Abbildung des eisernen Steges in Frankfurt

Das Leben des Herrn Altmann

Krieg als Normalzustand

Giselher kannte bislang nur den Krieg. Er war sieben Jahre alt und der Kriegszustand war etwas alltägliches. Er kannte nichts anderes. Krieg bedeutete für ihn nicht Kampf, sondern Verzicht. Jeden Tag aß Giselher mit seiner Mutter und seinen beiden Brüdern nur eine dünne Getreidesuppe. Die Erntezeit war noch lange nicht in Sicht und frisches Obst war nur eine ferne Sehnsucht. Seine Mutter war sehr sparsam und hielt immer ein paar Lebensmittelmarken zurück. Es lag ihr einfach im Blut etwas für Notzeiten zurückzuhalten. Es herrschte zwar Not aber niemand klagte. Mutters Lichtblicke waren die Feldpostbriefe seines Vaters. Für ihn und seinen Zwillingsbruder waren es die Wanderungen in den umliegenden Wäldern und Feldern. Sie lieferten sich regelrechte Wettstreite im Erkennen von Vogelstimmen. Hier konnten sie Kinder sein. Nur ab und zu rissen sie die englischen Flugzeuge aus ihrem Spiel. Seit einiger Zeit flogen sie nicht nur nachts, sondern auch am taghellen Himmel über sie hinweg. „Macht Euch keine Sorgen. Alles wird gut“, pflegte sein Onkel Heinrich dann zu sagen. Er war schon über achtzig und einer der wenigen Männer in der ländlichen Siedlung. Wegen eines Hüftschadens wurde er nicht mehr mit den anderen Alten und Heranwachsenden als Volkssturm zur nahenden Front geschickt. Heinrich war ein gutmütiger Mann, der die Kinder immer aufmunterte. „Biste traurig? Kriegst nen Pfennig für ein Lachen“, war einer seiner bewährtesten Witzchen, die die Jungs immer wieder zum Lachen brachte und die sorgenvolle Umgebung vergessen ließ. Sie glaubten, dass sich alles zum Besseren wenden würde, bis sein großer Bruder auf dem Weg zur Schule von einem Jagdflieger angegriffen wurde. Er konnte sein Fahrrad gerade noch auf die Straße werfen und in den Straßengraben springen. Verwirrt kam er nach Hause und seine Mutter schimpfte lange über den Piloten, der es für nötig hielt auf einen zwölfjährigen Jungen zu schießen. Krieg bedeutete nun nicht nur Verzicht, sondern auch Angst. Als die Feldpostbriefe ausblieben ging seine Mutter so oft sie konnte zum Bahnhof, um die Lazarettzüge zu inspizieren. Ein Freund seines Vaters arbeitete dort als Arzt. Seine Aufgabe war es die transportfähigen Verwundeten auszuwählen, da der Platz nicht für alle ausreichte. Ihm wurde erst nach einiger Zeit klar, dass das seine eigentliche Aufgabe war. Zum Heilen fehlten ihm Zeit und Mittel. Wie viele andere glaubte auch er nicht mehr an einen Sieg aber traute sich nicht es offen auszusprechen. Viele wollten das Städtchen verlassen, um vor den nahenden Russen zu fliehen, doch es wurde nur militärisches Gut transportiert. Zivilisten durften das Gebiet nicht verlassen. Die Zwillinge wollten auch gar nicht weg. Sie möchten die Hügel und Wälder. Sie hielten sehnsuchtsvoll Ausschau nach deutschen Jagdfliegern, die sie beschützen sollten. Früher hatten sie ihnen zugejubelt. Die Piloten waren Helden für sie. Doch sie hatten seit Wochen keine mehr am Himmel gesehen.

