Wohnung, die schulterhoch mit Müll voll ist

ABC der Wohnungsräumungen

Leider habe ich beim Verfassen diese Textes vorzeitig mit meinen Wurstfingern  auf veröffentlichen gedrückt und einen Entwurf in den Äther geschickt. Hier ist die vervollständigte Endfassung.

Ein Teil meiner Arbeit ist es, Obdachlosigkeit zu verhindern. Das Sozialamt bekommt von den Gerichten und Gerichtsvollziehern Meldungen über Räumungsklagen und Zwangsräumungen von Wohnungen. Das sind in einer Stadt wie Frankfurt etwa 2000 Fälle im Jahr. Der Königsweg ist hier der Wohnungserhalt indem die Mietschulden auf Darlehensbasis übernommen werden oder der betroffene Mensch Unterstützung in seiner Wohnung bekommt. So werden zum Beispiel Grundreinigungen durchgeführt oder ambulantes Betreutes Wohnen installiert. Wenn es ein bisschen komplizierter oder zeitaufwendiger wird beauftragt das Sozialamt den Fachdienst für den ich tätig bin. Es erfüllt mich immer mit einem gewissen Stolz, wenn jemand meine Unterstützung annimmt und dadurch in seinem gewohnten Wohnumfeld verbleiben kann.

Falls weder der Vermieter noch der Betroffene mit sich reden lassen, kommt es zur Zwangsräumung der Wohnung. Etwa einmal im Monat habe ich das zweifelhafte Vergnügen einer solchen Veranstaltung beizuwohnen. Hierbei handelt es sich wie gesagt meist um die kompliziertesten Fälle. Der Großteil dieser Menschen leidet unter Störungen, die im Allgemeinen als psychische Erkrankungen bezeichnet werden. Trotz aller Routine ist eine solche Zwangsräumung immer ein abenteuerliches Unterfangen, da die Realität unseren Planungen immer wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Heute morgen musste ich in der Zeitung lesen, dass in meiner Heimatstadt auf einen Gerichtsvollzieher und seinen Begleiter bei einer Zwangsräumung geschossen wurde. So etwas ist mir glücklicherweise noch nicht widerfahren und wird es vermutlich auch nicht. Wir halten uns ganz bewusst bei der Zwangsräumung im Hintergrund. Das tun wir nicht aus Angst, sondern aufgrund unserer Rolle. Wir sind ein Sozialdienst der Wohnungslosenhilfe. Unsere Aufgabe ist die Verhinderung der Wohnungslosigkeit oder die Unterbringung eines von Obdachlosigkeit betroffenen Menschen. Mit dem konkreten Schritt der, ich nenne es mal, „Obdachlosenmachung“ haben wir nichts zu tun. Wir nehmen den Menschen, der gerade aus seiner Wohnung geworfen wurde vor seiner ehemaligen Haustüre in Empfang und bieten ihn Begleitung in eine Unterkunft an. Manch einer mag das als Haarspalterei ansehen, für unsere Rolle und die daraus resultierende Haltung ist es aber sehr wichtig. Am Anfang meiner Kariere habe ich oft mit Engelszungen auf Klienten eingeredet, dass sie doch ihre Sachen packen sollen und ohne großes Aufhebens ihre Wohnung verlassen sollten, da ich wusste das Widerstand zwecklos ist und hässliche Konsequenzen in Form eines Polizeieinsatzes haben kann. Das kam vielleicht meinem Harmoniebedürfnis zugute aber erschwerte die weitere Betreuung erheblich. Nicht selten wurde ich und meine Kollegen für den Verlust der Wohnung verantwortlich gemacht. In Wahrheit hat natürlich der Vermieter, der einen Räumungstitel erwirkt hat die Räumung zu verantworten. Ob die Zwangsräumung gerechtfertigt oder gar gerecht ist meistens ein ganz andere Frage. Rechtmäßig sind diese Wohnungsräumungen alle. Durchgeführt werden sie von Gerichtsvollzieherinnen und Gerichtsvollziehern, die einen rechtmäßigen Titel vollstrecken. Fakt ist allerdings auch, dass es viel Wissen, Geld und einer gute Gesundheit bedarf, um sein Recht zu bekommen. Viel Menschen, die vor meinen Augen aus ihren Wohnungen gezerrt wurden hatten das nicht.

