Gesunder Menschenverstand

Mehrmals hatte ich Blut gehustet. Ein weiterer Aufschub eines Arztbesuches war einfach nicht mehr zu rechtfertigen gewesen. Jetzt begann die bange Zeit des Wartens auf eine Diagnose. Der Arzt hatte sich bedeckt gehalten und mich an einen Spezialisten überwiesen. Der Gedanke, dass mein Leben nun schon zum größten Teil gelebt sein könnte und die Zukunft lediglich noch aus seiner kurzen Krankengeschichte bestehen könnte beängstigte mich. Genauer gesagt fühlte es sich an wie ein Schlag in die Magengrube. Mir gelang es diesen Gedanken erfolgreich zu verdrängen und mir harmlosere Gründe und Krankheiten auszudenken. Selbst eine Krebsdiagnose musste nicht unbedingt ein Todesurteil sein. Am liebsten hätte ich zu Gott gebetet und um Hilfe gebeten. Doch war die Wahrscheinlichkeit, dass dieser Gott Produkt meines Geistes war, weit höher als die Wahrscheinlichkeit, dass er mich geschaffen hatte. Ich musste vernünftig bleiben und das weitere Vorgehen nüchtern und unter Einbeziehung aller verifizierbaren Informationen planen.

Das war leichter gesagt als getan. Der Mensch ist ein emotionales Wesen , das zu irrationalem Handeln neigt. So war anfangs meine größte Sorge, dass ich im Fall einer schweren Erkrankung meine geplante Reise nicht antreten könnte. Zugegeben, ich hatte lange für diesen Flug in die Exosphäre gespart und dafür trainiert. Aber objektiv gesehen war ein Flug ins All kein Grund seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen. Beim Besuch eines anderen Planten hätte ich vielleicht eine Ausnahme gemacht aber diese Art von Reisen sprengten definitiv mein Budget. Das war lediglich den Reichen und Schönen vergönnt. Vielleicht sollte sich das im Laufe der Zeit noch ändern. Die Flüge in die Stratosphäre samt Schwerelosigkeit wurden mittlerweile von allen gängigen Massenanbietern durchgeführt. Was für meine Eltern noch ein echtes exotisches Abenteuer gewesen war, ist heute längst schnöder Massentourismus.

Ich musste mich nun aber zusammen reißen und meine Möglichkeiten ausloten. Ich war gut versichert. Das hatte mir mein Großvater damals bei der Abschaffung der allgemeinen Krankenkassenversicherungspflicht ans Herz gelegt. Natürlich hatte es Proteste gegeben aber die meisten Menschen verstanden, dass eine Krankenkasse für Alle im Grunde ein sozialromantisches Ideal war. Die Politik hatte rechtzeitig eingreifen müssen, um das Gesundheitssystem vor dem wirtschaftlichen Kollaps zu retten, der alle sozialistischen Organisationsformen in der Geschichte ereilt hatte. Da ich im Geschichtsunterricht gut aufgepasst hatte, nutzte ich mein Erbe, um mich in den finanzkräftigsten Versicherungskonzern der Welt einzukaufen. Danke Vater, dass du die richte Entscheidung getroffen hattest. Die Raten für meine Versicherungen konnte ich bislang sogar aus meinem laufenden Einkommen bezahlen. Ich war wirklich ein Glückspilz.

