Archiv der Kategorie: Schule

Fräulein Franz und die Fakten

In Fernsehzeitung ist ein Bild von Hans Rosenthal zu sehen. Es ist der Blickfang für eine Dokumentation über beliebte Fernsehshows der 70 er Jahre. Sofort erinnere ich mich an den kleinen Mann, der in seiner Sendung namens Dalli Dalli immer mit den Worten „Das war Spitze“ in die Luft sprang, wenn eine Kandidatin oder ein Kandidat das vorgegebene Ziel erreichte. Was die Leute tun mussten weiß ich heute nicht mehr genau. Alle hatten es aber immer furchtbar eilig und waren glänzend gelaunt. Meine ganze Familie sah sich das gut gelaunte Herumgehetze mit großer Begeisterung vom heimischen Sofa aus ganz entspannt an. Rudi Carrell fand ich übrigens auch cool, weil er sang und lustige Sachen erzählte. Falls Hans Rosenthal gesungen hat, hat es keinen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Als lustig und sprunggewaltig ist er mir auf jeden Fall in Erinnerung geblieben.

Irgendwann sagte meine Mutter beiläufig während einer Dalli Dalli Sendung. Hans Rosenthal ist ein Jude. Als Kindergartenkind wird man täglich mit Begriffen und Bezeichnungen konfrontiert, die einem unbekannt sind. Man versucht sie für sich einzuordnen und mit Leben zu füllen. Jude konnte ich erst mal nicht so recht einordnen. Zuerst dachte ich es hätte etwas mit der Sprungkraft des Mannes zu tun aber der Tonfall meiner Mutter wollte nicht so recht zur lustigen Sendung passen. „Was ist ein Jude Mamma?“, fragte ich Fräulein Franz und die Fakten weiterlesen

Erinnerungen

Beim Stöbern auf diversen Blogs habe ich bei Alice eine Blogparade zum Thema Erinnerungen entdeckt. Ich habe mich eingeladen gefühlt und mich an meinen ersten Blogeintrag in der Kategorie Erinnerungen erinnert.

Hierher möchte ich nie wieder zurück

„Schau doch mal, er hat sich eine Socke um den Hals gebunden.“ Bernd kippelte mit seinem Stuhl und zeigte unauffällig zum Lehrerpult. Ich saß wie alle anderen mit angehaltenem Atem da und versuchte möglichst nicht vorhanden zu sein. Bernd reagierte unter Stress immer mit blöden Witzen. Ich lunste mit gesenktem Blick nach vorne. Dort saß Direktor Klein in herrischer Pose und ließ seinen Blick über die Matheschüler schweifen. Es war der gefürchtetste Augenblick des Tages. Jemand musste nach vorne und vorrechnen. Meistens endete das mit einer öffentlichen Demontage und Demütigung. Tatsächlich hatte Direktor Klein eine merkwürdige Erinnerungen weiterlesen

Mitlaufender Widerstandskämpfer

Wenn mein Opa bei uns zu Besuch war ging er immer ein paar Schritte mit mir. Ich mochte die Spaziergänge und lauschte gebannt seinen Erzählungen, die oftmals von seinen Bemühungen das richtige zu tun und von seinen Widersachern handelten. Menschen mit schlechtem Charakter nannte er „schlechte Groschen“. Eine Bezeichnung für eine gefälschte Zehnpfennigmünze. Besonders Erzählungen aus dem Krieg interessierten mich sehr, da ich viele Filme darüber gesehen hatten, die hauptsächlich von Heldentaten handelten. Von Heldentaten wusste Opa nichts zu berichten, eher von Menschen mit guten oder schlechten Charakter und deren Taten. Adolf Hitler hatte zum Beispiel einen schlechten Charakter und wurde in den Erzählungen meines Opas „der Verbrecher“ genannt.

