Archiv der Kategorie: Kindheitserinnerungen

Mitlaufender Widerstandskämpfer

Wenn mein Opa bei uns zu Besuch war ging er immer ein paar Schritte mit mir. Ich mochte die Spaziergänge und lauschte gebannt seinen Erzählungen, die oftmals von seinen Bemühungen das richtige zu tun und von seinen Widersachern handelten. Menschen mit schlechtem Charakter nannte er „schlechte Groschen“. Eine Bezeichnung für eine gefälschte Zehnpfennigmünze. Besonders Erzählungen aus dem Krieg interessierten mich sehr, da ich viele Filme darüber gesehen hatten, die hauptsächlich von Heldentaten handelten. Von Heldentaten wusste Opa nichts zu berichten, eher von Menschen mit guten oder schlechten Charakter und deren Taten. Adolf Hitler hatte zum Beispiel einen schlechten Charakter und wurde in den Erzählungen meines Opas „der Verbrecher“ genannt.

In der Schule hatten wir uns ausgiebig mit der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt und sollten das auch noch weiterhin eine Weile tun. Einige murrten bereits, dass es doch bestimmt noch andere Zeitepochen gäbe, die ebenfalls von Interesse seien. Wer hatte nicht Ben Hur oder ähnliche Monumentalfilme mit Begeisterung gesehen. Nichtsahnend von verblichenen Königen, Kaisern oder untergegangenen Adelsgeschlechtern beschäftigten wir uns im Deutschunterricht mit den Geschwistern Scholl. Jugendliche Widerstandskämpfer, von denen eine gewisse Faszination ausging. Ich wunderte mich, dass es nicht mehr solcher Menschen gegeben hatte. Seine Meinung kundzutun konnte ja wohl nicht so schwer sein. Unsere Deutschlehrerin Frau Müller war eine attraktive dunkelhaarige Frau mit gehöriger Autorität. Wir mussten erörtern, begründen, Informationen sammeln und durften zu Beginn der Stunde regelmäßig verschiedene Tageszeitungen lesen. Und zwar die Rubriken, die uns wirklich interessierten. So lasen die meisten zwar Sport oder aus aller Welt und wurden so am Rande auch mit Kultur oder Politik konfrontiert. Anschließend wurde über das gelesene diskutiert. Das einer Bildzeitung zugrundeliegende Welt- und Menschenbild wurde beispielsweise auf den Prüfstand gestellt. Frau Müller war vermutlich im Sog der 68 er Bewegung politisch sozialisiert worden und wollte uns zu kritischen denkenden Menschen erziehen. Persönliche Respektlosigkeiten und potentiell diskriminierende Ansichten wurden gnadenlos bloßgestellt und verurteilt.

An Frau Müller und den Deutschunterricht denkend, fragte ich meinen Opa schließlich: „Was hast Du eigentlich gegen Hitler unternommen ?“. Mein Großvater schaute mich überrascht an und antwortete aus einer merkwürdigen Mischung von Verärgerung und Resignation: „Ich war zwölf Jahre bei der Machtübernahme. Was hast Du denn gegen Helmut Kohl unternommen ?“. Jetzt war ich überrascht. Ich kannte niemanden der Helmut Kohl leiden konnte, außer Oma vielleicht. Ja, was hatte ich gegen Helmut Kohl unternommen ? Nichts. Ich wusste ja nicht mal, dass man gegen den was unternehmen musste. Und wer hätte einem zwölfjährigen Jungen schon zugehört ? Ich beschloss mich mit der Antwort zufrieden zu geben.
Stolz meldete ich mich im Unterricht, um Frau Müller meine neusten Erkenntnisse zum Thema Nationalsozialismus zukommen zu lassen. „Mein Opa war erst zwölf und konnte nicht gegen Hitler unternehmen“, wusste ich zu berichten. Die erhoffte lobende und Wärme spendende Antwort ließ aber auf sich warten. Stattdessen fingen ihre Augen an zu funkeln und mir schwante nichts Gutes. „Das ist genau die Einstellung, die die ganze Katastrophe erst möglich gemacht hat. Keiner wollte Verantwortung übernehmen und hat alles einem Führer überlassen. Ein Haufen schweigender Mitläufer, die auch heute noch keine Verantwortung für ihre Taten übernehmen“, polterte sie. Ich saß ganz hinten im Klassenraum und langsam drehten sich alle Mitschülerinnen und Mitschüler zu mir um. „So sah also der Enkel eines dieser Mitläufer aus“, schienen sie zu denken. Ich widerstand der Versuchung mich ebenfalls umzudrehen und aus dem Fenster zu sehen. „Hätte ich doch bloß meine Klappe gehalten und geschwiegen“. Das nächste mal würde ich erstmal jemanden anderes den Vortritt lassen. Um mein Ansehen in der Klasse wiederherzustellen, beschloss ich mich fortan als jugendlicher Widerstandkämpfer gegen den Faschismus zu gerieren.

