichts geschah klopfte er erneut und rief dazu sein Anliegen durch die geschlossen Türe. Nach mehreren Versuchen hörte er schließlich Herrn Schaffernicht rufen: „Moment!“ Nach etwa zehn Minuten öffnete Herr Schaffernicht die Türe. Heute trug er wieder sein fröhliches Gesicht. „Hallo Herr Leykauf. Schön, dass sie mal spontan vorbei kommen. Sabine ist nicht da. Sie ist auf Cracktour im Bahnhofsviertel. Die macht sich total kaputt.“ Verwundert stellte Thomas fest, dass es Herr Schaffernicht schaffte trotz seines fröhlichen Gesichtsausdruck traurig zu wirken. „Hat Ihnen niemand ausgerichtet, dass ich vorbei komme?“, fragte Thomas ohne wirklich neugierig auf die Antwort zu sein. Er würde sich damit abfinden müssen, dass Treffen nur zufällig zustande kamen. „Nö“, stellte Herr Schaffernicht lapidar fest. Das Zimmer schien einigermaßen ordentlich zu sein. Lediglich hier und da ein paar Kleiderhaufen. „Wie geht es Ihnen? Gab es Probleme mit Bettwanzen?“, erkundigte sich Thomas. Herr Schaffernicht sah ihn fröhlich an und antwortete: „Noch haben wir keine Probleme mit Bettwanzen. Es ist aber nur eine Frage der Zeit. Die sind doch überall. In der Straßenbahn oder im Bahnhofsviertel. Ich kenne viele Freunde die Probleme in ihren Wohnungen damit haben und die besuchen sich fleißig untereinander. Da kommt der Kammerjäger und kurz darauf der Bekannte mit der Tasche voll neuer Bettwanzen. Außerdem sitzen die in allen Ritzen und in den Wänden. In den Rollladenkasten kommt auch nicht genug Gas. Das ist doch alles zwecklos. Kann ich nicht hierbleiben? Hier ist echt klasse.“ Für Thomas klang das eher nach einer ausgeprägten Bettwanzenparanoia. Die Kammerjäger würden schon wissen was zu tun ist, beruhigte er sich. „Wenn Sie sich trennen wollen, können Sie gerne beim Sozialamt nach einer Unterbringung wie dieser fragen. Wir sollten uns nun Gedanken machen, wie das mit dem Wiedereinzug laufen soll. Es müssen neue Möbel beantragt und gekauft werden. Eine neue Küche muss eingebaut werden und die Tiere müssen geholt werden. Wie geht es den beiden denn?“ Sebastian Schaffernicht ging zum Bett, legte sich nieder und sagte: „Keine Ahnung. Wir haben sie nicht besucht. Das ist doch viel zu weit weg. Was den Umzug betrifft. Ich wurde gerne hierbleiben.“ Thomas seufzte und hielt sich an seinem Klemmbrett fest. Vielleicht hätte er doch lieber Polizist, Drogendealer oder Geldeintreiber werden sollen. Obwohl diese Berufsgruppen bestimmt ebenfalls viel frustrierendes erleben durften. „Ich habe ihnen schon mal die Anträge für neue Möbel mitgebracht. Ich komme nächste Woche um diese Zeit wieder. Frau Feyerabend soll bitte unterschreiben und fehlende Möbel ergänzen“, dozierte Thomas. Eigentlich mochte er dem Klientel nicht alle Entscheidungen und Schritte abnehmen, doch in diesem Fall würde sich ohne Unterstützung vermutlich gar nichts bewegen. So hatte er eine Liste mit Möbeln und Haushaltsgegenständen erstellt, die er für wichtig hielt. Frau Feyerabend würde sich allerdings zwingend dazu äußern müssen, sonst würde er am Ende mit Vorwürfen überschüttet werden, dass Dinge fehlen, die Frau Feyerabend für wichtig hielt. Das Spielchen kannte er zur Genüge. Wenn etwas schiefging musste immer ein Schuldiger her. Selbstkritik war nicht jedermanns Sache. Einfacher war es den ersten verfügbaren Menschen in der Umgebung verantwortlich zu machen. Und das war für viele seiner Klienten nun mal Thomas. Ein weiteres Problem war der geringe Betrag, der für die sogenannte Erstausstattung einer Wohnung zur Verfügung stand. Für 1400 Euro sollten alle wichtigen Möbel samt Küche beschafft werden. Es war ein Wunder, dass die Wohnungen der Bedürftigen überhaupt einigermaßen eingerichtet waren. Man durfte das Organisationstalent und die Selbsthilfemöglichkeiten von armen Menschen nicht unterschätzen, aber darauf konnte er sich als Sozialarbeiter nicht verlassen. Die notwendigsten Dinge würde er mit dem Paar besorgen müssen.

Fortsetzung Teil 9