In der Schule hatten wir uns ausgiebig mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt und sollten das auch noch weiterhin eine Weile tun. Einige murrten bereits, dass es doch bestimmt noch andere Zeitepochen gäbe, die ebenfalls von Interesse seien. Wer hatte nicht Ben Hur oder ähnliche Monumentalfilme mit Begeisterung gesehen. Nichtsahnend von verblichenen Königen, Kaisern oder untergegangenen Adelsgeschlechtern beschäftigten wir uns im Deutschunterricht mit den Geschwistern Scholl. Jugendliche Widerstandskämpfer, von denen eine gewisse Faszination ausging. Ich wunderte mich, dass es nicht mehr solcher Menschen gegeben hatte. Seine Meinung kundzutun konnte ja wohl nicht so schwer sein. Unsere Deutschlehrerin Frau Müller war eine attraktive dunkelhaarige Frau mit gehöriger Autorität. Wir mussten erörtern, begründen, Informationen sammeln und durften zu Beginn der Stunde regelmäßig verschiedene Tageszeitungen lesen. Und zwar die Rubriken, die uns wirklich interessierten. So lasen die meisten zwar Sport oder aus aller Welt und wurden so am Rande auch mit Kultur oder Politik konfrontiert. Anschließend wurde über das gelesene diskutiert. Das einer Bildzeitung zugrundeliegende Welt- und Menschenbild wurde beispielsweise auf den Prüfstand gestellt. Frau Müller war vermutlich im Sog der 68 er Bewegung politisch sozialisiert worden und wollte uns zu kritischen denkenden Menschen erziehen. Persönliche Respektlosigkeiten und potentiell diskriminierende Ansichten wurden gnadenlos bloßgestellt und verurteilt.

An Frau Müller und den Deutschunterricht denkend, fragte ich meinen Opa schließlich: „Was hast Du eigentlich gegen Hitler unternommen ?“. Mein Großvater schaute mich überrascht an und antwortete aus einer merkwürdigen Mischung von Verärgerung und Resignation: „Ich war zwölf Jahre bei der Machtübernahme. Was hast Du denn gegen Helmut Kohl unternommen ?“. Jetzt war ich überrascht. Ich kannte niemanden der Helmut Kohl leiden konnte, außer Oma vielleicht. Ja, was hatte ich gegen Helmut Kohl unternommen ? Nichts. Ich wusste ja nicht mal, dass man gegen den was unternehmen musste. Und wer hätte einem zwölfjährigen Jungen schon zugehört ? Ich beschloss mich mit der Antwort zufrieden zu geben.
Stolz meldete ich mich im Unterricht, um Frau Müller meine neusten Erkenntnisse zum Thema Nationalsozialismus zukommen zu lassen. „Mein Opa war erst zwölf und konnte nicht gegen Hitler unternehmen“, wusste ich zu berichten. Die erhoffte lobende und Wärme spendende Antwort ließ aber auf sich warten. Stattdessen fingen ihre Augen an zu funkeln und mir schwante nichts Gutes. „Das ist genau die Einstellung, die die ganze Katastrophe erst möglich gemacht hat. Keiner wollte Verantwortung übernehmen und hat alles einem Führer überlassen. Ein Haufen schweigender Mitläufer, die auch heute noch keine Verantwortung für ihre Taten übernehmen“, polterte sie. Ich saß ganz hinten im Klassenraum und langsam drehten sich alle Mitschülerinnen und Mitschüler zu mir um. „So sah also der Enkel eines dieser Mitläufer aus“, schienen sie zu denken. Ich widerstand der Versuchung mich ebenfalls umzudrehen und aus dem Fenster zu sehen. „Hätte ich doch bloß meine Klappe gehalten und geschwiegen“. Das nächste mal würde ich erstmal jemanden anderes den Vortritt lassen. Um mein Ansehen in der Klasse wiederherzustellen, beschloss ich mich fortan als jugendlicher Widerstandkämpfer gegen den Faschismus zu gerieren.

Das klappte auch ganz gut. Um mit den Geschwistern Scholl mithalten zu können fehlte mir allerdings ein adäquater Feind. Mitte der achtziger Jahre gab es in Westdeutschland scheinbar überhaupt keine Faschisten mehr und in der DDR war der Faschismus viel früher mit der Staatsgründung per Dekret abgeschafft worden. Im Westen waren die meisten Nazis bereits in Rente oder Pension gegangen. Unser Nachbar Herr Mayer beispielsweise. Er war immer noch glühender Verehrer Hitlers und war in dessen Leibgarde in Berchtesgarden stationiert gewesen. Stolz zeigte er uns Kindern sein Briefmarkenalbum mit Hitlermarken. Er war kürzlich aus dem Staatsdienst heraus in Pension gegangen und wollte mit seiner Frau nach Berchtesgarden ziehen. Jeder im Haus wusste, dass er ein alter Nazi war. Man grüßte sich um des Hausfriedens willen. Mein Vater amüsierte sich köstlich als unsere Straße von Jahnstraße in von- Staufenberg- Straße umbenannt wurde. In einem anderen Stadtteil unserer Stadt gab es bereits eine Ludwig Jahn Straße und die Post verirrte sich immer. „Da wird sich der Müller aber ärgern“, bemerkte er schadenfroh. „Wieso ?“, wollte ich wissen. „Na der Stauffenberg wollte doch dem Mayer sein Idol umbringen und jetzt muss er in der Straße mit seinem Namen wohnen“, antwortete er. „Wie wollte er den Hitler denn umbringen ?“, fragte ich interessiert. „Mit einer Bombe. Ist aber schiefgegangen. Stauffenberg ist dann erschossen worden. Wenn er ein richtiger Mann gewesen wäre, hätte er Hitler gleich erschossen“, fügte Vater beiläufig hinzu. „Dann wäre er gleich tot gewesen“, dachte ich mir. Das erschien mir auch unattraktiv. Langsam bekam ich Zweifel, ob das Leben eines Widerstandskämpfers das richtige für mich war. Mit der Bewunderung konnte ich wohl gut umgehen. Die Gefahr missfiel mir dafür umso mehr. Echte Helden gab es im Fernsehen offensichtlich mehr als in der Realität.
Der Widerstand gegen atomare Aufrüstung und Umweltverschmutzung war nicht ganz so gefährlich. Wir fuhren mit unserem Wagen ohne Katalysator zur Demo gegen Waldsterben und hatten das Gefühl, die Welt dadurch ein Stück besser gemacht zu haben.

