Eine leere Rolle Klopapier am Halter

Monopoly- Corona edition

Mittwochs ist unser medienfreier Tag. Wir zwingen unsere Kinder aus pädagogischen Gründen sämtliche Tablets, PCs und Smartphones ausgeschaltet zu lassen. Sobald die Schule beendet ist und die Freizeit beginnt macht sich zuerst eine allgemeine Unruhe breit. Ziellos umherschweifende Kinder mit schlendernden Armen oder in depressiver Verstimmung verfallende Pubertierende, die auf Sofas liegend Löcher in die Luft starren. Meistens habe ich große Freude an diesem Selbstfindungsprozess, bis mir dann bewusst wird, dass ich mit gutem Beispiel vorangehen muss und und mich leider nicht vor die Glotze verziehen darf. Wer A sagt muss auch B sagen. Ich versuche meiner Familie in solchen Fällen gerne mal ein Gespräch aufzudrücken. Das ist meistens wenig erfolgreich, hat aber auch schon funktioniert. Schallplatten hören finde ich auch ganz hervorragend. Die anfängliche Begeisterung über diese antiquierte Technik hat sich beim meinem Nachwuchs allerdings längst gelegt. Aus lauter Verzweiflung greifen wir schlussendlich zum guten alten Brettspiel. Ich mag ja Klugscheißer Spiele a la Trivial Pursuit. Meistens sind aber Klassiker wie Monopoly, Siedler oder „Mensch Ärgere Dich nicht“ angesagt. Letzteres versuche ich meistens zu boykottieren, da ich mich bei diesem Spiel oft ärgere. Da ist also noch Luft nach oben in meiner persönlichen Entwicklung. So haben wir letzten Mittwoch also mal wieder Monopoly gespielt und auf meinem Weg zum Ziel kamen mir dauernd unbequeme Ereignisse und Rückschläge in die Quere. Wie im richtigen Leben sozusagen. Wobei das richtige Leben zur Zeit irgendwie unglaubwürdiger ist, als eine Ereigniskarte eines Monopoly Spiels.

