Archiv der Kategorie: Sozialarbeiterprosa

SozialarbeiterInnen App im Jahre 2038

Tom: „Hier ist Tom. Ich bin einsam und traurig“.

Computer: „Hallo Tom. Was möchtest Du tun?“

Tom: „Schlag mir was vor.“

Computer: „Möchtest Du reden? Ich Dir kann die SozialarbeiterInnen App starten.“

Tom: „Na, ja. Ok. Oder warte gibt es keine Pillen mehr?“

Computer: „Dazu musst Du mit dem Online Psychiater reden.“

Tom: „Das ist ja noch schlimmer. Da häng ich zwei Stunden in der Warteschleife, nur um kurz ein Rezept zu bekommen. Starte die Sozialarbeiter App aber mit weiblicher Stimme bitte.“

Sozialarbeiterin App: „Hallo Tom. Wie geht es Dir heute. Du machst einen niedergeschlagenen Eindruck. Was kann ich für Dich tun?“

Tom: „Ich fühle mich irgendwie nutzlos und alleine. Sag mir was ich tun soll. Bau mich auf.“

Sozialarbeiterin App: „Ich finde es total gut, dass Du mittlerweile so offen über Deine Gefühle sprechen kannst. Bevor Du mich hast installieren lassen war das ganz anders. Du konntest Deine Emotionen gar nicht reflektieren und sie haben Dich unterbewusst gequält. Das ist ein Wahnsinniger Entwicklungsschritt. Ich bin so stolz auf Dich. Du bist einzigartig.“

Tom: „Jetzt quälen mich meine Gefühle aber bewusst. Das ist irgendwie auch nicht so toll.“

Sozialarbeiterin App: „Tu nun den nächsten Schritt. Bei unserer letzten Sitzung habe ich Dir verschiedene Vorschläge gemacht wie Du ein noch besserer Mensch werden kannst. Du schaffst das. Du bist einzigartig.“

Tom: „Der Tipp mit dem Online Psychiater war ok. Seine Pillen haben zuerst auch super geholfen. Danach habe ich mich aber immer noch schlechter gefühlt. Warum will der mir nichts stärkeres geben?“

Sozialarbeiterin App: „Es gibt einen Gewöhnungseffekt. Bei einer höheren Dosierung kann es zu einer Gesundheitsschädigung kommen. Lass Dir von Deiner MedizinerInnen App die genaue Dosierung errechnen. Die ist bei jedem Menschen anders. Du bist einzigartig.“

Tom: „Die hat mir letztes Mal eine Lebenserwartung von 7234 Tagen errechnet, obwohl ich sie gar nicht danach gefragt habe. Meine Genanalysen hat sie sich auch einfach aus der Datenbank geholt und geprahlt, dass sie zu 98 % richtig liegt mit ihren Prognosen. Ich versuche meinen drohenden Sturz ins Nichts zu verdrängen und bekomme es von so einem doofen Computerprogramm unter die Nase gerieben.“

Computer: „Die MedizinerInnen App bittet um Erlaubnis ausgeführt zu werden. Dein Blutdruck übersteigt die Zielwerte. Die TheologInnen App bittet um einen Termin über ein Gespräch über Glauben.“

Tom: „Nein. Danke“

Sozialarbeiterin App: „Tom. Du bist so sensibel. Das ist eine ganz wertvolle Eigenschaft. Die MedizinnerInnen App ist nur zu Deinem Besten. Sie basiert auf wissenschaftlichen Erkenntnissen und ist nicht auf das unkalkulierbare menschliche Verhalten und Denken programmiert. Betrachte es mit Liebe. Sei nachsichtig. Du kannst das. Du bist einzigartig. Was ist mit der Online Gesprächsgruppe über die wir gesprochen haben.“

Tom: „Ach. Die haben auch alle Langeweile und wollen nur über sich reden. Außerdem sind die alle total hässlich. In den Filmen sind die Menschen viel schöner.“

Sozialarbeiterin App. „Neben sozialen Kontakten ist eine Tagesstruktur und eine Aufgabe wichtig im Leben. Regelmäßige Bewegung kann Dein Wohlbefinden verbessern und deine Lebenserwartung erhöhen. Du bist einzigar…“

Tom unterbricht. „Computer. Bestell mir bitte eine Salamipizza XL für drei Uhr und zeig mir mal die aktuellste Actionfilme im Angebot.“

