Halbfertiges Puzzel der Nationalmannschaft 2018

Nieder mit den Fußballbildchen!

Als ich vorgestern etwas zu viel Bier in mich hineingeschüttet habe, sind einige merkwürdige Gedanken hochgespült worden. Hoch in mein Gehirn. So ein Gehirn ist schon ein phantastisches Organ und führt bisweilen ein Eigenleben. Träume, die einen überraschen, erfreuen und ängstigen können, kennt wohl jeder. In letzter Zeit werde ich des Öfteren in vollem Bewusstseinszustand (zumindest im aufrechten Zustand) von ziemlich lebhaften Erinnerungen besucht. Da spielen sich plötzlich detailgetreue Szenen aus meiner Kindheit vor meinem inneren Auge ab. Die Emotionen dazu werden frei Haus mitgeliefert. Da schämt man sich plötzlich nach über dreißig Jahren für etwas, das man früher einmal getan hat oder kann sich über längst Vergangenes erneut erfreuen. Ich rede hier nicht von den persönlichen Lebensmythen, die sich jeder aus seiner Vergangenheit bastelt und die er wohl geordnet nach außen trägt, sondern von längst vergessene Episoden, die einem einen Einblick in einen verdrängten Teil seiner Persönlichkeit geben können.

Da schaut was Panini Bilder aus einem Menschen machen können

Ich war mal ein leidenschaftlicher Sammler. Peinliche Erinnerungen aus dieser Zeit suchen mich ab und an heim. Anstecknadeln, Kronkorken oder Abziehbilder von Fußballspielern, die man in ein Album kleben könnte, waren Objekte der Begierde. Tagelang bin ich mit dem Fahrrad von Autohaus zu Autohaus gefahren, um Anstecknadeln zu schnorren oder vom knappen Taschengeld zu kaufen. Der Höhepunkt der Dummheit war der Erwerb einer Plastiknadel von Rolls Royce für fünfzig Mark von einem Jugendlichen aus der Nachbarschaft. Der lacht sich wahrscheinlich heute noch ins Fäustchen. Irgendwann hatte ich dann besagte Fußballbildchen im Visier. Hergestellt wurden und werden diese von einer Firma mit klangvollem italienischen Namen, der an Brötchen erinnert. Ich kannte noch nie jemanden, dem es gelungen ist so ein Album mit Abziehbildchen vollzubekommen. Vermutlich wurden Bilder einiger Kicker künstlich knapp gehalten, um den Umsatz anzukurbeln. Was will man von einer Firma mit italienischen Namen schon erwarten? Richtig, gutes Design und Mafiamethoden. Im zarten Adoleszenzalter habe ich also meine gesamte Energie in das Sammeln dieser Bildchen gesteckt. Eine Passion, die mir irgendwann entglitten ist. Karl Heinz Rummenigge war beispielsweise extrem selten. Guido Buchwald hatte ich mehrmals. Nachdem Taschengeld und Tauschmöglichkeiten ausgeschöpft waren (Wer will schon fünf Guido Buchwalds?) musste ich zu drastischeren Mittel greifen. Beschaffungskriminalität. Ich habe die Dinger einfach geklaut. Das war aber gar nicht so einfach, da die Boxen mit den Bildchen immer an der Kasse aufgestellt waren. Irgendwann bin ich einfach dazu übergegangen meinem Vater Geld zu stehlen. Bildchen für fünfzig Mark und kein einziger Karl Heinz Rummenigge. Jetzt hatte ich zwar zehn Guido Buchwalds aber mein Album war immer noch nicht voll. Mein Vater hat natürlich schnell Wind von der Sache bekommen. Erst habe ich alles abgestritten, dann auf meinen Bruder geschoben. Alle jämmerlichen Versuche den Kopf aus der Schlinge zu ziehen waren letztendlich zwecklos. Der Haussegen hing tagelang schief. Das herrschende Misstrauen und der Verlust meiner Glaubwürdigkeit waren die härteste Strafe für mich. Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht. Meine Eltern haben dann pädagogische Maßnahmen eingeleitet. Mein Vater hat mir ab und an Botengänge gegen Bezahlung aufgetragen. Er dachte wohl ich hätte aus Not gestohlen. So etwas kannte er aus seiner Kindheit im Krieg. Keinen Karl Heinz Rummenigge zu haben ist aber keine Not. Das Geld habe ich aber trotzdem genommen und fortan nie wieder etwas gestohlen. Meine Mutter hat mir dann das Kleingedruckte auf meinem Panini Album vorgelesen. Gegen die Einsendung von Briefmarken konnte man Bildchen nach Wahl bestellen. Ich war glücklich. Wir haben alle verfügbaren Briefmarken zusammengekratzt, einen Brief mit dem Bilderwunsch an die Firma Panini geschickt und nie wieder etwas gehört. Tagelang habe ich sehnsüchtig auf den Postboten gewartet.

