Lenz in der U Bahn

Das ist mein Beitrag zum Projekt von Ulli, den Alltag in seinen verschiedenen Facetten zu beschreiben.

Das warme Nest ist verlassen. Die Schulbrote sind geschmiert. Das morgendliche Chaos hat mit den Kindern das Haus verlassen. Zehn Minuten für eine Tasse Kaffee und die Schlagzeilen der Tageszeitung. Die Artikel darunter lese ich nicht. Ich möchte mir meine gute Laune bewahren. Mit geschnürten Schuhen und geschlossener Jacke trete ich vor die Türe. Der Wind ist wärmer geworden aber immer noch frisch. Zügig gehe ich zur U Bahn. Im Kindergarten um die Ecke tobt das Leben. Abschiede und Wiedersehen, Freude und Leid, alles akustisch untermalt. Am Kiosk mit dem Schankraum riecht es nach Zigarettenrauch. Der mürrische Besitzer lüftet und betrachtet den Müll vor seiner Türe. Die Scherben liegen schon seit Tagen dort. Auf der Wiese vor den Wohnblocks stehen altehrwürdige Bäume in vollem Grün. Zu ihren Füßen liegen leere Flachmänner und Zigarettenpäckchen. Eichhörnchen hetzen tänzelnd die Rinde empor.

Die oberirdische U Bahn Station in Sicht, fangen die Passanten ebenfalls zu hetzen an. Ich versuche nicht zu rennen. Die Züge kommen alle vier Minuten. Heute gelingt es mir. Zeit die Blüten an den umliegenden Büschen aus der Nähe zu betrachten. Die junge Frau mit den grauen Haaren und der Bärtige mit der E- Zigarette sind auch schon da. Da kommt auch die Frau, von der ich glaube, dass sie Amerikanerin ist. Warum eigentlich? Es ist vermutlich ihre Art sich zu kleiden. Die Bahn fährt ein. Mein Lieblingsplatz ist noch frei. Von hier aus kann ich dem Fahrer über die Schulter schauen. Der Mann neben mir riecht nach kaltem Rauch, die Frau gegenüber nach Parfüm. Alle ignorieren sich hartnäckig. Sie wirft mir einen verstohlenen Blick zu. Ich fühle mich geschmeichelt aber tue so als ob ich es nicht bemerkt hätte.

Zwei Halbwüchsige starren in ihre Handys und unterhalten sich lauthals.

A: „Komm. Mach mich Admin.“

B: „Nö“

A: „Eh. Mach mich Admin in der Gruppe. Musst nur anklicken“

B: „Nö“

A: „Alter. Mach mich Admin“

B: „Nö“

A: „Gib Handy. Wo ist Admin“

Ich überlege, ob ich mir die Ohren zuhalten soll oder aussteige und auf die nächste Bahn warte. Beide steigen glücklicherweise vor mir aus.

Am Hauptfriedhof tragen die Lebenden Blumen zu den Toten. Jung und Alt ist schwarz gekleidet. Hoffen sie, dass das später auch jemand für sie tut?

Nächste Station Deutsche Nationalbibliothek. Unauffällig und fast unscheinbar präsentiert sich das Gebäude in dieser Hochhausstadt. Eher elegant statt protzig. Wie es sich für eine geläuterte Nation gehört. Hier kann jeder seinen Blog archivieren lassen. Man muss nur einen Antrag stellen, dann gehört man auf ewig zum Kreis der deutschsprachigen Literaten. In siebzig Meter tiefen Kellern stapelt sich Papier.

Jetzt kommt meine Lieblingsstation im gentrifizierten Nordend. Massenhaft schöne Menschen steigen zu. Wie aus dem Modejournal entsprungen. Olympiareif gestählt im Fitnessstudio, braun gebrannt und im perfekten Alter. Die Gezeichneten aus den Hochhaussiedlungen am Stadtrand mit ihren Jogginghosen verblassen dagegen. Ich richte meine Frisur. In der sich spiegelnden Fensterscheibe sieht alles gut aus.  Die Geheimratsecken wird niemand bemerken. Stimmt, alle schauen auf ihre Smartphones. Schade.

Jetzt muss ich raus. Die Bahn ist voll. Ich quetsche mich durch. „Entschuldigung“ und „Pardon“, schon bin ich draußen. Ein paar Schritte durch die Grünanlage, die die Preußen nach der Eroberung der Stadt für uns angelegt haben. Horden von Radfahrerinnen und Radfahrern nutzen sie als Rennstrecke. Konzentration, um nicht unter die Räder zu kommen. Geschafft, ich bin im Büro. „Guten Morgen“.  Erst mal durchschnaufen.

13 Kommentare zu „Lenz in der U Bahn“

  1. Gerne, lieber Alexander,
    habe ich Dich auf Deinem Weg begleitet, den Du ebenso sinnlich wie sozialsensibel aufgezeichent hast.

    Ich wußte übrigens noch nicht, daß jeder sein Blog von der Deutschen Nationalbibliothek archivieren lassen kann. Gilt das für jede Art von Blog oder nur für literarische Ableger?

    Gefällt 2 Personen

    1. Die Information habe ich bei einem Bildungsurlaub der vhs Frankfurt bekommen. Der Dozent hieß Dr. Jürgen Fenn. Er hat einen Blog namens schneeschmelze bei wordpress. Er sagte, dass die Deutsche Nationalbibliothek alle deutschsprachigen Blogs auf Antrag archiviert. Charmanter Gedanke. Ich habe mich mit dem genauen Ablauf aber noch nicht beschäftigt.

      Gefällt 1 Person

  2. Sorry, da war ich zu schnell …
    Gut, dass ich deinen Beitrag aufgespürt habe, auch dein ping ist leider nicht bei mir angekommen und ich bin gerade nicht ganz so regelmäßig unterwegs …
    Ich danke dir, dass du uns auf deinen Weg mitgenommen hast, er spült Erinnerungen hoch. Sehr lebendig geschrieben!
    Liebe Grüße
    Ulli

    Gefällt 1 Person

    1. Danke.Ich war mal auf einer Schreibwerkstatt mit dem Motto „schreiben befreit“. Wir haben dort dann festgestellt, dass Schreiben auch noch viel anderes kann. Unter anderem auch Wärmen. Der Name ist auch ein bisschen geklaut. Schön ist er trotzdem.

      Gefällt 2 Personen

  3. Pingback: Alltag 8 |

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