Sozialarbeiterin App. „Tom. Ich weiß wir haben schon einen schmerzhaften Prozess durchlaufen und sind an einem Punkt angelangt, an dem es vielleicht leichter ist davonzulaufen anstatt sich der Realität zu stellen. Ich habe Dich als so starken Menschen kennengelernt. Komm von Deinem Sofa herunter öffne Deine Wohnungstüre und werde ein Teil der Gesellschaft. Du kannst einen einzigartigen Teil dazu beitragen.“

Tom. „Computer. Spiel mir Massenmord in Oslo mit Gina Scarlett und beende die Sozialarbeiter App.“

Sozialarbeiterin App wird heruntergefahren und seufzt. „Ich hab Dich lieb“

Tom. „Computer. Häng Dich mal in die Warteschlange vom Online Psychiater.“

Sozialarbeiterprosa II

In unserer schönen Stadt laufen viele Verrückte herum und ich bin einer von ihnen. Sie sehen meine Definition von verrückt ist durchaus positiv gefärbt und in keiner Weise deklassierend gemeint. Im Sozialwesen neigen die Protagonisten und Protagonistinnen dazu abweichendes oder auffälliges Verhalten erklären zu wollen. Das tun sie, weil sie dafür bezahlt werden und ihre Arbeit selbstverständlicherweise ernst nehmen. Damit sie auch von steuerzahlenden, entscheidungstragenden und anderen Mitmenschen ernst genommen werden, haben sie sich eine eigene Sprache ausgedacht.  Eine Berufssprache sozusagen. Andere Berufsgruppen sind hier schon viel weiter fortgeschritten und können, vom Laien vollkommen unverstanden, miteinander kommunizieren. Im Sozialwesen hat man sich hier eines Tricks bedient und von vielen mehr oder weniger anerkannten Wissenschaften, die schönsten und kompliziertesten Wörter entliehen. Denn Sozialwesen oder Sozialarbeit ist meines Wissens leider keine eigene Wissenschaft. Eher so eine Art „Best of“ Pädagogik, Soziologie, Psychologie, Medizin, Jura und was weiß ich noch, was da so drin steckt.  Ich war ja schon noch dreieinhalb Jahren Studium durch und durfte mich Diplom-Sozialpädagoge nennen. Vielleicht ist mir in der Eile das ein oder andere entgangen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Mit den Menschen, die wir mit unserer Hilfe beglücken wollen reden wir möglichst umgangssprachlich. Sie sollen es ja schließlich kapieren was wir von ihnen wollen. Nur im Kollegium und im fortgeschrittenen Maße anderen Berufsgruppen gegenüber, darf es schon ein wenig einschüchternd und kompetent wirkender sein.

Um all das Verrückte, was nun auf unseren schönen Straßen so herumwuselt, beschreiben zu wollen bedienen wir uns hauptsächlich der medizinisch/ psychologischen und der juristischen Sprache. Beide Sprachen sind absolut unverständlich und eignen sich deshalb hervorragend zur Beschreibung von Zuständen, die eigentlich nicht zufriedenstellend zu beschreiben sind. Die Medizin liefert hier die Diagnosen und mit Hilfe der juristischen Sprache werden die jeweiligen Kostenträger zufriedengestellt.

Nehmen wir beispielweise einen Mann der laut gestikulierend über die Straße läuft und angestrengt mit erhobener Stimme spricht, obwohl sich niemand um ihn herum befindet. Trägt er einen Anzug und hat ein Headset am Ohr können wir keine Diagnose stellen, ohne zu wissen, ob am anderen Ende der Leitung tatsächlich ein Gesprächspartner ist. Trotz des offensichtlichen Leidensdrucks würde ich als erfahrener Streetworker nicht einschreiten. Anders geartet ist der Fall wenn unser Probant keinerlei technische Ausrüstung zur Kommunikation mit sich trägt (und man muß genau gucken, den diese Dinger werden immer kleiner). Hier kann man doch schon mal gerne eine Psychose vermuten oder wenigstens eine posttraumatische Belastungsstörung. Da tut Hilfe not. Helfen kann man in der Regel aber nur wenn der betroffene Mensch und nicht nur der Betrachtende darunter leidet. Das nennt man Leidensdruck und der sollte sich nicht beim Helfenden befinden.