Das klappte auch ganz gut. Um mit den Geschwistern Scholl mithalten zu können fehlte mir allerdings ein adäquater Feind. Mitte der achtziger Jahre gab es in Westdeutschland scheinbar überhaupt keine Faschisten mehr und in der DDR war der Faschismus viel früher mit der Staatsgründung per Dekret abgeschafft worden. Im Westen waren die meisten Nazis bereits in Rente oder Pension gegangen. Unser Nachbar Herr Mayer beispielsweise. Er war immer noch glühender Verehrer Hitlers und war in dessen Leibgarde in Berchtesgarden stationiert gewesen. Stolz zeigte er uns Kindern sein Briefmarkenalbum mit Hitlermarken. Er war kürzlich aus dem Staatsdienst heraus in Pension gegangen und wollte mit seiner Frau nach Berchtesgarden ziehen. Jeder im Haus wusste, dass er ein alter Nazi war. Man grüßte sich um des Hausfriedens willen. Mein Vater amüsierte sich köstlich als unsere Straße von Jahnstraße in von- Staufenberg- Straße umbenannt wurde. In einem anderen Stadtteil unserer Stadt gab es bereits eine Ludwig Jahn Straße und die Post verirrte sich immer. „Da wird sich der Müller aber ärgern“, bemerkte er schadenfroh. „Wieso ?“, wollte ich wissen. „Na der Stauffenberg wollte doch dem Mayer sein Idol umbringen und jetzt muss er in der Straße mit seinem Namen wohnen“, antwortete er. „Wie wollte er den Hitler denn umbringen ?“, fragte ich interessiert. „Mit einer Bombe. Ist aber schiefgegangen. Stauffenberg ist dann erschossen worden. Wenn er ein richtiger Mann gewesen wäre, hätte er Hitler gleich erschossen“, fügte Vater beiläufig hinzu. „Dann wäre er gleich tot gewesen“, dachte ich mir. Das erschien mir auch unattraktiv. Langsam bekam ich Zweifel, ob das Leben eines Widerstandskämpfers das richtige für mich war. Mit der Bewunderung konnte ich wohl gut umgehen. Die Gefahr missfiel mir dafür umso mehr. Echte Helden gab es im Fernsehen offensichtlich mehr als in der Realität.
Der Widerstand gegen atomare Aufrüstung und Umweltverschmutzung war nicht ganz so gefährlich. Wir fuhren mit unserem Wagen ohne Katalysator zur Demo gegen Waldsterben und hatten das Gefühl, die Welt dadurch ein Stück besser gemacht zu haben.