Wer sammelt, dem fehlt was.

Irgendwann habe ich dann gemerkt. Man kann auch ohne Karl Heinz Rummenigge glücklich sein. Ich weiß nicht mehr genau wann ich mich das erste Mal gefragt habe, warum man so viel Energie für das Sammeln materieller Dinge aufwenden kann und was man eigentlich glaubt damit zu erreichen. Das hat vermutlich mit Gier und Geltungssucht zu tun. Vielleicht liegt es auch an unserer evolutionsbedingten Herkunft als Jäger und Sammler. In jedem Fall wird versucht, mit dem obsessiven Sammeln etwas zu kompensieren. Das kann wie vieles anderes zur Sucht werden. Glücksspiel, Arbeit, Sex oder Extremsport wären einige Bereiche, in denen man sich verlieren kann und die man nicht sofort mit einer Abhängigkeit in Verbindung bringt. Beim Lotto wird heutzutage ein Warnhinweis mitgeliefert und auf die mickrige Gewinnchance hingewiesen. Ein Aufdruck auf dem Kondom „Sex kann süchtig machen“ fände ich jetzt auch eher komisch. Auch Warnhinweise auf Sportklamotten, statt Markenzeichen sind vermutlich nicht zielführend. Auf Panini Abziehbildchen gehört meiner Meinung nach auf jeden Fall ein Warnhinweis. Das Sammeln dieser Bilder kann bei Kindern zum finanziellen Ruin führen oder Sammeln kann zu sozialer Unverträglichkeit führen und negativen Einfluss auf ihr Familienleben haben.

Ende gut alles gut

Meine Kinder konnte ich weitgehend von dem Zeug weghalten. Zum Glück bieten heutzutage Supermärkte zu Weltmeisterschaften kostenlose Sammelaktionen an. Das bewahrt uns wenigstens vor dem finanziellen Ruin. Die Gefahr, die von Fußballbildchen ausgeht wird nach wie vor unterschätzt. Ich denke ich werde eine Stiftung namens „Kindheit ohne Karl Heinz Rummenigge“ gründen, die sich dem Kampf gegen die Sammelsucht und der Bekämpfung der schäbigen Machenschaften der Sammelbildchenindustrie widmet. Ich träume an der Spitze einer großen Demonstrationsbewegung zu marschieren und das zu zerschlagen, was mich einst unterjochte.

Vielleicht trinke ich das nächste Mal auch einfach ein bisschen weniger Bier.

12 Kommentare zu „Nieder mit den Fußballbildchen!“

  1. Zu mehr Bier will ich dich nicht ermuntern, aber der Effekt des letzten Alkoholexzesses hat einen lesenswerten Text angeregt und hervorgebracht. Sammelleidenschaft ist schon seltsam. Eine Weile sammelte ich alte Duden, bis mir ein Freundin zu Weihnachten einen ganzen Rutsch schenkte, den sie bei Ebay ersteigert hatte, so dass ich beinah alle Ausgaben seit 1903 hatte. Seither ist mein Interesse am Sammeln stark gesunken, und ich dachte: Willst du einen Sammler unglücklich machen, musst du ihm das komplette Paket schenken. Panini-Bilder habe ich nie gesammelt, weil mich Fußball nur marginal interessiert. Meine Kinder musste ich vor Panini nicht bewahren, weil sie sich ebenfalls nicht für Fußball interessieren. Danke trotzdem für deine lesenswerte Panini-Warnung.

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  2. Wunderschön zum lachen geschrieben. Es ist doch wirklich fatal, wozu Kinder durch die Fußballbildchen verführt werden können.
    Die Eltern können ja auch verdonnert werden, irgendwelches Essen immer wieder zu kaufen, weil dort Sammelobjekte versteckt sind.
    Ich hoffe, dass ich meine Sammel“wut“ im Griff habe.

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    1. Freut mich, dass es Dir gefallen hat. Es ist tatsächlich so, dass wir zu WM Zeiten gezungen sind in bestimmten Läden einzukaufen. Geschickte Marketingstrategie. Aber meistens geht man ja eh immer in die gleichen Läden, um Lebensmittel einzukaufen.

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