Dependance des Wetterdienstes auf der Zugspitze

Ratgeber: Richtiges Ärgern oder die Psychiatrie hat keine Krankheitseinsicht

Letztens habe ich mir von der Arbeit mal wieder ein bisschen Ärger für zu Hause mitgenommen. Nicht zum gleich Essen, sondern zum Mitnehmen. So wie in der Eisdiele. Dort wird man bei größeren Portionen schließlich gefragt, ob man es gleich essen mag oder lieber eingepackt mit nach Hause nehmen möchte. Dummerweise hatte mich niemand gefragt, ob ich meinen Ärger lieber gleich runterschlucken oder ihn schön verpackt später genießen möchte. Ich hätte dann  torerogleich den Angriff gewagt und dem Ärger keinerlei Angriffsfläche geliefert. Er wäre von mir mit größter Eleganz ins Leere geschickt und hinterrücks aufgespießt worden. Ich hatte den Ärger aber nicht als solchen erkannt und versucht, ihn an meiner Hülle aus Professionalität abprallen zu lassen. Diese Hülle stelle ich für gewöhnlich nach Feierabend in irgendeine Büroecke und lasse alles schön dran hängen.

Loftartiger Ärger

Auf dem Heimweg war noch alles in Butter. Ich sinnierte noch über ein merkwürdiges Verkaufsschild eines Maklerbüros an einer Bürohausfassade aus den sechziger Jahren, das loftartige Appartements anpries. Loftartige Appartements? Lofts sind meinem Wissen nach zu Wohnzwecken umgebaute Produktionsstätten. Was wohl ein dröger Bürobau aus den Siebzigern  mit den hippen Lofts aus der Jahrhundertwende zu tun hat? Wenn etwas loftartig war, war es kein Loft. Wozu der loftige Hinweis? Bei Lofts waren aus der Not erst eine Tugend und schließlich ein hipper Trend geworden.  Stillgelegte Werkstätten und Industriebauten wurden zu Wohnzwecken elegant umgebaut. Wollte mir der Makler weismachen, dass es der Beginn eines wunderbaren loftartigen Trends war in umgebauten Bürohäusern aus den Siebzigern zu hausen? Immerhin schaut man als Bewohner aus dem Fenster raus und muss sich nicht mit der hässlichen Fassade des Gebäudes auseinandersetzen.  Ich merkte wie mich diese Marketinggetue ärgerte. Auch der zunehmende Dreck auf den Straßen war ärgerlich. Die viele Leute in der U Bahn waren ein Ärgernis und auch dieses arrogante Verhalten der Psychiatrien, die immer höhere Hürden für psychisch kranke Menschen aufbauten anstatt ihnen zu helfen.

Virtuelle Hass Mail als Entlastungsphantasie

Im Kopf fing ich nun an, eine Hass Mail an einen ambulanten psychiatrischen Fachdienst zu schreiben, an den meine Kollegin seit Monaten versucht eine Angstpatientin zu vermitteln. Nachdem ich alle einer gehörigen Portion Ignoranz und der kommunikativen Unfähigkeit bezichtigt hätte, würde ich sie auch noch der Lüge und Unmenschlichkeit überführen. Garniert mit dem Vorwurf der Faulheit überließ ich den ambulanten Fachdienst und die dort Arbeitenden für alle Zeiten ihrer wohlverdienten Unbedeutendheit, da ich sie alle fortan hartnäckig zu ignorieren gedachte. Es half mir mit meinem Ärger aber nicht recht. Ich machte mich nun daran einen schönen E Mail Verteiler zu kreieren. Bereichsleitungen und Geschäftsführungen sollten darin enthalten sein. Politische Entscheidungsträger müssten ebenfalls hinzugefügt werden. Der Oberbürgermeister würde herhalten müssen. Andererseits hatte der gerade einen großen Korruptionsskandal an der Backe und würde sich meinem Feldzug wohl eher nicht anschließen.