massenhafte Massenhaft, ein DDR Reisebericht IV

Nach ein paar Tagen im real existierenden Sozialismus fühlte ich mich trotz gemütlicher, geselliger Abende und diverser Ausflüge irgendwie eingesperrt. Ein Großteil des Lebens spielt sich bekanntlicherweise im Kopf ab. Die Gedanken und Phantasien sind es letztlich, die uns zu neuen Taten schreiten lassen. Der Gedanke, dass meine Verwandtschaft in diesem Land eingesperrt war gefiel mir ganz und gar nicht. Sollten sie nie Spanien oder Frankreich sehen, obwohl es dort sehr schön war wie ich aus vergangenen Urlauben wusste ? Ich hatte viele Filme über Fluchten aus der DDR gesehen. Menschen, die mit selbstgebastelten Heißluftballons oder durch selbstgegrabene Tunnels über die Grenze kamen. Ich wusste, dass es auch Tote gegeben hatte und empfand das alles als sehr bedrückend. Die Realität war natürlich wie immer weit unspektakulärer. Die Schwester meines Vaters war vor dem Mauerbau mit einer Menschengruppe über die grüne Grenze gegangen und ist von einem Stasispitzel verraten worden. Ein paar Wochen später versuchte sie es erneut und war erfolgreich. Die Familien der zurückgebliebenen mussten mit Repressalien rechnen. Das war meinen Großeltern aber scheinbar egal. Villa, Auto und Mietshaus waren durch Krieg und Enteignung verloren und ein Handwerker muss keinen Hunger leiden. Mein Großvater war Metzger gewesen und kam mit einigem Übergewicht aus russischer Kriegsgefangenschaft zurück. „Gegessen und getrunken wird immer“, war ein Motto der Familie. Mein Vater fuhr mit mir zum Elbufer und zeigte mir das mehrstöckige Jugendstilwohnhaus, in dem er als Junge mit Großvater die Miete kassiert hatte. Das machte man damals offensichtlich in bar und während des Krieges auch in Naturalien. „Da konnte einer seine ganzen langjährigen Schulden mit einem Sack Mehl bezahlen“, wusste Vater zu berichten. Das Haus war renoviert und im Flur prangte eine Tafel auf der stand „Eigentum des Volkes“. Ich war froh, dass das schöne Haus den Krieg und bisher auch den Sozialismus überstanden hatte. Für meinen Vater war all das aber nur ein Beweis, dass es sich nicht lohnte flüchtigen materiellen Dingen hinterher zujagen.

„Wir können doch nach Ungarn und bis ans Schwarze Meer fahren“, entgegnete mein Cousin auf meine Mitleidsbekundigungen bezüglich der massenhaften Massenhaft in der DDR. „Warst Du schon mal dort ?“, fragte ich. „Nö. Bei uns ist es doch auch schön. Am Ostseestrand kannst Du prima FKK machen“, fügte er mit glänzenden Augen hinzu und zeigte mir eine Zeitschrift, die Eulenspiegel hieß. Auf der letzten Seite gab es eine nackte Frau am Strand zusehen. Auf den anderen Seiten gab es Witze und Berichte für ein jugendliches Publikum. „Eigentlich geht es uns hier doch ganz gut“, fügte er versonnen hinzu. Ja. Das war nicht schlecht musste ich zugeben. Nach Hause wollte ich trotzdem wieder. Ich sehnte mich geradezu nach Farben und sei es nur eine Colawerbung. Zuhause schaute ich viel Fernsehen und da das Kinderprogramm der drei empfangbaren Sender mit mit reichlich bunter Werbung und blutrünstigen Nachrichten untermalt wurde, litt ich wohl unter Entzugserscheinungen. Für den grauen Alltag im Sozialismus war ich scheinbar nicht geschaffen. Ich war eher so für die bunte Fassade des „Bonbonkapitalismus“ geeignet. Jedem Volk sein Opium.

Das paradoxeste an der ganze Mauer war die Bezeichnung „Antifaschistischer Schutzwall“, obwohl allen klar war, dass sie hauptsächlich dazu diente niemanden aus dem Land zu lassen und nur zu einem kleinen Teil vor äußeren Gefahren schützte. Es sei denn man bezeichnete die freie Wahl seiner Bürger und Bürgerinnen ihren Wohnort zu wählen als Gefahr. „Du warst doch bei der Nationalen Volksarmee“, fragte ich meinen Cousin. „Mir blieb nichts anderes übrig“, bekam ich als Antwort. „Warst Du auch an der Grenze stationiert ?“ , fragte ich gespannt. „Ganz in der Nähe. Wir haben auch Übungen an der Grenze gemacht“. „Und was hättest Du gemacht wenn einer geflohen wäre ?“, wollte ich wissen. „Ich hätte danebengeschossen“.
Wenn Opa in Rußland danebengeschossen hätte, wäre es ihm wohl an den Kragen gegangen. Das Leben in der DDR erschien mir um einiges komfortabler als im Dritten Reich, obwohl ich zugeben muss, das der Vergleich hinkt. Opa war bei der Luftwaffe Techniker gewesen und musste nach eigenem Bekunden niemals auf einen Menschen schießen. Mein Cousin kam offenkundig ebenfalls niemals in diese Bredoullie. Mein Vater musste als Flüchtling nicht zur Bundeswehr und ich wollte auf jeden Fall den Wehrdienst verweigern. Sollte sich hier etwas zum Besseren wenden ? Oder sollte ich mich mit meinen Altersgenossen in einer moralisch überhöhten Traumblase befinden, die von den Amerikanern beschützt wurde ? Zum Glück war ich erst fünfzehn. Bald sollte ich erwachsen werden und all die Widersprüche durchblicken können. Das hoffte ich zumindest.

