Sperrmüll vor Verbotsschild

Die Weisheitszahnnummer in Kombination mit dem Kariestrick

Heute möchte ich über meine liebevoll gepflegten Vorurteile berichten. Ich weiß schon, Vorurteile sind eigentlich nichts positives  und sprechen eher für mangelnde Urteilsfähigkeit. Aber niemand wird bestreiten wollen, dass sie in bestimmten Momenten im Leben ihre Berechtigung haben können. Es sind die Momente, in denen eine Handlung von einem verlangt wird, die auf einem Urteil beruhen sollte, das man aber noch nicht gefällt hat. Das kann auch der schnellsten Denkerin und dem schnellsten Denker passieren und auch anderen entscheidungsfreudigen und urteilsfähigen Wesen unterkommen.

Alle Zahnärzte sind Verbrecher

Eines meiner hartnäckigsten Vorurteile lautet beispielsweise: „Zahnärzte und Immobilienmakler sind als unseriös einzustufen“. Das ist eines meiner verfestigten Vorurteile und hat mir im Laufe der Jahre viele Ausgaben und Schmerzen erspart. Für ein richtiges Urteil hat die Aussage zu viele Schwächen. Sie ist zu verallgemeinernd und recht platt. Ein richtiges Vorurteil eben. Weiterhin hat sie beleidigendes Potential und kann zu Schadenersatzforderungen führen. Ganz zu Schweigen  von möglichen Racheakten meiner Zahnärztin. Ich habe Vorurteilsbann zwar bewusst männlich formuliert aber wer kann sich schon als Mann in die weibliche Psyche einfühlen. Es wäre mir äußerst unangenehm, hilflos auf dem Behandlungsstuhl liegend, mit weit aufgerissenem Maul, ihrem Bohrer ausgeliefert zu sein. Aus genannten Gründen zieht sich die Urteilsfindung seit meinem zwölften Lebensjahr gemächlich dahin. Damals erhielt ich, wie alle anderen Kinder in unserer Kleinstadt, eine Zahnspange. Meine Oma hatte mich immer für meine schönen Zähne gelobt und war verwundert, das ich eine solche benötigen sollte. Es hatte wohl irgendwas mit einem Überbiss oder so etwas zu tun. Etwas von dem niemand in unserer Familie je zuvor gehört hatte und das mein Zahnarzt eigens für mich entdeckt hatte. Jahrelang hatten die Sozialdemokraten regiert und das Gesundheitssystem war gut ausgestattet.  (Die geistig moralische Wende der konservativ christlichen Partei sollte erst in einigen Monaten gestartet werden)  An dem sprudelnden Brunnen der Krankenkassenleistungen labte sich also auch mein damaliger Zahnarzt. Er fuhr einen Porsche und seine Tochter, die in meinem Alter war, bekam mit achtzehn Jahren einen weißen Golf Cabrio. (Wie der von Sascha Hehn in der Schwarzwaldklinik. Echt cool.) Das machte mich nicht nur neidisch, sondern auch skeptisch. Brauchte wirklich jeder junge Mensch haufenweise Drähte und Plastik im Mund, um später mal ordentlich kauen zu können? Da Neid und Missgunst schlechte Charaktereigenschaften sind, habe ich diese einfach in den dunklen Teil meiner Persönlichkeit verdrängt. Mit meiner Skepsis gehe ich aber seither hausieren.

