Plakat mit der Aufschrift Antisemitismus schadet der Seele

Fräulein Franz und die Fakten

In Fernsehzeitung ist ein Bild von Hans Rosenthal zu sehen. Es ist der Blickfang für eine Dokumentation über beliebte Fernsehshows der 70 er Jahre. Sofort erinnere ich mich an den kleinen Mann, der in seiner Sendung namens Dalli Dalli immer mit den Worten „Das war Spitze“ in die Luft sprang, wenn eine Kandidatin oder ein Kandidat das vorgegebene Ziel erreichte. Was die Leute tun mussten weiß ich heute nicht mehr genau. Alle hatten es aber immer furchtbar eilig und waren glänzend gelaunt. Meine ganze Familie sah sich das gut gelaunte Herumgehetze mit großer Begeisterung vom heimischen Sofa aus ganz entspannt an. Rudi Carrell fand ich übrigens auch cool, weil er sang und lustige Sachen erzählte. Falls Hans Rosenthal gesungen hat, hat es keinen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Als lustig und sprunggewaltig ist er mir auf jeden Fall in Erinnerung geblieben.

Irgendwann sagte meine Mutter beiläufig während einer Dalli Dalli Sendung. Hans Rosenthal ist ein Jude. Als Kindergartenkind wird man täglich mit Begriffen und Bezeichnungen konfrontiert, die einem unbekannt sind. Man versucht sie für sich einzuordnen und mit Leben zu füllen. Jude konnte ich erst mal nicht so recht einordnen. Zuerst dachte ich es hätte etwas mit der Sprungkraft des Mannes zu tun aber der Tonfall meiner Mutter wollte nicht so recht zur lustigen Sendung passen. „Was ist ein Jude Mamma?“, fragte ich deshalb. “ Das sind die, die der Hitler verfolgt hat“, bekam ich zur Antwort. Verfolgt zu werden war kein schönes Gefühl. Die Auskunft reichte mir vorerst, zumal der nächste lustige Hüpfer und die Aufforderung „Das war Spitze“ zu rufen kurz bevor stand. Erst viel später erfuhr ich, dass Hans Rosenthal mehrere Jahre versteckt in einem Berliner Keller den Holocaust und die Bombenangriffe überlebt hatte.

Ich stelle fest, dass es mir schwer fällt, den Zeitpunkt der ersten sachlichen Auseinandersetzung mit dem Thema Judenverfolgung zu verorten. In meiner Erinnerung taucht meine Grundschullehrerin Fräulein Franz auf. Wir haben sie tatsächlich so angesprochen und falls sie uns das abgewöhnt hat, muss sie es auf sehr subtile Weise getan haben. Ich kann mich nämlich nicht daran erinnern. Vielleicht hat sie sich auch gar nicht daran gestört. Ich schätze sie heute jedoch rückblickend so ein, dass sie Ende der 70er Jahre als junge gebildete Frau mit dieser antiquierten Bezeichnung nicht viel Freude hatte. Fräulein Franz ließ uns Kinder immer im Stuhlkreis sitzen, wenn es ernst wurde. So erzählte sie uns ohne Aufregung, Rechtfertigungsdrang, Schamgefühl, Hass, Zynismus oder Anklage von der Vergasung von Menschen in Lagern, nur weil sie einer Religion namens Judentum angehörten. Geschichtliche Fakten, die  in ernster Weise dargestellt wurden. Die sachliche Art war damals für mich eine neue Erfahrung. Oft wurde das Thema nur umschrieben und mit jeder Menge Rechtfertigung versehen oder schlicht geflissentlich totgeschwiegen. Es gab natürlich auch Erwachsene, die sich bei dem Thema empörten und anklagten. Als Kind nimmt man die Welt der Erwachsenen erst mal so hin, wie sie sich einem präsentiert, bzw. präsentiert wird.  Mir waren schon so manche Grausamkeiten zu Ohren gekommen. Diese Grausamkeit war schlimm und ist mir auch als solche in Erinnerung geblieben. Ich habe heute das Gefühl, dass das Thema kindgerecht aufgearbeitet wurde. Das klingt ein bisschen merkwürdig, da das nicht unbedingt ein Thema für Kinder ist aber eine frühzeitige Benennung der Fakten ist notwendig.  Es wurde bestimmt auch über die Täter gesprochen und Rassismus. Daran kann ich mich aber nicht mehr erinnern. Interessant ist in diesem Zusammenhang, dass mir diese Aufklärung bildlich in Erinnerung geblieben ist, während die zahllosen bruchstückhaften Auseinandersetzungen mit dem Thema im Alltag im diffusen Erinnerungsbrei verschwinden. Ich vermute, dass das eiserne Schweigen der fünfziger Jahre auch dreißig Jahre nach Kriegsende noch enorme Auswirkungen hatte und bis heute hat. All die relativierenden Erzählungen oder die pauschalen Schuldzuweisungen (Die Juden waren doch selber Schuld oder Alle Deutschen waren Täter), das rätselhafte Verschwinden aller Nazis nach Kriegsende oder der subtile Vorwurf ein Nestbeschmutzer zu sein, wenn man das Schweigen brach, trugen nicht zur sachlichen Aufklärung bei. Von den schlechten Judenwitzen ganz zu schweigen. Die zuletzt vielgescholtene 68er Generation hat viel dazu beigetragen das Schweigen zu durchbrechen. Ich glaube das war notwendig. Im Osten Deutschlands war so viel Auflehnung nicht möglich. Antifaschismus wurde von Staatswegen verordnet und Faschismus dem Westen zugeschrieben. Eine äußerst elegante Lösung, die einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit dem Thema aber eher im Weg stand. Ich sehe hier einen Zusammenhang mit den aktuellen Wahlergebnissen. Manchmal wünsche ich mir es hätte viel mehr rechtzeitige sachliche Aufklärung a la Fräulein Franz gegeben, die niemanden überfordert. Im Osten und im Westen Deutschlands. Sich dem Thema emotional anzunähern ist um ein vielfaches einfacher, wenn man um die Fakten weiß. Populisten machen sich Emotionen zu Eigen, um von den Fakten abzulenken. Aus Scham über die Schrecken des Dritten Reiches kann hier problemlos Ablehnung (alles Lüge) und Wut werden. Nach dem Motto: „Die wollen uns Deutsche in den Dreck ziehen, weil sie selbst Dreck am Stecken haben“.