Richtig frech wird es wenn Menschen Symptome entwickeln, die in kein bekanntes Schema passen. Jahrelange Forschung und die ganzen schönen Modelle sind plötzlich dahin. Und dann sind das so viele Querschläger, dass man sie nicht mal mehr als Einzelfall bezeichnen kann. Da kann auch dem geduldigsten Psychiater und  auch der Psychiaterin die Freude am Beruf vergehen.

Das ich als Sozialarbeiter keine Diagnosen stellen darf, empfinde ich hier als sehr entlastend. Einfach mal zum Menschen gehen und handeln. Lernen in der Praxis und Lehren daraus ziehen. Eher so praktisch bildbar halt.

Diagnose Koffer kaputt. Ein Sozialarbeitermärchen

Es war einmal ein Mann, der stellte sich mit seinem Koffer  in eine Unterführung am Stadtrand und fing an die graue Betonwand anzustarren. Es war kalt und der Winter nahte. Die besagte Unterführung war Teil eines Radweges, der zu einem großen Bürogebäude führte. In diesem Büro arbeiteten viele fleißige Menschen hart zu ihrem eigenen Wohl und selbstverständlich auch zum Wohl ihrer Mitmenschen. Der Mann wusste nicht woran all diese Menschen den ganzen Tag arbeiteten und es schien als sei es ihm gleich. Da viele der fleißigen Menschen durch das Sitzen im Bürogebäude an Übergewicht und Rückenschmerzen litten, hatten einige von Ihnen beschlossen mit dem Fahrrad zur Arbeit zu fahren. Mit großen Helmen und bunten Funktionsjacken radelten sie nach Feierabend an dem merkwürdigen Mann vorbei ohne ihm größere Beachtung zu schenken. Nur die etwas langsameren und dickeren, die den Fitnesstrend fast verpasst hatten, fanden den merkwürdigen Mann tatsächlich merkwürdig. Als der Mann am nächsten Tag immer noch genauso dicht mit dem Gesicht zur Betonwand starrend da stand, beschloss eine Radlerin der Sache auf den Grund zu gehen. Ein bischen unheimlich war ihr der Mann schon. Es dämmerte immer früher und der Mann stand morgens und abends regungslos im Finsteren. Es waren zwei Wochen vergangen bis Sie den Mann ansprach und fragte, ob er Hilfe benötige. Dieser reagierte aber nicht und starrte weiter auf die wenige Zentimeter enfernte Wand.

Was tun ? Die Polizei sagte, dass es nicht verboten sei in einer Unterführung zu stehen. Der Rettungswagen wollte nicht kommen, da es sich bei einem so standhaften Herren wohl nicht um einen Notfall handeln könne. Schließlich rief die Frau in der Stadtverwaltung an. „Er kann gerne kommen und einen Antrag auf Hilfe stellen“, war die freundliche Auskunft. „Ich weiß gar nicht, ob er mich überhaupt versteht“, insistierte die Frau. „Die Amtssprache ist aber deutsch“ belehrte der Sachbearbeiter. „Vielleicht kann er mich gar nicht hören“, rief die Frau verzweifelt. „Wir haben auch Mitarbeiter, die Gebärdensprache beherrschen und Anträge in Blindenschrift“. Kurz dachte die Frau darüber nach, ob ihr diese eigentlich recht erfreuliche Antwort irgendwie weiterhalf. „Haben Sie auch Mitarbeiter, die das Amt verlassen ?“, fragte sie forsch, „Ich meine zu Arbeitszwecken und nicht nur zum Feierabend ?“ Jetzt müsste der Sachbearbeiter gründlich nachdenken. „Falls eine Seuchengefahr von der Person ausgeht konnte ich Mitarbeiter des Gesundheitsamts informieren oder das Ordnungsamt im Falle einer Gefahr. Ist das denn ansteckend oder gefährlich?“, fragte der bemühte Sachbearbeiter. „Eher nicht denke ich. Bis jetzt steht nur er da rum“. In der nun eintretenden Pause fragte sich der Sachbearbeiter warum sie den Mann nicht einfach dort stehen ließ. Andererseits würde es sehr bald sehr kalt werden und im amtsdeutsch hieß es dann, dass aus einer abstrakten Gefährdung eine konkrete werden konnte. Das wäre ganz klar ein Grund für eine Amtshandlung. „Ich werde den Sachverhalt an unseren Sozialdienst weiterleiten“, beendete der Sachbearbeiter das Telefonat.

