eine auf der Straße schlafende Gruppe Straßenmusiker

Von Hilfeangeboten und Hilfsangeboten

Ich arbeite in einer Beratungsstelle. Damit ich weiß, was ich so raten soll, schaue ich neuerdings morgens in die Tageszeitung. Althergebrachtes Wissen scheint in diesen Zeiten nur begrenzt anwendbar. Neuerungen haben gefühlt nur wenige Stunden Gültigkeit, bis sie erneut verändert werden. So durfte ich in der Zeitung lesen, dass die Stadt Frankfurt an einer neuen Einrichtung arbeitet, die wohnungslose Menschen während der Coronakrise vorübergehend Unterschlupf bieten soll. Das fand ich interessant. Hatte ich erwähnt, dass ich wohnungslose Menschen berate? Die können mit solchen Informationen etwas anfangen. Wo und wann diese Unterkunft in Betrieb gehen, soll stand leider nicht in der Zeitung. Ich rate den Menschen, die zu mir kommen mal woanders nachzufragen. Wo, weiß ich auch nicht genau. Es ist nämlich alles geschlossen. Wenn man den Telefonhörer in die Hand nimmt und man mit etwas Glück einen Gesprächspartner findet, ist man nachher unwesentlich schlauer. Man weiß lediglich, dass die Einrichtung mit der man telefoniert hat, geschlossen ist oder einen Notbetrieb fährt. Unterkünfte, die noch Menschen aufnehmen sucht man vergebens. Es gibt lediglich nur noch eine Notübernachtungsstätte mit Mehrbettzimmern und die U Bahn, in die ich Suchende schicken kann. Das ist jetzt nicht zynisch gemeint. In einer U Bahnstation gibt es einen extra abgetrennten und geheizten Bereich, der gereinigt und betreut, wohnungslosen Menschen zur Verfügung gestellt wird. Hier übernachten hauptsächlich Menschen aus Osteuropa, die keinen Versorgungsanspruch in Deutschland haben, da sie hier nie steuerpflichtig gearbeitet haben, oder psychisch erkrankte Menschen, die durch das Hilfesystem gefallen sind.

Das ich momentan keine Ahnung habe ist aber nicht so dramatisch. Seit etwa einer Woche kommt nämlich kaum jemand in unserer Beratungsstelle vorbei. Wer eine Wohnung oder Unterkunft hat bleibt lieber zuhause. Das hat aufgrund des allgemeinen Kündigungsschutzes für Wohnraum zum Glück auch erst mal keine Konsequenzen. Es kommen nur noch ein paar Unerschrockene, die versäumt haben rechtzeitig irgendwelche Anträge bei Behörden einzureichen und nun nicht wissen, wo sie die abgeben können. Der Schutz der MitarbeiterInnen und BesucherInnen ist momentan natürlich ein großes Thema. Schutzausrüstung haben wir keine. Die ist überall Mangelware. Der einzige Schutz ist das Abstandsgebot und die Reduzierung der Besucherzahl. Ein Fakt, der bei mir erst ein mulmiges Gefühl hinterließ, da ich nicht wusste wie das klappt. Wegen der geringen Besucherzahl bin ich momentan nicht traurig. Die Behörden haben übrigens alle geschlossen. Unsere Einrichtung hätte auch geschlossen werden können, da wir auch Streetwork im Angebot haben. Einen solchen drastischen Schritt wollte mein Arbeitgeber aber nicht gehen. Ich vermute aus wirtschaftlichen Gründen. Es besteht immerhin die Gefahr, die staatlichen Zuschüsse zu verlieren, wenn ein Angebot nicht vorgehalten wird. Ob es sinnvoll ist oder nicht, spielt nur eine Nebenrolle. Es ist ein schwieriger Spagat zwischen dem Versorgungsauftrag, den wir gegenüber den Obdachlosen haben und dem Schutzbedürfnis der MitarbeiterInnen.