Der Verlust der Heimat

Als das Frühjahr kam, packte seine Mutter so viele Habseligkeiten, wie sie tragen konnte in einen Koffer und brach mit ihm und seinen Brüdern zum Bahnhof auf. Sein Onkel Heinrich blieb zurück. Zum Abschied schenkte er den Jungs seine letzten Pfennige und ein Lachen. Zuerst verstanden die Kinder nicht was geschah. Niemand hatte ihnen etwas gesagt. Einerseits, um sie nicht zu beunruhigen und andererseits, um ihre Flucht nicht zu vereiteln. Sie wurden mit Hilfe des diensthabenden Arztes auf einen Lazarettzug geschmuggelt und traten den Weg nach Westen an. Wegen der Luftangriffe konnte der Zug nur nachts fahren. Tagsüber standen sie auf Abstellgleisen. Seine Mutter half die Verwundeten zu versorgen. Als sie ihren Zielbahnhof im Bayern erreichten wurden sie kontrolliert. Sie wurde durchsucht und bekamen alle Lebensmittelmarken abgenommen. Seine Mutter flehte und bettelte. Sie hatte sie sich vom Mund abgespart. Die Wachhabenden blieben hart. Wenn von den Rationen etwas gespart werden konnte, waren sie wohl zu groß eingeteilt worden. Schließlich brach sie weinend vor ihren Kindern zusammen. Als er seine starke Mutter so am Boden sah brach für ihn eine Welt zusammen. Der Krieg sollte noch am selben Tag zu Ende gehen.
In dem bayrischen Städtchen, in dem sie einquartiert wurden waren sie alles andere als willkommen. „Da schaut wo ihr hingekommen seit mit Eurem Hitler“, riefen sie allen Neuankömmlingen entgegen. Man gab hier viel auf die katholische Tradition. Die einheimischen Kinder und die Flüchtlingskinder durften nicht gemeinsam zur Kommunion gehen. Die Amerikaner zwangen die erwachsenen Bewohner der Stadt das nahegelegene Konzentrationslager zu besuchen. Was für viele als Sonntagsausflug begann endete im nackten Grauen. Man hatte noch nicht alle Leichenberge beseitigt. Seine Mutter war schon vor diesem Besuch verstummt gewesen. Es gab nichts worüber sie sprechen oder an was sie sich erinnern wollte. Es begann eine bleierne Zeit des eisernen Schweigens. In der Kirche war viele von Schuld und Vergebung die Rede. Schuld an begangenen Untaten in deutschen Namen und Vergebung für erlittenes Unrecht.  Es folgten immer mehr Flüchtlinge aus dem Osten. Sein Onkel Heinrich kam nicht. Er hatte die sogenannte Umsiedlung nicht überlebt.

Die Suche nach dem Weltbild

Was war das für ein Gott, der zuließ, dass Millionen von Juden ermordet wurden und hunderttausende von Menschen bei der Vertreibung aus ihrer Heimat umkamen? Wieso hatte das Böse überhandgenommen? Alle gaben sich wieder dem Schein der Zivilisation hin und taten als sei nichts vorgefallen. Giselher zog die Lehre aus dem Geschehen, dass nichts so war wie es auf dem ersten Blick schien. Die bösen Mächte im Hintergrund verschworen sich immer wieder, um Unglück über die Menschheit zu bringen. Er wollte ein Leben lang wachsam bleiben, um nie wieder unvorbereitet zu sein. Als Giselhers Vater aus Frankreich zurückkehrte waren sie wieder eine Familie. Sein Vater war vor dem Krieg ein angesehener Bankier gewesen, der fließend französisch sprach. Ein Umstand, der ihn vor der Ostfront bewahrt hatte. Es war bereits seine zweite Kriegsgefangenschaft in Frankreich gewesen. Dreißig Jahre zuvor war sein Stoßtrupp hinter den französischen Linien aufgebracht worden und er war mit den Worten: „Kamerad. Für Dich ist der Krieg vorbei“ von den Franzosen entwaffnet worden. Je weiter er im Zug der Gefangenen in das Landesinnere marschieren musste, desto mehr Hass schlug ihm entgegen. Er führte das auf die Kriegspropaganda zurück, die die Deutschen in einem falschen Licht dargestellt hatte. Dort wo sich Deutsche und Franzosen direkt gegenüber gestanden hatten, herrschte nach seiner Meinung gegenseitiger Respekt vor dem Mut und Aufopferungswillen des jeweils anderen. Die großen Gasangriffe hatte er nicht miterlebt. Seinen zweiten Krieg hatte er im besetzten Paris verbracht. Was er dort genau getan hatte, darüber wurde in der Familie nicht gesprochen.

