überfüllte Mülltonnen vor einem Mc Donalds Werbeplakat

Die Wahrheit stirbt zuletzt

Es sind also weder Kosten noch Mühen gescheut worden, um Ihnen die historische Wahrheit zu unterbreiten, soweit etwas derart Gewichtiges wie die Wahrheit auf etwas derart Ätherisches wie die Geschichte anzuwenden ist. (Terry Pratchett)

Ich möchte Ihnen heute eine Begebenheit aus dem Jahre 1986 erzählen. Nichts Besonderes möchte man meinen. Ich habe auch lange überlegt welche Variante der Geschichte ich erzählen möchte. Ich habe sie oft erzählt und muss im Rückblick erkennen, dass sie sich im Laufe der Jahre rapide verändert hat. Bedeutungen sind hinzugekommen und negative Emotionen auf wundersame verschwunden. Oft war ich am Ende der Held und immer seltener der Depp. Und wenn ich, trotz der Veröffentlichung im Internet, ehrlich bin, dann sagt die Entwicklung vermutlich mehr über den Erzähler als über die Wahrheit aus.

Aber wir wollen bei den Wahrheiten bleiben.

Heilig Abend 1986 klingelte am Vormittag unser Telefon und die Feuerwehr war am anderen Ende. Der Stadtbrandinspektor wünschte mich am Nachmittag zu sprechen. Einerseits war das etwas ungewöhnlich, da ich erst zarte 16 Jahre alt war, andererseits war ich bereits seit fast sechs Jahren Mitglied in der freiwilligen Jugendfeuerwehr. Den Stadtbrandinspektor hatte ich bis dato nicht unter vier Augen gesprochen. Die Einladung war auch nicht sonderlich herzlich erfolgt, sondern glich eher einer Vorladung. Was hatte ich mir zu Schulden kommen lassen? Ein mulmiges Gefühl schlich sich in meine vorweihnachtliche Freude. Ich hatte weder goldene Löffel gestohlen noch sonstige Verfehlungen zu verantworten. In den letzten vier Monaten zumindest. Beim letzten Zeltlager hatte es allerdings einen kleinen Zwischenfall gegeben. Unsere Feuerwehr war Gastgeber für den Kreisjugend Feuerwehrtag gewesen. Das Schwimmbadgelände wurde kurzerhand zum großen Campingplatz umfunktioniert und Scharen von pubertierenden Jünglingen (Mädchen waren damals noch nicht zugelassen) aus dem gesamten Kreis fielen mit ihren Zelten ein. Als erstes wurde unser Wimpel entführt und wir mussten ohne Erkennungszeichen zur großen Versammlung antreten. Mich hätte das nicht weiter gejuckt aber die älteren Wehrmitglieder überzeugten uns davon, dass es sich um eine große Schande handelte. Wir mussten also sammeln, um unseren Wimpel wieder auszulösen. Als Gastgeber waren wir auch zu allerlei Diensten eingeteilt. Es mussten Zelte aufgebaut und Essen geschleppt werden. Als es schließlich noch anfing dauerhaft zu regnen war die Stimmung mäßig. Normalerweise hätten wir uns einfach betrunken. Doch auch hier wurden wir an unsere Vorbildfunktion als Gastgeber erinnert. Das obligatorische Saufgelage musste ausfallen. Außerdem war unser Kasten Bier als Lösegeld für unseren Wimpel geopfert worden. Also beschäftigten wir uns mit Rangordnungskämpfen. So ein Gruppensystem unter Jungs war eigentlich recht einfach. Sportler standen oben gefolgt von den Großmäulern. Dann kamen die Schar der Mitläufer und die Außenseiter. Als Außenseiter konnte man durchaus Teil der Gruppe sein. Man musste sich aber etwas mehr anstrengen als die Anderen und besonders lustig, brutal oder wenigstens bemitleidenswert sein. Ich bewegte mich je nach Tagesform zwischen Großmaul, Mitläufer und Außenseiter. Ein Junge wurde von den anderen Zombie genannt. Er hatte als Kind einen Verkehrsunfall und infolge dessen ein entstelltes Gesicht. Er war eigentlich ganz nett und gehörte zu den Mitläufern mit Mitleidsbonus. In der Rangordnung rangierte er nach meinem Empfinden unter mir. So konnte ich es mir natürlich nicht gefallen lassen als er am Lagerfeuer vor versammelter Mannschaft einen Witz auf meine Kosten machte. Er nannte mich einen Fettsack. Das wurmte mich, da es der Wahrheit entsprach. Ihn als Zombie zu bezeichnen erzielte natürlich nicht den gewünschten Effekt, da das sowieso sein fast liebevoll verwendeter Spitzname war. Es folgte ein weiterer Angriff auf mein Körpergewicht und meinen Platz in der Rangordnung. Alle lachten über seinen Witz und mich aus. Plötzlich hatte er meinen Kaffee im Gesicht. Ich hatte nicht lange überlegt und keinen Gedanken an die mögliche Verletzungsgefahr verloren. Am nächsten Morgen wurde ich nach Hause gefahren. Da wurde mir bewusst, dass man mit einem heißen Getränk durchaus Verbrühungen herbeiführen konnte. Ob sich mein Feuerwehrkamerad tatsächlich verletzt hatte oder nur erschreckt weiß ich heute nicht mehr. Aufgrund seiner speziellen Krankengeschichte mit vielen Gesichtsoperationen waren alle Erwachsenen natürlich doppelt besorgt. Ich nahm die mir auferlegt Strafe des vorzeitigen Ausschlusses demütig an und ließ Gras über die Sache wachsen. Die wöchentlichen Gruppentreffen der Jugendfeuerwehr mied ich aus Scham.

