Ansicht eine Fassade eines Mehrfamilienhauses

Alles für die Katz Teil 2

Was bisher geschah: Teil 1

In der folgenden Woche stand er wieder auf der Matte. Genauer gesagt stand er wegen der Bettwanzen etwas von der schmutzigen Matte entfernt als er an die Türe klopfte. Diesmal öffnete ein freundlich grinsender Mann und erkundigte sich nach dem Begehr. Das brachte den Besucher kurz aus dem Konzept, da er sich innerlich auf eine lautstarke Abfuhr eingerichtet hatte. Er suchte schnell im Geiste nach einem anderen Spruch als den zurechtgelegten und sprach: „Mein Name ist Thomas Leykauf. Das Sozialamt hat mich beauftragt, sie in Ihren Wohnungsangelgenheiten zu unterstützen. Sind Sie Herr Schaffernicht?“ „Ja“, antwortete der Mann und fuhr nach einer etwas zu langen Pause in dem für Junkies typischen gedehnten Singsang fort: „Das ist aber nett, dass Sie uns unterstützen wollen. Sonst interessiert sich doch niemand mehr für den anderen. Wir können ihre Hilfe wirklich gut gebrauchen.“ Der Mann hatte eine schlaffe Körperhaltung und war übergewichtig. Seine legere Kleidung schien auf den ersten Blick gepflegt und stand im Gegensatz zum chaotischen Zustand des sichtbaren Wohnungsflures. Nicht zu vergleichen mit den ausgemergelten Drogensüchtigen, die wie Zombies durch das Bahnhofviertel wanderten, dachte Thomas. „Ich hatte mich schriftlich bei Ihnen angemeldet und letzte Woche mit Ihrer Lebensgefährtin Frau Feyerabend gesprochen. Leider ging es ihr nicht gut“, erklärte er. “ Die Sabine schläft. Die hat sich die ganze Nacht rumgetrieben. Sie müssen entschuldigen, aber wenn Sie von ihren Touren zurückkommt ist sie immer ganz aufgeregt. Außerdem ist sie nicht meine Lebensgefährtin. Das geht schon wegen dem Jobcenter nicht. Ich bin hier nur zu Besuch und geduldet“, lautete die genitivfreie Antwort.

Der Mann namens Schaffernicht schien leicht zu schwanken während er sprach, als ob er sich an Bord eines Schiffes befand. Es war keine Seltenheit, dass sich Paare gegenüber dem Amt als Einzelpersonen ausgaben. Die Sozialhilfesätze waren für ein Paar geringer als für zwei Singels in einer Wohngemeinschaft. Unternehmen schlossen sich zusammen, um Synergieeffekte zu erzielen. Eine Ehe sollte laut dieser kapitalistischen Logik ebenfalls diesen Einsparungseffekt erzielen. Ein Paar benötige schließlich nur einen Kühlschrank im Gegensatz zu zwei Einzelpersonen. Da es in Wohngemeinschaften in der Regel trotzdem nur einen Kühlschrank gab, musste höchstrichterlich festgelegt werden, dass zumindest getrennte Bereiche innerhalb des Kühlschranks notwendig waren, um den höheren Sozialhilfesatz zu erhalten. Die Detektive des Jobcenters versuchten nun an Zahnputzbechern und Einkaufszetteln nachzuweisen, dass eine Haushaltsgemeinschaft vorlag. Ein Wettstreit, der vor allem Juristen und Verwaltungsbeamten in Lohn und Brot hielt. Hier lohnte sich das Versteckspiel eigentlich gar nicht, da dem Amt die Lebensumstände offensichtlich bekannt waren, grübelte Thomas. Manchmal gab es allerdings diesen merkwürdigen Effekt, dass sich Menschen verstellen und verstecken, da sie fest davon ausgehen, sich Verstellen und Verstecken zu müssen. Die Realität spielt dann scheinbar keine Rolle mehr. Die Menschen waren in ihrer Realität gefangen und diese gebar ihre eigene Wahrheit. Thomas verscheuchte seine Gedanken und versuchte sich wieder auf sein Gegenüber zu konzentrieren. Herr Schaffernicht stand unverändert in der Türe und sah ihn freundlich grinsend an. Er schien nur diesen Gesichtsausdruck parat zu haben.

