Alltag eines Antiabwimmelexperten mit kompetenten Gesichtsausdruck

Ein Beitrag zum Thema Alltag nach einer Idee von Ulli.

Arbeitsalltag.

Ich frage mich immer wieder wieso ich mich eigentlich Experte nennen darf. Sogar einige Kolleginnen und Kollegen aus anderen Abteilungen fragen mich manchmal um Rat, wenn es um Sicherung von Wohnraum und die damit zusammenhängenden Fragen geht. Manchmal bilde ich mir ein  wenig Ehrfurcht vor solch geballter Kompetenz wahrnehmen zu können. Ich bin mir sicher, das liegt vor allem an meinem unerschütterlichen, Kompetenz ausstrahlenden Gesichtsausdruck. Diesen habe ich mir in unzähligen Überforderungssituationen antrainiert und die Menschen mögen ihn. Der Hauptteil meiner Arbeit als Sozialarbeiter besteht darin Ruhe zu bewahren. Menschen in Lebenskrisen, die teilweise existenzbedrohend sind, sind nicht immer in der Lage Entscheidungen zu treffen. Sie benötigen jemanden, der sie dabei unterstützt die richtigen Fragen zu stellen, um sich entscheiden zu können. Wenn mir die Entscheidungen nicht passen, gehört das Akzeptieren dieser Entscheidung, obwohl sie einer Vollgasfahrt gegen eine Wand gleichen, zu denn schwierigsten Anforderungen meines Berufes.

Horst trinkt also weiter, obwohl er gerade durch eine Entgiftung einen klaren Kopf bekommen hatte. Er hat eine fortgeschrittene Leberzirrhose. Die Anforderungen des Lebens ohne Alkohol erscheinen ihm zu hoch. Zuviel Aufgestautes gäbe es zu bearbeiten. Er macht die Schotten lieber dicht und trinkt dem Tod entgegen.

Klara gibt sich ihrer Depression hin und stellt keinen Folgeantrag auf Sozialleistungen. Sie steckt den Kopf in den Sand. Die Leistungen laufen aus, es kommt zu Mietschulden und folglich zu Wohnungsverlust. Um das zu verhindern hätte sie nur eine Unterschrift leisten müssen. Etliche Male stand ich mit einem Antrag vor ihrer Türe. Sie war immer zu Hause und hat die Türe nicht geöffnet. Jetzt muss sie in eine Notunterkunft und hat alles verloren.

Karlos hat eine chronische Psychose. Früher dachte er die Welt sei verrückt und gegen ihn. Er verlor seine Arbeit, seine Freunde und seine Wohnung. Er wurde eingewiesen und zwangsbehandelt. Mühsam fand er wieder eine Beschäftigung und eine Wohnung. Die Medikamente halfen ihn gegen die verrückte Welt. Er glaubt immer noch alle seien gegen ihn. Es stört ihn mit den Medikamenten aber nicht mehr. Jetzt beschließt er nach etlichen Jahren seine Medikamente abzusetzen. Werde ich ihn bald wieder auf der Straße antreffen?

Abwimmelalltag

Um so schöner, wenn mal etwas funktioniert. Gerda lässt sich immer abwimmeln. Sie hat ihre Wohnung verloren, da ihr drogenabhängiger Sohn die Nachbarn und sie bestohlen und terrorisiert hat. Gerda wurde von Polizei und  Gericht abgewimmelt. Sie war nicht in der Lage ein gerichtliches Annährungsverbot durchzusetzen. Zu hohe Hürden für Gerda. Sie kam in eine Notunterkunft. Die Sozialleistung lief aus und Gerda konnte keinen Antrag auf Verlängerung abgeben, da ihr Ausweis abgelaufen war. Ohne Ausweis existiert man nicht für die Behörden. Gerda wurde abgewimmelt. Für den Ausweis braucht Gerda eine Meldebescheinigung. Die gibt es aber nur mit Ausweis. Der Hauptmann von Köpenick lässt grüßen. Gerda wurde im Rathaus abgewimmelt. Nach sieben Monaten Flaschen sammeln und etlichen Notfallbehandlungen im Krankenhaus  (Gerda braucht übrigens Herzmedikamente hat aber keine Krankenversicherung mehr. Richtig geraten, der Hausarzt hat sie abgewimmelt) schaltet mich die Behörde ein, die die Unterkunft für Gerda bezahlt. Ich als Experte rate Gerda: „Stelle einen Antrag auf Grundsicherung und lass dich nicht abwimmeln.“ Aufgrund meiner langjährigen Berufserfahrung und des damit einhergehenden Expertentums weiß ich, dass mein Ratschlag alleine den Lauf der Welt nicht ändert. Ich schreite also zu Tat und nehme Gerda an die Hand.  Die Methode der Sozialarbeit nennt sich Begleitung und funktioniert nur mit besagten kompetenten Gesichtsausdruck. Sollte ich gezwungen sein reden zu müssen, habe ich ein zwei Expertensätze im Repertoire. Mein Lieblingssatz ist: „Ich möchte gerne mit ihrem Vorgesetzten sprechen“. Mit Gerda an der Hand und Kompetenz im Gesicht ging es also zu Meldestelle. Die Bestimmungen für die Beantragung eines Passes hatte ich ausgedruckt und der Sachbearbeiterin mit der Aufforderung, sie möge mit ihrer Leitung Rücksprache halten, wie man aus der Hauptmann von Köpenick Nummer rauskommen kann ohne ein Rathaus zu besetzen, in die Hand gedrückt. Nach zweimalige Rücksprache war der Bann durchbrochen. Auf der Passstelle und beim Sozialamt war es dasselbe Spiel.“Klären sie es doch mal mit ihrer Leitung.“ Flexibilität und Fachkompetenz nimmt mit zunehmender Hierarchieebene tatsächlich zu. Am Ende vom Spiel bekam Gerda einen Auszahlungsschein für ihre Sozialleistung, den sie in einer Filiale einer Supermarktkette einlösen konnte. Ein Bankkonto hatte sie nicht mehr, da die Bank sie abgewimmelt hatte. Wir gingen schlussendlich zum Supermarkt und Gerda bekam nach Rücksprache mit dem Filialleiter ihr Geld. Alleine wäre sie leider abgewimmelt worden. Alltag eines Antiabwimmelexperten. Solange die Hürden für Menschen wie Gerda überall so hoch sind, brauche ich mir um meine berufliche Zukunft keine Sorgen machen.