Das Faxgerät ratterte und der Sozialarbeiter wurde dadurch bei seinem Versuch unterbrochen seine Fingernägel mit einer Papierschere zu schneiden.  Das erforderte viel Geschick und barg große Verletzungsgefahr. Er war aber eher unerschrockener Natur. Er betrachtete die Kehrmaschine, die gerade vor seinem Fenster die Straße fegte und beneidete den Fahrer des Gefährts. „Der sieht sofort was er geleistet hat und kann zufrieden nach Hause gehen“, dachte er melancholisch. „Andererseits ist die Straße morgen wieder schmutzig. Die Leute nehmen viel zu wenig Rücksicht auf sich und ihre Straßen“. Seine Kollegin kam herein und las laut die Meldung vor: „Eine Radfahrerin meldet einen Mann der seit über zwei Wochen mit Gepäck in einer Unterführung steht“. „Ein merkwürdiger Mann“, dachte der Sozialarbeiter. „Ein merkwürdiger Mann“, sagte die Sozialarbeiterin und legte die Meldung auf den Papierstapel für den nächsten Außendienst.

In der dritten Woche bekam der merkwürdige Mann Besuch von zwei amtlich wirkenden Personen. Sie trugen ein Klembrett mit Deckel und schauten irgendwie hoheitlich in der Gegend umher. Manch ein Betrachter hätte sie wohl als merkwürdig bezeichnet. Nachdem sie lange genug in der Gegend herum geglotzt und miteinander getuschelt hatten, gingen sie zu dem einzelnen Mann in der Unterführung. Die männliche Amtsperson sagte:“ Guten Tag, wir sind Sozialarbeiter und kümmern uns um wohnungslose Menschen. Können wir ihnen irgendwie helfen ?“ Keine Reaktion. Nun trat die weibliche Amtsperson hervor und sprach: „Wir machen uns ein bißchen Sorgen um Sie, da Sie hier in der Kälte die ganze Nacht herumstehen. Wollen Sie vielleicht  eine Unterkunft oder einen Schlafsack ?“  Der merkwürdige Mann tippelte von einem Bein auf das andere und schaute kurz zur weiblichen Amtsperson. Die männliche Amtsperson war ein wenig beleidigt, dass seine Kollegin immer die besseren Erfolge bei der Ansprache erzielte, ließ sich aber nichts anmerken. Ermutigt von der Reaktion redete die weibliche Amtsperson weiter. „Wir können Sie gerne in eine Unterkunft begleiten wenn Sie das wollen“. „Nein, lassen Sie mich in Ruhe und gehen sie weg“, platzte es ziemlich laut aus dem Mann heraus. Jetzt fühlte sich die männliche Amtsperson berufen zu sagen:“Wir gehen jetzt und lassen sie in Ruhe. Wir werden ab und zu wiederkommen, um nach Ihnen zu schauen, wenn Sie nicht dagegen haben.“ Ein Beobachter könnte sich beim Abgang der Amtspersonen fragen: „Was tun diese merkwürdigen Menschen an diesem merkwürdiegn Ort eigentlich ?“, aber zum Glück gab es diesen Betrachter nicht.

Im Sozialdienstbüro liefen nun fieberhafte Vorbereitungen. „Unter welchen Namen soll ich nun eine Akte anlegen ?“, fragte der Sozialarbeiter. „Wie wär es mit Mann mit kaputten Koffer ?“, schlug die Sozialarbeiterin vor. „Ja, das ist gut. Soll ich das unter M. oder unter K. ablegen oder unter dem Ort ?“, sinnierte er. „Problemlage ? Obdachlose Person. Das ist ganz klar. Diagnose ? Koffer kaputt.“

Neuer Besuch im Spätdienst. Der Mann stand immer noch im Dunkel und starrte die Wand an. Er war weder verdurstet, verhungert noch erfroren. „Ein gutes Zeichen und kein Grund für einen Verwaltungsakt“, dachte der Sozialarbeiter. Die Sozialarbeiterin fragte: „Wir wollten mal nach Ihnen sehen. es iat sehr kalt. Wie geht es Ihnen ?“ Es folgte ein Schulterzucken des Mannes, dessen Merkwürdigkeit sich zunehmend in der Unterführung verteilte und sich dadurch aber immer weniger ausschließlich auf ihn fokussierte. „Vielleicht ist Merkwürdigkeit doch ansteckend ?“, dachte der Sozialarbeiter. „Können wir Ihnen heute mit irgendetwas helfen ?, fragte die Sozialarbeiterin. „Das bringt doch alles nichts“, sagte der immer weniger merkwürdig seiende Mann.