Jetzt saß ich also beim Stadtbrandinspektor. Er schaute mich mit strengem Blick an. Ich hatte mir das Hirn zermartert was er wohl von mir wollte. Zombie konnte wohl kaum gestorben sein. In einer Kleinstadt wie der unseren hätte sich das schnell herumgesprochen. Seine Eltern hatten sich nicht mal bei meinen gemeldet und eine Entschuldigung verlangt. Das war die gängige Vorgehensweise nach Grenzüberschreitungen. Die nächste Eskalationsstufe wäre eine Strafanzeige gewesen. Die Polizei hatte sich allerdings auch nicht bei uns gemeldet.

„Du bist doch der Chefredakteur der Schülerzeitung der Gesamtschule“, eröffnete er schließlich das Gespräch. Vollkommen überrascht stotterte ich eine bejahende Antwort. Der Stadtbrandinspektor zog eine Schülerzeitung unter den seinem Schreibtisch hervor und blätterte darin.

„Was sagst Du zu diesem Artikel?“, fragte er schließlich und zeigte auf einen Bericht über das vergangene Zeltlager. Es handelte sich um einen halbseitigen Artikel eines Jungen namens Thorsten. Thorsten war klein, schmächtig, wortkarg und hatte eine dicke Brille. Er ging auf den Hauptschulzweig unserer Gesamtschule und hatte meines Wissens nach nie mehr als einen zusammenhängenden Satz gesagt. Er war auch Mitglied der Jugendfeuerwehr und hatte die Fähigkeit unsichtbar zu sein. So konnte man auch in einer Männerwelt überleben. Thorsten kam mit Begeisterung zu den Redaktionssitzungen unserer Schülerzeitung. Er schrieb zu jeder Ausgabe einen langweiligen Artikel über die Jugendfeuerwehr. Alle in der Redaktion ließen ihn gewähren. Ich war mir sicher, kein Mensch hatte je einen Artikel von Thorsten in unserer Schülerzeitung zu Ende gelesen. Der Stadtbrandinspektor belehrte mich eines Besseren. Thorsten hatte seinen ganzen Frust über das schlechte Wetter, sowie den Auf- und Abbaustress literarisch verarbeitet. Es handelte sich trotz stilistischer Schwächen, um ein recht realistisches Stimmungsbild des Kreisjugendfeuerwehrtages.

„Wieso verbreitest Du solche negative Nachrichten?“, fuhr der Standbrandinspektor mit seinem Verhör fort. „Das habe ich doch gar nicht geschrieben“, versuchte ich mich zu verteidigen. Er hielt mir das Impressum unter die Nase und tippte auf meinen Namen unter dem großspurig Chefredakteur stand. Ich war lediglich der Dumme, der sich um Druck und Anzeigen zur Finanzierung kümmerte. Für die Artikel waren die Verfasserinnen und Verfasser selbst verantwortlich. Bei den Veröffentlichungen gab es lediglich eine Art unausgesprochenen Konsens über Grenzen, die nicht überschritten werden durften. Fortgesetztes Langweilen war erlaubt. „Du kannst mir nicht erzählen, dass Du als Chefredakteur keinen Einfluss auf Veröffentlichungen hast. Als Feuerwehrmitglied hast Du unsere Arbeit zu unterstützen und nicht in den Dreck zu ziehen. Ich weiß auch, dass Thorsten nicht der Schlauste ist aber es ist Deine Aufgabe so etwas zu unterbinden.“ Nachdem er mich noch als Nestbeschmutzer tituliert hatte entließ er mich, um über seine Worte nachzudenken. Die Bescherung hatte mir der Stadtbrandinspektor versaut. Ich fühlte mich des Verrats schuldig.