22 Kommentare zu „Alltag eines Antiabwimmelexperten mit kompetenten Gesichtsausdruck“

  1. Einen kompetenten Gesichtsausdruck bekommt man sicher nicht geschenkt! Für die Schule habe ich mir so einen oft übergstreift, wobei man bei unvorhergesehener Fassungslosigkeit aufpassen musste, es sei denn, es gab ein großes Gemeinsamgelächter, eher selten.

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  2. Wunderbar geschrieben. Ein Sozialarbeiter-Alltag ist tatsächlich eine Herausforderung besonderer Art. Ich habe darüber promoviert („Familienfürsorge zwischen Beratung und Zwang“, 1979). Darin geht es vor allem um die allzu begrenzten Hilfsmittel, auf die er seine „Fälle“ hinzutrimmen hat, damit sie passen. Ob sich seither wohl viel geändert hat?

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    1. Der Mensch steht in den Hilfeprozessen oft nur theoretisch im Mittelpunkt. In der Praxis spielen die Befindlichkeiten der Helferinnen und Helfer und die Interessen der Institutionen immer noch eine viel zu große Rolle. Soziale Gerechtigkeit hat einen hohen Stellenwert und es wird viel investiert. Ob der Anteil der Sozialausgaben im Verhältnis zur Wirtschaftsleistung seit 1979 gestiegen ist weiß ich nicht. Das ist eine interessante Frage. Ich habe das Gefühl es ist so.

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    1. Ja. Ich mag meinen Beruf. Wenn Hürden nicht überwunden werden können, hält sich der Spaß allerdings in Grenzen. Ein Teil meiner Arbeit ist die Verbesserung von Strukturen und Abbau von Hürden. Das heißt wir geben Informationen über Misstände über verschiedene Gremien an die Politik weiter. Ich kann ja demnächst einen Beitrag darüber schreiben. Der Titel könnte lauten: „Don Quijote und sein Sozialarbeiter.“

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  3. Ein sehr berührender Einblick. Danke dafür. Stell ich mir schwierig vor. Es braucht sicher eine bestimmte Persönlichkeit, die so etwas kann. Und dass es schwierig ist mit nicht zu überwindenden Hürden fertig zu werden, kann ich mir sehr gut vorstellen!

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    1. Wenn die Institutionen einigermaßen funktionieren bin ich meistens zufrieden. Das die Menschen, denen ich helfen möchte, oft ganz andere Vorstellungen haben als ich, damit kann und muss ich leben. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich.

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      1. Ja, es braucht aber allein schon Energie, die jeweiligen Regeln / Gesetze zu studieren, um zu wissen was überhaupt das Recht desjenigen ist, für den du tätig bist.
        Jeder hat seine eigenen Vorstellungen, seinen eigenen Horizont, seine gespeicherten Erfahrungen die oft einschränken, aber auch seine gefühlten sowie tatsächlichen Möglichkeiten. Wer helfen möchte, kann sich nicht darüber hinwegsetzen, das wäre am Menschen vorbei.
        Aber ich stell es mir schon schwierig vor, wenn jemand nach Entzug usw. sich genau wieder das gleiche sucht, weil er sich etwas anderes nicht zutraut. Aber wie du sagst, damit muss ein Helfer leben.
        Einfach da sein für sich allein ist schon eine Kunst.
        Überblicken was veränderbar ist und dran gehen – unter Berücksichtigung der Perönlichkeit, um die es geht – eine weitere.
        Hut ab, das empfand ich schon immer, für Menschen wie dich, die sich daran wagen.

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  4. Vielen herzlichen Dank für deinen Beitrag, mit der sehr speziellen Note einer Gesellschaft, die wahrscheinlich mehr gelernt hat abzuwimmeln als zu helfen? Wunderbar, dass es Menschen mit kompetentem Gesichtsausdruck gibt, sprich dich und einige mehr 🙂
    liebe Grüße
    Ulli

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  5. Ich habe in meinem Beruf gelegentlich mit Sozialarbeitern zu tun und mir will scheinen, dass du einer von den besseren bist. Da sind auch etliche, die mit dem „Des Menschen Wille ist sein Himmelreich“ nicht gut zurecht kommen und frustriert die Bühne verlassen, wenn der Betreute nicht so will wie sie wohl wollen. Nicht immer wäre das zu deren Schlechterem.
    Bei „Flexibilität und Fachkompetenz nehmen mit steigender Hierarchieebene tatsächliche zu“ gebe ich dir nur bedingt recht. Die Chefs haben halt mehr zu sagen und sind, in Ermangelung steten Publikumskontaktes, durch Beschwerdeführer leicht genervt. Beides im Paket schafft die Motivation und die Möglichkeit, Entscheidungen durchzuwinken, die sie ihren Untergebenen strikt untersagen, welchselbe vielleicht auch schon gewollt hätten, wenn man sie denn nur ließe.

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