Neben dem Gerichtsvollzieher muss eigentlich nur noch ein Vertreter des Vermieters anwesend sein, um eine Räumung durchzuführen. Diesem muss der Schlüssel der Wohnung übergeben werden. In Frankfurt ist auch immer mindestens ein Vertreter des Sozialamts anwesend, um Hilfe anzubieten. Das sind ebenfalls Sozialarbeiterinnen oder Sozialarbeiter. Manchmal kommen auch noch Mitarbeiter des Sozialpsychiatrischen Dienstes des Gesundheitsamtes dazu. Besteht der Verdacht auf Fremd- oder Eigengefährdung werden auch noch Mitarbeiter des Ordnungsamtes oder der Polizei hinzugezogen. Da kann es schon mal zu einem ganz schönen Gedrängel vor der Wohnungstüre kommen. Die Möbelpacker, die der Gerichtvollzieher mitgebracht hat, stehen oft auch noch im Weg rum. Das Eigentum aus der geräumten Wohnung muss nämlich für vier Wochen eingelagert werden. Den Schlosser, der eventuell die Türe aufbohren muss, darf man auch nicht vergessen. Da kommen in komplizierten Fällen gut und gerne zehn bis fünfzehn Personen zusammen. Eine verrückte Situation nicht nur für verrückte Menschen. So viele Menschen ziehen natürlich auch Neugierige an. Einmal redete eine demente Dame aus einer Nachbarwohnung in einem Räumungsgetümmel unablässig auf mich ein, bis ihr Ehemann von seinem Kneipenbesuch zurückkehrte und sie wieder in die gemeinsame Wohnung führte. Ich glaube sie hat es im Gegensatz zu mir genossen.

Jeder Mensch hat andere Strategien, um mit Anspannung umzugehen. Der Moment bevor der Gerichtsvollzieher an die Türe klopft ist immer besonders von Anspannung geprägt. Niemand weiß wie der Mensch in der Wohnung reagieren wird. Wir haben in der Regel viele Hausbesuche und Kontaktversuche im Vorfeld der Räumung durchgeführt. Es kommt vor, dass niemand öffnet und nicht viele Informationen über den betroffenen Menschen vorliegen. Wir versuchen dann ohne dessen Mitwirkung einen Wohnheimplatz und einen Transport zu organisieren. Manche Menschen fangen in solchen Situationen an zu kichern oder zu plappern. Da werden dann komische Witze gemacht oder so mancher Vermieter will sich sein schlechtes Gewissen von der Seele reden. In solchen Situationen ist es nicht ratsam sich als Sozialarbeiter zu outen. Viele denken Sozialarbeiter seinen irgendwie sozialer als andere Menschen und könnten ihnen mal schnell ihre Bürde abnehmen. Ein ehrenwerter Wunsch aber nichts für mich. Mein Job ist es in diesem potentiellen Chaos zu verhindern, dass der Mensch hinter der Türe obdachlos wird. Wohnungslos wird er sicher werden, da muss er nicht auch noch auf der Straße landen.

Wir haben nach den Wohnungsöffnungen schon die merkwürdigsten Sachen gesehen. Müllberge bis zur Decke oder Zeitungsstapel, die den gesamten Wohnraum einnahmen und die Statik des gesamten Hauses gefährdeten. Erwachsene Männer, die sich wie kleine Kinder unter dem Bett versteckten oder Leichen, die mehrere Monate im Bett lagen ohne, dass sich die Nachbarn gewundert hätten. Eine junge Frau war als bissfreudig und HIV positiv bekannt. Das Ordnungsamt hat ihr mit vier Mann einen Sack über den Kopf gestülpt und sie kurzerhand in die Psychiatrie verfrachtet. Ein psychotischer Mediziner beschmierte alle Wände seiner Wohnung fein säuberlich mit Kot, weil er seinen Vermieter bestrafen wollte. Seine Psychose hielt ihn aber nicht davon ab, noch Notdienste in einem Krankenhaus zu schieben. Eine Psychotikerin hatte sich vor dem Gerichtsvollzieher auf ihren Dachboden geflüchtet und die Polizei versuchte eine Erstürmung, ähnlich einer Burgstürmung nach Ritterart. Eine zur Verstärkung gerufene Verkehrspolizeistreife war hocherfreut über die Abwechslung. Immer nur Raser und Falschparker waren wohl langweilig. Mit einem Rammbock wurde schließlich von dem Nachbardachboden eine Regipsplattenwand  durchbrochen und die Dame auf die Straße gesetzt. Wenn man sowieso unter Halluzinationen leidet ist es vielleicht nicht so schlimm, wenn plötzlich vier Verkehrspolizisten durch die Wand stürmen. Psychotiker können mit verrückten Situationen übrigens sehr gut umgehen. Sie bemerken die Aufregung aller Menschen um sie herum. Sie ist ähnlich der Aufregung, die sie scheinbar grundlos immer an sich verspüren. Um sie zu ertragen denken sie sich verrückte Erklärungen aus. Wenn die Welt um sie herum tatsächlich verrückt spielt fühlen sie sich bestätigt und auch nicht mehr so einsam.