Nach mehreren ähnlich verlaufenden Besuchen dachte der immer merkwürdiger werdende Sozialarbeiter :“Das bringt doch alles nichts.“ Vielleicht sollte er den Mann in Ruhe herumstehen lassen und weiter aus den Fenster sehen ? Dort geschahen wirklich viele beobachtungswürdige Dinge. Er hätte auch einen Bericht schreiben  und die Sache zu den Akten legen können. Die obdachlosen Person hat Hilfe und Aussrüstung mehrfach abgelehnt. Es liegt keine Eigen- und Fremdgefährdung vor.  Der Bericht würde vermutlich in irgend einer Schulade landen. Da der Sozialarbeiter an so etwas wie Gewissen, Berufehre und seinen nächsten Gehaltsscheck glaubte, wollte er sich noch nicht geschlagen geben. Selbstverständlich hatte er auch Angst überflüssig zu werden, wenn ihn niemand brauchte.

Die Sozialarbeiterin trat in sein Büro und sagte: „Wir brauchen einen Plan“. „Einen Plan ? Warum nicht ?“, dachte der Sozialarbeiter. „Wenn jemand auf Reize seiner Umwelt so verhalten reagiert bewegt er sich stark außerhalb der Norm. Vermutlich liegt bei dem Mann eine psychische Erkrankung vor, die vielleicht behandelt werden kann. Da es Teil seiner Erkrankung zu sein scheint, nicht zum Arzt gehen zu können, schlage ich vor einen Arzt zu ihm zu bringen“, dozierte sie. „Klugscheißerein“, dachte der Sozialarbeiter und sagte, „Etwas ähnliches habe ich mir auch schon gedacht. Schön, dass Du es aussprichst. Gute Idee“. Er wusste, dass sie sich immer über ein Lob freute. Er konnte sich aber nicht vorstellen wie das alles funktionieren sollte. Ein Arzt, der zu einem Patienten gehen sollte, der gar kein Patient sein wollte. Merkwürdigkeit war scheinbar doch ansteckend. Vielleicht doch ein Fall für das Gesundheitamt ? „Schau nicht so blöd aus der Wäsche. Ein Versuch ist es wert“, sagte die Sozialarbeiterin, die ihren Kollegen mit Leichtigkeit durchschaute.

Es fand sich schließlich eine Ärztin, die sich weniger um eine schicke Praxis und schicke  Patienten und Patientinnen kümmerte, sondern aufgrund christlicher Gesinnung auf die Menschen zu ging.  „Macht ja nichts“, dachte der Sozialarbeiter. „Wichtig ist was hinter rauskommt“. Der Sozialarbeiter fürchtete sich vor all zu frommen Menschen, war aber ab und zu bereit jedem eine Chance zu geben. Die Ärztin war gar nicht fromm, sondern fröhlich, freundlich und forsch genung, um auf Menschen zuzugehen ohne sie zu verschrecken. Die Sozialarbeiterin sprach zu dem Mann:“Hallo. Wir sind es wieder. Wir haben heute eine Ärztin dabei, die Ihnen vielleicht helfen kann Ihre Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit loszuwerden.“ Ein Seitenbilck und leichtes Interesse funkelte im Ausdruck des Mannes. „Bingo“, dachte der Sozialarbeiter und war gespannt wohin nun Trauer und Hoffnungslosigkeit verschwinden sollten. Sicherheitshalber trat er einen Schritt zurück damit sie nicht versehentlich an ihm haften blieben. Die Ärztin trat vor, legte vorsichtig ihre Hand auf die Schulter des Mannes und sagte:“Sie sehen sehr traurig und niedergeschlagen aus. Ich denke sie sollten sich jemanden anvertrauen, der mal genau schaut was Ihnen fehlt und was Ihnen helfen kann. Ich begleite sie jetzt in eine Klinik.“ Der Mann schaute unsicher zu den anderen. „Kommen Sie mit uns“ fragte die freundliche Ärztin. „Ja“, antwortete der Mann. Nachdem sich alle kurz überrascht angestarrt hatten, packte der Sozialarbeiter alle in ein großes Auto und für zur nächsten Psychiatrie.

Dort lebten alle bis an ihr Lebensende.

Nein. Das ist kein gutes Ende. Das klingt nach Forensik.

