Ansicht einer tristen Hausfassade

Alles für die Katz

Thomas Leykauf hätte es vorher wissen müssen oder zumindest ahnen können, dass mit diesem Fall kein Blumentopf zu gewinnen war. Das Pärchen müsse nur für ein paar Tage in einem Hotel unterkommen solange die Wohnung renoviert werde, lautete die Vorankündigung des Sozialamtes. Ein Versuch sei allerdings bereits wegen der Haustiere gescheitert. Die vermietende Wohnungsbaugesellschaft sei bereit das Mietverhältnis fortzuführen, wenn der Bettwanzenbefall beseitigt werden könne. Die Wohnungsbaugesellschaft übernehme sogar die Bestellung eines Kammerjägers und die Organisation einer Renovierung. Seine Aufgabe als Sozialarbeiter sei es lediglich, das Paar bei dem vorübergehenden Umzug zu unterstützen. Eine Verschleppung der Bettwanzen in die neue Unterkunft sollte unbedingt verhindert werden. Es war in der Tat ungewöhnlich, dass der Vermieter einen solchen Aufwand betrieb. Das machten Vermieter in einer Gegend in der Wohnungsnot herrscht nur mit Mietern, die sie behalten wollten. Nun gut, an mir soll es nicht liegen, dachte er sich. Wenn Vermieter, Amt und Mieter sich einig waren konnte eigentlich nicht viel schiefgehen, vermutete er. Bei der Lektüre des schriftlichen Auftrages und der Recherche über Bettwanzen kamen ihm jedoch Bedenken. Zum einen wurde das Paar von einer Drogenhilfeeinrichtung betreut, die die Frau als psychiotisch beschrieb und zum anderen handelte es sich bei Bettwanzen um eine äußerst anhängliche Plage. Bettwanzen leben in Spalten von Wänden und Möbeln und kommen nachts, um das Blut von Menschen und Tieren zu saugen, las er. Zurück blieben rote juckende Pusteln an den Armen, Beinen und am Rumpf des Körpers. Sie überleben mehrere Monate ohne Nahrung aufzunehmen und seien zunehmend resitent gegen Schädlingsbekämpfungsmittel. Bettwanzen legen Eier in Kleidungsstücke, Taschen und ähnliches und werden häufig verschleppt. Es sei sogar möglich Bettwanzen in Büchern aus öffentlichen Büchereien einzuschleppen, erfuhr er im Internet. Ein äußerst beunruhigender Gedanke, bei dem ihn sofort ein heftiger Juckreiz überkam. Die Wohnung musste bei starken Befall über mehrere Tage vergast werden oder aufwendig mit extra Öfen auf über 50 Grad erhitzt. Gegen Hitze seien die Tierchen nach wie vor sehr empfindlich, las er nach. Matratzen und Möbel mit viele Ritzen und Versteckmöglichkeiten, sowie alle nicht bei 60 Grad waschbaren Kleidungsstücke sollten entsorgt werden. Der Befall mit Bettwanzen bedeutete einen großen wirtschaftlichen Schaden. Er beschloss keinen Fuß in die Wohnung zu setzen, dafür war sein Gehalt nicht hoch genug. Ein Besuch im Büro war ebenfalls nicht gefahrlos möglich. Das Paar sollte zum Gespräch nach draußen vor die Wohnungstüre kommen. Er würde sich schriftlich einladen.

Seine Erfahrung mit langjährig drogenabhängigen Personen war begrenzt. Er hatte die Regeln der Drogenhilfeeinrichtungen immer als hart und etwas herzlos empfunden. Wollte man beispielsweise einen Entzug machen, musste man sich bis zur Aufnahme jeden Tag telefonisch melden. Wer das vergaß wurde von der Warteliste genommen. Wer zur Methadonausgabe, die von 9 bis 11 Uhr stattfand auch nur fünf Minuten zu spät kam, bekam nichts mehr und musste bis zum nächsten Tag auf Entzug bleiben. Oft hatten ihn jammernde und zeternde Klienten um Unterstützung gebeten, bei dem Versuch nach einem Regelbruch eine Ausnahme von der Regel zu erwirken. Wortreich wussten sie von Widrigkeiten zu berichten, die es ihnen unmöglich gemacht hätten sich an Vereinbarungen zu halten. Pure Unschuld, unerträgliches Unrecht oder echte Reue wurde in die Waagschale geworfen, um ein letztes Mal das rettende „Was auch immer“ zu bekommen, und zwar sofort. Die Drogenhilfe blieb meistens hart. In den seltenen Fällen, in denen er eine Ausnahme erwirken konnte, stand der Betroffene am nächsten Tag wieder auf der Matte und hatte das gleiche Problem wie zuvor. Die Drogenhilfe hat ihre eigenen Gesetze und die unterscheiden sich grundlegend von denen der Wohnungslosenhilfe, lautete seine Erkenntnis. Verschiedene Kulturen, die sich durch verschiedene Erfahrungen gebildet hatten.