Sie zogen in die einzige Großstadt Nordhessens. Aufgrund ihrer Lage als Verkehrsknoten und Industriestandort der Bahnindustrie gehörte sie zu den zerstörtesten Städten Deutschlands. Sein Vater bekam eine Anstellung in einer Bank und die Familie ein Zimmer in der Nähe der Fulda. Das sogenannte deutsche Wirtschaftswunder begann. Die Stadt wurde wieder aufgebaut. Die Zwillinge begannen wieder ihre Wanderungen. Auch ihre neue Heimat hatte üppige Wälder und Hügel, die es zu entdecken galt. Im Sommer schwammen die Kinder in der Fulda. Es hätte eine unbeschwerte Kindheit sein können, doch Giselher blieb achtsam. Eine ständige Aufgeregtheit hatte sich seiner bemächtigt. Überall sah er Lügen und Verschwörungen. Sein Zwillingsbruder war etwas älter, etwas kräftiger und etwas forscher als er. Er hatte nur einen Tick mehr von allem mitbekommen. Genetisch waren sie gleich, doch schien sein Zwillingsbruder viel besser für das Leben gerüstet zu sein. Sein Bruder zog ihn mit und vertrieb die Grübeleien. Als sein Vater Filialleiter einer Bank an der südhessischen Bergstraße würde zogen sie wieder um. An dem schönen Fachwerkstädtchen hatte der Krieg keinerlei Spuren hinterlassen. Der Wohlstand wuchs. Sein ältester Bruder begann eine Banklehre und die Zwillinge besuchten das Gymnasium. Der Blick aus den Weinbergen in die Rheinebene war atemberaubend schön.. Er fuhr mit dem Fahrrad den Rhein entlang bis ins Elsaß und nach Holland. Die Deutschen waren in ihren Nachbarländern nicht unbedingt gern gesehen aber er wurde überall freundlich aufgenommen. In Holland hatte er eine verwirrende Begegnung. Ein Mann lud ihn zu sich nach Hause ein. Es herrschte eine besondere Anziehung zwischen den beiden. Doch er blieb wachsam und widerstand der Versuchung. Liebe zwischen Männern war nicht statthaft. Seiner Meinung nach konnte eine Verbindung zweier Menschen, die nicht der Fortpflanzung diente niemals gottgefällig sein.

Waren Raubtiere vom Bösen bessen?

Sein Zwillingsbruder wollte Volkswirtschaft studieren. Er selbst wollte lieber Antworten auf die vielen unbeantworteten Fragen und Unstimmigkeiten in seinem Gottesbild. Wie konnte Gott es zulassen, dass es Lebewesen gab, die vom Tod anderer lebten? Das war grausam. Giselher lebte weitgehend vegan. Er beschloss Theologie zu studieren. Sein Vater wollte, dass er eine Beamtenlaufbahn einschlug. Also einigten sie sich auf ein Lehramtstudium in der nahen Großstadt, die für ihre Banken bekannt war.
Zu Beginn seines Studiums trugen alle Studenten Anzüge mit Schlips. Die wenigen Studentinnen adrette Röcke und die Professoren ehrwürdige Talare. Das gefiel ihm und gab ihm Sicherheit. Hier fühlte er sich der Elite angehörig. Hier war er kein Außenseiter. Doch die beginnende Unruhe unter den Studenten war schon spürbar. Es entstanden kommunistische Gruppierungen aller Art, die er mit Skepsis beobachtete. Nach und nach machte sich eine revolutionäre Stimmung breit. War hier eine Verschwörung im Gange? Sollte wieder mit Lügen und Boshaftigkeit Unglück über die Menschen gebracht werden? Er konnte die Menschen nicht richtig einschätzen. War es nur Fassade und Lüge oder hatten sie gute Absichten? Eine Kommilitonin schien sich für ihn zu interessieren. Er war geschmeichelt aber hörte auf sein Bauchgefühl. In einer Welt voller Gefahren und Täuschung musste er wachsam bleiben. Außer seiner Familie konnte er niemanden trauen. Er zog sich zurück und widmete sich seinem Studium. Sein Professor war in Königsberg geboren und ebenfalls Heimatvertriebener. Er hatte 1942 eine grundsätzliche Arbeit über Rasse und Gesittung, sowie Bachofens Geisteserbe und die Keltenfrage geschrieben. In seinen Theologievorlesungen hörte Giselher von der Dreifaltigkeit und von der Theorie der drei Blickwinkel, mit denen alle Phänomene der Welt analysiert werden können. Er war begeistert. Das unbegreifliche Phänomen Gott war in dieser Theorie der drei Dimensionen systematisch erklärbar und gleichzeitig unfassbar. Gott war folglich alles auf der Welt, zu jeder Zeit und an jedem Ort, betrachtet aus einem flexiblen Blickpunkt. Für den einzelnen menschlichen Geist war das zu hoch aber er hatte eine Systematik gefunden mit der er sich die Welt erklären konnte. Er entwarf ein Phantasiemodell der idealen Gesellschaft. Das Parlament sollte seiner Meinung nach aus einem Drittel Nationalisten, einem Drittel Sozialisten und einem Drittel Traditionalisten bestehen. Mit einem solchen Gleichgewicht müssten alle Interessen berücksichtigt sein. Doch die Menschen in seinem Umfeld wollten davon nichts hören. Sie waren manipulierbar und Argumenten nicht zugänglich. Alle Kommilitonen wollten nur Bestehendes einreissen und eine Revolution anzetteln. Wussten sie nicht wie blutig es dabei zuging?

Fortsetzung: Zweiter Teil

 

 

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