„Sie sollen ja ausziehen solange Ihre Wohnung renoviert wird. Sie dürfen allerdings nichts mitnehmen, um keine Bettwanzen zu verschleppen“, erklärte Thomas. „Ja ich weiß. Das ist alles kein Problem aber wir wissen nicht wohin mit dem Hund und der Katze. Wir haben niemanden der sie nehmen kann und kein Hotel, das von Sozialamt bezahlt wird, nimmt Hunde auf“, erwiderte Herr Schaffernicht mit seinem unerschütterlichen Grinsen im Gesicht. „Ok. Ich erkundige mich nach einer Tierpension und Sie richten Frau Feyerabend bitte aus, dass ich übermorgen wiederkomme und um gemeinsam den Umzug zu planen. Bitte seien Sie auch da“, verabschiedet sich Thomas. Die Unterbringung von Menschen war sein Tagesgeschäft. Die Unterbringung von Tieren war Neuland für ihn. Zum Wohl des Menschen würde er sich also mit dem Wohl des Tieres beschäftigen müssen.

Und das sollte kein leichtes Unterfagen sein, wie er später feststellen musste. Das hiesige Tierheim nahm nur Tiere auf, die sofort in die Weitervermittlung gingen. Hundepensionen nahmen keine Katzen auf und bestanden auf die strenge Einhaltung der empfohlenen Imfpungen. Als er das Thema Bettwanzen ansprach wollten sie zusätzlich eine tierärztliche Untersuchung auf Bettwanzen. Eine private Person zu finden, die eine ordentliche Quittung für das Amt ausstellte war ebenso schwierig. Diesen kleinen Hund unterzubringen war wahrlich eine Herkulesaufgabe. Für die Katze gab es noch gar keine Lösung. Er konnte das Paar auch nicht einfach zu einem Tierarzt schicken, da eine Bescheinigung über die Abwesenheit von Bettwanzen im Fell sofort hinfällig war, sobald sich die Tiere wieder frei in der Wohnung bewegten. Der Tierarztbesuch musste also mit einer anschließenden Aufnahme der Tiere in einem Heim oder einer Pension abgestimmt werden. Dieser Termin musste ebenfalls mit dem Kammerjäger koodiniert werden, der sich seinerseits mit einer Entrümplungsfirma abstimmen musste. Es war geplant die Wohnung erst mit Gas vorzubehandeln, dann zu entrümpeln und anschließend mit Gift und Gas endgültig zu entwesen. Die Wohnung wäre für etwa vier Wochen nicht begehbar. Das Sozialamt würde eine Unterbringung von Mensch und Tier nur für eine begrenzte Zeit übernehmen. Deshalb sollten alle Termine abgestimmt sein, um Kosten zu sparen und die Unterbringungen nicht unnötig in die Lange zu ziehen. Da waren also eine eventuelle Katzenpension, eine Hundepension, einTierarzt, ein Kammerjäger, eine Entrümplungsfirma und ein Hausmeister, die einen Termin absprechen sollten. Problemlos mitspielen mussten weiterhin die Mieter, der Kostenträger und das zukünftige Hotel. Eine Firma, die zeitnah mit der Renovierung der Wohnung beginnen konnte, sollte es auch noch geben. Versteht sich von selbst, dass die Wohnungsbaugesellschaft als Auftraggeberin über alle Termine informiert werden und einverstanden sein musste. Langsam aber sicher verlor er den Überblick bei seinen Planspielen. Und er hatte sich noch nicht einmal mit dem Transfer der Menschen beschäftigt. Die konnte er ja schlecht nackt in das neue Hotel laufen lassen. Thomas hatte das Gefühl, dass die Organisation der Landung der Alliierten in der Normandie im zweiten Weltkrieg einfacher gewesen war.

Fortsetzung Teil 3

8 Kommentare zu „Alles für die Katz Teil 2“

  1. Beim Stichwort ‚Planspiele‘ hab ich auch sofort daran gedacht, daß Erfahrung als Stabsoffizier, vorzugsweise im logistischen Bereich, nicht unangebracht wäre bei der Durchführung einer NearImpossibleMission – aber du hast mit dem D-Day natürlich die Nase vorn … 😉
    Und ich dachte, es wäre kompiiziert genug, 3 Personen zu einem TeeTermin bei mir zuhause unter einen Zeithut zu bringen – was immerhin mit lediglich 11 SMS zum Erfolg führte.
    Jetzt bin ich gespannt, was engagierfreudige Sozialarbeiter zustandebringen (können ?) bzw inwieweit die Bedachten mitspielen (auch können mit Fragezeichen)…

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  2. „It was like World War II, but it was worth it.“, hat Billy Wilder über die Dreharbeiten mir Marylin Monroe gesagt. Du bist also in guter Gesellschaft und hast mich als Binch-Leser für alle 15 Folgen gewonnen. Wenn ich es aushalte.😉

    Gefällt 1 Person

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