Shopping im real existierenden Sozialismus oder Schwein gehabt, ein DDR Reisebericht III

Am nächsten Tag fuhren wird in die Stadt. Mein Vater hatte mir erklärt, dass die Stadt auch Elbflorenz genannt wurde und ich war leicht schockiert über den schlechten Zustand der meisten Häuser. Ganze Straßenzüge waren grau und abblätterender Putz war nur das kleinste Problem. Ruinen schaffen ohne Waffen. Die einzigen Farbtupfer waren Propagandaplakate in denen der Sozialismus und dessen unermüdliche Aufbau gepriesen wurde. „Diese blöden Plakate gehen mir voll auf den Wecker“, stellte ich genervt fest. Vater nahm mich zur Seite und sagte: „Das kannst Du Dir hier denken aber nicht laut sagen. Man weiß nie wer Dir hier zuhört“. In der Tat waren einige Passanten in Rufnähe und meine Gereiztheit wich einer leichten Paranoia und Überraschung. Mein Vater, der nie ein Blatt vor den Mund nahm, der unerschrocken im Fußballstadion inmitten der eigenen Fans die Gegner anfeuerte wenn es ihm passte, riet zu Vorsicht ? Das schien hier trotz der lockeren Sprüche kein Spiel zu sein. „Die ersten 40 Jahre Kommunismus sind immer die härtesten“, sagte mein Onkel mit einem verschmitzten Lächeln. „Vor zehn Jahren haben die Leute immer gesagt, die ersten dreißig Jahre Kommunismus sind die schlimmsten.“, fügte meine Tante hinzu und lachte. Die Innenstadt war eine imposante Ansammlung historischer Gebäude. Sie bildeten aber kein stimmiges Gesamtbild. Große Freiflächen und ein riesiger Trümmerhaufen störten die Idylle. „Das war die Frauenkirche“, sagte Vater. „Der Haufen liegt hier unverändert seit 40 Jahren. Ein Mahnmal gegen den Krieg.“  Ich fragte: „Kann man das nicht wieder aufbauen ?“. „Nein. Das ist zu teuer und zu aufwändig“. „Als Kinder haben wir in solchen Trümmerhaufen gespielt. Das war ein Abenteuer“, fügte Mutter hinzu. Zu Hause hatten wir einen Bildband über den verheerenden Luftangriff auf die Stadt gegen Ende des Krieges. Es waren Leichenberge und von der Hitze mumifizierte Menschen abgebildet, die mir lange  Albträume bereitet hatten. Meine Eltern hatten aber niemals großartig darüber gesprochen oder gar irgend jemanden außer Hitler dafür verurteilt. Lediglich mein Großvater wusste von vertrieben Juden zu berichten, die sich aus Rache der Royal Airforce angeschlossen hatten, um deutsche Städte zu zerstören. Erst später begriff ich, dass sein in der Jugend geprägtes Weltbild schlichtweg antisemitisch war. Kein leicht zu fällendes Urteil einem Menschen gegenüber, dem man liebt. Jahre später las ich in einer konservatven Zeitung einen Artikel, der die Bombadierung von Dresden juristisch nüchtern als übersteigerte Notwehr einstufte. Ein Straftäter wird in einer unangemessen harten Reaktion über das Maß bestraft und es entsteht hierdurch eine neuer Straftatbestand, der geringfügiger ist. Das trifft die Sache wohl am ehesten, ohne Ursache und Wirkung zu vertauschen und einer immer moderner werdenden Revision der Geschichte zu verfallen. Die gleiche Zeitung zitierte Mohandas Ghandi sinngemäß: „In Hiroshima und Dresden wurde Hitler mit Hitler bekämpft“.