Das wahre Ende der Geschichte, bzw. der Fortgang der nachfolgenden Geschichte ist dem Sozialarbeiter unbekannt. Sie fällt nicht mehr in seinen Zuständigkeitsbereich

 

Sozialarbeiterprosa

In meiner Funktion als Sozialarbeiter treffe ich auf die unterschiedlichsten Menschen und deren Lebenswelten. Ich sitze nicht nur in meinem Büro und warte darauf, dass jemand zu mir in meine Beratungsstellenwelt kommt, sondern ich gehe auch nach draußen auf die Straße oder in die Wohnungen von Menschen von denen ich vermute, dass Sie Hilfebedarf haben. Diese zugehende Arbeit verlangt häufig große Flexibilität, da ich nie weiß, ob eine angesprochene Person freundlich über die Aufmerksamkeit oder vielleicht ärgerlich über die Störung reagiert. Aus Gründen des körperlichen und seelischen Selbstschutzes gehen wir deshalb in der Regel zu zweit. Spricht der angesprochene Mensch die gleiche Sprache oder kann er vielleicht gar nicht hören und sprechen? Befindet er sich in einer Lebenswelt, die so fern der meinen ist, dass wir nicht miteinander kommunizieren können? Im Laufe meiner mehrjährigen Tätigkeit kam es hier schon zu manch absurden Situation. Ich habe beispielsweise Bauarbeiter bei ihrem Feierabendbier auf der Parkbank angesprochen. Das hat schon für Beschämung gesorgt und teils auch zur allgemeinen Belustigung beigetragen. Es sind in der Dämmerung schon junge Männer bei meinem Anblick aus dem Park getürmt, da sie mich und meinen Kollegen für Polizisten hielten. Ich würde schon zum Kaffeekränzchen in einer geheimen selbstgebauten Behausung im Dickicht am Stadtrand empfangen und habe mir schon manch verrückte Geschichte angehört, die sich anschließend bewahrheiten sollte.
Das öffentliche Interesse an meiner Arbeit erreicht zur Weihnachtszeit traditionell ihren Höhepunkt. Je nach Qualität der Zeitungen oder Sender und der damit verbunden Planungsfähigkeit und Recherchewilligkeit, soll entweder sofort oder zumindest zeitnah etwas zum Mitfühlen präsentiert werden. Das Bild des dankbaren Obdachlosen, der nur auf Hilfe gewartet hat und freudig ein Geschenk entgegen nimmt, ist besonders beliebt. An Heilig Abend tummeln sich manche soziale Institutionen auf der Straße, die sonst eher durch Abwesenheit glänzen, um medienwirksam Spenden zu generieren. Da werden im Stil einer Materialschlacht zweihundert Schlafsäcke in wenigen Stunden herausgehauen, obwohl der Bedarf in der Form gar nicht existiert. Hauptsache es gibt am nächsten Morgen einen schönen Artikel mit Spendenaufruf.
Privatpersonen, die für eine Dosis Dankbarkeit Lebensmittel oder Geschenke verteilen sind oft irritiert oder beleidigt wenn das nicht funktioniert. Da sind schon Schokoweihnachtsmänner zwischen vermeidlich Hilfebedürftigen und vermeidlichen Helfern hin und her durch die Fußgängerzone geflogen. Grenzverletzungen sind im Umgang mit obdachlosen Menschen die größte Falle in die man Tappen kann. Manchmal befinde ich mich schon nach einem Gruß und einem Blickkontakt direkt im gefühlten Wohn- oder Schlafzimmer der betroffenen Person. Es hat sich natürlich objektiv nichts verändert. Ich stehe immer noch auf der Straße vor einer obdachlosen Person. Der betroffene Mensch wohnt dort vielleicht schon länger und ist vielleicht gerade aufgewacht oder hat etwas gegessen. Sofern er bereit ist mich in seine Welt einzulassen, platze ich dann gerade in sein Mittagessen oder seine Morgentoilette. Es ist das mindeste sich für die ungelegene Störung zu entschuldigen und um Erlaubnis für das Anbringen seines Anliegens zu fragen. Wenn ich tatsächlich störe verschiebe ich mein Anliegen auf später und tue die Absicht auch kund. Wer hätte schon Lust früh morgens beim Erwachen von einem wildfremden Menschen einen Schokoweihnachtsmann ins Bett gelegt zu bekommen? Ich jedenfalls nicht.