Mein Versicherungsagent hatte die Daten automatisch von meinem Arzt erhalten und machte mir nun ein passgenaues Angebot. Im Falle einer Krebserkrankung würde die Versicherung alle Therapiekosten bis zu einer Überlebenswahrscheinlichkeit von 40 Prozent tragen. Das waren wirklich eine außergewöhnlich gute Quote. Die neuen Policen waren für Normalverdiener nur noch bis zu einer Überlebensquote von 50 Prozent finanzierbar. Ich kann die Versicherungen hier wirklich verstehen. Ich investiere auch kein Geld in ein Geschäft, das in der Hälfte der Fälle in die Hose geht. Ich würde also Verdienstausfall für die Dauer der Erkrankung und eine Therapie erhalten. Modernste Stammzellen oder gezüchtetes Gewebe hatte wirklich erstaunliche Fortschritte im Kampf gegen den Krebs gebracht. Besiegt war die Erkrankung aufgrund der vielen Umweltgifte aber nicht. Bei der Frage wie es weiterging spielte die Diagnose und die daraus resultierende Heilungsprognose eine zentrale Rolle. Bauchspeicheldrüsenkrebs war schlecht. Aufgrund des schnellen Versterbens konnte nicht schnell genug Gewebe nachgezüchtet werden. Die Überlebensprognose lag unter 40 Prozent. Die Versicherungen errechneten den Gehaltsausfall bis zum errechneten Sterbedatum und überwiesen das Geld sofort. Das hatten die Gewerkschaften verlangt. Vermutlich hätten die Versicherer aber aus Kostengründen sowieso alles auf einmal überwiesen. Menschlichkeit und Effizienz gingen halt meistens Hand in Hand. Die Zeiten, in denen aufgrund übertrieben Gewerkschaftslobbyismus alles Geld in den Sozialsystemen versickerte und wichtige Zukunftsinvestitionen deswegen brach lagen waren zum Glück vorbei. Die Fortschritte in der Raumfahrt waren wirklich historisch.

Vater hatte damals eine Überlebenschance von 65 Prozent und begann mit seiner Therapie. Es sah auch gut aus bis ein weiterer Tumor entdeckt wurde. Seine Chancen fielen unter 40 Prozent und die Therapie wurde eingestellt. Tja, das Leben kann hart sein. Es ist mir ein bisschen peinlich und ich möchte nicht schlecht über Verstorbene sprechen, aber er wollte sich nicht damit abfinden. Die Versicherung hat das obligatorische Angebot einer bezahlten Sterbebegleitung gemacht. Hätte er innerhalb einer Woche dem Sterbehilfeprogramm zugestimmt, wäre es sogar ein Plusgeschäft geworden. Aber nein, der alte Herr ist sogar heimlich zur Apotheke gegangen und hat sich so ein veraltetes Chemotherapie Set besorgt, wie es die Unversicherten benutzten. Er kam damit natürlich nicht zurecht und bat uns um Hilfe. Das war natürlich eine gute Gelegenheit, ihm noch mal ins Gewissen zu reden. Seine Krankheit hätte sein gesamtes Vermögen aufgezehrt und die Zukunft seiner Kinder damit verbaut. Mutter sah das genauso.  Wir konnten ihn noch rechtzeitig zur Unterschrift überreden und er starb schließlich doch noch wie ein Mann. Die Versicherung hat sogar noch einen prächtigen Grabstein bezahlt. Dank des Erbes konnten meine Schwester und ich eine eigene Police abschließen. Jetzt bin ich in der komfortablen Lage selbst über mein Leben entscheiden zu können. Ich werde mich bestimmt nicht so jämmerlich und unmoralisch verhalten wie mein Vater. Sollte meine Überlebenswahrscheinlichkeit unter die Deckungsgrenze der Versicherung sinken werde ich den einzig ehrbaren Weg gehen, den ein Mensch mit gesundem Menschenverstand gehen kann.

Aber vielleicht ist es auch nur etwas ganz harmloses und ich mache mir umsonst Sorgen.

18 Kommentare zu „Gesunder Menschenverstand“

  1. Ui … das klingt wie 2084.
    Ich glaube nicht, daß es dann noch Gewerkschaften geben wird, die irgendwie Einfluß auf die Gesetzgebung ausüben werden (können). Das hast du mit ‚Sozialromantik‘ gut beschrieben, denke ich – also wieso nicht gleich das irrationale Denken aus dem Leben entfernen ? Die Fremdgesteuerten sind doch bereits in der Mehrzahl, deine Abhandlung klingt äußerst vernünftig…

    Gefällt 4 Personen

      1. Dazu fällt mir ein Standardsatz in philosophisch heiklen Passagen eines futuristischen Machwerks ein, dessen Perspektiven sich in der Conclusio langsam an unsere Realität…ähhh…. umgekehrt, annähert. Er ist etwa mit „Amen“ vergleichbar und lautet: „Das hoffen wir alle !“

        Gefällt 1 Person

  2. Was mich bereits von Beginn an wunderte, als ich diesen Beitrag zum ersten Mal aufrief, nun stelle ich die Frage doch: wie kommt eigentlich dieser stilisierte Avatar des schreibenwärmt rechts der Mitte auf die Ziegelmauer im Beitragsbild ?

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