Gib mir Deine Weisheitszähne

Als Student in der großen Stadt wohnte ich in einer Wohngemeinschaft. Alle waren neu in der Stadt und sind zum Zahnarzt in der Nähe gegangen. Meine Mitbewohnerin war die erste, die ihre Weisheitszähne einbüßte. Traurig berichtete sie von Fehlstellungen, ungehemmten Wachstum und drohenden Schmerzen nie da gewesenen Ausmaßes. Tagelange lief sie mit geschwollenen Backen durch das Haus. Meinem Mitbewohner erging es nicht viel besser. Auch bei ihm würden sich die Weisheitszähne bald in das Gehirn bohren, sollten sie nicht sofort entfernt werden. Vor meinem Zahnarztbesuch dachte ich noch, dass das ein merkwürdiger Zufall sei. Nach der Untersuchung wusste ich, dass auch mein letztes Stündlein ohne bestialische Schmerzen bald schlagen sollte. Mein porschefahrender ehemaliger Zahnarzt hatte nie etwas an meinen Weisheitszähnen auszusetzen gehabt. Er war eher so ein Zahnspangenspezialist. Ich tat einfach nichts, außer den Zahnarzt zu wechseln und warte heute noch auf Probleme mit meinen Zähnen.

Kindesmisshandlung?

Als mein erstes Kind drei Jahre als war hat eine Zahnärztin Karies bei ihm festgestellt. Es sollte bei Vollnarkose in der Praxis behandelt werden, da so kleine Kinder nicht stillhalten. Die Praxis hatte eine eigene Anästhesistin, die nach einem Vorgespräch aber von einer Narkose absah. Das lag an einem unerwartet aufgetauchten medizinischen Befund, der Probleme bei der Betäubung bedeuten könnte.   Ich wurde sicherheitshalber an eine Zahnklinik verwiesen. Der dortige angestellte Zahnarzt vom Dienst konnte keinerlei Karies feststellen. Auch nach meiner Bitte zweimal nachzusehen könnte er nichts finden. Später hat mir eine Bekannte erzählt, dass ihr dreijähriger Sohn in genau jener Zahnarztpraxis unter Vollnarkose wegen Karies behandelt werden musste. Das merkwürdige Gefühl, das mich damals beschlich ist immer noch nicht ganz vergangen. Ich habe auch überlegt welche Stellen über solche Merkwürdigkeiten informiert werden könnten. Im Trubel des Alltags und dem Bemühen mein Kind fortan fern von Narkoseärzten zu halten (was übrigens gar nicht so einfach war), ist das dann in Vergessenheit geraten.

Die Weisheitszahnnummer in Kombination mit dem Kariestrick

Jahrelang hatten wir dann einen unfreundlichen mürrischen Zahnarzt, dem meine Weisheitszähne egal waren und der weder mich noch meine Kinder betäuben wollte. Nachdem er sukzessiv alle meine Amalganfüllungen gegen Kunststofffüllungen ausgetauscht hatte und ich keine lukrativen Aufträge mehr verhieß, wurde er noch patziger. Ich hatte aber auch echt keinen Bock auf Röntgen oder Zahnreinigung. Es stand mal wieder ein Wechsel an. Ich fand nach langer Suche einen älteren Arzt am anderen Ende der Stadt an dem ich nichts auszusetzen hatte. Bis er letztes Jahr in Rente ging. Wehmütig denke ich an die Zahnbehandlung für nur zehn Euro Praxisgebühr zurück, für die mir zuvor ein Konkurrent einen Kostenvoranschlag von 300 Euro in die Hand gedrückt hatte. Der ältere Zahnarzt war auch im Berufsverband tätig und kommentierte nur trocken: „Die Kollegen müssen halt ihre teuren Praxen in bester Lage finanzieren“. Seither mache ich um zu schick eingerichtete Praxen einen großen Bogen. Sein Nachfolger hat im Dezember letzten Jahres wieder die Weisheitszahnnummer in Kombination mit dem Kariestrick abgezogen. Er gab mit drei Monate bis zum (Zahn)untergang und zeigte mir schwarze Verfärbungen mit seinem Spiegel. Die aktuelle Zahnärztin meiner Kinder, die keine Kooperation mit irgendwelchen Narkoseärzten unterhält, meinte letzte Woche nur: „Das sind harmlose Verfärbungen“. Meine Vorhaltungen gegenüber ihrem Berufskollegen lächelte sie einfach weg. Immerhin ist sie nett. Sie mag gern röntgen und hat die Zahntaschen wieder ausgepackt. Von denen hatte ich zwanzig Jahre nichts mehr gehört. Das sollen so Untiefen im Übergang zwischen Zahn und Zahnfleisch sein, in denen Bakterien, ähnlich wie Straßengangs, ihr Unwesen treiben. Vielleicht lasse ich mich doch mal zu einer Zahnreinigung hinreißen. Das erscheint mit attraktiver als eine Zahnextraktion. Ihr Praxispartner ist übrigens Kieferorthopäde. Er hat der Hälfte meiner Kinder Zahnspangen verpasst. Ich dachte, ich hätte ihn letztens in einem Porsche vorbeifahren sehen. Aber wahrscheinlich haben mir meine eigenen Vorurteile und der Sozialneid mal wieder die Wahrnehmung getrübt.