Obdachlose kommen auch nicht mehr viele. Gutscheine für Kleidung geben wir nicht mehr raus, da die Kleiderkammern ebenfalls zu sind. Den Tee und Kaffeeausschank haben wir aufgrund der Enge in unserer Einrichtung aus hygienischen Gründen eingestellt. Dazu muss man wissen, dass wir keine Tagesstätte sind. Wir bieten in der Beratungsstelle kein Essen, keine Duschen oder Kleidung an. Unser Job ist die Vermittlung von Hilfen. Anträge auf Grundsicherungsleistungen, Sozialwohnungen, Rehabilitationsleistungen oder die Vermittlung in Wohnheime. Das sind Hilfeangebote, die Menschen im besten Fall unabhängig von Hilfe machen. Daran hapert es aber, da überall die Aufnahmen gestoppt sind. Man könnte gerade den Eindruck gewinnen, dass viel Obdachlose gerade mit wichtigerem beschäftigt sind als sich beraten zu lassen. Die versuchen, die notwendigen Dinge des Lebens zu organisieren. Das Angebot unserer Beratungsstelle ist wie gesagt eher am Rande mit der Organisation von Hilfsgütern betraut. Deshalb ist gerade auch nicht viel los. Wir schauen nun, ob wir unsere Hilfsangebote für die Menschen, die auf der Straße leben erhöhen müssen. Busse mit Kleidung und Essen, die die Menschen an ihren Schlafplätzen aufsuchen sind im Gespräch. Mir persönlich ist noch nicht ganz klar wie hoch der Bedarf hier tatsächlich ist. Es gibt gerade glücklicherweise viel Menschen, die sich solidarisch mit Obdachlosen zeigen und spenden. Die Tagesstätten geben weiterhin Essen aus, wenn auch der Eintritt beschränkt ist. Das Duschen oder Waschen von Kleidung wird dadurch zeitaufwändiger aber scheinbar nicht unmöglich. Wir müssen nun einfach mal sehen, was wirklich fehlt und wie wir es besorgen können.

Aufsuchende Sozialarbeit gehört seit jeher zu unserem Angebot und nachts fährt der Kältebus auf Frankfurts Straßen. Die Sicherung des Überlebens steht hier vor allem im Winter im Vordergrund. Deshalb haben wir auch ein paar Hilfsangebote, die im Gegensatz zu den Hilfeangeboten, nur auf die hilfsweise kurzfristige Linderung ausgelegt sind. Dazu gehört die Ausgabe von Kleidergutscheine und von Schlafsäcken. Dieses Angebot wird vor allen von Menschen in Anspruch genommen werden, die in Deutschland keinen Versorgungsanspruch haben. Das sind in Frankfurt nicht wenige. Etwa 80 Prozent der Menschen, die wirklich auf der Straße schlafen kommen aus Südost, bzw. Osteuropa. Für diese Menschen können wir wenig tun, da für sie kein Geld zur Verfügung gestellt wird. Sie haben keine Lobby und keinen politischen Einfluss. Streng genommen sind sie gar nicht da, da sie Bürger eines anderen Staates sind. Wählen dürfen sie auch nicht und haben daran meistens auch kein Interesse. Das Ergebnis einer jahrelangen strukturellen Ausgrenzung. Die Europäische Union müsste handeln, da es sich um EU Bürger handelt. Doch leider zeigt sich die EU wie so oft handlungsunfähig. Mit oder ohne Corona.

Eine gute Nachricht zum Schluss. Das Amtsgericht Frankfurt hat heute eine Zwangsräumung eines pflegebedürftigen, psychisch kranken, über achtzigjährigen Mannes aufgeschoben, da durch die Coronakrise eine nicht angemessene Gefahr für dessen Leib und Leben bestehe, falls er in ein Obdachlosenheim müsse. Hört! Hört!

4 Kommentare zu „Von Hilfeangeboten und Hilfsangeboten“

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