dunklerArbeizszimmer iim Keller mit kleinem fenster

Das Leben des Herrn Altmann (zweiter Teil)

Was bisher gesah: Erster Teil 

Die Gefahr der Geheimlogen

Der einzige der Giselher verstand war sein Zwillingsbruder. Er hatte durch eine Burschenschaft Kontakt mit ganz neuen Ideen bekommen. Die Geheimlogen steuerten schon seit Jahrhunderten die Geschicke der Menschheit mittels geheimer Codes. Selbst Napoleon hatte sich mit ihnen eingelassen. Heute steuerten die Logen in Amerika die Weltgeschichte. Er wollte sich fortan der Aufklärung gegen die unseligen Verschwörungen widmen. Doch er musste vorsichtig sein. Oft schlug ihm bei Diskussionen unvermittelter Hass entgegen von Menschen, die er auf seiner Seite wähnte. Er liebte die Menschen und wollte sie beharrlich vom drohenden Untergang schützen. Mit seinen Exkursionen in die systematische Theologie konnte er einige Suchende für sich gewinnen. Keiner wollte ihm aber in seinem Kampf gegen den Niedergang der deutschen Kultur folgen. Als sein Bruder schon an seiner Promovierung arbeitete und kurz vor seiner Hochzeit stand, hatte er immer noch keine Abschlussarbeit geschrieben. Sein Vater machte Druck und seine Mutter schien ernstlich besorgt, dass er keine Familie gründen wollte. Er wollte sie nicht enttäuschen und absolvierte in einem gewaltigen Kraftakt seine Prüfungen. Sein Professor sprach eigens eine Belobigung für seine unkonventionellen Ansätze in der Theorie der Blickwinkel aus. Anschließend trat er seine erste Anstellung als Theologie- und Lateinlehrer in einem Gymnasium an. Mit Begeisterung versuchte er die Schülerinnen und Schüler zu frei denkenden Menschen zu erziehen. Einigen gefiel sein Engagement und seine Kritik an den herrschenden Meinungen und Ansichten. Die meisten wollten allerdings nur mit möglichst wenig Aufwand durch den Unterricht kommen und saßen ihre Zeit ab. Im Lateinunterricht liebte er die systematische Grammatik in der ihm keiner das Wasser reichen konnte. Nahe kam er trotz allen Bemühungen keinem Menschen. Wer ihm zuhörte bekam lange Vorträge über Theologie und den Überlebenskampf der deutschen Nation zu hören. Er litt unter seiner Einsamkeit und verlor an Gewicht. Seine körperliche Konstitution war durch die Mangeljahre in der Kindheit nicht die beste und verschlechterte sich zunehmend. Sein Zwillingsbruder brachte ihn auf die bahnbrechende Theorie der hamerschen Herde. Der von der konventionellen Medizin verfolgte Forscher Geerd Hamer hatte Zusammenhänge zwischen traumatischen Erlebnissen und dadurch ausgelösten Entzündungsherden im Gehirn erkannt. Giselher war sich sicher unter diesen Entzündungen im Gehirn zu leiden. Er wollte sie mit Naturheilkunde in den Griff bekommen und dadurch wieder ein gutes Leben führen. Er stellte seine Ernährung komplett auf milchsaures Gemüse um.