19 Kommentare zu „Die Weisheitszahnnummer in Kombination mit dem Kariestrick“

  1. Da tun sich Abgründe auf! Deine Skepsis ist aber berechtigt, nehme ich deine Schilderungen und eigene Erfahrungen zusammen. Das alles lässt sich auf andere Arztgruppen ausweiten, etwa auf Orthopäden. Mein Orthopäde, dessen Frau in einem Kieser-Trainings-Studio arbeitet, überweist nur dorthin, auch mich. Wochenlang bin ich hin bei zunehmenden Rückenschmerzen. die ich aber ignorierte, denn ich glaubte, dass Kiesertraining nicht schaden kann. Folge: Ein Jahr scheußliche Rückenschmerzen wegen einer Entzündung des Iliosakralgelenks.

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      1. Passiert auch so. Anlässlich einer Anschlussheilbehandlung in einer orthopädischen Klinik habe ich mal recherchiert: In Deutschland werden jährlich, schluck, 400.000 künstliche Hüftgelenke implantiert. Als würde man jedem Einwohner von Wuppertal, Greis oder Säugling, ein künstliches Hüftgelenk einbauen, und man hätte noch 50.000 in Reserve fürs nächste Jahr. Ein Säugling braucht aber noch kein künstliches Hüftgelenk. Wo kommen also die 400.000 Hüftpatienten her? »Es ist ganz einfach«, sagt der Kieler Orthopäde Joachim Hassenpflug in der ZEIT « Indem Ärzte ihre Patienten immer früher zum künstlichen Hüftgelenkersatz drängen.« Die Fallpauschale für den unkomplizierten Einbau einer Prothese inklusive Klinikaufenthalt liegt laut ZEIT bei rund 6.600 Euro. Macht bei 400.000 Hüftgelenken die stattliche Summe von 2,64 Milliarden Euro für die Gesundheitsindustrie. Etwa 2 Milliarden muss man noch für die Anschlussheilbehandlungen veranschlagen. Wenn der Einbau von künstlichen Hüftgelenken so ein gutes Geschäft ist, kann man es auch prophylaktisch schon mit Wuppertaler Kleinkindern machen, vorausgesetzt, sie sind fett und ihre Eltern blöd genug.

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      2. Ich habe zwölf Jahre lang nebenberuflich eine Naturheilpraxis geführt (bis 2012) und schon gut verlaufende und schlecht verlaufende Hüft OPs gesehen. Es gab auch einige offensichtlich überflüssige. Kritisch fand ich es immer, wenn die Patienten zum Arzt gehen mit der Einstellung: „Mach mich gesund“. Nach dem Motto repariere mich und danach geht es weiter wie bisher. Ein guter Arzt sollte dem Patienten eigentlich vermitteln können was er in seinem Fall selber tun kann und muss, um gesund zu werden. Mit der zusatzlichen Reduzierung von Gewicht und der richtigen Bewegung kann auch eine Hüft- OP zum Ziel führen. Deine Zahlen und die Mechanismen der Gesundheitsbranche sprechen leider eine andere Sprache. Viel zu oft werden Menschen als etwas defektes betrachtet, dass einfach repariert werden kann.