Ein paar Straßenzüge weiter hatte sich die DDR, ähnlich wie der Westen dem brachialen Wiederaufbau gewidmet. Mehrspurige Straßen und überdimensionierte Gebäude. Vor einem Laden namens Intershop standen mehrere Passanten und betrachteten die Auslage. Neugierig trat ich dazwischen und sah einen vollkommen normalen kleinen Supermarkt. Ich fragte mich warum hier so viele Leute standen und der Laden leer war. „Da kannst Du nur mit Westmark einkaufen“, erklärte Vater. Ein Mann kam zu uns und sah meinen Vater fragend an. Wir waren aufgrund unserer Kleidung schnell als Westdeutsche zu erkennen, obwohl keiner außer Mutter größeren Wert auf Mode legte. Vater schüttelte aber nur den Kopf und ging mit mir in den Laden.“Was wollte der Mann ?“, fragte ich. „Der wollte Geld wechseln. Für eine Ostmark bekommst Du hier mehrere Westmark. Hier ist das aber zu gefährlich. Der könnte auch von der Stasi sein. Das private Geldwechseln ist verboten. Du darfst nicht mal Westmark besitzen. Die musst du beim Staat eintauschen.“ Hier stand ich nun in einem ganz normalen kleinen Supermarkt oder eher einem Tante Emma Lädchen und fühlte mich wie in einen Spionagefilm versetzt. Draußen lauerte vielleicht die Staatssicherheit. Beim Bezahlen musste Vater seinen Pass vorzeigen. Im nahen Kaufhaus gab es nichts interessantes für mich. Vater hatte mir zehn Ostmark gegeben, mit denen ich nichts kaufen konnte. Lediglich die Campingabteilung war gut ausgestattet und ich wollte ein paar Alutöpfe kaufen. Ehe ich mich versah hatte mein Onkel sie jedoch für mich bezahlt. „Viele haben hier drüben Bankguthaben mit denen Sie eigentlich nicht viel anfagen können“, erklärte er und schien froh mir mit diesem Geld eine Freude gemacht zu haben. Vor einem Buchladen stand eine lange Schlange, obwohl der Verkaufsraum eher leer war. Die Erwachsenen waren schnell zum Auto gelaufen und ich sollte warten. Ich war neugierig und wollte sehen was es so im Angebot gab. Ich ging hinein und fing an die Auslage zu studieren. Eine Angestellte erklärte mir schnippisch, dass ich einen Einkaufskorb benötige. Meinen Hinweis, dass ich nur mal schauen wolle, schien sie nicht zu verstehen. Als ob nicht jeder wüsste was es in einer sozialistischen Buchhandung zu sehen gäbe. „Da sind aber keine Einkaufkörbe mehr“, warf ich ein. „Dann stell dich halt hinten an“, sagte sie mit einer Geste auf die lange Schlange. Schlange stehen nur um das Angebot zu studieren ? Ich hatte die Nase voll vom DDR- Shopping.

Das Wort Shopping kannte mein Onkel nicht. Er nannte es organisieren und darin war er Großmeister. Komm wir fahren was besorgen. Wir quetschten uns zu dritt in einen vom Nachbarn geliehenen Trabat Kombi und knatterten los. „Wenn es zu laut ist kannst Du Dir mit den Knien die Ohren zuhalten“, rief Vater  vergnügt und ich amüsierte mich die ganze Fahrt über an dem entstandenen Bild, dass der Realität eigentlich recht nahe kam. Wir hielten an einem großen Bauernhof, um ihn zu besichtigen. Zumindest dachte ich das bis zu dem Moment, als mein Onkel einen großen Sack herausholte, ein kleines Ferkel packte und hineinsteckte. Zuvor hatte er dem Mitarbeiter etwas zugesteckt. Das Schwein quiekte und strampelte. Ich fühlte mich ähnlich. Der Sack wurde auf die kleine Ladefläche des Trabbis gehoben und ich bekam die Aufgabe auf das Tier aufzupassen. Wir knatterten zurück. Das Schwein quiekte und zappelte im Sack umher und mir brach der Schweiß aus. „Es ist ganz aufgeregt“, rief ich zu den beiden Männern auf den Vordersitzen. Ich saß auf der Rückbank und streichelte das Ferkel, das sich aber nicht beruhigen ließ. „Mach Dir keenen Kopp“, sagte mein Onkel vergnügt. Die ganze Sache war absurd und hatte etwas von einem Banküberfall mit Geiselnahme. „Wir holen uns jedes Jahr ein Ferkel und halten es im Stall. Wenn es fett genug ist gibt es ein großes Schlachtfest“, erklärte mein Onkel ungerührt. Das Schweinchen verstummte als hätte es gehört was ihm blüht und sich seinem Schicksal  ergeben. „Jetzt ist es ganz ruhig“, stellte ich besorgt fest. Die Luft war stickig, es war heiß und der Sack spannte über den kleinen Körper. Ich streichelte den Sack, um mich und das Schwein zu beruhigen und hoffte auf ein Ende des Höllentrips. Am Stall angekommen wurde der Sack aus dem Auto in die Box gehoben. Das Schwein rührte sich nicht. Die Männer warfen einen Blick  in den Sack und schauten sich betreten an. Die Sau war Tod.