Hierher möchte ich nie wieder zurück

„Schau doch mal, er hat sich eine Socke um den Hals gebunden.“ Bernd kippelte mit seinem Stuhl und zeigte unauffällig zum Lehrerpult. Ich saß wie alle anderen mit angehaltenem Atem da und versuchte möglichst nicht vorhanden zu sein. Bernd reagierte unter Stress immer mit blöden Witzen. Ich sah mit gesenktem Blick nach vorne. Dort saß Direktor Klein in herrischer Pose und ließ seinen Blick über die Matheschüler schweifen. Es war der gefürchtetste Augenblick des Tages. Jemand musste nach vorne und vorrechnen. Meistens endete das mit einer öffentlichen Demontage und Demütigung. Tatsächlich hatte Direktor Klein eine merkwürdige Krawatte an. Sie sah aus wie selbstgestrickt und war unten nicht  eckig sondern rund. Ein bisschen sah sie aus wie eine Socke, dass musste ich zugeben. Ein Diktator mit einer Socke im den Hals. Das sah plötzlich ziemlich lächerlich aus. Ich musste auf einmal ein Lachen unterdrücken. „Oh Gott, wenn ich jetzt lache, werde ich die ganze Stunde an der Tafel fertig gemacht“, schoss es mir durch den Kopf. „Michael, komm doch mal nach vorne“. Uff. Allgemeines Aufatmen. Viermal die Woche hatten wir in der ersten Stunde Mathe. Immer wurde morgens einer frischgemacht. Das war seelische Grausamkeit. Terror würde man heute sagen. Michael stand an der Tafel. Alle rechneten in ihren Heften, auch Direktor Klein. „Das Ergebnis ist zehn“, sagte Michael schließlich. Ich hatte was anderes rausbekommen. „Das stimmt“, sagte Direktor Klein enttäuscht. „Zeig mal wie du das gerechnet hast. Den Rechenweg kenne ich nicht. Das kann nicht stimmen“, beharrte er. „Aber Sie haben doch auch zehn raus Herr Direktor“, sagte Michael kleinlaut. „Ja, es kann aber nicht jeder rechnen wie er will.“ Er fragte die Klasse: “ Wer hat das auch so gerechnet?“ Es meldeten sich vier Schüler. Er erklärte kurz seine Rechnung und fragte: „Wer hat es wie ich gemacht?“ Zehn Hände gingen hoch. „Siehst Du, das ist der Beweis. Wahrscheinlich hast du das irgendwie hin gemogelt. Es wäre besser für dich wenn Du in die Hauptschule wechseln würdest. Es kann nicht nur Häuptlinge geben es muss auch Indianer geben.“ Michael versuchte seine Rechnung zu erklären. „Ich will nichts mehr hören“, brüllte Direktor Klein. Er stand auf und zog seinen Zeigefinger wie eine Pistole und zeigte damit auf Michael. Der hatte seine Hände noch am Colt und war somit im Duell der Cowboys unterlegen. „Gleich exekutiert er Ihn“, dachte ich. „Dich krieg ich noch in die Hauptschule“, brüllte er nun. Jetzt hatte er wieder die Beherrschung verloren.  Michael brach in Tränen aus und ging zum Platz zurück. Ich war schweißgebadet. Alle schwiegen. Gleich ist es vorbei und der Tag kann beginnen. Ich verließ das Klassenzimmer und dachte: „Dahin will ich nie wieder zurück“.