So möchte ich zum Beispiel am Montag im Rahmen meiner Betriebsratsarbeit eine Fortbildungsreise nach Hamburg antreten. Wäre diese Reise Teil eines Brettspiels hätte ich vor Corona dafür etwa drei Spielzüge machen müssen. Erster Zug: „Finde das notwendige Fortbildungsangebot zur richtigen Zeit am passenden Ort.“ Zweiter Zug: „Überzeuge deine Familie, dass sie eine Woche ohne dich auskommt.“ Dritter Zug: „Überzeuge deine Kollegen und deinen Arbeitgeber, dass diese Reise notwendig ist.“ Realistische Ereigniskarten, die das Vorhaben torpedieren könnten wären Erkrankungen oder eine mehrtägige Verspätung der Deutschen Bahn. Seit Corona sind aber viel merkwürdige Ereigniskarten hinzugekommen: „Die Stadt in der sie Leben hat eine Inzidenz von über 50 Erkrankten auf 100000 Einwohner. Setzen Sie eine Runde aus.“ Letztes Jahr hätte ich mich noch gefragt was mir der Autor mit diesem Satz sagen möchte und an seinem Verstand gezweifelt. Heute hingegen ziehe ich eine weitere Karte auf der steht: „Hamburg hat ein Beherbergungsverbot für Reisende auf Risikogebieten erlassen.“ Ja so ein Scheiß Spiel. Von einem Beherbergungsverbot habe ich noch nie was gehört. Das gibt es doch gar nicht. Wer hat sich das den ausgedacht? Diese fiesen Spielentwickler. In der Spielanleitung im Internet kann man anschließend widersprüchliche und unklare Anweisungen lesen, wie das Siel weitergeht: „Bitte würfeln Sie. Bei geraden Zahlen gilt die Regelung zum Beherbergungsverbot aus Rheinland Pfalz. Touristische Reisen bleiben verboten aber Geschäftsreisen erlaubt.“ Mist, ich habe elf gewürfelt. Nächste Karte: „Sie müssen einen negativen Corona Test vorweisen, der nicht älter als 48 Stunden ist.“ Prima. Wo bekommt man am Montagmorgen einen negativen Corona Test her? 48 Stunden zurück gerechnet von der geplanten Ankunft im Hotel. Das ergibt Samstag 15 Uhr. Da ist mein Hausarzt für gewöhnlich auf dem Golfplatz. In der Spielanleitung steht immerhin: “ Sie können ein Corona Testzentrum in Ihrer Nähe aufsuchen, welches täglich von 8 bis 19 Uhr geöffnet ist. Wählen Sie zwischen einem Test bei dem das Ergebnis in 12 Stunden oder einem 6 Stunden vorliegt. Bedenken Sie, dass die Testung für den 12 Stunden Test bis 14 Uhr erfolgen muss und die Testung für den 6 Stunden Test bis 15 Uhr, um das Ergebnis fristgerecht zu erhalten. Bei späterer Testung erhalten Sie das Ergebnis am Folgetag bis 11 Uhr, bzw. 10 Uhr.“ Ich liebe Knobelspiele. Ich möchte montags um 11 Uhr in den Zug steigen. Zwölf Stunden zurück gerechnet ergeben Sonntag 11 Uhr. Ein bisschen früher brauche ich das Ergebnis aber schon. Ich könnte gleich um 8 Uhr ins Testzentrum fahren. Wie ist eigentlich die Wartezeit dort? Mit Offenbach und Frankfurt am Main sind in den letzten zwei Tagen fast eine Millionen Menschen zu Bewohnern eines Risikogebietes erklärt worden und das mitten in den Ferien. Wie ich mich kenne ziehe ich eine Ereigniskarte auf der steht: „Im Testzentrum herrscht ein Gedränge wie auf der letzten Loveparade in Duisburg.“ Oder noch schlimmer, es herrschen Zustände wie am Buffet der letzten Donauschifffahrt an der ich, in einem Zustand geistiger Umnachtung, teilgenommen habe. Ich gehe besser schon samstags oder mache einen 6 Stunden Test, der allerdings doppelt so teuer ist. Mit Attest und Identifikationsbestätigung fast 200 €. „Bei geraden Zahlen erhalten Sie die Genehmigung Ihres Arbeitgebers für einen 6 Stunden Test und bei ungraden für einen 12 Stunden Test. Würfeln Sie ein Pasch, ist Ihr Personalchef im Urlaub.“ Ich werfe natürlich ein Pasch. Was nun? Die Vertretung macht mir Mut. Es wird schon erstattet werden. Die Aussage gehört aber eigentlich nicht in ihren Kompetenzbereich. Komische Karte. Dann hau ich mal nicht so auf den Putz und gönne mir das Sparprogramm. Besuch des Testzentrum für einen Standardtest mit Testergebnis innerhalb von 12 Stunden für 59, 90 €. Identifikationsbestätigung für 9 €, bitte hier klicken. Was zum Teufel ist eine Identifikationsbescheinigung? In der Spielanleitung steht nichts erhellendes. Ärztliches Attest 25 € extra. Ich ziehe einfach mal eine neue Karte: „Die nette Dame an der Rezeption im Hamburger Hotel hat auch noch nie was von einem Beherbergungsverbot gehört und weiß auch nicht welche Unterlagen vorgelegt werden müssen. Sie braucht nur ein Stück Papier auf dem steht, dass Sie kein Corona haben.“ Ich schreib es einfach auf ein Stück Klopapier. Oder lieber nicht, es konnte demnächst wieder Mangelware werden. Das Problem beim Monopoly ist, dass jede Familie ihre eigenen Regeln hat. Das steht sogar in der Spielanleitung unseres Monopolyspiels. Das Spiel würde sich aus diesem Grund unverhältnismäßig in die Länge ziehen. Es wird auf die Einhaltung einheitlicher offizieller Regeln verwiesen. Bei dem blöden Corona Spiel gibt es aber keine einheitlichen Regeln. Nächste Karte: „Nach wildem Klicken auf der Website haben Sie einen Standardtest mit Attest gekauft. Die Bestellung eines Identifikationsnachweises ist an Ihren mangelhaften IT Kenntnissen gescheitert. Sie konnten Ihre Passnummer nicht mehr nachträglich eintragen. Würfeln Sie. Bei geraden Zahlen benötigt das Hotel unbedingt einen Identifikationsnachweis. Bei ungraden Zahlen verlangt das Hotel überhaupt nichts. Bei einem Pasch erfahren Sie das erst vor Ort nach der Anreise.“ Ich habe natürlich ein Pasch gewürfelt. Wenn ich in Hamburg unter der Brücke schlafen muss habe ich zumindest ganz neue Erfahrungen machen dürfen. Na gut, weiter geht es.“ Es ist Ihnen gelungen im Testzentrum am Frankfurter Flughafen innerhalb von 5 Minuten einen Corona Test zu absolvieren ohne die Mitarbeiterin mit dem Wattestäbchen in Ihrem Rachen vollzukotzen. Herzlichen Glückwunsch zu diesem gelungenen Samstagsausflug.“ War es das jetzt? Habe ich das Spiel gewonnen? In einem Anflug von Leichtsinn nehme ich noch eine Karte. „Sie berechnen die Zeit von der Entnahme der Probe bis zur geplanten Ankunft im Hotel neu und stellen fest, dass Sie lediglich elf Minuten haben um vom Bahnhof zum Hotel zu gelangen. Das ist eine Punktlandung. Vorausgesetzt, die Deutsch Bahn bringt sie pünktlich ans Ziel“. Oh Gott, ich bin verloren. „Würfeln Sie. Bei geraden Zahlen gelingt es Ihnen nach einem dreißig minütigen Aufenthalt im Reisezentrum der Deutschen Bahn Ihr Ticket auf einen früheren Abreisetermin umzubuchen und stressfrei nach Hamburg zu reisen. Bei ungeraden Zahlen haben Sie ein Sparticket gekauft, welches nicht stornierbar ist, Sie Geizhals. Bei einem Pasch haben Sie sich auf dem Weg in das Testzentrum im Gedränge in der S Bahn mit Corona angesteckt.“

Nee oder? Das nächste Mal spiele ich lieber „Mensch ärgere Dich nicht“ mit. Ich glaube ich geh jetzt mal Klopapier kaufen.

6 Kommentare zu „Monopoly- Corona edition“

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