Die große unerfüllte Liebe

Es ging ihm tatsächlich bald besser. Giselher arbeitete ab und zu im Theater als Statist, um sich etwas Geld zu verdienen. Er verliebte er sich in die Hauptdarstellerin eines Stückes. Sie hatte ihn angelächelt und er glaubte die Liebe seines Lebens gefunden zu haben. Sie sah in ihrem Kostüm wundervoll aus und überstrahlte alle anwesenden Frauen. Er fasste sich ein Herz und sprach sie an. Sie fühlte sich geschmeichelt. Leider war sie bereits verheiratet. Giselher bat sie trotzdem um eine Verabredung, die sie zunächst ablehnte. Er ließ nicht locker und sie willigte schließlich einem Spaziergang ein. Beinahe hätte er den zweiten Menschen in seinem Leben geküsst. Seine Mutter sollte aber der einzige bleiben. Giselher erzählte seiner Mutter von der wundervollen Frau, die er begehrte und sie schien erleichtert. Dass die Liebe aufgrund ihrer Ehe zum Scheitern verurteilt war verschwieg er nicht. Er erzählte allen, die es hören wollten von seiner tragischen Liebe. Giselher besuchte jede Vorstellung seiner Angebeteten und wollte sich immer wieder mit ihr treffen. Ab und zu willigte sie einem kurzen Treffen vor dem Theater ein und machte ihn glücklich. Ermutigt von der positiven Entwicklung suchte er sie zu Hause auf. Wegen ihres Ehemannes wagte er es jedoch nicht in Erscheinung zu treten. Er blieb stiller Beobachter.

Opfer einer Verschwörung

Als ihn der Schuldirektor zu sich rief, fiel er aus allen Wolken. Es hatte Beschwerden aus der Elternschaft über seinen Unterrichtsstoff gegeben. Er sollte sich gefälligst an den Lehrplan halten. Für Giselher war die Angelegenheit klar. Die Kritiker arbeiteten im Verborgenen und waren nicht Manns genug offen ihre Meinung zu sagen. Solcher Niedertracht wollte er sich nicht beugen. Er hatte den Auftrag denkende Menschen aus seinen Schülern zu machen, um die Welt zu einem besseren Ort zu machen. Sie sollten sich von den Herrschenden nicht manipulieren lassen und deren vorgefertigten Meinungen übernehmen. Allerdings mussten seine Schüler achtsam bleiben. Giselher hatte sie aus diesem Grund mit den Prophezeiungen von Nostradamos bekannt gemacht. Das Ende der der Zivilisation stand kurz bevor und er riet seinen Schülern Vorräte anzulegen.  Giselher gab nicht nach und wurde schließlich auf eine ländliche Schule versetzt. Auch hier bekam er Probleme mit seinen Ansichten und seiner Art Religionsunterricht, der von vielen Eltern als respektlos gegenüber der katholischen Kirche empfunden wurde. Giselher hinterfragte lediglich sämtliche Dogmen und musste schließlich vor eine kirchliche Kommission treten, die ihm untersagte katholischen Religionsunterricht zu geben. Jetzt war er wie Galileo Galilei exkommuniziert worden.  Giselher wusste, dass alle Denker erst im historischen Kontext gesellschaftliche Anerkennung genossen und in der Gegenwart von den Einfältigen bekämpft wurden.  Er trat schließlich aus der Kirche aus und gab nur noch Lateinunterricht. Ab und zu traf er sich noch privat mit Schülern, um ihnen seine Sicht der Welt nahe zu bringen. Er durchsuchte mit ihnen  Zeitungen und Bücher nach Geheimcodes der Verschwörer. Auf vielen Bildern fassten sich beispielsweise verschiedene Staatschefs bei öffentlichen Empfängen an die Nase. Giselher war überzeugt, dass sich die Verschwörer der Welt auf diese Weise verständigten. Er besuchte immer noch heimlich seine Angebetete. Im Theater trat er offen mit ihr in Kontakt, so oft er konnte. Sie war ihm gegenüber kühl geworden, was er auf ihre Ehe und die daraus resultierende moralische Verpflichtung zurückführte. Sie konnte die gemeinsame Liebe nicht erwidern ohne sich zu versündigen und moralisch einwandfrei zu verhalten. Ein Dilemma für das er volles Verständnis hatte. Eines Tages lauerte ihm jedoch der Ehemann vor dem Haus auf und schlug ihm ein Auge blau. „Sie wollen meine Frau? Sie können sie haben“, rief er aufgebrachte. Kurz darauf erfuhr er von der Scheidung seiner Angebeteten. Sie war mittlerweile Mutter geworden und stand nun alleine da. Sie bat Giselher verzweifelt darum aus ihrem Leben zu verschwinden. Zuerst war er verwirrt, doch er erklärte es mit ihrer mütterlichen Sorge, die sie nur ihrem Kind widmen wollte. Er schrieb ihr fortan jede Woche einen Brief und wartete sehnsüchtig aber vergeblich auf eine Antwort.