Das Paar wohnte in einem renovierten zweigeschossigen Wohnblock aus den dreißiger Jahren. Pro Treppenaufgang gab es lediglich sechs Wohnungen. Der Stadtteil gehörte zwar zu den ärmeren Wohngegenden, doch ließ der gepflegte Vorgarten auf ein gewisses nachbarschaftliches Engagement im positiven Sinne schließen. Das machte ihn doch ein wenig neugierig. Er hatte sich die Lebensumstände deutlich elender vorgestellt. Als auf sein Klingeln niemand reagierte versuchte er es bei einem Nachbarn und sagte sein Sprüchlein auf: „Guten Tag. Ich bin Sozialarbeiter und möchte gerne ihren Nachbarn besuchen. Leider weiß ich nicht, ob die Klingel funktioniert. Können Sie mich bitte reinlassen?“ Meistens funktionierte diese Taktik und man konnte an die Wohnungstüre klopfen und ein paar Sätze durch die geschlossene Türe sprechen. In der Hälfte der Fälle öffneten die Besuchten die Türe erst nachdem er geklopft und gerufen hatte. Nachdem ein freundlicher Nachbar ihn reingelassen und an die richtige Haustüre verwiesen hatte, klopfte er guten Mutes an der Türe. Oft erfuhr er schon ungefragt von den Nachbarn welche angeblich üblen Zustände in den Wohnungen herrschten oder welche Ungeheuerlichkeiten sich die zu Besuchenden herausnahmen. Trotz Bettwanzen, Drogensucht und Psychose, schien hier niemand Groll gegen die Bewohner zu hegen. Vielleicht waren sie besonders charmant oder hilfsbereit? Die wahrscheinlichste Variante für einen solchen Hausfrieden war normalerweise das absolute Desinteresse an der Nachbarschaft. Bei massiven Störungen schlug diese Desinteressen allerdings häufig in blanken Hass um. Alle seine Vorurteile schienen hier nicht recht zu passen. Die Nachbarschaft schien freundlich und aufmerksam. Er klopfte erneut und suchte den Türspalt nach attackierenden Bettwanzen ab. Ein kleiner Hund fing an zu kläffen. Wenigstens kein Rottweiler oder Pitt Bull, tröstete er sich. In der Wohnung fing eine Frau an, ärgerlich in einem jammernden Ton zu schreien: „Ruhe. Aus. Was ist das für ein Theater?“ Die Türe öffnete sich und ein kleiner, einem Wischmop gleichender Hund, kam herausgeschossen und umwedelte seine Beine. Bettwanzen halten sich in der Regel nicht im Fell von Haustieren auf. Bei starken Befall kann dies aber nicht ausgeschlossen werden, schoss es ihm durch den Kopf. Er fing unwillkürlich an sich zu kratzen und sah sich einer, trotz ihrer mageren Gestalt, etwas verquollen wirkenden, Frau gegenüber. Die Augen waren nur halb geöffnet und sie fuchtelte mit den Armen als wolle sie eine Tränengaswolke wegwedeln. Als sie ihn entdeckte, verlagerte sie ihre akustischen Bemühungen auf ihren Besucher. „Du spinnst wohl hier am hellichten Tag an die Türe zu hämmern? Mir geht es total schlecht. Ich bin krank und muss ins Bett“, schrie sie im jammernden Tonfall. „Ich hatte mich schriftlich angekündigt. Es geht um Ihre Wohnung“, versuchte er sich förmlich Gehör zu verschaffen. „Nicht jetzt. Komm nächste Woche wieder“, entfuhr es ihr, bevor sie ihm die Türe vor der Nase zuschlug.

Reaktionen dieser Art haben den Vorteil viel Arbeit einzusparen, dachte er auf dem Rückweg lakonisch. Man könnte nun einfach einen schönen Bericht für das Amt verfassen, in dem zu lesen war, dass die Klientel jegliche Hilfe ablehne. Bevor er die Akte schließen und seine Füße auf die Schreibtischplatte legen würde, bekam jeder allerdings noch ein bis zwei Chancen in Form von Besuchen und Angeboten. Manchmal kam er sich vor wie ein Staubsaugervertreter. Und ein guter Vertreter klopft mindestens noch einmal an der Hintertüre, wenn ihm die Vordertüre vor der Nase zugeschlagen wurde. Ein bisschen Berufsethos unter Klinkenputzern muss schon sein. Ein moralisch erhebendes Gefühl verschaffte ihn die Tatsache, dass er die zusätzlichen Mühen ohne die Aussicht auf eine zusätzliche Provision auf sich nahm. Er verglich sich lieber mit Jake und Elwood von den Blues Brothers. Diese Ikonen seiner Jugend waren schließlich selbstlos in Namen des Herrn unterwegs gewesen. Im Geiste moralischer Überheblichkeit und mit Aretha Franklin im Ohr kehrte er in sein Büro zurück.

Fortsetzung : Teil 2

3 Kommentare zu „Alles für die Katz“

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