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      3. vor geraumer zeit sah ich einen bericht, in dem orthopäden bekannten, um die misere der zu häufig und oft zu schnell eingebauten hüft- und kniegelenke zu wissen. schuld sei eben genau diese mach-mich-gesund-einstellung, die eine ebenso wirkungsvolle, überhaupt nicht invasive, aber eben langwierige und vielleicht mühsame konservative therapie von vornherein ausschließt. einer endete damit, dass er sich nicht gewaltsam dagegen wehren würde, geld zu verdienen, wenn denn das der wunsch der patienten wäre.

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  2. Mal wieder ein Fall fürs Weltmanagement. Wie wäre es mit einer unabhängigen Zahnbehandlungskommission? Quasi der LWV der Zahnärzte, mit Festlegung der Behandlungspläne. Interdentaler Bakterieller Rekonvaleszenz Plan – IBRP

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  3. Sehr gut beobachtet und geschrieben. Ich teile die meisten deiner Ressentiments, weil ich ganz ähnliche Beobachtungen gemacht habe, ähnlich denke und ebenso misstrauisch diesbezüglich bin.
    In München gibt es einen ZA, der so gut wie jedem eine Beißschiene verpasst, der dort hin geht. Ich hab mich rasch gefragt, wie es sein kann, dass alle Leute, die zu dem gehen, auf einmal eine Beißschiene brauchen.
    Und eine Kollegin von mir, die der Ansicht war „Wenn mir was weh tut gehe ich zum Arzt und der macht das dann weg“, hat schon 3 Knie-OPs gehabt. Bei der ersten wurde eine Prothese gesetzt, danach weiter Schmerzen, Arzt gewechselt, oh Entzündung an der Andockstelle im Knochen, neue OP vorgeschlagen, noch größere Prothese eingesetzt. Als wieder ziemliche Beschwerden die Folge waren hieß es: Ja, vielleicht ist die Prothese jetzt zu groß/schwer, das musste halt sein. Und später hat sie beim zweiten Knie auch eine Prothese rein machen lassen. Mir stellt es die Haare auf bei so einem Umgang mit seinem Körper und der Gesundheitsindustrie.

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      1. Ja, das ist paradox. Wer solche Erfahrungen macht, für den denke ich ist es eine Chance zu lernen umzudenken. Das Gebäude von der tollen Medizin im Kopf einzureißen und einen Weg zu beginnen, der Verantwortung für sich bedeutet. Was kann ich tun, damit es mir besser geht, gesamtheitlich? Und da gibt es eine Menge. Braucht einfach Geduld und sich damit befassen und schauen was einen selbst weiter bringt.

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  4. Mein allerliebstes Lieblingsthema: Ärzte…….mein Mann liegt gerade im Clinch mit seinem Hausarzt, der ihm, bei einem Blutdruck von 140/80, unbedingt Tabletten verschreiben will, weil ihm 130/80 lieber wäre……außerdem nähme er selber auch welche, meinte er, als mein Mann nur mit dem Kopf schüttelte. Starke Argumente……sicher mit den Medizinern fühlt sich nur, wer keine Ahnung hat….aber wehe wenn….

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    1. Super Blutdruck. Er soll sich keinen Stress machen. Mediziner sind was Medikamente betrifft für gewöhnlich schmerzlos. In der Mediziner Wohngemeinschaft, die früher unter uns gewohnt hat hatten sie immer eine Salatschüssel mit Aspirintabletten. Wenn sich der Abend und die Alkoholika gen Ende neigten, ging immer die Schüssel rum damit man morgens keinen Kater bekommt.

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      1. Ich frage mich nur, wann der Bio- Arzt erfunden wird. Den ich mir ähnlich vorstelle, wie früher den Dorfarzt, der noch seine Schäflein wirklich kannte und nicht nur Pharma- Vertreter war. ….ja, nicke: prima Blutdruck! Wir händeln das ähnlich, wie Du mit Deinen Weisheitszähnen und glauben auch nicht jeden Blödsinn. Danke, für Deine Worte. Bieten wir dem Wahnsinn die Stirn!

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