Der Versuch ihn für verrückt zu erklären

Der Direktor der neuen Schule hatte sich ebenfalls gegen ihn verschwören. Er wollte ihn  loswerden und verlangte eine Untersuchung von Giselhers Geisteszustand. Es folgte eine demütigende Untersuchung in der Universitätsklinik, die er mit Bravour absolvierte. Er stand mit dem Psychologieprofessor am Katheder und war umringt von Studenten. Nach wenigen Fragen glitt die Untersuchung in ein lockeres Gespräch, das der Professor mit der Bemerkung in Richtung seiner Studenten beendete, dass sich der Proband bester geistiger Gesundheit erfreue. Giselher fühlte sich zwar bestätigt aber ließ noch größere Vorsicht walten. Er sammelte alle Druckerzeugnisse, die er finden konnte und suchte nach Hinweisen. Als er von einer Großbestellung von Tierfellen in Russland las, war er davon überzeugt, dass die Rote Armee einen Winterfeldzug gegen den Westen vorbereitete. Es ließ es seine Verwandten und seine Schüler wissen. Außer seinem Bruder nahm ihn niemand ernst. Der hatte allerdings mit seiner Scheidung genug eigene Probleme und konnte Giselher nicht beistehen. Giselher war sehr einsam und bekam Herzrhythmusstörungen. Er war davon überzeugt, dass es sich jedes Mal um Herzinfarkte handelte, die ihm die Ärzte verheimlichten. Er behandelte sie mit Homöopathie und Bachblüten. Nach jahrelangem Kampf gab er sich geschlagen und gab dem Drängen der Schulbehörde zur Frühpensionierung nach. Nach achtzehn Jahren im Schuldienst hatten sie ein Wrack aus ihm gemacht. Er widmete sich nun vollständig seinen Forschungen. In seiner Wohnung stapelten sich Bücher und Zeitungen bis unter die Decke. Er hatte nur noch einen schmalen Durchgang zu seinem Sofa, auf dem er schlief und arbeitete. Als die Mauer fiel war er im Gegensatz zu allen anderen nicht überrascht. Er hatte es geahnt. Mit dem Aufkommen des Internets kamen Hinweise über Verschwörungen aus aller Welt. Er war nun mit vielen Gleichgesinnten verbunden. Die Anschläge des 11. September 2001 überraschten ihn ebenfalls nicht. Für Ihn waren sie eine Verschwörung der Amerikaner, um ihre Kriege zu rechtfertigen. Das Internet lieferte Giselher nun alle Erklärungen nach denen er immer gesucht hatte und er ließ alle an seinem Wissen teilhaben. Das Aufstreben einer Partei, die sich als Alternative für Deutschland bezeichnete hat Giselher nicht mehr richtig miterlebt. Er starb einsam in seiner Wohnung und wurde erst Tage später zwischen gestapelten Zeitungen entdeckt. Ob er sich zu dieser Partei hingezogen gefühlt hätte oder in ihr eine riesengroße Verschwörung gesehen hätte weiß niemand.

 

5 Kommentare zu „Das Leben des Herrn Altmann (zweiter Teil)“

  1. Mit zeitlicher Verzögerung, aber gebanntem Interesse gelesen. Herr Altmann stand lebendig vor mir, mit allem was er erlebte.

    Zuerst dachte ich, es müsse sich um deine eigene Geschichte handeln. Dann dachte ich, immerhin müsste es sich um jemanden handeln, den du kennst / kanntest.

    Oder ist es doch einfach ein Konglomerat aus tatsächlichen und erfundenen Personen? Das würde mich schon sehr interessieren 😉

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      1. Wahrheit ist ein großes Wort. Die Wahrnehmung von außen kann immer differieren von derjenigen der Person selbst innerlich. Aber du kannst ja nur das erzählen, was du wahrgenommen hast.

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