Sich selbst überholende Systeme, ein DDR Reisebericht II

Eigentlich war die Stimmung in unserem sozialistischen Nachbarstaat gar nicht so übel. „Der Grenzbeamte war doch ganz freundlich“, stellte ich gegenüber meinen Eltern fest. „Bei dem ordentlichen Eintritt, den wir bezahlen mussten kann man das auch erwarten“, sagte Mutter. „Eintritt, wie im Zoo ?“, fragte ich. „Für jeden Visatag müssen wir ordentlich pro Person bezahlen und uns jeden Tag bei der Polizei am Zielort melden. Wir dürfen hier nicht einfach in der Gegend herum fahren wie wir wollen. Die wissen genau wo wir uns wann aufhalten. Das mussten wir alles vorher angeben.“, berichtete Mutter.“ Wir müssen genau 100 km/h fahren. Die warten nur drauf uns das Geld aus der Tasche zu ziehen. Die DDR ist nämlich Pleite.“, fügte sie noch hinzu.

So fuhren wir auf der alte Reichsautobahn Richtung Osten. Diese bestand aus aneinander gereihten Betonplatten, die beim überqueren ein klackendes Geräusch von sich gaben. Ähnlich einer Zugfahrt begleitete uns ein rythmisches Klackern. „Das ist noch die alte Hitlerautobahn“, sagte Vater. „Ganz schon unkonfortabel“, dachte ich. Obwohl Oma gesagt hatte, dass beim Hitler ja nicht alles schlecht gewesen sei und auf die Autobahnen verwiesen hatte. Vielleicht hatte sie eine andere gemeint. Die hier war Scheiße. Trotz des Tempolimits überholten wir zahllose Autos, die meiner Meinung nach eher ins Museum gehörten. „Das sind Trabbis“, erklärte Vater. „Wenn Du so eine Rennpappe haben willst, kannst Du fünfzehn bis zwanzig Jahre warten. Für Roland haben sie einen bei seiner Geburt bestellt. Vielleicht bekommt er den, wenn er den Führerschein macht“, fügte er lachend hinzu. Kapitalistisch überlegen schaute ich auf das wirtschaftlich rückständige Treiben um mich herum. Ich wusste, dass der Trabant aus einer Art Kunststoff hergestellt war, der nicht rostete.  Ich wusste zu diesem Zeitpunkt allerdings nicht, dass unser Talbot, trotz getönter Scheiben und Servolenokung, bereits nach fünfeinhalb Jahren durchgerostet und somit ein wirtschaftlicher Totalschaden war. Der Kapitalismus sorgte auch schleunigst dafür, dass die Automarke innerhalb acht Jahren vom Markt verschwand. Der Sozialismus sollte schneller sein. Sechs Jahre später brach das ganze System zusammen und auch die Trabantproduktion wurde eingestellt. Trabants fahren allerdings heute noch durch die Gegend und haben sich als langlebiger als der real existierende Sozialismus erwiesen. Als es bergab ging erdreisteten sich einige dieser realexistierenden Gefährte uns zu überholen. Mit 105 km/h überholte uns einer der Todesmutigen ganz langsam ohne uns eines Blickes zu würdigen.

