Erinnerungen

Beim Stöbern auf diversen Blogs habe ich bei Alice eine Blogparade zum Thema Erinnerungen entdeckt. Ich habe mich eingeladen gefühlt und mich an meinen ersten Blogeintrag in der Kategorie Erinnerungen erinnert.

Hierher möchte ich nie wieder zurück

„Schau doch mal, er hat sich eine Socke um den Hals gebunden.“ Bernd kippelte mit seinem Stuhl und zeigte unauffällig zum Lehrerpult. Ich saß wie alle anderen mit angehaltenem Atem da und versuchte möglichst nicht vorhanden zu sein. Bernd reagierte unter Stress immer mit blöden Witzen. Ich lunste mit gesenktem Blick nach vorne. Dort saß Direktor Klein in herrischer Pose und ließ seinen Blick über die Matheschüler schweifen. Es war der gefürchtetste Augenblick des Tages. Jemand musste nach vorne und vorrechnen. Meistens endete das mit einer öffentlichen Demontage und Demütigung. Tatsächlich hatte Direktor Klein eine merkwürdige Krawatte an. Sie sah aus wie selbstgestrickt und war unten nicht  eckig sondern rund. Ein bisschen sah sie aus wie eine Socke, dass musste ich zugeben. Ein Diktator mit einer Socke im den Hals. Das sah plötzlich ziemlich lächerlich aus. Ich musste auf einmal ein Lachen unterdrücken. „Oh Gott, wenn ich jetzt lache, werde ich die ganze Stunde an der Tafel fertig gemacht“, schoss es mir durch den Kopf. „Michael, komm doch mal nach vorne“. Uff. Allgemeines Aufatmen. Viermal die Woche hatten wir in der ersten Stunde Mathe. Immer wurde morgens einer frischgemacht. Das war seelische Grausamkeit. Terror würde man heute sagen. Michael stand an der Tafel. Alle rechneten in ihren Heften, auch Direktor Klein. „Das Ergebnis ist zehn“, sagte Michael schließlich. Ich hatte was anderes rausbekommen. „Das stimmt“, sagte Direktor Klein enttäuscht. „Zeig mal wie du das gerechnet hast. Den Rechenweg kenne ich nicht. Das kann nicht stimmen“, beharrte er. „Aber Sie haben doch auch zehn raus Herr Direktor“, sagte Michael kleinlaut. „Ja, es kann aber nicht jeder rechnen wie er will.“ Er fragte die Klasse: “ Wer hat das auch so gerechnet?“ Es meldeten sich vier Schüler. Er erklärte kurz seine Rechnung und fragte: „Wer hat es wie ich gemacht?“ Zehn Hände gingen hoch. „Siehst Du, das ist der Beweis. Wahrscheinlich hast du das irgendwie hin gemogelt. Es wäre besser für dich wenn Du in die Hauptschule wechseln würdest. Es kann nicht nur Häuptlinge geben es muss auch Indianer geben.“ Michael versuchte seine Rechnung zu erklären. „Ich will nichts mehr hören“, brüllte Direktor Klein. Er stand auf und zog seinen Zeigefinger wie eine Pistole und zeigte damit auf Michael. Der hatte seine Hände noch am Colt und war somit im Duell der Cowboys unterlegen. „Gleich exekutiert er Ihn“, dachte ich. „Dich krieg ich noch in die Hauptschule“, brüllte er nun. Jetzt hatte er wieder die Beherrschung verloren.  Michael brach in Tränen aus und ging zum Platz zurück. Ich war schweißgebadet. Alle schwiegen. Gleich ist es vorbei und der Tag kann beginnen. Ich verließ das Klassenzimmer und dachte: „Dahin will ich nie wieder zurück“.

10 Kommentare zu „Erinnerungen“

      1. Das klingt aber eher so, als würde er es nicht aushalten, wenn einer seiner Schüler einmal was richtig rechnet, weil dadurch seine Gottähnlichkeit ins Wanken geriete.
        Gegen Elitenförderung habe ich gar nichts, die schaut aber anders aus

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  1. Dieser Unterrichtsbeamte, wie du ihn erlebt hast, erfüllt perfekt den gesellschaftlichen Auftrag der Schule als Selektionsinstrument. Im Fach Mathematik scheint sich das besonders anzubieten. Ich habe als SV-Lehrer oft erlebt, dass gerade die selbstständigen Denker unter Schülerinnen und Schülern, die sich in der SV für ihre MItschüler eingesetzt haben, schulisch gescheitert sind. Das ist richtig, aber leider falsch.

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    1. Es gibt zum Glück genug Beispiele für erfolgreiche Menschen, die als schulisch gescheitert galten. Man muss das Ganze positiv sehen. Der Mann war ein Anreiz für Generationen von angehenden Lehrerinnen und Lehrern es besser zu machen. Ein Leser meinte sogar er hatte das Gefühl in die Dreißiger Jahre zurückversetzt zu sein. Prügelstrafe gab es aber nicht mehr in den Achtzigern.

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      1. Das stimmt wohl. Ich erinnere mich aber, dass ich als junger Lehrer einmal vom Direktor ermahnt wurde, weil ich in der Klassenarbeit keine 5 oder 6 vergeben hatte. Auf diese Weise werden auch Wohlmeinende zugerichtet, den Auftrag des Aussiebens zu verrichten.

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