Nachdem ich ein paar Tage darüber geschlafen und mir den Artikel mehrmals zur Gemüte geführt hatte wuchsen Zweifel an meiner universellen Schuld. Es ist ein höchst effizienter psychologischer Kniff der Menschheit die Schuld bei anderen zu suchen. So lässt es sich einfacher überleben. Bei der Schülerzeitung herrschte große Empörung darüber wie mit mir umgesprungen worden war. Alle waren sich einig, dass es sich um einen mäßigen aber vollkommen harmlosen Artikel handelte. Als die Redaktion eine Veröffentlichung des Skandals forderte wurde mir mulmig zumute. Ich fühlte mich nach wie vor schuldig und fürchtete öffentlich für die fortgesetzte Entstellung meines Feuerwehrkameraden verantwortlich gemacht zu werden. In so einer Kleinstadt wird viel geredet und man trifft sich immer zweimal. Mit den Mächtigen in der Stadt wollte ich mich nicht anlegen. Der Sohn des Bürgermeisters war ebenfalls Mitglied der freiwilligen Feuerwehr und aussichtsreicher Kandidat für dessen Nachfolge. Er war übrigens ebenfalls während des Zeltlagers in eine Schlägerei verwickelt gewesen. Er hatte einen jungen Türken, der sich heimlich ins Schwimmbad schleichen wollte geohrfeigt. Dafür wurde er nicht öffentlich gemaßregelt, sondern erhielt eher heimliche Zustimmung. Aber das ist eine andere Geschichte. Ein Redaktionsmitglied namens Roger, der heute übrigens amtierender Bürgermeister unserer Kleinstadt ist, witterte eine Verschwörung. Der Stadtbrandinspektor wollte unser Blatt als Propagandaorgan für die örtliche Wehr aufbauen, da sich immer weniger junge Menschen für freiwillige Dienste interessierten. Ich war mir sicher, dass Roger mit solchen wirren Ideen nicht besonders weit kommen würde im Leben. Aber das ist ebenfalls eine andere Geschichte. Das Denken über verschiedene Ecken war nicht meine Spezialität. Je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr beschlich mich das Gefühl, dass der Stadtbrandinspektor tatsächlich glaubte, ich habe meinen Einfluss als Chefredakteur wissentlich auf niederträchtige Art und Weise genutzt, um mich für die erlittene Schmach des Ausschlusses aus dem Zeltlager zu rächen. Unter Arschlöchern ist das ein ganz naheliegender Schluss. Nur war ich bis dahin noch nicht darauf gekommen. Ich taugte weder als Politiker noch als Chefredakteur. Ich sorgte schließlich dafür, dass nie wieder ein Wort über die Jugendfeuerwehr in unserer Schülerzeitung geschrieben wurde. Hauptsächlich, weil ich meine Ruhe haben und nicht länger an diese leidliche Geschichte erinnert werden wollte. Meine Karriere bei der Jugendfeuerwehr beendete ich und hing meine Feuerwehrstiefel an den Nagel.

Nach dem Abitur kehrte ich unserer (laut Prospekt) liebenswerten Kleinstadt den Rücken. Ich ging ohne Gram und mit manch schöner Erinnerung (auch an die Jugendfeuerwehr) in die nahe gelegene Großstadt. Zuvor hatte ich mit Freunden noch die Grüne Jugend und einen Kulturverein gegründet. Beides waren zuvor nie dagewesene Ereignisse in dem Städtchen und den Stadtoberen ein Dorn im Auge. Eine Mitstreiterin ist gar als jüngste Landtagsabgeordnete in den hessischen Landtag eingezogen. Meine Geschichte war entsprechend mitgewachsen. In mancher rotweingeschwängerten Nacht trat ich als unerschrockener Kämpfer für die Wahrheit und Meinungsfreiheit auf, der sich im Alter von nur 16 Jahren unerschrocken gegen faschistoide Funktionäre und korrupt vernetzte Institutionen stellte, um schließlich für seine Aufrichtigkeit bitter bezahlen zu müssen. Ein Opfer der Repressionen im Kampf für die Meinungsfreiheit. Der Mitbegründer einer neuen aufrichtigen Bewegung im kleinstädtischen Mief.

Applaus, Vorhang, Schluss…und Zungenkuss.

2 Kommentare zu „Die Wahrheit stirbt zuletzt“

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