Ineffizientes Weltmanagement

Nachdem ich beinahe meine Haltestelle verpasst hätte und mit der U Bahn weitergefahren wäre, kamen mir die ersten Zweifel. Wieso regte mich heute alles auf? Vollmond? Schlechte Sternenkonstellation? Hormonumstellung? Objektiv gesehen war alles wie immer. Alle Widrigkeiten des Lebens lauerten mit der gleichen Hartnäckigkeit wie immer an allen Ecken. Wo war meine schöne Gelassenheit geblieben, die ich mir zugelegt hatte, nachdem mir meine Kollegen wegen meiner cholerischen Ausfälle schon eine Diagnose verpassen wollten? Jetzt zahlte ich den Preis dafür, dass ich nicht gleich bereit war mich gleich mit meinem Ärger auseinander zu setzen. Also versuchte ich die ganze Angelegenheit noch mal objektiv zu betrachten.

Die Psychiatrie hat keine Krankheitseinsicht

Wir haben in unserer schönen Stadt mehrere psychiatrische Krankenhäuser, die ihre Patienten klassisch betreuen. Nur eins davon bietet eine stationäre Betreuung in der eigenen Wohnung an. Als ich vor vielen Jahren erstmals von diesem Konzept hörte war ich als Streetworker begeistert. Die Hilfe kommt zu den Menschen und verschanzt sich nicht hinter ihrem Schreibtisch, um eventuelle Bittsteller zu empfangen. Jetzt ist Psychiatrie so gestrickt, dass sie auf Mitwirkung basiert und leider auch auf Krankheitseinsicht. Ersteres ist klar, denn man kann niemanden zu etwas zwingen was er nicht will. Mal abgesehen von den seltenen Fällen von Selbst- oder Fremdgefährdung. Bei der Krankheitseinsicht bin ich mir nicht so sicher, ob dieses Dogma so in Stein gemeißelt sein sollte. Ich habe es nur mit Menschen zu tun, die auf dem Standpunkt stehen: „Die Welt ist verrückt und nicht ich“. Ein Psychiater hört nicht so gerne, dass er verrückt sei. Mir macht das nicht viel aus. Ich helfe den Menschen, wenn es notwendig ist, trotzdem beim Gang zum Jobcenter, Sozialamt oder sonst wohin. Ich verfolge das Ziel der Überlebenssicherung im wörtlichen oder übertragenen Sinn. Selbst wenn jemand erst ein paar Vokabeln auf Vietnamesisch mit mir lernen möchte bevor er sich von mir zu einer Unterkunft begleiten lässt, denke ich, dass es einen Versuch wert ist, obwohl weder er noch ich vietnamesisch sprechen können. Auch bei Menschen mit Wohnungen kommt man oft erst über den Aufbau einer Beziehung und Umwege zum Ziel. Nach dem Motto: „Schau her hier bin ich und ich beiß nicht. Wenn Du willst geh ich auch wieder aber ich helfe Dir jetzt mal schnell, damit das Sozialamt die Miete wieder zahlt“. Wer mit den Menschen ins Gespräch kommt hat schon das meiste gewonnen.  Die Psychiatrie sagt: „Ich rede nur weiter mit Dir, wenn Du endlich zugibst, dass Du verrückt bist“. Mit vielen redet sie deshalb gar nicht. Sie möchte die Menschen wieder gerade rücken und braucht das Eingeständnis des Verrücktseins. Das ist schon ein wenig nachvollziehbar aber meiner Meinung nach alles andere als integrativ. Die Psychiatrien schließen mit ihren Angeboten zu viele Menschen aus und setzen zu stark auf Medikamente.  Auf die finanziell weit schlechter ausgestattete Wohnungslosenhilfe, die sich um die Ausgegrenzten kümmert, schaut die Psychiatrie herab. Diese Erfahrung mache ich seit über zwanzig Jahren und mein Ärger darüber ist längst einer gewissen Resignation gewichen. Erwarte nichts und freue Dich über Kleinigkeiten. Der besagte ambulante Fachdienst, der Menschen in ihrem Wohnumfeld psychiatrisch betreut. War in meiner Wahrnehmung eher positiv besetzt. In der Praxis kam es nie zu einer Zusammenarbeit, da meine Klientinnen und Klienten keine Krankheitseinsicht haben. In meiner grenzenlosen Naivität und mit bodenlosem Optimismus habe ich es alle Jahre mal wieder probiert und es scheiterte am kranken Menschen.