Ein Teil der deutschen Geschichte ist beschämend. Für diese Erkenntnis schäme ich micht nicht. Ganz im Gegenteil. Ich bin sehr froh in einem Land leben zu dürfen, in dem die Menschen gewillt sind aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen. Wer möchte kann auch stolz darauf sein. Grund genung dazu wäre vorhanden. Leider ist mir auch bewusst, dass es einen erschreckend hohen Anteil an Menschen gibt, die sich von den nationalistischen Parolen angesprochen fühlen und auch vor Rassismus nicht zurückschrecken. Rassismus und Antisemitismus war nie weg in Deutschland. Das herrschende populistische politische Klima fördert das leider, nicht nur in Deutschland. Wenn ich dieser Entwicklung staunend, erschreckt und ein wenig hilflos entgegenstehe, denke ich an Fräulein Franz und an die Macht der Fakten.

 

7 Kommentare zu „Fräulein Franz und die Fakten“

  1. Mir gefällt, wie du den Bogen schlägst von kindlichen Fernseherfahrungen über Hans Rosenthal zur unzulänglichen Vergangenheitsbewältigung. In meiner Schulzeit, die weiter zurück liegt als deine, da wurde nicht über Nationalsozialismus gesprochen. Man hat sich offenbar zu sehr geschämt und Rücksicht auf die Täter in den eigenen Reihen genommen. Nur einmal sagte meine Mutter, dass es nicht richtig gewesen wäre, was die Nazis mit den Juden gemacht haben. Dass die Nazis auch aus der Dorfgemeinschaft gekommen waren, und jetzt einfach so taten, als wäre nichts gewesen, habe ich erst als Jugendlicher gemerkt, als die Studentenbewegung begann, unbequeme Fragen zu stellen. Ich erinnere mich, dass ich als junger Mann in den frühen 1970-er Jahren nie zu älteren Ärzten gehen wollte, weil ich sie kollektiv in Verdacht hatte, sie hätten sich an verbrecherischen Menschenversuchen beteiligt. Man konnte nur mutmaßen, weil ja die gesamte Republik durchsetzt war von Altnazis, die niemals zur Rechenschaft gezogen wurden. Daher haben Antisemitismus und Rassismus unterschwellig weiter bestehen können. Schrecklich, dass sie sich wieder Bahn brechen, wie auch all das dumpfe Denken der Nazi in kaum veränderter Form wiederaufersteht. Hier zeigt sich, dass Totschweigen nicht reicht.

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    1. In unserer Familie wurde leider auch nicht viel über den Nationalsozialismus gesprochen. Es gab in meiner Schulzeit aber eine Vielzahl engagierter Menschen, denen ich eine kritische Auseinandersetzung mit dem Thema zu verdanken haben. Die Zeitzeugen sterben langsam aus. Wir sind bei der Aufklärung immer mehr auf geschichtliche Fakten angewiesen. Die Kraft der Fakten ist in Zeiten von fake news leider begrenzt.

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  2. Sehr interessant, ich lese alles nochmal, eine kleine Anmerkung noch zu Fräulein Franz. Man hat in diesen Jahren alle unverheirateten Frauen Fräulein genannt. Fräulein Franz war sicher Beamtin, es gab ein Gesetz aus früheren Zeiten, das noch lange Gültigkeit hatte, wenn eine Frau heiraten wollte damals, musste sie sich entscheiden: entweder Beruf weiter ausüben, dann war heiraten nicht möglich. Deshalb gab’s damals so viele Fräuleins, auch bei allen Behörden.

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    1. Das wusste ich nicht. Einiges aus den Siebziger Jahren klingt heute sehr antiquiert. Der Paragraph 175, der Homosexualität unter Strafe stellte wurde erst 1994 abgeschafft. Die Todesstrafe wurde erst vor zwei Jahren aus der hessischen Verfassung gestrichen. Manchmal hinken die Gesetze der Realität wahrlich hinterher.

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