Wir fuhren von einer Anhöhe kommend durch eine langezogene Kurve an einer imposanten Stadt vorbei. Imposant gleichformig. Unzählige Reihen mit Wohnblocks zogen sich entlang der Autobahn. „Das sind Plattenbauten. Die sind aus Betonplatten zusammengesetzt. Da sind die hier ganz stolz drauf.“, sagte Vater und fügte hinzu:“Das ist Karl Marx Stadt. Das hieß früher Chemnitz und wurde zu Ehren von Marx umbenannt.“ Karl Marx war mit bekannt. Opium fürs Volk und so. Das mussten hier ja wirklich alles begeisterte Kommunisten sein. Ich stellte mir vor wie es wäre wenn unsere Stadt im Helmut- Kohl- Stadt umbenannt würde. Das war aber vermutlich wie bei der Heiligsprechung. Für so etwas musste man wohl erst das zeitliche segnen und nicht mal dann war es sicher. Stalingrad war ja schließlich auch wieder unbenannt worden.

Am späten Nachmittag kamen wir schließlich am Ziel an. Unsere Verwandschaft wohnte auf einer Hofreite in einem ländlichen Vorort von Dresden. Dort hätte man problemlos einen Historienfilm drehen können. Zu unserem Empfang wurde stolz alles aufgeboten, was der real existirende Sozialismus zu bieten hatte. Meine Cousine präsentierte stolz eine Wassermelone, die sie wie eine Krone bei einer Krönung vor sich her trug. Sie arbeitete in einem Supermarkt und war Mitglied bei der FDJ. Das war so eine Art Honneckerjugend. Aufgrund dieser guten Verbindungen hatte sie öfter die Möglichkeit an exotische Früchte und andere Seltenheiten zu kommen. Mein Onkel betrieb eine Holzwerkstatt in der mit Maschinen aus den zwanziger Jahren Holzbottiche hergestellt wurden. Ich wunderte mich, dass es in der DDR überhaupt noch Bäume gab, bei der Masse an Holzprodukten und Exporten. Hier hatte ich auch das erste mal das Vergnügen in einer Art Holzfass zu baden. Das Wasser wurde mit einem Holzofen erhitzt.

Mein Cousin war schon über zwanzig. Sein größter Schatz  war eine Kommode in seinem Zimmer, die Konservendosen mit Obst, Schokolade und ähnlich lapidaren Dingen enthielt. Er bot mir feierlich an eine Mandarinendose zu öffnen und zu verspeisen. Ich möchte aber lieber frische, die es natürlich nicht gab. Er lief den ganzen Tag in Arbeitskleidung umher. Arbeiten habe ich ihn nie  gesehen. „Im Betrieb ist es immer wichtig beschäftigt auszusehen“, erklärte er mir. Er schien das zuhause üben zu wollen. In der DDR gab es keine Arbeitslosen. Im DDR Fernsehen wurde über das große Arbeitslosenproblem und Armutsproblem der BRD berichtet. Unser Teil von Deutschland wurde hier konsequent BRD genannt. Unser Lehrer hatte uns ermahnt unser schönes Land mit vollen Namen auszusprechen und keine Abkürzungen zu benutzen, die Teil einer unfreien Propaganda waren. Da wir im freien und nachdenkenden Teil Deutschlands lebten, taten wir was unser Lehrer von uns wollte.

Dresden wurde seinerzeit als Tal der Ahnungslosen bezeichnet. Das Westfernsehen konnte hier aufgrund geographischer Eigenarten nicht empfangen werden. Man war also auf die hiesigen Nachrichten und Mundpropaganda angeweisen. Im Fernsehen wurde also über den baldigen Zusammenbruch des Westen berichtet und meine Eltern begleiteten die Nachrichten mit schallendem Gelächter. „Der Kapitalismus steht am Abgrund und der Sozialismus ist ihm ein Schritt voraus“, wurde kolportiert. Mein Cousin erwartete den Zusammenbruch diverser Wirtschaftssyteme mit stoischer Gelassenheit. Ich persönlich war viel mehr über die atomare Bedrohung und das Waldsterben im Westen besorgt. Der Wald im Westen starb nähmlich durch sauren Regen und nicht durch massenhafte Holzschnitzerei,  wie in der DDR.