Das alte Spiel

Jetzt war da diese junge Frau, die sich wegen einer Angststörung in ihrer Wohnung verschanzte und deshalb den Behördenanforderungen nicht gerecht wurde. Keine Mitwirkung, keine Sozialleistung, keine Miete, keine Wohnung. Das alte Spiel. Jetzt komme ich zusammen mit meinen Kolleginnen und Kollegen ins Spiel. Wir planen gleich ein, dass uns beim ersten Besuch niemand die Türe öffnet, obwohl wir einen schönen Brief geschrieben haben. Dann kommen wir halt noch mal wieder. Die junge Frau öffnet uns überraschenderweise aber sofort die Türe. Weiterhin erklärte sie, dass sie unter Panikattacken leide und das Haus nur mit Begleitung verlassen könne. „Ja, wunderbar“, dachte ich. Sie redet mit uns und hat sogar Krankheitseinsicht. Mir fiel mal wieder der zugehende psychiatrische Fachdienst ein. Sozialarbeiter, Fachpfleger und Ärzte besuchen die junge Frau und therapieren sie gleich in ihrer Wohnung. So die Theorie. In der Praxis benötigten wir erst mal eine Klinikeinweisung eines Hausarztes. Dorthin hatte sie sich aber seit Jahren nicht getraut. Außerdem waren die Krankenversicherungsbeiträge nicht bezahlt. Nach etlichen Telefonaten und einem demütigenden Gespräch mit dem Hausarzt, der der Meinung war die junge Frau solle sich einfach mal zusammenreißen, hatte wir die begehrte Einweisung. Nun sollte die junge Frau der Klinik telefonisch erklären warum sie in das Programm möchte. So ohne Telefon und mit Angststörung kein leichtes Unterfangen aber es gibt ja uns. Nachdem auch das erledigt war, waren drei Wochen vergangen. Jetzt musste sich das Team des Fachdienstes noch besprechen und es konnte tatsächlich sofort losgehen. Und sofort bedeutet in diesem Fall auch sofort. Wir hatten uns, wie gesagt, immer mit gebührendem Abstand schriftlich eingeladen. Das war dem Psychiater aber nicht möglich, weil es eben sofort sein musste. Er rannte also Pflugs zur Tür der jungen Frau und begehrte vergebens Einlass. Ein starkes Stück. Doch wo ist das Problem? „Wir machen einfach einen neuen Termin“, dachten wir uns. „Sie hören von uns“, sagte der psychiatrische Fachdienst. Als sich das Quartal gen Ende neigte, fragten wir mal vorsichtig an. Man kennt ja seine medizinischen Pappenheimer. Am Quartalsende hört der Spaß auf und die Rezepte enden. Die junge Frau wollte nicht wieder zu ihrem zusammenreiß Hausarzt. „Kommen Sie einfach in die Klinikambulanz und dann bekommen sie im neuen Quartal eine neue Einweisung“, sagte der ambulante Fachdienst. Ein Haufen Lauferei für einen zugehenden Dienst. Gesagt, getan und vier Wochen später mal wieder unverbindlich angefragt wie es aussieht. „Die Frau braucht eine Einweisung vom Hausarzt und soll sich telefonisch erklären warum sie in das Programm will“, sagte der Fachdienst. Wer jetzt nicht denkt: „Ihr blöden Arschlöcher“ ist ein Heiliger. Ich sagte ganz scheinheilig: „Können wir selbstverständlich machen aber irgendwie kommt mir das bekannt vor. Vor etlichen Wochen waren wir schon mal an dem Punkt.“ Sinngemäß lautete die Antwort, wer einen habilitierten Mitarbeiter nicht die Türe öffnet hat seine Glaubwürdigkeit verloren und muss Buße tun. Gut möglich, dass aufkeimender Ärger meine Wahrnehmung trübte und die Aussage anders war aber es fühlte sich nach dieser Antwort an.