Ich möchte deshalb mit dem jungen Mann schließen, der als gewalttätig und psychotisch auffällig geworden war. Er sollte aus seiner Wohnung geräumt werden, da er seine im Haus wohnenden Vermieter bedroht hatte. Wir hatten vorher Kontakt zu ihm und seinen Verwandten. Eine Hilfeplanung war aufgrund seiner Erkrankung nicht möglich. Seine Reaktion auf die Räumung war nicht abschätzbar und es wurde das volle Programm aufgeboten. Zwei Mitarbeiter, des Ordnungsamtes mit Schusswesten, zwei städtische Sozialarbeiter, eine Ärztin des Sozialpsychiatrischen Dienstes mit Assistentin, der Gerichtsvollzieher mit Möbelpackern und Schlosser sowie eine Kollegin von mir und meine Wenigkeit. Der Gerichtsvollzieher klingelte und der junge Mann kam einer Umzugskiste die Treppe runter. Er übergab die Schlüssel seiner Wohnung und erklärte, dass gleich ein Transporter käme und seinen Hausrat abholen würde. Er lief mehrmals die Treppe rauf und runter, um immer mehr gepackte Kartons zu holen und auf den Bürgersteig vor dem Haus zu stellen. Um nicht im Weg zu stehen verzogen wir Sozialarbeiter, Vollzugsbeamte, Möbelpacker und Ärztinnen uns auf die andere Straßenseite der schmalen Seitenstraße. Da schauten also etwa fünfzehn Personen einem jungen Mann zu, wie er Kisten mit seinem Hausrat auf dem Bürgersteig stapelte. Nach einer halben Stunde kam schließlich ein Lastentaxi und half beim Einladen. Irgendwann blickte der eifrig packende junge Mann irritiert auf, als hätte er die auf der anderen Seite abgestellte Staatsmacht eben erst entdeckt und rief: „Ihr seid doch verrückt“. Als er mit dem Lasttaxi wegfuhr, hatte ich das absurde Gefühl, dass er recht hat.

 

 

28 Kommentare zu „ABC der Wohnungsräumungen“

  1. Tja ……. und gelingt es denn Menschen mit psychotischen Schüben von der Straße fernzuhalten und irgendwo unterzubringen?
    Die Überlegung, dass jemand, der psychotisch ist, sich durch viel Aufregung und eine chaotische Situation bestätigt fühlt, ist sehr interessant …

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  2. … und ich habe meinen Kommentar ins Nirwana geschrieben … 😉
    Der Inhalt meiner Frage wurde nun beantwortet („Ist eine Betreuung nach der Delogierung wie zB ein Wohnheim gegeben“) und außerdem erfuhr ich, daß manche Mitarbeiter schießfähige Westen anlegen, wenn die Lage unklar ist – zu ihrer eigenen Sicherheit … 😉

    Danke für den Einblick in einen schwierigen Aufgabenbereich, der nur zum Teil Routine sein kann.

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      1. Keine Ursache für irgendeine Art von Entschuldigung – viel blöder sind zittrige Wurstfinger auf Seiten (Kommentare), die man nicht nachträglich ändern/ergänzen kann …
        Mühe war es nicht und da kam ja noch Wichtiges nach und ich war, wie immer, neugierig … 😉

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    1. In Deutschland gibt es noch das sogenannte Vermieterpfandrecht. Die Sachen bleiben dann für vier Wochen in der Wohnung und der Vermieter ist so lange zur Rausgabe verpflichtet. Das nennt man auch Berliner Räumung. Da man nach vier Wochen meistens keine neue Wohnung gefunden hat, landet bei den meisten trotzdem alles auf dem Müll.

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  3. Ich bewundere deine Nervenstärke, auch die der anderen Beteiligten an einer solchen Zwangsräumung. Es ist gewiss ein ziemlicher Kraftaufwand, das Elend, das sich hinter manchen Wohnungstüren offenbart, nicht an sich heran zu lassen. Auch wird sich häufig ein Gefühl der Ohnmacht einstellen. Zweifelt man da nicht an der Verfasstheit unserer Welt, die solche Schicksale hervorbringt? Und hast du den Eindruck, dass es eher schlimmer oder besser wird?

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    1. Ich setze mir in jedem Fall ein realistisches Ziel. Von einer Notunterbringung bis zum Wohnungserhalt oder einem betreuten Wohnheim ist da alles möglich. Wenn ich mein Ziel erreiche bin ich zufrieden. Wir arbeiten daran das Wohnungslosenhilfesystem besser zu machen. Wenn das Psychiatriesystem auch daran arbeiten würde, wäre viel geholfen.

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  4. Die geschilderte Situation mit dem jungen Mann ließ die inneren Bilder davon bei mir entstehen. Da ist unfreiwillig eine witzige Situationskomik entstanden 😉
    Das letztlich absurde Gefühl, dass er recht hat, ehrt dich 🙂 , spricht es doch dafür, dass du deine Rolle (und die der „Kollegen“) durchaus hinterfragst und inneren Abstand dazu nehmen kannst. Chapeau!

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  5. „Viele denken Sozialarbeiter seien irgendwie sozialer als andere Menschen und könnten ihnen mal schnell ihre Bürde abnehmen“. Dieser Satz und viele andere treffen es mal wieder hervorragend auf den Punkt, was Sozialarbeit ausmacht. Danke! Liebe Grüße, Annette

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      1. unbedingt! In deinen Text eigentlich immer, wenn du so lebhaft von deiner Arbeit berichtest. Vieles davon habe ich ganz ähnlich erlebt und gesehen und ich mag deinen kritischen, hinterfragenden Blick auf die Dinge. Das gelingt nicht allen in dieser Branche. DANKE auch dafür!

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