Ein großes Missverständnis

Spätestens wenn mich die Probleme anderer Menschen ins Bett begleiten gilt es eine grundlegende Neubewertung der Angelegenheit durchzuführen. Beschimpfungen führten nicht weiter. Das Hauptproblem schienen mir enttäuschte Erwartungen zu sein. Ich hatte erwartet, dass zugehende Hilfedienste zu Menschen gehen und ihnen helfen. So wie es der Dienst tut für den ich arbeite. Ich mache das aber schon immer und ich mache auch nichts anderes als zu den Menschen hinzugehen. Ich habe schon öfter erlebt, dass Kollegen, die nur hinter ihren Schreibtischen sitzen, diesen Ansatz nur teilweise nachvollziehen können. Hilfesuchende sind dort eher störende Eindringlinge. Sie müssen in die Regeln der Institution gepresst werden. Jetzt viel es mir wie Schuppen von den Augen. Selbst wenn sich der psychiatrische Fachdienst zugehend nannte, so war es doch nichts anderes als eine stinknormale Psychiatrie mit allen bekannten Hürden. (Los sag, dass du verrückt bist. Gestehe oder geh woanders hin. Es ist deine freie Entscheidung.) Diese Erklärung passte und war für mich befreiend. Ich hatte dem Etikett zugehend fälschlicherweise auch eine zugehende Haltung zugewiesen. Wie dumm von mir. Ich glaubte doch auch nicht, dass der Verzehr von zehn probiotischen Joghurts meinen Gesundheitszustand auf der Stelle verbesserte, so wie es die Verpackungsaufschrift versprach. Ich bin auf eine simple Lüge hereingefallen. Psychiatrien sind eben was für gut erzogene Bildungsbürger, die eben mal verrückt geworden sind. Wenn es bei mir mal so weit sein sollte, wäre ich dort bestimmt gut aufgehoben. Ich bin immer verbindlich, pünktlich und tue meist was man mir sagt. (Klingt irgendwie schon verrückt). So völlig befreit von der falschen Vorstellung, dass ich jemals von Seiten des psychiatrischen Hilfesystems Unterstützung in meiner täglichen Arbeit erfahren könnte, schlief ich zufrieden ein.

14 Kommentare zu „Ratgeber: Richtiges Ärgern oder die Psychiatrie hat keine Krankheitseinsicht“

  1. erinnert mich stark an den „IKS-Haken“ („Catch22“).
    ungefähr so: Wer als Kampfflieger psychisch zu „fertig“ ist, um weiterhin Einsätze zu fliegen, muss nur zum Kompaniearzt gehen und sich befreien lassen. Wer aber in der Lage ist, das zu tun, ist noch nicht fertig genug und muss weiterhin fliegen.
    Auf deine Betreute angewandt: Sie bekommt nur Hilfe, wenn sie sich ins System begibt. Tut sie das aber, ist ihre Angststörung (wahrscheinlich) nicht schlimm genug, um der Hilfe zu bedürfen. (Vermutlich hat das den Hausarzt auch zu der Annahme verleitet, sie müsse sich nur „zusammenreißen“, denn offenbar konnte sie ja damals noch zu ihm gehen.)

    Gefällt 5 Personen

  2. Jedes Mal aufs Neue berührt es mich tief, mit welch klarem Bewusstsein, welcher Hingabe, Offenheit und Bereitschaft du deine Arbeit machst, die nicht einfach ein Job ist, mehr etwas, wofür man wirklich berufen sein muss. Du scheinst das einfach zu sein, anders kann ich es nicht verstehen. Und dass du trotz dieser Hürden, die das System in sich trägt, einfach weiter machst und nicht aufgibst, auch nicht schreiend aus dem Fenster springst, Chapeau!
    Offensichtlich reichte das Erkennen des Etikettenschwindels, damit du umgehen kannst mit den Gegebenheiten, wow.

    Gefällt 5 Personen

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